{"id":13164,"date":"2022-09-14T13:38:33","date_gmt":"2022-09-14T11:38:33","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/?p=13164"},"modified":"2024-08-15T16:25:15","modified_gmt":"2024-08-15T14:25:15","slug":"deutschlehrerin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/2022\/09\/14\/deutschlehrerin\/","title":{"rendered":"Perspektivenwechsel: Von der Deutschlehrerin zur Italienischsch\u00fclerin"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size\">Durch einen Rollenwechsel den eigenen Horizont erweitern, das wollte die Dozentin f\u00fcr Deutsch als Fremdsprache an der ZHAW, Franziska Gugger, w\u00e4hrend ihres Sabbaticals. Gesagt, getan: Im Fr\u00fchling 2022 dr\u00fcckte sie in Rom zwei Monate lang die Schulbank. Ihre Erfahrungen teilt sie im folgenden Beitrag.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:14px\">Autorin: <a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/ueber-uns\/person\/gugg\/\">Franziska Gugger<\/a><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Du arbeitest als Dozentin f\u00fcr Deutsch als Fremdsprache am ILC Institute of Language Competence und bist in deinem Sabbatical nach Rom gefahren. Weshalb?<\/h2>\n\n\n\n<p>Ich hatte schon seit einigen Jahren die M\u00f6glichkeit, ein Sabbatical zu beantragen, und habe mich immer wieder gefragt, was mir neue Anst\u00f6sse f\u00fcr meinen Sprachunterricht geben k\u00f6nnte. Gleichzeitig wurde mir bewusst, dass ich selbst schon l\u00e4nger keine Fremdsprache mehr gelernt hatte. Es fiel mir deshalb nicht immer einfach, mich einzuf\u00fchlen in meine Kursteilnehmenden, die sich durch die verschiedenen Phasen des Deutschlernens k\u00e4mpften. Und so entschied ich mich, f\u00fcr ein paar Monate komplett die Seite zu wechseln. Konkret bedeutete dies, in Rom einen Intensivkurs in Italienisch zu besuchen und so m\u00f6glichst tief in die andere Sprache einzutauchen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Hat es denn funktioniert mit dem \u00abEintauchen\u00bb?<\/h2>\n\n\n\n<p>Ich hatte w\u00e4hrend meiner zweieinhalb Monate nur einmal kurz Besuch aus der Schweiz und war ansonsten ausschliesslich Italienisch unterwegs. Ich habe auch ausschliesslich italienische B\u00fccher gelesen, Filme geschaut und Theaterauff\u00fchrungen besucht. Letztere waren allerdings teilweise in Dialekt, was mir vor Augen gef\u00fchrt hat, wie frustrierend es sein kann, trotz Sprachkenntnissen pl\u00f6tzlich \u00fcberhaupt nichts mehr zu verstehen. F\u00fcr Deutschlernende in der Schweiz eine allt\u00e4gliche Situation!<\/p>\n\n\n\n<p>Auch an der Sprachschule habe ich mit den anderen Kursteilnehmer:innen fast ausschliesslich Italienisch gesprochen, d.h. auch in den Pausen. Und nach etwa sieben Wochen habe ich gemerkt, dass es allm\u00e4hlich weniger anstrengend wurde, mich auf Italienisch zu unterhalten. Nat\u00fcrlich machte ich beim Sprechen noch viele Fehler und hatte zahlreiche L\u00fccken, aber es zeigte sich eine sp\u00fcrbare Ver\u00e4nderung: Ich war in der Sprache angekommen.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/files\/2022\/09\/Portra\u0308t-Franziska-Kopie-743x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-13192\" width=\"224\" height=\"309\" srcset=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/files\/2022\/09\/Portra\u0308t-Franziska-Kopie-743x1024.jpg 743w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/files\/2022\/09\/Portra\u0308t-Franziska-Kopie-218x300.jpg 218w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/files\/2022\/09\/Portra\u0308t-Franziska-Kopie-768x1058.jpg 768w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/files\/2022\/09\/Portra\u0308t-Franziska-Kopie.