{"id":2019,"date":"2017-05-24T19:00:03","date_gmt":"2017-05-24T17:00:03","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/?p=2019"},"modified":"2024-08-22T16:38:49","modified_gmt":"2024-08-22T14:38:49","slug":"boulevard-zu-unrecht-in-der-kritik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/2017\/05\/24\/boulevard-zu-unrecht-in-der-kritik\/","title":{"rendered":"Boulevard zu unrecht in der Kritik?"},"content":{"rendered":"\n<p style=\"font-size:20px\">Keine Schweizer Tageszeitung steht derart oft im Fokus medienkritischer Beitr\u00e4ge wie das Boulevardblatt&nbsp;<em>Blick<\/em>. Dies zeigt auch eine studentische Fallstudie am Institut f\u00fcr Angewandte Medienwissenschaft der Z\u00fcrcher Fachhochschule in Winterthur. Sie analysierte den medienkritischen Diskurs in der Deutschschweiz zum Vierfachmord von Rupperswil im Jahr 2015.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:14px\">von Jara Helmi, Swenja Willms und Sandro Bucher, Studierende Journalismus &amp; Organisationskommunikation am IAM<\/p>\n\n\n\n<p>Im Dezember 2015 ereignete sich im schweizerischen Rupperswil im Kanton Aargau eines der grauenvollsten Verbrechen der Schweizer Kriminalgeschichte. Ein 33-J\u00e4hriger aus der gleichen Ortschaft ermordete in einem Einfamilienhaus eine Mutter, ihre zwei S\u00f6hne sowie die Freundin einer ihrer S\u00f6hne. Bis der sp\u00e4ter gest\u00e4ndige T\u00e4ter verhaftet und aufgrund von DNA-Spuren und Fingerabdr\u00fccken identifiziert werden konnte, vergingen rund f\u00fcnf Monate. F\u00fcnf Monate, in denen Schweizer Massenmedien nicht mit Mutma\u00dfungen, Spekulationen und Hypothesen zum Geschehen sparten. Unter dieser medialen Lust der Dauerbeobachtung litten nicht nur die Angeh\u00f6rigen der Opfer und des T\u00e4ters, sondern auch \u00fcbrige Einwohner der 5000-Seelen-Gemeinde: Viele Journalisten harrten vor dem Haus der Opfer aus, redeten mit den Schulkollegen der Opfer und Freunden des T\u00e4ters. Vor allem die Boulevardzeitung Blick, die dem Verlagshaus Ringier angeh\u00f6rt, wurde f\u00fcr diese Methoden vom Publikum und Branchenkollegen kritisiert.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter\"><a href=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/vis-a-vis\/files\/2017\/05\/Twitter_Wyss.png\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/vis-a-vis\/files\/2017\/05\/Twitter_Wyss-1024x538.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-2024\" \/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Anhand von rund vierzig Beitr\u00e4gen aus den sozialen Medien, der Fachpresse und den Massenmedien analysierten die Autoren den medienkritischen Diskurs zum Vierfachmord von Rupperswil. Resultat: In zwei von drei medienkritischen Beitr\u00e4gen wird der Blick kritisiert. Beanstandet wurde von den medienkritischen Akteuren insbesondere die fr\u00fche Namensnennung und das Abdrucken eines unverpixelten Fotos des T\u00e4ters, die offensiven Recherche-Methoden der Zeitung sowie die Tatsache, dass der Blick das Gesicht des T\u00e4ters von einem \u201ePhysiognomie-Experten\u201c analysieren lie\u00df. Im Fokus der \u00f6ffentlichen Debatte standen aber auch die massenmedialen Titel Schweizer Illustrierte (ebenfalls Ringier), der Tages-Anzeiger und die Gratiszeitung 20 Minuten (beide vom Verlagshaus Tamedia) sowie die Schweiz am Sonntag (Verlagshaus AZ Medien). Wie beim Blick wurde auch hier vor allem das Missachten der Richtlinien des Schweizer Presserats kritisiert, die den Schutz der Privatsph\u00e4re (Richtlinie 7.1), die Identifizierung (7.2) und den besonderen Schutz der Kinder (7.3) gew\u00e4hrleisten sollten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Hauptthema: Kritik mit normativem Bezug<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Beitr\u00e4ge zeigen, dass im \u00f6ffentlichen Diskurs weniger die individuelle Meinung der Medienkritiker zu den journalistischen \u201eDefiziten\u201c dominiert, sondern sich die ge\u00e4u\u00dferte Kritik auf gesellschaftliche Normen bezieht. Zu diesen Normen z\u00e4hlen medienethische und medienrechtliche Vorgaben wie sie u.a. das nationale Medienrecht oder auch internationale Pressekodizes vorgeben. Sich auf solche Normen zu beziehen, macht aus einem ausschlie\u00dflich kritisierenden Schlagabtausch eine konstruktive \u00f6ffentliche Debatte. Die Argumentation wird so gesamtgesellschaftlich vergleich- und bewertbar. Lediglich in den sozialen Medien wurde der Blick punktuell ohne tiefergehende Argumentation als \u201eSchundblatt\u201c mit \u201eSchmieren-Journalisten\u201c bezeichnet. Insgesamt \u00fcberwog aber auch hier die normativ abgest\u00fctzte Kritik.