{"id":6423,"date":"2019-09-16T07:55:59","date_gmt":"2019-09-16T05:55:59","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/?p=6423"},"modified":"2020-01-28T11:55:01","modified_gmt":"2020-01-28T10:55:01","slug":"was-es-kostet-der-wissenschaft-den-geist-auszutreiben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/2019\/09\/16\/was-es-kostet-der-wissenschaft-den-geist-auszutreiben\/","title":{"rendered":"Was es kostet, der Wissenschaft den Geist auszutreiben"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-size:20px\">Englisch heissen sie Humanities, deutsch Geisteswissenschaften. Zusammen mit den Sozialwissenschaften fragen sie kritisch nach dem Sinn dessen, was Menschen sind und tun. Das ist auf Dauer gewinnbringender f\u00fcr alle Beteiligten, als manchen bewusst \u2013 oder lieb \u2013&nbsp;ist.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:14px\">von <a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/ueber-uns\/person\/pdan\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Daniel Perrin<\/a>, Direktor Departement Angewandte Linguistik<\/p>\n\n\n\n<p>Zuerst die kleinen Zahlen: In der Schweiz verdient, wer nach einem Studium der Geisteswissenschaften in den Beruf einsteigt, pro Jahr im Schnitt 72 000 Franken. Die Einstiegsl\u00f6hne von Absolventinnen und Absolventen von Studieng\u00e4ngen in exakten und Naturwissenschaften liegen 2 000 Franken tiefer, bei Recht sind es sogar 14 000 Franken weniger. <a aria-label=\" (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.bfs.admin.ch\/bfs\/de\/home\/statistiken\/kataloge-datenbanken\/tabellen.assetdetail.7046168.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Die M\u00e4r der brotlosen Geistes- und Sozialwissenschaften wird von den Zahlen des Bundesamtes f\u00fcr Statistik klar widerlegt.<\/a> <\/p>\n\n\n\n<p>Nun die grossen Zahlen: <a aria-label=\"W\u00e4hrend in der Schweiz das Interesse Studierender an der Palette der Geistes- und Sozialwissenschaften stabil bleibt (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.bfs.admin.ch\/bfs\/de\/home\/statistiken\/kataloge-datenbanken\/publikationen.assetdetail.349852.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">W\u00e4hrend in der Schweiz das Interesse Studierender an der Palette der Geistes- und Sozialwissenschaften stabil bleibt<\/a>, sinken in vielen Regionen der Welt die Studierendenzahlen stark oder werden Hochschulbudgets zusammengestrichen. Engp\u00e4sse in der Hochschullehre f\u00fchren zu \u00dcberlastung, Qualit\u00e4tseinbussen und mittelfristig deshalb zu <a aria-label=\"nachlassendem Interesse an F\u00e4chern, die sich befassen mit den Menschen, ihrer Geschichte und ihrer Zukunft (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/abouthumanities.sagw.ch\/18-gewi-faecher.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">nachlassendem Interesse an F\u00e4chern, die sich befassen mit den Menschen, ihrer Geschichte und ihrer Zukunft<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/files\/2019\/09\/01_cartoons_journal-1024x725.jpg\" alt=\"Daily 1990, Why humanities?\" class=\"wp-image-6425\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Ausgerechnet. W\u00e4hrend Bildungsoffensiven in Asien immer plakativer auf ihr Verst\u00e4ndnis von kritischem Denken setzen, droht in der westlichen Welt die Jahrhunderte alte Tradition des Hinterfragens, wie sie von den Geistes- und Sozialwissenschaften gelehrt wird, wegzubrechen. Am Dartmouth College zum Beispiel, einer Hochburg der Humanities in den USA, <a aria-label=\"ist der Anteil Studierender mit solchem Hauptfach seit 1969 von 26 auf 15 Prozent gesunken (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.dartmouth.edu\/~oir\/data-reporting\/factbook\/index.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">ist der Anteil Studierender mit solchem Hauptfach seit 1969 von 26 auf 15 Prozent gesunken<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Interesse am Menschen als Basis f\u00fcr Laufbahn<\/h2>\n\n\n\n<p>Dies scheint absurd im Licht der Tatsache, dass auch in den USA <a aria-label=\"viele einflussreiche Pers\u00f6nlichkeiten in Wirtschaft und Politik ihre Karriereleiter auf ein Fundament in Geistes- und Sozialwissenschaften abst\u00fctzen (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"http:\/\/time.com\/3964415\/ceo-degree-liberal-arts\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">viele einflussreiche Pers\u00f6nlichkeiten in Wirtschaft und Politik ihre Karriereleiter auf ein Fundament in Geistes- und