{"id":2262,"date":"2017-10-30T18:45:11","date_gmt":"2017-10-30T17:45:11","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/?p=2262"},"modified":"2019-02-12T13:16:06","modified_gmt":"2019-02-12T12:16:06","slug":"neuwahlen-in-kenia-eine-sensation-die-nichts-aendert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/2017\/10\/30\/neuwahlen-in-kenia-eine-sensation-die-nichts-aendert\/","title":{"rendered":"Neuwahlen in Kenia: eine Sensation, die nichts \u00e4ndert"},"content":{"rendered":"<p>1963 gegr\u00fcndet, ist Kenia noch ein \u00e4usserst junges Land und sein Versuch eine Demokratie zu bilden, bleibt vorerst einer. Stimmen aus dem Volk klagen \u00fcber Korruption, Wahlmanipulation, Machtbegierden und Betrug der Pr\u00e4sidentschaftskandidaten. Nun wird zum ersten Mal in der Geschichte Afrikas die Pr\u00e4sidentschaftswahl wiederholt.<\/p>\n<pre>von Jessica Bischof, Studentin im <a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/linguistik\/studium\/bachelor-kommunikation\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">BA Kommunikation<\/a> (JO15), derzeit im Austauschsemster in Kenia<\/pre>\n<p>Es ist wie ausgestorben auf Nairobis Strassen. Morgens um acht Uhr fahre ich mit dem Auto \u00fcber den Highway. Normalerweise ist um diese Zeit kein Durchkommen, denn die Autos verstopfen jeden Weg, zig Strassenverk\u00e4ufer klopfen an die Autoscheiben und Arbeiter schnitzen Holzbetten direkt am Strassenrand. Es ist jedoch nicht nur dem starken Regen zu verdanken, dass die Kenianer keinen Fuss vor die Haust\u00fcre setzen. Heute und in den n\u00e4chsten Tagen ist die Pr\u00e4sidentschaftswahl, welche zum ersten Mal in der Geschichte Afrikas wiederholt wird. Das Gericht hat den Wahlsieg des bisherigen Pr\u00e4sidenten im August f\u00fcr ung\u00fcltig erkl\u00e4rt. Eine neue Situation f\u00fcr die Menschen hier, die auch alte \u00c4ngste hervorruft. Nach den Wahlen im Jahr 2007 verloren \u00fcber tausend Menschen ihr Leben, nachdem die Situation in den St\u00e4dten eskaliert ist. Um diese Ereignisse zu verstehen, muss man etwas in die Kultur der Kenianer einsehen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/vis-a-vis\/files\/2017\/10\/Skyline.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"550\" height=\"366\" class=\"aligncenter wp-image-2265 size-large\" alt=\"\" src=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/vis-a-vis\/files\/2017\/10\/Skyline-1024x681.jpg\"><\/a><\/p>\n<p><strong>Die Macht der St\u00e4mme<br \/>\n<\/strong>Dreiundvierzig. So viele verschiedene St\u00e4mme gibt es in Kenia. Die Einheimischen verstehen sich nicht einfach als Kenianer, sondern f\u00fchlen sich den Kikuyus, Luos, Samburus oder einer anderen Ethnie zugeh\u00f6rig. An dieser Stelle sollte man die Vorstellung von Feuertanz und Lendenschurz verwerfen. In Nairobi, der aufstrebenden Metropole Ostafrikas, ist der Stamm eher wie eine Partei anzusehen. Man w\u00e4hlt Personen, die aus dem gleichen Stamm sind, unabh\u00e4ngig von Inhalten.<br \/>\nKenia w\u00e4hlt alle f\u00fcnf Jahre einen neuen Pr\u00e4sidenten. Dabei entscheidet sich das Rennen in logischer Konsequenz zwischen den zwei bev\u00f6lkerungsreichsten St\u00e4mmen. Aktuell ist Uhuru Kenyatta, ein Kikuyu, der amtierende Pr\u00e4sident. Das oberste Gericht hat seinen Wahlsieg vom August dieses Jahres jedoch wegen Unregelm\u00e4ssigkeiten und Rechtsverst\u00f6ssen aberkannt. Der Oppositionskandidat Raila Odinga hat den Sieg angefochten und Recht erhalten. Er geh\u00f6rt dem Stamm der Luo an. Der amtierende Pr\u00e4sident Kenyatta hat daraufhin gedroht, s\u00e4mtliche Richter mit seinen eigenen Leuten zu ersetzen. Schnell \u00fcberschlugen sich die Ereignisse, Gesetze wurden eingef\u00fchrt, dann wieder aufgehoben. An verschiedenen Orten im Land gab es Ausschreitungen. Bereits vor den Wahlen im August wurde der stellvertretende Vorsitzende der Wahlkampfkommission ermordet. Die Bev\u00f6lkerung lebt in der Angst vor Eskalationen. Im Grunde will jeder zur Normalit\u00e4t zur\u00fcckkehren, denn die wirtschaftlichen T\u00e4tigkeiten stehen seit August still. Investoren halten sich aufgrund der instabilen Verh\u00e4ltnisse zur\u00fcck.<\/p>\n<p><strong>Die Einsch\u00e4tzung der Einheimischen<\/strong><br \/>\nIch habe mit vielen Einheimischen lange \u00fcber die Situation des Landes gesprochen. Die Meinungen, was nach den Neuwahlen kommt, sind gespalten. Die einen denken, es wird gar nichts passieren, die anderen haben Angst vor einem B\u00fcrgerkrieg. Ein Kenianer sagte mir sogar, die beiden Kandidaten seien, grob \u00fcbersetzt, wie die Pest oder Cholera. Es gehe in der Politik l\u00e4ngst nicht mehr darum, das junge Land voranzubringen, sondern den eigenen Stamm an der Spitze zu sehen. Egal wer die Wahl gewinne, der Pr\u00e4sident werde das Land ausnehmen, noch reicher werden, w\u00e4hrend die Armen, und das ist doch die bedeutende Mehrheit dieses Landes, noch \u00e4rmer gemacht w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Etwa zwei Wochen vor den jetzigen Wahlen, hat der Oppositionskandidat Raila Odinga seine W\u00e4hler zum Boykott aufgerufen und verk\u00fcndet, er werde nicht an den Neuwahlen teilnehmen. Er wirft Kenyatta vor, eine Diktatur aufzubauen. Die Abstimmung sei nicht glaubw\u00fcrdig, weil es keine Wahlreform gegeben habe.