Ob das am Ende nicht vielleicht doch eine Spur zu exotisch werden könnte für mich – und meinen Gaumen –, fragte ich Wolfgang Kickmaier. Ach, i wo! Südkorea ist sozusagen «Eastern Asia for beginners», kulinarisch und ganz allgemein vollkommen «durchamerikanisiert». So nannte er das. In den Staaten hatte ich ja auch schon mal für drei Jahre gelebt, also musste es jetzt auch klappen. Und tatsächlich begegnen einem hier viele Dinge, die wie von den US-Amerikanern übernommen daherkommen. Ohne die USA gäbe es die «Republic of Korea» gar nicht – oder jedenfalls nicht in der Form. Den Koreanern ist das sehr wohl bewusst: General-Mc-Arthur-Statue hier, Denkmal zur Festigung der Freundschaft USA-Südkorea da, grosse, repräsentative Limousinen, breite Strassen, gemeinsame Manöver, gemeinsame Feinde, amerikanische Truppen auf koreanischem Boden – alles Normalität. Und immer, wenn das Koreanische in seinem Original für einen Gegenstand oder Sachverhalt, der bis vor kurzem hier komplett inexistent war oder schien, keinen passenden Ausdruck hergibt, steht das amerikanische Englisch Pate bei der Schaffung von Lehnwörtern («Kompiutoa», «Bodikae» «Hailait» usw.). In mir wurden ständig auch die herrlichen Gags und die Ironie der amerikanischen Unterhaltungsindustrie wieder wachgerufen: Jay Leno’s «Tonight Show», «…the war on Christmas…», «…Latin? That’s something for Catholics. Come on!…»
A propos, oder speeking of which: Meine gesamten Vorfahren sind oder waren, soweit mir bekannt, mehr oder weniger stramme westfälische Katholiken. Während noch meiner Oma ohne einen sonntäglichen Kirchgang fast körperlich etwas zu fehlen schien, konnte ein Bruder meiner Mutter, als meine Schwester und ich ihn einmal im Ruhrgebiet besuchten, uns auf einer Autofahrt bei jeder zweiten Kirche, die wir erblickten, Dinge sagen wie: «Guckt mal! Da steht doch auch wieder so eine Halleluja-Garage.» Und wenn wir den Tabubruch dann mit Lachen quittierten, kam: «Ja, da, wo dieser komische Vorturner doch immer ist.» Dazu fuchtelte er dann, mit den Händen längst nicht mehr am Lenkrad, wild in der Gegend herum. Damals krümmten wir uns vor Lachen. In den USA hatte ich sie zum ersten Mal in meinem Leben in echt gesehen: Kirchen mit eingebauten Wohnungen und Garagen. Und exakt so sehen hier viele auch aus. Man weiss dann jeweils nicht, ob sich in solcher Architektur die Reduktion auf einen Raum, in dem sich «zwei oder mehr im Namen» ihres Stifters versammeln können, ausdrückt oder ob sie der Unterbringung der Wechslertische und der aus Pflugscharen geschmiedeten Schwerter dient. Die Orgelklänge jedenfalls, die aus der Kirche, die gleich neben dem «Guest House» der INHA Universität steht, über meinen Balkon zu mir ins Zimmer geweht werden, kommen mir sehr vertraut vor.

Die Menschen in Ostasien wissen sehr wohl, dass nicht die Europäer das Schiesspulver erfunden haben. Umso schwerer muss ihre Volksseele von Demütigungen wie den Opiumkriegen getroffen worden sein. Das Jahrhundert danach heisst in China «das Jahrhundert der Schande». Die Rückständigkeit abzuschütteln, in die sie zivilisatorisch geraten waren, ist seither zum Leitmotiv ihrer energischen Aufwärts- und Vorwärtsbewegungen geworden.