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 224px) 100vw, 224px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Franziska Gugger<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Du wolltest auch nachf\u00fchlen, mit welchen Problemen deine Deutschlernenden zu k\u00e4mpfen haben. Ist dir dies gelungen?<\/h2>\n\n\n\n<p>Ja, ich glaube schon. Es gab einige Momente, in denen ich dachte \u00abAh, so f\u00fchlt sich das an!\u00bb. So habe ich am eigenen Leibe erfahren, wie schwierig es auszuhalten ist, wenn man die Bedeutung einer grammatischen Form nicht versteht, weil es in der Muttersprache (oder anderen Sprachen, die man schon beherrscht) nichts Vergleichbares gibt. Auch habe ich gemerkt, wie viel Selbstbeherrschung es braucht, wenn der Unterricht streckenweise nicht den pers\u00f6nlichen Bed\u00fcrfnissen zu entsprechen scheint oder offene Fragen nicht abschliessend gekl\u00e4rt werden k\u00f6nnen. Und dann musste ich feststellen, wie ich mich gesch\u00e4mt habe, wenn ich zum zehnten Mal den gleichen Fehler gemacht habe und von der Lehrerin mehr oder weniger unauff\u00e4llig darauf hingewiesen wurde. Diese Erfahrungen werden mir sicher helfen, mich besser in meine Kursteilnehmenden hineinversetzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ich nehme an, du hast auch Vergleiche hergestellt zwischen den Sprachkursen an der ZHAW und denjenigen in deiner Schule in Rom.<\/h2>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich, und es gab ganz deutliche Unterschiede. W\u00e4hrend wir an der ZHAW in der komfortablen Situation sind, ein Semester lang mit der gleichen Kursgruppe arbeiten zu d\u00fcrfen, gab es in der Italienischklasse in Rom w\u00f6chentlich Zu- und Abg\u00e4nge und auch die Dauer des Kursbesuches war bei den Teilnehmenden sehr unterschiedlich: Viele Leute hatten nur eine oder zwei Wochen gebucht, andere einen Monat, wieder andere mehrere Monate. Die Lehrerin durfte sich jeden Montag \u00fcberraschen lassen, wer im Klassenzimmer anzutreffen war, und machte einfach dort weiter, wo wir in der Vorwoche aufgeh\u00f6rt hatten \u2013 was blieb ihr auch anderes \u00fcbrig! Dies stellte an die Neuzug\u00e4nger:innen hohe Anforderungen. Ich wurde beispielsweise aufgrund eines Einstufungstests in einen Kurs Mitte Niveau B2 eingeteilt und musste mich in der ersten Woche mit komplexen Satzkonstruktionen auseinandersetzen, dazu aber zun\u00e4chst die entsprechenden Verbformen lernen, die f\u00fcr mich weitgehend neu waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiterer eklatanter Unterschied zwischen den Schulen ist, dass die Lehrpersonen an dieser \u2013 und sicher auch anderen \u2013 privaten italienischen Sprachschule keine Vorbereitungszeit bezahlt bekommen und entsprechend auch den Unterricht kaum vorbereiten, sondern sich auf ihre Kenntnisse der Materie und des Lehrwerkes verlassen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das klingt jetzt ein bisschen so, als ob du nicht sehr zufrieden gewesen w\u00e4rst mit dem Unterricht.<\/h2>\n\n\n\n<p>Doch, ich war zufrieden und habe viel gelernt, aber das lag in erster Linie daran, dass ich grosses Gl\u00fcck mit meiner Lehrerin hatte. Sie war sehr routiniert und professionell und hat das Beste aus den Rahmenbedingungen gemacht. Besonders entsprochen hat mir, dass sie \u00fcber ein grosses linguistisches Wissen verf\u00fcgte und h\u00e4ufig auf meine \u2013 auch spitzfindigen \u2013 Fragen eingehen konnte. Sie hatte ausserdem einen beissend sarkastischen Humor, der nicht allen geschmeckt hat, mir aber schon, auch wenn ich in meinem eigenen Unterricht bem\u00fcht bin, meine spitze Zunge zu z\u00fcgeln.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wie war die Beziehung zu den anderen Kursteilnehmenden, habt ihr euch beispielsweise auch ausserhalb des Unterrichts getroffen und Sachen zusammen unternommen?