Timon Alder studiert Biotechnologie und ist Klassensprecher für den BT Jahrgang 2019 an der ZHAW Life Sciences und Facility Management. Im Interview erläutert Timon seinen Lernansatz fürs erfolgreiche Studium, der auch auf die Arbeitswelt vorbereitet.

Hoi Timon! Erzähl doch mal von deinem Corona-Semester. Wie ist es dir so ergangen? Wie bist du mit diesen einzigartigen Umständen während dem Studium klargekommen?

Grundsätzlich hat sich für mich nicht viel geändert, da ich davor schon eher punktuell die Vorlesungen besucht habe. Nun konnte ich mit gutem Gewissen von zu Hause aus lernen. Denn, als die Vorlesungen vor Corona noch nicht aufgezeichnet wurden, hatte ich teilweise die Befürchtung, etwas Wichtiges zu verpassen. Einige wenige Dozenten teilten gerne mal Hinweise auf Prüfungen ausschliesslich im Unterricht, vermutlich um sicherzustellen, dass die Studenten auch wirklich in die Vorlesungen kommen. Die Online-Vorlesungen sind eine sehr willkommene Ergänzung der Hochschule. Trotzdem habe ich schon vor Corona früh im Studium gemerkt, dass mein Lerntyp ein anderer ist. Für mich funktioniert es sehr gut, mir selbstständig Wissen anzueignen. In meinen bisherigen zwei Grundsemestern, in denen wir Grundlagenfächer wie Mathematik, Physik, Chemie, Biologie usw. haben, hat das sehr gut funktioniert. Für diese Fächer existiert eine grosse Auswahl an entsprechender Fachliteratur, auf die zurückgegriffen werden kann. Damit arbeite ich sehr gerne, denn diese Lektüren haben oft einen klaren Aufbau und sehr gute Übungen, um das Wissen zu überprüfen. Generell habe ich das Gefühl, dass ich stark vom Studium profitiere, wenn ich lerne, mir selbständig Wissen anzueignen.

Wie sah denn dein Tagesablauf aus? Wie hast du deine Tage strukturiert und wo hast du gearbeitet?

Ich kann dir meinen Arbeitsplatz auch gleich zeigen!

Für das autodidaktische Home Learning ausgerüsteter Arbeitsplatz von Timon Alder, 2. Semester Biotechnologie an der ZHAW LSFM (Alder, 2020)

Mein Tagesablauf war sehr abwechslungsreich. Generell gehe ich im Studium folgendermassen vor: Sobald der Lehrplan fürs Semester draussen ist und feststeht, welches Wissen in welchem Fach wir uns aneignen müssen, erstelle ich mir einen Plan. Dabei teile ich die grossen Blöcke von Fächern in kleine Portionen und visualisiere diese grob auf einem Whiteboard. Den Plan bildlich darzustellen, hilft mir sehr! So kann ich nach Lust und Laune jeden Tag, von irgendeinem Fach das mich reizt, ein kleines Häppchen erledigen. So kann man immer etwas abhaken, es als erledigt betrachten und das zur Seite legen. Das sind dann jedes Mal kleine Erfolgserlebnisse, die mich am Ball halten. Dieses Vorgehen bringt entsprechend genug Abwechslung in den Lernalltag. Ich kann so auch Fächer miteinander kombinieren, die Sinn für mich machen. Dabei kombiniere ich die Lerneinheiten möglichst so, dass vorher Gelerntes nicht mit neuem Wissen überlagert wird. Also vermeide ich es beispielsweise möglichst, dass ich morgens Mathematik und Physik kombinieren muss. Beides Fächer, in denen viel Rechenleistung gefordert ist. Dieses interferenzfreie Lernen funktioniert für mich sehr gut. Zwischendurch mache ich entweder morgens oder abends Sport oder gehe über den Mittag auch mal im Rhein Schwimmen.

Weil der Weg zur Fachhochschule für mich relativ weit ist, hat das Wegfallen des Pendelns das Semester für mich effizienter gemacht. Es hat mir sehr viel Freiheiten gegeben. Die Lebensqualität ist gestiegen und ich bin entspannter geworden. Natürlich erst nach den anfänglichen Unsicherheiten, denn als Corona losging, wusste man nicht, ob es überhaupt weiter geht mit dem Studium.

Was waren so die grossen Herausforderungen im letzten Semester für dich, wenn es ums Lernen ging?

