{"id":521,"date":"2014-10-20T15:00:10","date_gmt":"2014-10-20T13:00:10","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zhaw.ch\/angewandte-sprachen\/?p=521"},"modified":"2020-02-14T16:41:47","modified_gmt":"2020-02-14T15:41:47","slug":"bis-bald-hermannstadt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/2014\/10\/20\/bis-bald-hermannstadt\/","title":{"rendered":"Bis bald, Hermannstadt \u2013 la revedere Sibiu!"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-size:20px\">Dank einer Projektarbeit nach Rum\u00e4nien: Eva Seiterle und Elise Schorscher, zwei Studentinnen aus dem dritten Semester des Bachelorstudiengangs Angewandte Sprachen, haben im Mai 2014 ihre Arbeit an einer internationalen studentischen Tagung in Hermannstadt (Sibiu) vorgestellt. Das Schreibprojekt ging in mehreren Texten Orten nach, wo man fremden Sprachen und Kulturen in und um Z\u00fcrich begegnen kann &#8211; vom spanischen Kulturverein bis zum australischen Pub. In ihrem Bericht erz\u00e4hlen sie von Hermannstadt, von der Tagung &#8211; und von den kulinarischen Freuden.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Flugzeug rattert, die Fenster sind weiss angehaucht. Wir befinden uns mitten in den Wolken, hoch \u00fcber den Karpaten. Die Stimmen rund um uns orchestrieren ein Gemisch aus Deutsch und einer Fremdsprache, die wir nicht verstehen. Ob die Menschen \u2013 wie wir \u2013 zu Besuch in das Land unserer Destination fliegen oder ob sie zur\u00fcckkehren in ihre Heimat? Ein kleines M\u00e4dchen mit braunen Haaren ruft aufgeregt: \u201e<em>Mama, case!<\/em>\u201c Nicht n\u00f6tig, das Wort aus dem Spanischen \u201e<em>casa<\/em>\u201c abzuleiten, denn nun sehen auch wir es: unter uns die H\u00e4user von Hermannstadt in Siebenb\u00fcrgen, Rum\u00e4nien.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir sind f\u00fcr eine Tagung unterwegs: Die Lucian Blaga Universit\u00e4t feiert heute ihr 45. Jubil\u00e4um. Zu diesem Anlass reisen Studierende aus ganz Europa an, um zu dem Thema \u201eResearch and Education for a Knowledge-Based Society\u201c in den n\u00e4chsten drei Tagen Referate zu halten. Dank der tatkr\u00e4ftigen Unterst\u00fctzung unseres Dozenten, Prof. Dr. Joachim Hoefele, sind auch wir dabei.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Flughafen werden wir Schweizer Studentinnen abgeholt und zu unserer Unterkunft in die <em>Evangelische Akademie<\/em> gebracht. Wir laden unser Gep\u00e4ck ab und machen uns sofort auf den Weg in die Stadt. Orange, blau, gr\u00fcn \u2013 eine Vielfalt von Farben schm\u00fcckt die H\u00e4user von Hermannstadt (Rum\u00e4nisch: Sibiu). So verschieden sie sind, passen sie doch zusammen. In der Tasche den Spickzettel f\u00fcr den Vortrag, den wir am sp\u00e4teren Nachmittag noch brauchen werden. Wir verlassen das Taxi beim <em>Grossen Ring<\/em>. Es ist 12.45 Uhr und in der Stadt herrscht Hochbetrieb. Wir sind daher nicht die Einzigen, die sich hungrig in die Schlange an der B\u00e4ckereitheke mit gelber Aufschrift \u201e<em>Brut\u0103rie<\/em>\u201c anstellen. Die mit Kraut gef\u00fcllten Teigtaschen im Schaufenster sehen verlockend aus, obwohl wir auf der Suche nach etwas S\u00fcssem sind. Ein \u00e4lteres Paar bemerkt unsere Unsicherheit: \u201e<em>Very good<\/em>\u201c. Als der Mann mit der Hand \u00fcber seinen Bauch f\u00e4hrt, k\u00f6nnen wir nicht mehr anders, als uns den Nachtisch schon vor dem Mittagessen zu g\u00f6nnen. Hinter uns ert\u00f6nt das Lied \u201e<em>Don\u2019t worry, be happy<\/em>\u201c. Zwei junge M\u00e4nner bereichern die Atmosph\u00e4re auf dem Platz mit ihrer Strassenmusik aus Gesang, Gitarren- und Panfl\u00f6tenmelodien. Als sich unsere