<\/h2>\n\n\n\n<p>Die Schule offerierte ein weitgehend kostenloses Freizeitprogramm, beispielsweise Stadtf\u00fchrungen zu bestimmten Themen, Vortr\u00e4ge oder gemeinsames Pizzaessen. Ich habe an ein paar F\u00fchrungen teilgenommen und kam dort auch ins Gespr\u00e4ch mit anderen Italienischlernenden. Mit den Leuten aus meiner Klasse hatte ich allerdings \u2013 mit einer Ausnahme \u2013 wenig Kontakt ausserhalb des Unterrichts. Das hatte verschiedene Gr\u00fcnde: Einige Teilnehmende waren sehr jung und zeigten wenig Interesse an uns \u2018Alten\u2019, dann waren viele nur ein oder zwei Wochen an der Schule und diejenigen, die l\u00e4nger blieben, hatten eine Arbeit oder Familie, d.h. wenig Zeit f\u00fcr andere Aktivit\u00e4ten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Wie bist du im r\u00f6mischen Alltag mit deinen Italienischkenntnissen klargekommen?<\/h2>\n\n\n\n<p>Ich hatte mir vorgenommen, wirklich nur auf Italienisch zu kommunizieren. In den ersten Wochen, als ich noch unsicher war und meine m\u00fcndlichen Sprachkenntnisse recht beschr\u00e4nkt waren, gestaltete sich das manchmal schwierig. Meine Gespr\u00e4chspartner:innen \u2013 seien es Verk\u00e4uferinnen, Kellner oder zuf\u00e4llige Bekannte \u2013 wechselten h\u00e4ufig nach dem ersten Satz ins Englische \u2013 um mir die Kommunikation zu erleichtern, um Zeit zu sparen oder warum auch immer. Ich aber blieb stur beim Italienischen und gab manchmal sogar vor, kein Englisch zu sprechen \u2013 diese Methode funktionierte immer. Mit der Zeit wurde mein Italienisch fl\u00fcssiger, so dass sich das Gegen\u00fcber nicht mehr zum Sprachwechsel motiviert f\u00fchlte, auch wenn man nat\u00fcrlich immer noch sofort h\u00f6rte, dass das Italienische nicht meine Muttersprache ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben vielen positiven Erlebnissen wurde ich auch ein paar Mal ziemlich r\u00fcde korrigiert \u2013 fast schon zurechtgewiesen \u2013 als ich einen Fehler machte, worauf sich unvermeidlich in mir ein Gef\u00fchl von Scham meldete. Das hat mich in meiner Auffassung best\u00e4rkt, dass Korrekturen immer taktvoll angebracht werden sollten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Du bist jetzt schon \u00fcber zwei Monate wieder zur\u00fcck in der Schweiz, was ist dein Fazit zu deinem Rom-Aufenthalt aus heutiger Perspektive?<\/h2>\n\n\n\n<p>Ich bin auf jeden Fall froh, dass ich den Schritt gewagt habe. Nach 17 Jahren an der ZHAW war so ein Tapetenwechsel \u00fcberf\u00e4llig. Meiner Institutsleitung bin ich sehr dankbar, dass sie mir dies erm\u00f6glicht hat. Inzwischen merke ich leider, dass mein Italienisch schon wieder einzurosten beginnt und m\u00f6chte dem entgegenwirken, so bin ich momentan auf der Suche nach einer Tandempartnerin, um regelm\u00e4ssig Italienisch sprechen zu k\u00f6nnen. Einen Aufenthalt in Rom w\u00fcrde ich allen empfehlen, es ist eine unendlich vielseitige und spannende Stadt. Mein Tipp an alle: Auch im Fr\u00fchling noch warme Kleider mitnehmen! Es wird wenig geheizt und ich habe im April notfallm\u00e4ssig Pulsw\u00e4rmer gestrickt, um die K\u00e4lte im Klassenzimmer einigermassen auszuhalten\u2026<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n<div class=\"pt-sm\">Schlagw\u00f6rter: <a href=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/tag\/daf-daz\/\">DaF\/DaZ<\/a>, <a href=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/languagematters\/tag\/ilc\/\">ILC Institute of Language Competence<\/a><br><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutsch als Fremdsprache an der ZHAW, Franziska Gugger, w\u00e4hrend ihres Sabbaticals. Gesagt, getan: Im Fr\u00fchling 2022 dr\u00fcckte sie in Rom zwei Monate lang die Schulbank. 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