{"id":737,"date":"2015-06-25T18:15:41","date_gmt":"2015-06-25T16:15:41","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zhaw.ch\/angewandte-sprachen\/?p=737"},"modified":"2021-06-07T17:04:35","modified_gmt":"2021-06-07T15:04:35","slug":"von-kutschenfahrten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/2015\/06\/25\/von-kutschenfahrten\/","title":{"rendered":"Von Kutschenfahrten, dem W\u00fcrdigen des Andersseins und dem ultimativen Muskelkater"},"content":{"rendered":"<p><em><br \/>\nWenn die Metro zur Kutsche wird, man die Koffer aber trotzdem selber schleppen muss, dann\u2026<\/em><\/p>\n<p><em>\u2026 ist man eine Studentin am Anfang ihres Austauschsemesters in Paris. Vieles nimmt Anouk Arbenz von ihrem Aufenthalt in der Hauptstadt mit. Am st\u00e4rksten beeindruckt zeigt sie sich aber von der gelebten Fraternit\u00e9 \u2013 den Reaktionen auf den Terroranschlag auf Charlie Hebdo. Was mit \u201eJe suis Charlie\u201c, dem Slogan, der nach dem Anschlag um die Welt ging, gemeint ist, erlebte sie als Teilnehmerin am Gedenkmarsch vom 11. Januar hautnah. <\/em><\/p>\n<p>Wenn ich mich zur\u00fcckerinnere an den Tag meiner Anreise, denke ich als erstes daran, wie ich mit meinen zwei Koffern und dem Rucksack in der r\u00fcttelnden Metro Nummer 11 (oder auch: braune Linie) sitze und trotz der einsetzenden M\u00fcdigkeit alles um mich herum mit grosser Neugier aufsauge, wie ein trockener Schwamm das Wasser. Ein fremder Schwamm, der ins eiskalte Wasser geworfen wird. Als ich schliesslich kurz die Augen schliesse, muss ich schmunzeln. Das R\u00fctteln und Sch\u00fctteln dieser alten klapprigen Metallr\u00f6hre erinnert mich merkw\u00fcrdigerweise an eine Kutschenfahrt. Ganz pl\u00f6tzlich rieche ich den Gestank nicht mehr, f\u00fchle mich nicht mehr bedr\u00e4ngt in der vollen Metro, sondern sehe mich vor meinem inneren Auge in einer edlen Kutsche vor dem Eiffelturm vorfahren. Endlich bin ich in Paris!<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-2765\" alt=\"\" src=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/files\/2015\/06\/IMG_5194-1024x682.jpg\" width=\"1024\" height=\"682\"><\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag erleide ich den Muskelkater meines Lebens und schw\u00f6re mir, meinen alten, unstabilen Koffer noch vor meiner R\u00fcckreise gegen einen neuen, praktischeren auszutauschen. Der Muskelkater ist jedoch schnell vergessen, als ich die Sch\u00f6nheit und Vielfalt dieser Stadt entdecke. Selbstverst\u00e4ndlich besuche ich das Montmartre mit dem Sacr\u00e9-Coeur, den Eiffelturm, die Place des Vosges, die Rue des Rosiers, die Place de l\u2019H\u00f4tel de Ville, die N\u00f4tre-Dame, das Quartier Latin und so weiter und so fort. Noch mehr aber sehe ich, wie es in Paris abseits der Touristenattraktionen zu und her geht. Ich lebe im Quartier Belleville, ein immer j\u00fcnger werdendes Quartier, das fr\u00fcher besonders von afrikanischen und muslimischen Immigranten bewohnt war. Das macht es, wie ganz Paris, multikulturell und sehr sympathisch.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-2766\" alt=\"\" src=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/files\/2015\/06\/IMG_6845-1024x765.jpg\" width=\"1024\" height=\"765\">Nach meiner R\u00fcckkehr fragt man mich oft: Wie sind die Pariser so?<br \/>\nWas mir als Erstes aufgefallen ist: In Paris gibt es keine Schicht, Altersklasse, Religionsangeh\u00f6rigkeit, Ethnie, Gruppe, die es nicht gibt. Jeder ist, wie er ist, und jeder wird akzeptiert, wie er ist, sofern auch er Anderem gegen\u00fcber tolerant ist.<\/p>\n<p>Freiheit ist den Parisern sehr wichtig. Sei es, wenn es um die Art und Weise geht, wie sie sich anziehen, wie sie sich darstellen, oder aber wenn es um Meinungen, Ansichten oder die Lebensweise anderer Leute geht. Die Reaktionen auf den Terrorangriff auf Charlie Hebdo haben deutlich gezeigt, wie wichtig den Franzosen Werte wie Meinungs- und Glaubensfreiheit sind.