Wer sich auf Wikipedia über die Rolle der Religion («Opium des Volkes», Karl Marx) in Korea informiert, lernt vermeintlich längst Bekanntes noch einmal von einer neuen oder, wenn man so will, sehr alten Seite zu sehen. Auch die Europäer hatten ihre dunklen Jahrhunderte. Die Erhebung des Christentums von einer missliebigen Sekte zur Staatsreligion im Römischen Reich fruchtete schon bald im Abschütteln alles Heidnischen, und so mussten auch die Weisheiten eines Plato oder Aristoteles für ein knappes Jahrtausend von der Bildfläche verschwinden. Dass diese Schätze dann im Zuge der Renaissance so einfach ein zweites Mal gehoben werden konnten, verdanken die Christen auch den Muslimen. Wenn man also selbst als Gelehrter gut tausend Jahre lang nichts einsehen konnte, was man nicht durch Gott zur Einsicht bekommen hatte, wenn es keine Weisheit gab, die ohne das Postulat von Gottes unbezweifelbarer Existenz auskommen konnte, so wurde dies in der Renaissance und der später folgenden Aufklärung grundlegend anders. Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit dadurch, dass man sich seines Verstandes ohne die Anleitung eines Dritten bediente, wurde zum Gebot der Stunde und zum Schlüssel unzähliger Einsichten und Einblicke, mit denen die geistige Durchdringung von Natur und Technik, wie sie sich bis dahin in Asien entwickelt hatte, im Eilzugstempo überholt, qualitativ übertrumpft wurde, müsste man sagen. Im englischen Begriff «enlightenment» schwingt zwar noch ein wenig der dem Betrachter gewogene «Beleuchter» mit, aber auf der anderen Seite festigt der neueste Werbefilm der ZHAW den Triumph des (eigenständigen) Denkens über das blosse Wissen – über die Beschwörungsformeln erst recht.

Die grosse Mehrheit der Koreaner war lange Zeit in einer Art Naturreligion mit Ahnenkult, dem Sindoismus, verhaftet, während «organisiertes» Religiös-Sein den Oberschichten vorbehalten blieb. Es war schliesslich aber der bemerkenswerte Impetus der herrschenden Könige, Religionen wie Buddhismus oder Christentum («Platonismus fürs Volk», Friedrich Nietzsche) ins Land zu holen, um die Bevölkerung aus ihrer Umnachtung in die Moderne voranzubringen. Die Chinesen hatten damit Erfolg, also holte man sich hier auch Handelshäuser und die Kirche aus Europa in die Hafenstädte. Eine Keimzelle des modernen Incheon war ein deutsches Handelshaus. Bei dem hohen Stellenwert der Schulbildung im Konfuzianismus und beispielsweise den Klosterschulen hatten sich da aber zwei gefunden! Der Konfuzianismus fand bei vielen Koreanern auch wegen seiner Riten zur Ahnenverehrung Anklang und wirkte so prägend auf den Buddhismus ein, der dadurch ein eigener koreanischer Buddhismus wurde. Auch die katholische Kirche hatte seit der Duldung der Ahnenverehrung etwas bessere Karten in der Hand.

So ist hier eine katholische Kirche bar jeglicher Altlasten aus ihrer Vorgeschichte angelandet. Hier konnte sie als Tabula rasa starten und soll sich auf die Barmherzigkeit und Wohltätigkeit konzentrieren, darin sind sich der Staat und die Bevölkerung einig. Sie steht soziologisch aber auch für die Ankunft der Aufklärung, und das kann sich jeder Katholik einmal auf der Zunge zergehen lassen.

Wie froh sie sind, die Koreaner, sich die Segnungen der Aufklärung nun voll und ganz einverleibt zu haben! «Du Mensch kannst alles einsehen, in alles Einblick nehmen. Traue dir das nur zu!» Dann kommen die Hochöfen und Smartphones wie von alleine. So hier geschehen. Die LED-Displays sind kein Zufall. Mit den Hochöfen und den Kohlekraftwerken kommt zwar auch die Luftverschmutzung, aber die weht, wie ich mir habe sagen lassen, vor allem aus China herüber. Die Externalisierung des Üblen ist ein klassisch christlicher Topos. There you go. Noch etwas Zweites scheinen sie sich mit an Land gezogen zu haben: Den schwierigen siamesischen Zwillingsbruder der Aufklärung, den Panoptismus. Er macht keine lauten Ansagen, er wispert nur, wobei offenbleibt, ob überhaupt wahr ist, was er sagt: «Du Mensch kannst bei allem gesehen werden. Halte das durchaus für möglich! Gewöhne dich daran! Oder mute dich besser gleich den Blicken aller anderen zu!» «Social Media» und Selfiestick sind auch hier angekommen – zusammen mit einer Unzahl an Überwachungskameras.