Was mir natürlich sehr gefehlt hat, waren die Praktika. Im zweiten Semester haben wir ein Chemie- und ein Mikrobiologiepraktikum. Das war online natürlich schwierig durchzuführen. Nichtsdestotrotz haben es die Dozierenden geschafft, die Lerninhalte als Problemstellungen zu formulieren, die wir bearbeiten mussten. Zum Beispiel die Isolierung und Identifizierung von ausgewählten Bakterien-Gattungen. Um dies nur hypothetisch durchzuführen braucht es ein ausgeprägtes Vorstellungvermögen, weshalb ich trotzdem viel daraus gelernt habe. Dennoch werde ich mir die praktischen Fähigkeiten im Laufe des Studiums noch vermehrt aneignen müssen. Daher denke ich, dass richtige Praktika an der Hochschule unersetzbar sind. Natürlich gibt es Verbesserungspotential, aber in Anbetracht der Umstände bin ich sehr zufrieden wie das Semester stattgefunden hat. An dieser Stelle auch ein Kompliment an die Dozierenden, die es geschafft haben, ihre Vorlesungen weiterhin durchzuführen oder kreativ umzustellen. Sie haben wirklich bemerkenswert schnell und gut auf die Situation reagiert. Denn es gibt Dozierende, die seit vielen Jahren auf dieselbe Art unterrichten, alt und bewährt. Und dann müssen sie plötzlich umstellen. Ich glaube das war eine grosse Herausforderung. Nun hoffe ich, dass diese Corona Zeit auf beiden Seiten, bei Studierenden als auch Dozierenden, zu einem Umdenken anregt.

Also hat sich aufgrund des Lockdowns nicht besonders viel geändert für dich?

Eigentlich hat sich in Bezug auf das Studium vieles zum Positiven verändert.

Gab es auch negative Aspekte an der speziellen Situation?

Im Rahmen einer Arbeit, die ich für das Fach KGS (Kultur, Gesellschaft und Sprache) schrieb, musste ich mir bereits Gedanken darüber machen. Ich kann nur wenige negative Aspekte erkennen. Ich höre aber von vielen Mitstudierenden, dass ihnen die soziale Interaktion fehlte. Verständlich, denn für manche steht beim Studium nicht ausschliesslich das Lernen im Vordergrund. Der oft gelebte Studenten-Lifestyle, neue Freunde zu finden, eins zu Trinken oder am Donnerstagabend in den Ausgang zu gehen, blieb hier natürlich auf der Strecke. Vermutlich hat mir persönlich das nicht so sehr gefehlt, weil ich die Prioritäten ein wenig anders setze. Denn als ich mich vor zwei Jahren entschied, die BMS nachzuholen, um Biotechnologie zu studieren, wusste ich, dass es einige Jahre der finanziellen Entbehrungen werden würden. Deshalb steht für mich beim Studieren das Lernen im Vordergrund. Die soziale Interaktion mit der Klasse ist mir jedoch sehr wichtig. Als Klassensprecher muss ich ein Gefühl dafür haben, wo die Klasse steht und was ihre Bedürfnisse sind. Dies war natürlich schwierig, weil wir uns kaum gesehen haben. Allerdings haben Tools wie Moodle und MS-Teams hier sehr geholfen. Wodurch übrigens Gruppenarbeiten teilweise sogar effizienter geworden sind.

Was denkst du, warum denn Projekte in Gruppen gerade jetzt effizienter geworden sind?

Es hängt sicher sehr davon ab, wie die Gruppe organsiert ist. Wir haben das immer so gemacht, dass jemand den Lead übernommen hat. Anschliessend wurde die grosse Gruppenarbeit aufgeteilt und es wurden klare Aufgaben untereinander verteilt. Danach hat man sich zu einem gewissen Zeitpunkt wieder getroffen und da war klar, wer bis wann, was erledigt haben muss. Zuvor haben wir auch besprochen, was wir an diesem Meeting besprechen werden. Das lief folgendermassen: Jede Person stellte vor, was sie oder er gemacht hat und dann besprachen wir das weitere Vorgehen. Wenn man sich jedoch persönlich trifft, ist es oft so, dass man dann sagt: «Komm wir treffen uns um 14:00 Uhr und dann schauen wir einfach mal.» Dann spricht man über alles mögliche, über Gott und die Welt und was sonst noch alles läuft, bis jemand dann erwähnt, dass man doch vielleicht mal über das Thema sprechen sollte. Plötzlich haben es dann alle wieder eilig. So verliert man sich auch oft irgendwann im Thema. Vielleicht wurde es auch effizienter, weil es verpflichtender ist, wenn man sich nur einmal pro Woche über Zoom oder MS Teams trifft. Natürlich hatten wir auch bei Online-Treffen Smalltalk, aber es war immer klar definiert, was wir noch besprechen werden und was das eigentliche Thema ist.