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/vis-a-vis\/files\/2017\/10\/Strassen-Kenias.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"550\" height=\"366\" class=\"aligncenter size-large wp-image-2267\" alt=\"\" src=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/vis-a-vis\/files\/2017\/10\/Strassen-Kenias-1024x681.jpg\"><\/a><\/p>\n<p><strong>Die Berichterstattung in den Europ\u00e4ischen Medien<br \/>\n<\/strong>Inzwischen zeigt sich nach intensiven Regenf\u00e4llen wieder die Sonne. Auf Rat meiner kenianischen Vermieterin habe ich viele Vorr\u00e4te eingekauft, denn die L\u00e4den bleiben die n\u00e4chsten Tage geschlossen. Die Schweizerische Botschaft weiss, wo sie mich im Falle einer Evakuation abholen m\u00fcsste. Via Internet verfolge ich die Wahlen mit. Interessanterweise beziehe ich meine Infos ausschliesslich von Twitter, britischen und deutschen Newsplattformen, denn die Schweizer Medien scheinen die Wahlen nicht aufzugreifen. Von den lokalen Nachrichtenagenturen erhalte ich eher sehr einseitige Sichtweisen. Was aber alle Quellen best\u00e4tigen, ist, dass es Ausschreitungen zwischen der Polizei und Oppositionsanh\u00e4ngern in Kibera gab. Dies ist einer der gr\u00f6ssten Slums Afrikas. Gem\u00e4ss Berichten soll es drei Tote gegeben haben. Stimmzettel seien verbrannt und Wahllokale gest\u00fcrmt worden. Eine kenianische Freundin schreibt mir, dass Kenyatta wiedergew\u00e4hlt werden wird. Dies w\u00e4re keine \u00dcberraschung, da der Stamm der Kikuyu der gr\u00f6sste im Land ist. Der Luo Raila Odinga hat den zu erwartenden Sieg seines Gegners auch bereits kommentiert.Nachdem er seine Kandidatur zur\u00fcckgezogen hat, verk\u00fcndete er, Kenyatta werde ein Pr\u00e4disent ohne Wahl sein.<\/p>\n<p class=\"Standard1\"><span lang=\"DE-CH\">Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Kenia wohl noch einen langen Weg vor sich hat, um eine demokratisch gew\u00e4hlte Regierung zu bilden. Und dies wird nicht zuletzt von der jetzigen Spitze selbst verhindert.<\/span><\/p>\n<hr>\n<p><strong>Weitere Beitr\u00e4ge von Studierenden im BA Kommunikation<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/2017\/08\/22\/alles-nur-klischees-mate\/\">Alles nur Klischee, Mates!<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/2017\/05\/24\/boulevard-zu-unrecht-in-der-kritik\/\">Boulevard zu unrecht in der Kritik?<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/2016\/11\/11\/lernen-in-der-praxis-ueber-den-menschlichen-sinn-der-organisationskommunikation\/\">Lernen von den Besten: Einblicke in die professionelle Praxis<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/2016\/07\/26\/was-mach-ich-hier-eigentlich\/\">Was mach&#8216; ich hier eigentlich?<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/2016\/04\/14\/arbeiten-im-newsroom\/\">Arbeiten im Newsroom<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/2016\/03\/24\/verzweiflung-dankbarkeit-gewissensbisse-und-hoffnung-ein-wechselbad-der-emotionen-am-wiener-westbahnhof\/\">Ein Wechselbad der Emotionen am Wiener Westbahnhof<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/2015\/02\/09\/die-leckerbissen-im-medienforschungsseminar\/\">Die Leckerbissen im Medienforschungsseminar<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/2014\/12\/05\/ne-tinquiete-pas-ein-bericht-aus-dem-praxissemester-2\/\">&#8222;Ne t&#8217;inqui\u00e8te pas&#8220; \u2013 ein Bericht aus dem Praxissemester<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/2014\/10\/17\/einmal-bordeaux-diplomfeier-jo11-retour-bitte\/\">&#8222;Einmal Bordeaux \u2013 Diplomfeier JO11 retour, bitte&#8220;<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<div class=\"pt-sm\">Schlagw\u00f6rter: <a href=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/tag\/auslandssemester\/\">Auslandssemester<\/a>, <a href=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/tag\/bachelor-kommunikation-und-medien\/\">Bachelor Kommunikation und Medien<\/a>, <a href=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/tag\/iam\/\">IAM Institut f\u00fcr Angewandte Medienwissenschaft<\/a>, <a href=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/tag\/studibeitrag\/\">Studibeitrag<\/a><br><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1963 gegr\u00fcndet, ist Kenia noch ein \u00e4usserst junges Land und sein Versuch eine Demokratie zu bilden, bleibt vorerst einer. 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