{"id":6446,"date":"2019-09-11T14:45:01","date_gmt":"2019-09-11T12:45:01","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/?p=6446"},"modified":"2024-08-27T16:34:33","modified_gmt":"2024-08-27T14:34:33","slug":"journalismusforscher-im-gefaengnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/2019\/09\/11\/journalismusforscher-im-gefaengnis\/","title":{"rendered":"Journalismusforscher im Gef\u00e4ngnis"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-size:20px\">Welche Rolle spielten die Medien im Justizfall Ignaz Walker? Der Fall l\u00f6ste \u00fcber Jahre ein immenses Medienecho aus. Ein IAM-Forschungsteam hat die Rolle der Medien umfassend untersucht \u2013 und Walker im Gef\u00e4ngnis besucht. <\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:14px\">Von <a aria-label=\"Guido Keel (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/ueber-uns\/person\/kegu\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Guido Keel<\/a>, Institutsleiter, IAM Institut f\u00fcr Angewandte Medienwissenschaft, und <a aria-label=\"Vinzenz Wyss (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/ueber-uns\/person\/wysv\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Vinzenz Wyss<\/a>, Leitung Professur f\u00fcr Journalistik.<\/p>\n\n\n\n<p>An einem heissen Augustmorgen sitzen wir, Guido Keel und Vinzenz Wyss, am Tisch der Besucherschleuse in der Justizvollzugsanstalt Grosshof in Kriens, Luzern. Wir warten auf den zu zehn Jahren verurteilten Urner H\u00e4ftling Ignaz Walker. P\u00fcnktlich um 10 Uhr \u00f6ffnet ein Polizist eine zweite T\u00fcr und Ignaz Walker begr\u00fcsst uns mit drei Vanille-Glac\u00e9s in der Hand. Der Besuch im Gef\u00e4ngnis ist der Schlusspunkt einer Studie, die uns \u00fcber sechs Monate besch\u00e4ftigt hat. Die Justizdirektion des Kantons Uri kontaktierte uns im Januar 2019 mit der Anfrage, ob wir bereit w\u00e4ren, ein Gutachten zur Rolle der Medien zum \u00fcber sechs Jahre dauernden Gerichtsprozess im Fall Walker zu erstellen. Ohne mit dem Fall vertraut zu sein, sagten wir zu, weil uns als Journalismusforscher die medienethisch anspruchsvolle Justizberichterstattung interessiert. <\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Neun Jahre, \u00fcber 600 Medienberichte und tausende Seiten Ermittlungsakten<\/h2>\n\n\n\n<p>Schon beim ersten Studium einzelner Zeitungsartikel zum Fall Walker erkannten wir aber, dass sich unsere Aufgabe um einiges komplexer gestalteten w\u00fcrde, als wir zun\u00e4chst angenommen hatten. Da war einmal der Fall an sich: Im November 2010 wurde in Erstfeld eine Frau durch drei Sch\u00fcsse lebensbedrohlich verletzt. Ihr Ehemann, Ignaz Walker, wurde verd\u00e4chtigt, einen Auftragssch\u00fctzen auf sie angesetzt zu haben. Diesem Verdacht folgten umfassende Ermittlungen und insgesamt sieben Gerichtsurteile von drei verschiedenen Gerichten, die sich zum Teil fundamental widersprachen. Es ging um zwielichtige Gestalten aus dem Rotlichtmilieu, um internationale Drogengesch\u00e4fte, um Erbstreitigkeiten, um fragw\u00fcrdige Ermittlungsmethoden der Polizei, sensationelle DNA-Funde, widerspr\u00fcchliche Zeugenaussagen, unverhofft auf- und abtauchende ZeugenInnen, auff\u00e4llige Staatsanw\u00e4lte und durch Medien irritierte Richter; alles dokumentiert auf tausenden Seiten in Ermittlungsakten und in \u00fcber 600 Medienberichten \u00fcber neun Jahre hinweg. Und die Medien beschr\u00e4nkten sich nicht auf simple Ereignis-Berichterstattung; sie recherchierten selbst, zogen externe ExpertInnen bei, verfolgten neue Spuren, entwarfen alternative Thesen zu den vor Gericht diskutierten Tatversionen und irritierten dabei immer wieder die Strafverfolgungsbeh\u00f6rden. Es war also auch der Umfang des Untersuchungsgegenstands, der uns ahnen liess, dass wir uns eine Herkulesaufgabe aufgeb\u00fcrdet hatten.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/files\/2019\/09\/remote_adjust_rotate0remote_size_w1280remote_size_h852local_crop_h721local_crop_w1280local_crop_x0local_crop.jpg\" alt=\"Ignaz Walker\" class=\"wp-image-6462\" \/><figcaption>Ein Fall, der die Medien bewegt: Ignaz Walker beantwortet Journalistenfragen.