<\/p>\n<p>Da ich bis Ende Januar 2015 in Paris geblieben bin, habe ich am 7. Januar auch den Terrorangriff auf die Satirezeitung Charlie Hebdo mitbekommen. Vier Tage sp\u00e4ter fand im Gedenken an die Opfer des Angriffes ein Gedenkmarsch in Paris statt. 1,6 Millionen Menschen waren dort. Ich auch. Das Gef\u00fchl, ein Teil dieser Bewegung zu sein, welche sich f\u00fcr die Meinungsfreiheit und gegen den Terrorismus einsetzt, war unglaublich. Ich stand da mit diesen Millionen anderer Menschen, und ich glaube, viele haben die \u201cfraternit\u00e9\u201c noch nie so stark gesp\u00fcrt wie an diesem Tag. Man sah nichts und konnte sich wegen der Menschenmassen kaum bewegen, doch wir waren alle aus demselben Grund da und waren Br\u00fcder und Schwestern f\u00fcr einen Tag. Diese Atmosph\u00e4re, diese Energie und der Wille, f\u00fcr das, was man f\u00fcr richtig h\u00e4lt, zu k\u00e4mpfen und einzustehen, werde ich nie vergessen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-2767\" alt=\"\" src=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/files\/2015\/06\/IMG_6774-765x1024.jpg\" width=\"765\" height=\"1024\"><\/p>\n<p>Was macht Paris noch aus?<br \/>\nB\u00fccher. Ich habe noch nie so viele Menschen lesen gesehen wie in der Pariser Metro. Und sie haben nicht irgendwas gelesen \u2013 keine 20 Minuten, nein, richtige Romane! Praktisch jeder Dritte sass oder stand da mit einem Buch in der Hand, tief versunken, ohne je aufzublicken, ohne sich von dem R\u00fctteln der Bahn oder dem Platzmangel ablenken zu lassen.<\/p>\n<p>(Un-)P\u00fcnktlichkeit. Die Franzosen kamen mir eher unp\u00fcnktlich, ziemlich chaotisch und unorganisiert vor. Und sie m\u00f6gen es nicht, fr\u00fch aufzustehen. Und tun es auch nicht: Stosszeiten sind 9 Uhr morgens und 7 Uhr abends. Die Unp\u00fcnktlichkeit der Franzosen bekam ich vor allem in der Universit\u00e4t zu sp\u00fcren, wenn Studierende und Professoren manchmal bis zu 20 Minuten zu sp\u00e4t kamen.<\/p>\n<p>Hektik. Obwohl ich jemand bin, die generell etwas schnellere Schritte macht als andere und oft \u00fcberholen muss, habe auch ich in Paris eine allgemeine Hektik gesp\u00fcrt. Nicht unbedingt weil die Menschen gestresst sind, sondern einfach, weil die Stadt einem Rhythmus folgt, der eher zackig ist \u2013 man lebt, ohne zur\u00fcckzublicken. Obwohl es bestimmt nicht jedermanns Sache ist, mag ich diesen schnellen Rhythmus von Paris und kann mir daher auch gut vorstellen, wieder zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-large wp-image-743\" alt=\"\" src=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/files\/2015\/06\/IMG_5917-1024x765.jpg\" width=\"1024\" height=\"765\"><em>Anouk Arbenz\u2018 Post ist einer von sechs pr\u00e4mierten Studierendenbeitr\u00e4gen zum Auslandsemester. Die Verfasserin steht kurz vor ihrem Bachelorabschluss in Angewandten Sprachen und hat wie viele ihrer Mitstudierenden das f\u00fcnfte Semester im Ausland verbracht. N\u00e4heres zum Auslandsemester lesen Sie <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/tag\/auslandsemester-as\/\">hier<\/a>.<\/em><\/p>\n<div class=\"pt-sm\">Schlagw\u00f6rter: <a href=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/tag\/auslandssemester\/\">Auslandssemester<\/a>, <a href=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/tag\/auslandssemester-mk\/\">Auslandssemester BA Mehrsprachige Kommunikation<\/a>, <a href=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/tag\/bachelor-mehrsprachige-kommunikation\/\">Bachelor Mehrsprachige Kommunikation<\/a>, <a href=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/tag\/imk\/\">IMK Institut f\u00fcr Mehrsprachige Kommunikation<\/a>, <a href=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/tag\/international\/\">International<\/a>, <a href=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/tag\/studibeitrag\/\">Studibeitrag<\/a><br><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn die Metro zur Kutsche wird, man die Koffer aber trotzdem selber schleppen muss, dann\u2026 \u2026 ist man eine Studentin am Anfang ihres Austauschsemesters in Paris. 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