Sozialwissenschaften abst\u00fctzen<\/a>, wo sie mehrperspektivisch denken gelernt haben. Das kann groteske Z\u00fcge annehmen. Lloyd Blankfein etwa, Studium in Geschichte, dann Recht, pflegte seine \u00abumfassende Pers\u00f6nlichkeit\u00bb zu loben \u2013 <a aria-label=\"und agierte zugleich als CEO und Verwaltungsratspr\u00e4sident von Goldman Sachs (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.huffpost.com\/entry\/the-unusual-college-major_n_4654757\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">und agierte zugleich als CEO <\/a><em><a aria-label=\"und agierte zugleich als CEO und Verwaltungsratspr\u00e4sident von Goldman Sachs (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.huffpost.com\/entry\/the-unusual-college-major_n_4654757\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">und<\/a><\/em><a aria-label=\"und agierte zugleich als CEO und Verwaltungsratspr\u00e4sident von Goldman Sachs (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.huffpost.com\/entry\/the-unusual-college-major_n_4654757\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"> Verwaltungsratspr\u00e4sident von Goldman Sachs<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/files\/2019\/09\/02_cartoons_journal-1024x725.jpg\" alt=\"Daily 2000, Are Humanities obsolete?\" class=\"wp-image-6426\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Einzelf\u00e4lle von \u00dcbernutzung der angeeigneten scharfen Werkzeuge also auch hier. <a aria-label=\"Unumstrittene Beispiele erfolgreicher Laufbahnen aber, die auf eine vertiefte Auseinandersetzung mit geistes- und sozialwissenschaftlichen Themen bauen, gibt es viele (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/abouthumanities.sagw.ch\/09-who-are-they.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Unumstrittene Beispiele erfolgreicher Laufbahnen aber, die auf eine vertiefte Auseinandersetzung mit geistes- und sozialwissenschaftlichen Themen bauen, gibt es viele<\/a>. Dazu z\u00e4hlt in der Schweiz etwa der Weg von Karin Keller-Suter vom Sprachprofi zur Bundesr\u00e4tin. Nach der Ausbildung an der Dolmetscherschule Z\u00fcrich (heute ZHAW) studierte sie Politologie in London sowie Montreal und P\u00e4dagogik in Fribourg.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einem Studium\nin Medizin, Psychologie und Psychotherapie in Lausanne startete Bertrand Picard\nins Berufsleben. Interesse f\u00fcr menschliches Verhalten in Extremsituationen\nlenkte die Studienwahl. Er wurde zum international anerkannten Psychiater mit\nArbeitsschwerpunkt Hypnosetherapie, mit Ehrendoktorat in \u00abScience and Letters\u00bb.\nBer\u00fchmt ist er aber als erster, der die Welt 1999 im Heissluftballon und 2016,\nzusammen mit Andr\u00e9 Borschberg, im Solarflugzeug umrundete. <\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u00abI love the poorly educated\u00bb<\/h2>\n\n\n\n<p>Gemeinsam ist diesen F\u00e4llen, dass sp\u00e4ter erfolgreiche Berufsleute in ihrer Ausbildung ein Studium der Geistes- und Sozialwissenschaften verbunden haben mit sp\u00e4teren oder gleichzeitigen Studien in anderen Bereichen wie Medizin, Wirtschaft oder Naturwissenschaft. Die Statistik zeigt, dass in der Schweiz <a aria-label=\"\u00fcber ein Drittel der AbsolventInnen mit Studienabschluss in Geistes- und Sozialwissenschaften f\u00fcnf Jahre nach Studienabschluss eine F\u00fchrungsfunktionen in der Privatwirtschaft innehaben (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.bfs.admin.ch\/bfs\/de\/home\/statistiken\/bildung-wissenschaft\/erhebungen\/ashs.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u00fcber ein Drittel der AbsolventInnen mit Studienabschluss in Geistes- und Sozialwissenschaften f\u00fcnf Jahre nach Studienabschluss eine F\u00fchrungsfunktionen in der Privatwirtschaft innehaben<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/files\/2019\/09\/03_cartoons_journal-1024x725.jpg\" alt=\"Daily 2010, We don't need humanities!\" class=\"wp-image-6427\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Umfassende Bildung sch\u00e4tzen aber nicht alle. \u00abI love the poorly educated\u00bb, frohlockte Trump 2016 im Wahlkampf in Nevada.