Hierin scheinen mir die Koreaner eher angelsächsisch: «Public Safety» und das Funktionieren des Staates sind so sehr überlebenswichtig, dass sie womöglich zwar die Kantische Schrift zum ewigen Frieden ganz nett finden, im Zweifelsfalle aber zur Stabilisierung der Verhältnisse lieber dem Hobbes’schen Leviathan Tür und Tor öffnen. Die an Konformismus gewohnten Ostasiaten haben mit einem autokratischen Regime tendenziell etwas weniger Berührungsängste als wir, solange dadurch z.B. nur die drängenden Probleme gelöst oder die Korruption ein für alle Mal beseitigt würden.

Daran, welchen Verlauf der Stellenwert des Individualismus und der Privatsphäre in den kommenden Jahrzehnten nimmt und inwieweit wir in Europa überhaupt willens und in der Lage sind, etwas anderes zu verwirklichen, als es sich hier abzeichnet, wird sich auch messen, ob man in Asien unsere Lebensentwürfe, unsere Lebensart oder Kultur je wieder zu einem erstrebenswerten Vorbild nimmt. Alles andere haben sie ja bereits selbst auch oder übernommen.

Wenn man das Christentum mit der Nächstenliebe assoziiert, während der Buddhismus ebenfalls in dem Zum-Versiegen-Bringen des ewigen Dürstens nach mehr, in einem asketischen und altruistischen Leben ein Ideal erkennt, gleichzeitig aber etwa die Hälfte der Koreaner komplett ohne Bekenntnis auskommt, dann ist es umso umwerfender, mit wieviel Freundlichkeit, welchen Geschenken und welcher Zuwendung ich hier zum Teil fast beschämt wurde. Sie selbst nennen das ganz säkular und bescheiden, fast profan: «…trying to be helpful…». Als mir eine Studentin ihre neue Jacke für meine Tochter (der dieses für Aussenstehende nicht erhältliche Kleidungsstück so sehr gefiel) als Geschenk überreichte, hätte ich fast geweint. Sie wolle ja nur, so sagte sie, sicherstellen, dass ich mit einem positiven Eindruck nach Europa zurückkehren könnte. Als meine Tochter in einem Laden zwanzig Franken von ihrem eigenen Taschengeld an den Kauf von zwei entzückenden traditionell koreanischen Kleidern für ihre Puppen beisteuerte, da legte die Verkäuferin noch drrei weitere als Geschenk obendrauf.

Sogar dem (ehemaligen) Feind die Hand zu reichen, das scheint Jae-in Moon bereit zu sein. Mein Gastgeber sprach einmal davon, dass die innenpolitischen Spannungen in Südkorea nicht unerheblich seien. Als mir bei meinem allerersten Besuch in der 10-Millionen-Metropole Seoul gleich ein Eiferer mit einem Transparent vor meine Kamera sprang, wie verwerflich und dem Wohlstand der Koreaner abträglich diese Aussöhnungs- und Annäherungspläne doch seien, als ich die Uniformen der Veteranen sah, die Marschmusik hörte und «R.O.T.C.» las, wusste ich, was es geschlagen hatte. «Fast vollkommen durchamerikanisiert». Sollte China die USA als Macht mit dem grössten Einfluss auf Südkorea ablösen, so gefällt das einigen gar nicht. Sie hätten lieber eine Zukunft, die man mit der Vergangenheit glatt verwechseln könnte.

Von Prof. Dr. Markus Weber Sutter, Institut für Energiesysteme und Fluid-Engineering (IEFE)