<\/p>\n\n\n\n<p>Blick-Blattmacher Thomas Ley \u00fcberraschen die Untersuchungsresultate nicht: \u201eDer Blick gilt als Medium der einfachen Leute. Das zieht Spott und manchmal auch Verachtung auf sich\u201c, sagt er. \u201eDa wir emotionale Themen immer gross gewichten, sind wir sowieso permanent Kritik ausgesetzt. J\u00fcngere Boulevard-Medien wie 20 Minuten sind viel weniger markiert als wir.\u201c Auch war die Medienkritik in den untersuchten Beitr\u00e4gen das Hauptthema und f\u00f6rdert damit das Verst\u00e4ndnis beim Publikum, dass eine regelm\u00e4\u00dfige, \u00f6ffentliche Medienkritik eine gesellschaftliche Notwendigkeit ist.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Soziale Medien als Hauptakteur der Kritik<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Fallstudie brachte weitere Indizien ans Licht, die f\u00fcr das Forschungsfeld Medienkritik relevant sind: So fand die Kritik an der Berichterstattung \u00fcber den Vierfachmord vor allem in den sozialen Medien und nicht in der Fachpresse und den Massenmedien statt. Zeitlich gesehen war die Social-Media-Kritik dem restlichen Diskurs vorgelagert. Es stellt sich damit die Frage, welcher Anteil eines medienkritischen Diskurses k\u00fcnftig \u00fcber diese neuen Kan\u00e4le stattfindet, damit nur einer Teil\u00f6ffentlichkeit zug\u00e4nglich ist und so weniger gesellschaftliche Resonanz ausl\u00f6sen kann. Offen ist, ob diese Verlagerung damit zu tun hat, dass Medienschaffende, die sich systemisch betrachtet \u00fcberdurchschnittlich h\u00e4ufig medienkritisch \u00e4u\u00dfern, dem Vorwurf des Kollegenbashing entgehen wollen. Da Medienschaffende auf Social Media als Privatpersonen auftreten k\u00f6nnen, wird der eigenen Zukunft m\u00f6glicherweise weniger Schaden zugef\u00fcgt.<\/p>\n\n\n\n<p>In den digitalen Netzwerken war auch die Kommunikationswissenschaft als medienkritischer Akteur vertreten. So fragte Journalistikprofessor Vinzenz Wyss am 13. Mai, einen Tag nachdem der T\u00e4ter gefasst wurde, ob schon Wetten dar\u00fcber laufen w\u00fcrden, welches \u201eD\u00f6delmedium\u201c als erstes den Namen des T\u00e4ters nennen werde. Am selben Tag startete ein anderer Twitter-User eine Umfrage, welche Zeitung wohl als erste das Foto des T\u00e4ters ver\u00f6ffentlichen werde. Der Blick gewann die Umfrage mit 72 Prozent der 116 Stimmen. \u201eDas zeigt, dass viele Medienkritiker schon Fotos oder Namen grunds\u00e4tzlich nicht okay finden, sogar wenn sie verpixelt oder abgek\u00fcrzt sind\u201c, sagt Thomas Ley. \u201eDas kriegen wir dann in jedem prominenten Fall zu h\u00f6ren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u201eAnderen Medien wird viel schneller verziehen\u201c<\/h2>\n\n\n\n<p>Was Thomas Ley jedoch st\u00f6rt, ist, dass andere, vermeintliche Qualit\u00e4tsmedien, genauso boulevardesk \u00fcber den Vierfachmord geschrieben h\u00e4tten, denen das jedoch viel \u00f6fters verziehen w\u00fcrde. \u201eIm Fall von Rupperswil hat sich die Konkurrenz vom Tages-Anzeiger Sachen erlaubt, die wir nie machen w\u00fcrden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Konkret spricht Thomas Ley vom Artikel \u00abWeg des Grauens\u00bb, den der Tages-Anzeiger f\u00fcnf Tage nachdem der T\u00e4ter gefasst wurde, publizierte. F\u00fcr den Artikel wurde ein Video gedreht, in dem der rund f\u00fcnfmin\u00fctige Weg vom Haus des T\u00e4ters zum Haus der Opfer zu sehen ist. Diese Darstellungsform wurde nur von wenigen Usern in den sozialen Medien kritisiert \u2013 unter anderem von Thomas Ley.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter\"><a href=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/vis-a-vis\/files\/2017\/05\/DieZeit.png\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/vis-a-vis\/files\/2017\/05\/DieZeit-1024x468.