<\/p>\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed-youtube wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"lyte-wrapper\" title=\"Trump in Nevada: &amp;#039;I Love the Poorly Educated&amp;#039;\" style=\"width:640px;max-width:100%;margin:5px;\"><div class=\"lyMe\" id=\"WYL_Vpdt7omPoa0\"><div id=\"lyte_Vpdt7omPoa0\" data-src=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/wp-content\/plugins\/wp-youtube-lyte\/lyteCache.php?origThumbUrl=https%3A%2F%2Fi.ytimg.com%2Fvi%2FVpdt7omPoa0%2Fhqdefault.jpg\" class=\"pL\"><div class=\"tC\"><div class=\"tT\">Trump in Nevada: &#039;I Love the Poorly Educated&#039;<\/div><\/div><div class=\"play\"><\/div><div class=\"ctrl\"><div class=\"Lctrl\"><\/div><div class=\"Rctrl\"><\/div><\/div><\/div><noscript><a href=\"https:\/\/youtu.be\/Vpdt7omPoa0\" rel=\"nofollow\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/wp-content\/plugins\/wp-youtube-lyte\/lyteCache.php?origThumbUrl=https%3A%2F%2Fi.ytimg.com%2Fvi%2FVpdt7omPoa0%2F0.jpg\" alt=\"Trump in Nevada: &amp;#039;I Love the Poorly Educated&amp;#039;\" width=\"640\" height=\"340\" \/><br \/>Dieses Video auf YouTube ansehen<\/a><\/noscript><\/div><\/div><div class=\"lL\" style=\"max-width:100%;width:640px;margin:5px;\"><br\/><span class=\"lyte_disclaimer\">Defaulttext aus wp-youtube-lyte.php<\/span><\/div><figcaption><\/figcaption><\/figure>\n\n\n<p>Tom Nichols, Professor f\u00fcr internationale Beziehungen in den USA, kommt 2017 in \u00abThe death of expertise\u00bb zum Schluss, dass \u00abvoters not only didn\u2019t care that Trump is ignorant or wrong, they likely were unable to recognize his ignorance or errors.\u00bb Nichols verweist auf den Dunning-Kruger-Effekt: Unwissende erkennen ihr eigenes Unwissen nicht.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Da m\u00f6gen politische Kr\u00e4fte kaum erstaunen, die Wissenschaften \u00fcberhaupt und besonders die kritisch fragenden Geistes- und Sozialwissenschaften abbauen wollen. Norman Denzin, Pionier der Mehrmethoden-Ans\u00e4tze zur Analyse gesellschaftlicher Probleme, zeigt 2019 auf, dass der \u00abdeath of data in neoliberal times\u00bb zur\u00fcckgeht auf ein zu enges Repertoire an gef\u00f6rderten Forschungsmethoden, das den umfassenden, kritischen Blick auf Entwicklungen verstellt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Verst\u00e4ndigung statt Radikalisierung<\/h2>\n\n\n\n<p>Radikalisierung kann die Folge sein, wie sie sich in politischen Wahlen spiegelt, in denen zentrifugale Kr\u00e4fte st\u00e4rker wirken als einigende. Daniel Rockmore, Professor f\u00fcr Mathematik und Informatik am Dartmouth College, sieht die Ursache politischer Zentrifugen in fehlender F\u00e4higkeit zur Verst\u00e4ndigung: \u00abIt seems that the problems of the world boil down to me not understanding others and them not understanding me, and that\u2019s a humanities problem.\u00bb <\/p>\n\n\n\n<p>Was kostet es also, der Wissenschaft durch den Abbau von Geistes- und Sozialwissenschaften den Geist auszutreiben? Es kostet die Gesellschaft den Geist, der \u00fcberzeugt statt \u00fcberredet und \u00fcbert\u00f6lpelt. Es kostet das K\u00f6nnen, auch Sichtweisen anderer wahrzunehmen und dann gemeinsam abzuw\u00e4gen und weiterzubauen. Es kostet die F\u00e4higkeit, sich \u00fcber \u00abWahrheit, Wissen und Rationalit\u00e4t\u00bb \u00f6ffentlich zu verst\u00e4ndigen. Kurz: es kostet die Demokratie.<\/p>\n\n\n\n<p>Geistes- und Sozialwissenschaften k\u00f6nnen sich demnach doppelt lohnen: Im Kleinen als solide Basis f\u00fcr individuelle Laufbahnen und Beitr\u00e4ge zur Verst\u00e4ndigung. Im Grossen f\u00fcr eine demokratische Gesellschaft, in der Respekt und Voneinander-Lernen mehr z\u00e4hlen als kurzfristiger Gewinn durch Abschottung und Mauern. In inspirierter, also vom Geist befl\u00fcgelter, Gemeinschaft leben kann, wer gelernt hat, nach dem Sinn zu fragen hinter dem, was bestenfalls gerade gut funktioniert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-small-font-size\">Cartoon: Lilian-Esther Krauthammer<\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">Dieser Text wurde am 25. Juni in der Reihe \u00abDialog\u00bb auf <a aria-label=\"Higgs (\u00f6ffnet in neuem Tab)\" href=\"https:\/\/www.higgs.ch\/was-es-kostet-der-wissenschaft-den-geist-auszutreiben\/21962\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Higgs<\/a> erstver\u00f6ffentlicht. <\/pre>\n\n\n\n<p>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp; <\/p>\n<div class=\"pt-sm\">Schlagw\u00f6rter: <a href=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/tag\/angewandte-linguistik\/\">Angewandte Linguistik<\/a><br><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Englisch heissen sie Humanities, deutsch Geisteswissenschaften. Zusammen mit den Sozialwissenschaften fragen sie kritisch nach dem Sinn dessen, was Menschen sind und tun. 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