Blicke kreuzen, fordern sie uns auf, mitzusingen. Ein Stein beschwert die Geldscheine im Hut, um sie daran zu hindern davonzufliegen. Die Musiker stammen von ausserhalb der Stadt, genau genommen aus Bukarest. Sie sind hier, weil es in Hermannstadt mehr Tourismus gebe. Doch davon merken wir nicht viel. Die Stadt ist authentisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt so viel zu entdecken, jede Seitenstrasse f\u00fchrt uns wieder an einen neuen, sch\u00f6nen, traditionsbeladenen Ort. Die wunderbaren Pl\u00e4tze mit guten Restaurants an jeder Ecke, ein B\u00fccherladen, in dem wir stundenlang verweilen k\u00f6nnten, und die Aussicht vom etwas h\u00f6her gelegenen Quartier raubt uns regelrecht die Zeit, so dass wir prompt die Begr\u00fcssung, den ersten Programmpunkt der studentischen Tagung, zu der wir eingeladen sind, verpassen. Die Vortr\u00e4ge, die danach folgen, sprechen ganz unterschiedliche Themen an: von Semesterarbeiten \u00fcber Klassiker unter den deutschsprachigen Romanen von Goethe und Hermann Hesse bis zu politischen Aktualit\u00e4ten in Rum\u00e4nien. Nach jedem Vortrag werden Fragen gestellt, aus denen interessante Diskussionen entstehen. So bekommen wir die unbezahlbare Gelegenheit, mit gleichaltrigen Studierenden aus ganz unterschiedlichen L\u00e4ndern Erfahrungen auszutauschen und gewinnen so einen unverf\u00e4lschten Eindruck \u00fcber deren Herkunftskulturen und Lebensweisen. Unter anderem \u00fcber die Universit\u00e4tssysteme, aber auch \u00fcber kulturelle Br\u00e4uche sowie kulinarische Spezialit\u00e4ten der L\u00e4nder. Die rum\u00e4nischen m\u00fcssen wir nicht nur erz\u00e4hlt bekommen, sondern d\u00fcrfen sie auch selbst gleich kosten. Die <em>Lucian Blaga Universit\u00e4t<\/em> hat zu dem Anlass am Abend ein riesiges Buffet mit unz\u00e4hligen K\u00f6stlichkeiten f\u00fcr uns organisiert. Fisch, Fleischkl\u00f6sschen, K\u00e4seplatten, Gem\u00fcsedips und Salate werden uns feierlich aufgetischt. Der Festschmaus geht bis lange in die Nacht hinein. Am internationalen Tisch sitzen wir G\u00e4ste mit Studierenden aus Hermannstadt zusammen. Es wird diskutiert, gelacht, getrunken und gegessen. Um Mitternacht setzen wir unsere Gespr\u00e4che in einer Bar fort. Nicht mehr allzu lange, denn der n\u00e4chste Tag wird noch viel Neues bringen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter\"><a href=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/vis-a-vis\/files\/2014\/10\/Sibiu2k.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/vis-a-vis\/files\/2014\/10\/Sibiu2k.jpg\" alt=\"Sibiu2k\" class=\"wp-image-524\" \/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen in der Fr\u00fch werden wir, noch bevor unser Wecker losgeht, vom Kr\u00e4hen eines Hahns geweckt. Heute stehen weitere Vortr\u00e4ge auf dem Programm. Einer davon handelt von <em>Heimat<\/em> und was diese bedeutet. Angesprochen wird unter anderem das Schicksal vieler Siebenb\u00fcrger Sachsen, die nach dem Sturz Ceau\u0219escus fluchtartig das Land verliessen und heute mit ihren Familien in Deutschland, \u00d6sterreich oder in der Schweiz wohnen. Der Verlust ihrer alten Heimat ist nach all den Jahren noch immer schmerzhaft und verhindert ein vollst\u00e4ndiges Ankommen im neuen Land. Wo ist Heimat zu finden? Wird es je einen Ort auf der Welt geben, den man als solche bezeichnen kann? Wann sind wir dort angekommen? Ein ber\u00fchrender Vortrag, in den wir uns gut einf\u00fchlen k\u00f6nnen. Dann gibt es eine Kaffeepause und danach steht eine Stadtf\u00fchrung durch Hermannstadt\/Sibiu auf dem Programm. Auf die freuen wir uns schon ganz besonders.