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-2025\" \/><\/a><figcaption>Knapp ein Jahr nach dem Vierfachmord in Rupperswil berichtete Die Zeit \u00fcber die Arbeitsweise des Blick-Reporters. (Bild: Screenshot)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Diskurs dauert an<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Fallstudie des medienkritischen Diskurses zum Vierfachmord von Rupperswil hat gezeigt, dass in der Schweiz konstruktive Medienkritik anzutreffen ist. Nur scheint sich diese \u2013 zumindest fallindividuell \u2013 von den Massenmedien in die sozialen Medien verlagert zu haben. Vor einem halben Jahr hat sich der Vierfachmord von Rupperswil zum ersten Mal gej\u00e4hrt. Der medienkritische Diskurs jedoch dauert weiterhin an: Im Dezember 2016 hat die Schweizer Ausgabe der Zeit mit Mirco Metger, dem Sohn des Freundes der get\u00f6teten Mutter, &nbsp;\u00fcber seine Erfahrungen mit dem Blick gesprochen. Insbesondere \u00fcber den Blick-Journalisten Ralph Donghi, der laut Metger damals nicht nur ihn, sondern viele weitere Menschen aus dem nahen Umfeld bel\u00e4stigt habe. \u201eEr legte mir S\u00e4tze in den Mund, die ich nie gesagt hatte\u201c, sagt Metger gegen\u00fcber der Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Ley zeigt sich davon unbeeindruckt: \u201eDie Zeit spricht mit genau einem Menschen, der Donghi nicht mag, aber ihm nicht einmal wirklich journalistische Fehler nachweisen kann. Auf der anderen Seite beispielsweise fand der Mediensprecher des Fussballclubs, in dem der T\u00e4ter verkehrt hatte, unsere Arbeit tadellos.\u201c<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<p><em>Dieser Artikel ist auch im&nbsp;<a href=\"http:\/\/de.ejo-online.eu\/qualitaet-ethik\/boulevard-zu-unrecht-in-der-kritik#!prettyPhoto\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Europ\u00e4isches Journalismus-Observatorium (EJO)<\/a> erschienen.&nbsp;Der Beitrag ist im Rahmen des Seminars &#8222;Medienkritik&#8220; im 5. Semester des Bachelorstudiengangs Kommunikation mit Vertiefung Journalismus &amp; Organisationskommunikation entstanden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\" \/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Mehr&nbsp;Beitr\u00e4ge von Studierenden am IAM<\/h2>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/2016\/11\/11\/lernen-in-der-praxis-ueber-den-menschlichen-sinn-der-organisationskommunikation\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Lernen von den Besten: Einblicke in die professionelle Praxis<\/a>, Cornelia Brunner-Scherrer<\/li><li><a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/2016\/07\/26\/was-mach-ich-hier-eigentlich\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Was mach&#8216; ich hier eigentlich?<\/a>, Maxence Giebel<\/li><li><a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/2016\/04\/14\/arbeiten-im-newsroom\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Arbeiten im Newsroom<\/a>, Maxence Giebel<\/li><li><a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/2015\/02\/09\/die-leckerbissen-im-medienforschungsseminar\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Die Leckerbissen im Medienforschungsseminar<\/a>, Benjamin Seiler<\/li><li><a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/2014\/10\/17\/einmal-bordeaux-diplomfeier-jo11-retour-bitte\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Einmal Bordeaux-Diplomfeier JO11 retour, bitte<\/a>, Rebecca D\u00fctschler<\/li><\/ul>\n<div class=\"pt-sm\">Schlagw\u00f6rter: <a href=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/tag\/iam\/\">IAM Institut f\u00fcr Angewandte Medienwissenschaft<\/a>, <a href=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/tag\/journalismus\/\">Journalismus<\/a>, <a href=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/tag\/studibeitrag\/\">Studibeitrag<\/a><br><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Keine Schweizer Tageszeitung steht derart oft im Fokus medienkritischer Beitr\u00e4ge wie das Boulevardblatt&nbsp;Blick. 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