«Was mach’ ich hier eigentlich?»

Das Bachelor-Studium liegt jetzt doch auch schon eine gewisse Zeit zurück. Zumindest weit genug, um fast schon „väterliche Gefühle“ gegenüber aktuellen Bachelor-Studierenden zu entwickeln. Bei dieser Aussage komme ich mir etwas doof vor. Es hat aber etwas mit Nostalgie zu tun (darauf komme ich später noch).

von Maxence Giebel, ehemaliger JO10-Bachelor-Student, der aktuell noch im Master Angewandte Linguistik (Vertiefung Organisationskommunikation) steckt, über Sinn, Sein und Studieren am IAM.

Zurück: ich hatte 2015 die drei Jahre Bachelor genügend „verdaut“ und verarbeitet, um neuen Wissensdurst zu empfinden. So passierten gleich drei Sachen, die ich unmittelbar nach dem Bachelor nicht erwartet und geglaubt hätte: wieder immatrikuliert zu sein (1), am IAM (2), in der Kommunikation (3). Ich dachte doch eigentlich: „wenn ein Master, dann als plötzliches Wunderkind am MIT als Raketeningenieur oder sonst was Welterfinderisches“. Wieder etwas doof (und natürlich völlig überzeichnet). Da hat’s aber nichts mit Nostalgie zu tun, sondern mit dem „Endlich-hab-ich’s-hinter-mir“-Befreiungsschlag der Bachelor-Diplomübergabe. Man will zu diesem Zeitpunkt einfach nur weg. Weiss aber gleichzeitig – wenn die vernünftigen Augen-auf-Momente durchdrücken – dass es für diese Fluchtgedanken ja eigentlich gar keinen wirklichen Grund gibt. Man war ja offensichtlich erfolgreich.

Das andere, grünere Gras. Oder: was ich alles schon habe…

Sind wir mal ehrlich: es gehört als Student ja ein bisschen zum guten Ton, über seine eigene Hochschule zu maulen und zu lästern. Wie heisst es so schön? The grass is always greener on the other side. So war das schon als Kind und Teenager: „Aber de Thomas darf ja au und wieso söll ich eigentlich blablabla…“.

Ich vergesse was ich schon habe und wo ich bin, weil ich damit beschäftigt bin zu sehen, was andere haben und wo sie sind. Spannend dabei: während man beobachtet und vergleicht, merkt man nicht, dass man selbst beobachtet und als Vergleich zugezogen wird.

Eben: The grass is always greener on the other side.

Aber vielleicht muss das so sein. Vielleicht ist das gut so. Als Antrieb. Als Reifeprozess. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass mir etliche „oh hoppla“- und „aha“-Momente verwehrt geblieben wären, hätte ich bereits während des Studiums (und vorher) kapiert, was ich mir da eigentlich aufbaue. Wie hätte ich das auch kapieren sollen? Ich war ja mit Lesen, Lernen, Lästern und – nennen wir’s mal „Sozialem“ beschäftigt. Keine Zeit und Bewusstseinskapazität also, um auf Metaebene zu reflektieren, worüber ich da ständig (gewollt und ungewollt) denke und sinniere. Erst ab Abschied vom IAM begann ich, alle neuen Informationen zu verarbeiten und zu verdauen. Sie reifen zu lassen.

…und was ich alles daraus machen kann

Maxence Giebel
Maxence Giebel, Student IAM

Aus mir gefütterten Informationen wurde anwendbares Wissen und Überzeugung. Und daraus entstehen dann eben „oh hoppla“- und „aha“-Momente. Und zwar jedes Mal, wenn ich in der Arbeitswelt merken darf, dass ich zum Beispiel auf Mehrsystemrelevanz aufmerksam machen kann (danke Wyss). Die Unterschiede von Praxis, Praktiken und Praktikern anwenden kann (danke Stücheli-Herrlach). Und alles immer mit Framing im passenden Diskurs (danke Perrin).

Auch jedes Mal, wenn ich in der Arbeitswelt merken darf, wie es eigentlich um meinen Marktwert steht. Diese Erkenntnismomente sind wertvoller als jedes Auswendiglernen – denn ich wende an. Ziemlich cool. Gefällt. So kann ich auch das Gefühl des „alten Fuchses“ geniessen, wenn ich als ehemaliger Bachelor-Student und jetziger Master-Student durch die IAM-Gänge schlendere. Nostalgisch einerseits, ja. Andererseits weiss ich, wie der Laden läuft. Ich kenne nicht nur die Gesichter, sondern kann die Persönlichkeiten dahinter einordnen. Ich hab’ verstanden, dass es hier auch nur „mönschelet“ – wie überall. Dass wenn mal was organisatorisch, inhaltlich oder zwischenmenschlich nicht so richtig läuft, das echt keinen übertrieben kratzen sollte. Schon gar nicht inmitten von (gestandenen und angehenden) Kommunikationsprofis. Profis die wissen (sollten), dass es oft, viel, immer, überall zu Verständnis- und Interessenskonflikten kommen kann. Dann soll doch eben daran gearbeitet werden, kommunikativ.

Oder etwas salopp: Die Sonne dreht sich schliesslich auch nicht um die Erde. Also da mal „es bitzli“ durchatmen und halblang machen.

Was ich also am IAM eigentlich mache

Die Frage, was ich hier eigentlich mache, stellt sich mir im Master nicht mehr. Ich weiss es. Ich baue mir mein Ding, in meinem Stil. Ich lerne Eigenheiten und Eigenschaften des zentralen Instruments der Kommunikation vertieft kennen: Angewandte Sprache. Und viel tiefgreifender: Angewandte Linguistik.

Ich lerne ihre Regeln noch besser kennen, um sie noch besser zu brechen. Ich spiele auf dem Instrument Bekanntes, um es neu interpretieren zu können. Ich orchestriere Information, ich dirigiere Kommunikation. Ich verlasse die Organisation, gehe über zur Person – um dann zusammen mit Überzeugten statt Überredeten in der nahen und weiten Welt Neues zu komponieren, zu kreieren.


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