<\/p>\n\n\n\n<p>Marius, der Stadtf\u00fchrer und fr\u00fchere Student der <em>Lucian Blaga Universit\u00e4t<\/em>, ist uns auf Anhieb sympathisch. Mit seiner lockeren, fr\u00f6hlichen Art zieht er uns alle sofort in den Bann. Zu Fuss gehen wir zum <em>Grossen Ring,<\/em> dem Stadtzentrum. Vor vielen Jahren, genau genommen 1191, hatte Papst C\u00f6lestin den Erhalt der Kirchensteuer f\u00fcr <em>Vila Hermani<\/em> best\u00e4tigt, so beginnt er uns die Geschichte von Hermannstadt zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die D\u00e4cher am <em>Grossen Ring<\/em> mit ihren Dachgaupen, die von oben wie Augen zu uns herabzublicken scheinen, d\u00fcrften wohl kaum einem Besucher entgehen. Marius erz\u00e4hlt uns von den zahlreichen Belagerungen durch die T\u00fcrken. Hermannstadt sei die einzige mittelalterliche Festung, die nie von den T\u00fcrken erobert wurde. Unterdessen sind wir bei der Stadtmauer angekommen. Vieles hier erinnert noch an die Zeit der Handwerksz\u00fcnfte (wie die der Maurer, der Schneider, der Tischler usw.), die damals einen eigenen Wehrturm hatten. Dort bewahrten sie die Waffen f\u00fcr die Verteidigung der Stadt auf. Das Taufbecken in der Stadtpfarrkirche ist aus einer jener Kanonen geschmiedet worden, welche die T\u00fcrken zur\u00fcckgelassen hatten, nachdem sie die Stadt nicht hatten erobern k\u00f6nnen. An der Wand der Kirche h\u00e4ngt eine Kugel mit dem Durchmesser von ungef\u00e4hr 70 Millimetern, die damals durch das Kirchendach eingedrungen war. Marius macht uns auf die verschiedenen Baustile aufmerksam und erz\u00e4hlt uns von den zahlreichen Kulturen, die diesen Ort in den letzten Hunderten von Jahren bereichert haben. 2007 war Hermannstadt zusammen mit Luxemburg Europ\u00e4ische Kulturhauptstadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir gehen \u00fcber den <em>Kleinen Ring<\/em> und k\u00f6nnen nun endlich die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigte \u201e<em>L\u00fcgenbr\u00fccke<\/em>\u201c sehen, die diesen mit dem <em>Huet Platz<\/em> verbindet. Der Sage nach wird, wer ein L\u00fcgner ist und diese Br\u00fccke betritt, von ihr nicht getragen. Viele Erwachsene k\u00f6nnen sich noch heute daran erinnern, wie sie als Kinder diese Br\u00fccke mieden und daf\u00fcr Umwege in Kauf nahmen \u2013 aus Angst, sie k\u00f6nnte einst\u00fcrzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist bereits Nachmittag, als die Flugzeugmotoren aufheulen. Aus den Fenstern k\u00f6nnen wir noch die farbigen H\u00e4user vorbeiziehen sehen, bis diese schliesslich durch die weissen Wolken verschwinden. Die zwei Stunden Flugreise bieten Gelegenheit, unsere Erlebnisse in diesem wundersch\u00f6nen Land nochmals Revue passieren zu lassen. Wir sind uns einig, die Stadt der vielen Sprachen und Kulturen hat es uns angetan.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis bald, Hermannstadt \u2013<em> la revedere Sibiu!<\/em><\/p>\n<div class=\"pt-sm\">Schlagw\u00f6rter: <a href=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/tag\/bachelor-mehrsprachige-kommunikation\/\">Bachelor Mehrsprachige Kommunikation<\/a>, <a href=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/tag\/imk\/\">IMK Institut f\u00fcr Mehrsprachige Kommunikation<\/a>, <a href=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/tag\/studibeitrag\/\">Studibeitrag<\/a><br><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dank einer Projektarbeit nach Rum\u00e4nien: Eva Seiterle und Elise Schorscher, zwei Studentinnen aus dem dritten Semester des Bachelorstudiengangs Angewandte Sprachen, haben im Mai 2014 ihre Arbeit an einer internationalen studentischen Tagung in Hermannstadt (Sibiu) vorgestellt. 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