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Widerspr\u00fcchliche Aussagen und unglaubw\u00fcrdige Schilderungen<\/h2>\n\n\n\n<p>\u00dcber Monate hinweg nahmen wir gemeinsam mit Filip Dingerkus, Mirco Saner und Nadja del Fabro als IAM-Forschungsteam in einer akribischen Inhaltsanalyse die ausufernde Berichterstattung unter die Lupe. Wir sprachen aber auch mit den wichtigsten ProzessakteurInnen, den berichtenden JournalistInnen und weiteren ExpertInnen, die uns auf juristische und andere Zusammenh\u00e4nge aufmerksam machten. In diesen Gespr\u00e4chen wurde uns eines immer klarer: Mit unserem Gutachten w\u00fcrden wir nie belegen k\u00f6nnen, welche Medien der Wahrheit am n\u00e4chsten gekommen waren, auch weil wir nie herausfinden konnten, was sich in dieser Novembernacht 2010 in Erstfeld und in den anschliessenden Ermittlungen genau abgespielt hatte. Zu widerspr\u00fcchlich waren die Aussagen, die uns gegen\u00fcber gemacht wurden, zu unglaublich waren die Darstellungen, die uns in den diversen Gespr\u00e4chen pr\u00e4sentiert wurden. Wir konnten jedoch gem\u00e4ss unserem Auftrag die Arbeit der Medien aus medienwissenschaftlicher und -ethischer Sicht untersuchen und erkl\u00e4ren, sowie Handlungen von JournalistInnen und Prozessbeteiligten interpretieren und problematisieren. Wir erkannten, wie das Aufeinanderprallen der juristischen und der journalistischen Logik zwangsl\u00e4ufig zu Kommunikationsproblemen f\u00fchren musste. <\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Zu Besuch im Gef\u00e4ngnis<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Studie \u201eRolle der Medien im Fall Ignaz Walker\u201c war f\u00fcr uns mit der Pr\u00e4sentation des Gutachtens vor einer parlamentarischen Kommission des Kantons Uri und an einer Medienkonferenz bereits Anfang Juli 2019 abgeschlossen, das Thema besch\u00e4ftigte uns auf einer menschlichen Ebene aber weiter. Eine zentrale Figur hatten wir dabei bis nach Abgabe des Gutachtens nicht befragt: den Hauptakteur selbst, Ignaz Walker. Denn es ging in der Studie nicht prim\u00e4r um seine Person oder seine Sichtweise zum Fall, sondern um die kritische Beurteilung der medialen Berichterstattung. Nachdem wir uns aber \u00fcber Monate hinweg mit Entwicklungen um diese Person befasst hatten, kam bei uns zunehmend der Wunsch auf, diesem Menschen auch noch direkt zu begegnen. Deshalb waren wir froh, dass unser Besuchsantrag schliesslich genehmigt wurde und wir die Chance hatten, Walker pers\u00f6nlich kennenzulernen. Das intensive Gespr\u00e4ch mit ihm in der k\u00fchlen Besucherschleuse zeigte uns dann auch, dass wir es ihm schuldig waren, seine Sicht der Dinge anzuh\u00f6ren. Der Besuch war zwar beschr\u00e4nkt auf eine Stunde, in der es aber keinen ruhigen Moment gab. Und das Gespr\u00e4ch lehrte uns: Auch nach monatelanger, intensiver Besch\u00e4ftigung mit dem \u00e4usserst komplexen Fall Ignaz Walker wissen wir noch lange nicht alles \u2013 im Gespr\u00e4ch erfuhren wir zus\u00e4tzliche, neue Aspekte und erkannten wieder neue Zusammenh\u00e4nge. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Fall Ignaz Walker wird uns \u2013 und wohl nicht nur uns \u2013 noch l\u00e4nger nicht loslassen. F\u00fcr Walker steht die Frage der vorzeitigen Haftentlassung im Raum. Der Weg dazu ist, wie es sich f\u00fcr diesen Fall fast schon geh\u00f6rt, komplex. Gleichzeitig hat Walker die Zeit hinter Gittern genutzt, um seine Version des Falles in Buchform zu beschreiben. Und es ist damit zu rechnen, dass nicht nur wir wieder neue Dinge aus diesem Buch erfahren werden, wenn es dann fertig geschrieben ist.    <\/p>\n\n\n\n<p><a aria-label=\"Zur Studie (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.ur.ch\/_docn\/182105\/Medienanalyse_Fall_Walker.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Zur Studie<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">(Copyright&nbsp;Beitrags-Bilder: Keystone\/Urs Fl\u00fceler)<\/p>\n<div class=\"pt-sm\">Schlagw\u00f6rter: <a href=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/tag\/iam\/\">IAM Institut f\u00fcr Angewandte Medienwissenschaft<\/a>, <a href=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/tag\/journalismus\/\">Journalismus<\/a><br><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Welche Rolle spielten die Medien im Justizfall Ignaz Walker? Der Fall l\u00f6ste \u00fcber Jahre ein immenses Medienecho aus. 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