Essen ist Alltag und zugleich Teil eines hochkomplexen Systems, das Landwirtschaft, Verarbeitung, Handel und Konsum verbindet. Dieses Ernährungssystem steht zunehmend unter Druck durch ökologische Grenzen, gesundheitliche Herausforderungen und globale Abhängigkeiten. Die Analyse der ZHAW zeigt diese Spannungen auf und entwickelt mit der Vision PLANT50 einen möglichen Weg hin zu einem zukunftsfähigen Ernährungssystem.
Das Schweizer Ernährungssystem wirkt auf den ersten Blick stabil. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch ein anderes Bild: Es steht unter zunehmendem Druck. Umweltbelastungen, gesundheitliche Herausforderungen und globale Abhängigkeiten machen deutlich, dass das heutige System an Grenzen stösst. Zwar existieren politische Strategien, die einzelne Aspekte adressieren. Was bislang jedoch weitgehend fehlt, ist ein politischer Ansatz, der das Ernährungssystem als Ganzes betrachtet – vom Feld bis auf den Teller.
Ein historisch gewachsenes Ungleichgewicht
Die heutige Ausrichtung auf tierische Produktion und Konsum in der Schweiz ist kein Zufall. Sie ist das Ergebnis einer jahrzehntelangen Entwicklung, die durch Industrialisierung und Urbanisierung, politische Rahmenbedingungen, wirtschaftliche Anreize sowie gesellschaftliche Ernährungsgewohnheiten geprägt wurde.
Diese Entwicklung wirkt bis heute nach. Ein erheblicher Teil der landwirtschaftlichen Nutzfläche dient der Produktion von Futtermitteln für die Tierhaltung, während der Anbau von pflanzlichen Lebensmitteln vergleichsweise wenig zur direkten Versorgung der Bevölkerung beiträgt. Gleichzeitig verursacht das heutige Ernährungssystem beträchtliche Umweltbelastungen – sowohl innerhalb der Schweiz als auch entlang internationaler Lieferketten.
«Einmal getroffene Investitionsentscheidungen prägen die Entwicklung eines Systems oft über Jahrzehnte hinweg und schaffen Strukturen, die grundlegende Veränderungen erschweren.», Isabel Jaisli, Leiterin des Forschungsbereichs Nachhaltigkeitstransformation und Ernährungssysteme des ZHAW Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen (IUNR).
Die Ausrichtung der landwirtschaftlichen Produktion und die Ernährungsgewohnheiten zu verändern, ist daher eine grosse Herausforderung. Über Jahrzehnte wurde viel Kapital in Ställe, Verarbeitungs- und Vermarktungsstrukturen investiert. Dadurch sind starke Abhängigkeiten entstanden.

Warum Veränderung komplex ist
Das Ernährungssystem ist nicht nur ökologisch herausfordernd, sondern auch wirtschaftlich stark ungleich strukturiert: Ein grosser Teil der Wertschöpfung konzentriert sich bei wenigen Verarbeitungs- und Handelsunternehmen, während viele landwirtschaftliche Betriebe unter erheblichem Preisdruck stehen.
Diese Struktur beeinflusst, was produziert wird, wie produziert wird und welche Produkte im Alltag verfügbar sind. Damit prägt das System nicht nur Angebot und Preise, sondern auch Ernährungsentscheidungen.
Soll die Ernährung in der Schweiz gesünder und ökologisch nachhaltiger werden, sind Veränderungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette notwendig: vom Feld bis auf den Teller.
Die Vision PLANT50 für ein neues Gleichgewicht
Vor diesem Hintergrund entstand die Vision PLANT50. Sie beschreibt ein Ernährungssystem, das ökologisch tragfähig, gesundheitsfördernd und widerstandsfähig ist.
Im Zentrum steht eine klare Verschiebung hin zu pflanzlichen Lebensmitteln. Regionale Wertschöpfungsketten spielen dabei eine Schlüsselrolle: Vielfalt wird nicht nur angebaut, sondern auch verarbeitet, vermarktet und konsumiert.
Die tierische Produktion bleibt Teil des Systems, bewegt sich jedoch innerhalb klar definierter ökologischer Grenzen.
Damit verbunden ist ein struktureller Wandel: weg von stark konzentrierten und globalisierten Strukturen hin zu dezentraleren, transparenteren und regional verankerten Ernährungssystemen.
Sonja Trachsel, Forscherin für Nachhaltige Ernährungssysteme an der ZHAW, formuliert es so:
«Ein nachhaltiges Ernährungssystem entsteht dort, wo Produktion und Konsum innerhalb ökologischer Grenzen neu ausbalanciert werden.»
Zist ein Ernährungssystem, das innerhalb planetarer Belastungsgrenzen funktioniert, die Versorgungssicherheit stärkt und zugleich neue wirtschaftliche und gesellschaftliche Perspektiven eröffnet.

Transformation als systemische Aufgabe
Die Transformation des Ernährungssystems ist kein Projekt mit klaren Start- und Endpunkten, sondern ein langfristiger Umbau eines komplexen Systems. Sie betrifft die gesamte Wertschöpfungskette und gelingt nur im Zusammenspiel von Politik, Landwirtschaft, Verarbeitung, Handel, Forschung und Konsum.
Und doch zeigt sich der Wandel bereits heute ganz konkret im Alltag: Landwirt:innen experimentieren wieder mit alten und neuen Kulturen wie Linsen, Kichererbsen oder Hirse, die besser an Trockenheit angepasst sind. Hofbetriebe steigen auf vielfältigere Fruchtfolgen um, um Böden zu schonen und Risiken zu streuen. Gleichzeitig entstehen neue Vermarktungswege – von Direktverkauf über Abokisten bis hin zu solidarischer Landwirtschaft, bei der Konsumierende und Produzierende das Risiko gemeinsam tragen. Auch in der Gastronomie und Gemeinschaftsverpflegung nehmen pflanzenbetonte Menüs langsam zu, oft getrieben durch Nachhaltigkeitsziele von Städten, Kantonen oder Institutionen.
Diese Entwicklungen sind noch punktuell, aber sie markieren eine klare Bewegung: weg von starren Strukturen hin zu einem vielfältigeren, resilienteren Ernährungssystem, das sich Schritt für Schritt neu organisiert.
Ausblick: Ein Ernährungssystem im Wandel
Dieser Beitrag gibt einen ersten Überblick über zentrale Herausforderungen und die Vision PLANT50. Die vollständige Analyse des Schweizer Ernährungssystems, die Herleitung der Vision sowie konkrete Massnahmen und Empfehlungen finden sich im Bericht
«Vision PLANT50: Für ein zukunftsfähiges Ernährungssystem der Schweiz Pflanzlich – Lokal – Ausgewogen – Nachhaltig – Tiergerecht.»
Die entscheidende Frage bleibt: Wie schnell gelingt es, aus vielen einzelnen Initiativen ein neues, kohärentes Ernährungssystem zu formen?
Redaktion: Andrea van der Elst, ZHAW-IUNR