Was sind die wichtigsten Learnings aus der Corona-Zeit für dich? Was würdest du anderen weiter empfehlen?

Mit einem Wort: Organisation. Wirklich, das ist alles! Das Lernen und mir dabei Wissen anzueignen, bereitet mir sehr viel Freude. Was wirklich herausfordernd ist, ist die Organisation. Dies verlangt auch von den Dozierenden, dass sie ganz klar festhalten, welches Wissen man bis Ende Semester beherrschen muss. Das soll klar definiert sein. Also, macht euch einen Plan! Das ist wirklich der beste Tipp, den ich allen geben kann. Ich war ja lange nicht mehr in der Schule und habe mir das Lernen wieder in der BMS angeeignet. Gewissermassen war die Zeit in der BMS für mich ein Probelauf für das Studium. Generell denke ich, dass man mit guter Organisation sehr vieles unter einen Hut bringt. So können die Lerneinheiten und Arbeitseinsätze sinnvoll unter der Woche verteilt werden und es bleibt auch noch Zeit für Hobbies, Freunde und Familie. Der soziale Kontakt ist natürlich auch sehr wichtig. Ich habe zum Glück ein tolles Umfeld mit meiner Freundin, der Familie und Freunden. Ansonsten ist Sport für mich der Ausgleich Nummer Eins. Ich denke aber, das ist sehr individuell.

Was nimmst du aus dieser speziellen Zeit mit für die Zukunft? Hast du eine bestimmte Vorstellung oder Wünsche?

Dass es Sinn macht, das Studium noch ein Stückchen selbstständiger zu gestalten. Dies erfordert ein Umdenken auf beiden Seiten des Hörsaals. Ich bin der Meinung, dass man sich an einer Fachhochschule primär auf das Berufsleben vorbereitet. Denn im Berufsleben ist es das A und O, dass man sich selbstständig organisieren und sich Wissen aneignen kann. Der Vorgesetzte erklärt dir nicht den ganzen Tag, wie du die Arbeit zu erledigen hast. Sondern du erhältst einen Auftrag mit einer Deadline und diesen gilt es auszuführen. So ähnlich könnte ich mir auch das Studium vorstellen. Man erhält einen Lernauftrag und das nötige Werkzeug zur Erledigung in Form von Literatur, Videos, Übungen usw. Die Lehrpersonen könnten dies zusammenstellen und für Fragen zur Verfügung stehen. Ich glaube, der grosse Pluspunkt an einer Fachhochschule ist, dass Abgänger sofort im Arbeitsleben einsetzbar sind. Studierende werden auf die Praxis vorbereitet. Entsprechend hinterfrage ich teilweise das Konzept von Vorlesungen.  Für mich ist es effizienter, mir Wissen in Zusammenarbeit mit Gleichgesinnten oder auch selbständig anzueignen. Nichtsdestotrotz bin ich ein Befürworter von Gast-Vorträgen, wo Koryphäen einen Einblick in ihr Wissen geben. Wissen, welches nicht so einfach im Internet oder in Literatur nachgeschlagen werden kann.

Was wünscht du dir von der ZHAW für die Zeit nach Corona, dem «neuen Normalzustand»?

Ich wünschte mir, dass noch mehr auf die individuellen Lerntypen eigegangen werden würde. Mit dem Abhalten und der Aufzeichnung von Online-Vorlesungen wurde bereits ein wichtiger Schritt vollbracht. Damit entsteht für jemanden wie mich, der vermehrt mit Literatur lernt, kein Nachteil mehr durch physische Abwesenheit. Des Weiteren hoffe ich, dass in Zukunft alle wichtigen Informationen einheitlich auf einer Plattform zur Verfügung gestellt werden. Somit sind alle Studierenden auf demselben Stand, wenn es um Aufträge, Prüfungen oder allgemeines Wissen geht.

Manche Dozenten haben – was den Informationsgehalt der Präsentationen und Scripts angeht – bestimmt noch Verbesserungspotential und dürften ihr Konzept wegen des Corona-Semesters vermehrt hinterfragen. Ich durfte jedoch auch Dozierende erleben, die ihr Lehrkonzept ausgeweitet haben und damit sehr vielen Lerntypen die Möglichkeit bieten, sich individuell Wissen anzueignen.