Korea? Bist du verrückt?

Das in etwa war die erste Reaktion meiner Frau, als ich ihr mitteilte, ich hätte mit unserem Wolfgang Kickmaier ausgekaspert, dass ich einen Teil meines Sabbaticals in Südkorea verbringen sollte. Klar, ich würde sie, die sie nebst Berufstätigkeit als Hausfrau und Mutter funktionieren muss, für die Zeit meiner Abwesenheit ganz alleine mit unserer Tochter und dem ganzen Haushalt zurücklassen. Insofern war mir klar: verrückt. Aber dann wären auch Ungarn, Liechtenstein oder Tägerwilen verrückt gewesen. «Hatten sie für einen wie dich wirklich nichts anderes? Mir hätte zum Beispiel Australien oder Südafrika besser gefallen,» meinte sie und vor allem: «Du, der du wie ein Bauer an jeglichem fremden Essen etwas auszusetzen hast, du willst dir koreanische Küche antun? Na, gratuliere!» Tja, was man eben so macht, wenn man einen gründlichen Tapetenwechsel sucht und gleichzeitig auch noch einer gewissen Erwünschtheit der versuchten Zusammenarbeit mit einer fremden Hochschule seitens unserer Schule Rechnung tragen will. Ich nehme es vorweg: Es war eine gute Entscheidung. Und in zwei Wochen kommen mich Frau und Tochter hier besuchen. Schliesslich vermisse man mich in der Schweiz – und das sogar auch wegen meiner gelegentlichen Beiträge im Haushalt. Hört, hört!

Wenn man so wie ich «vom Land» kommt, also aus Schaffhausen (ursprünglich bin ich aus Stein am Rhein), dann führt jeder Weg zum Weltgewandten, Mondänen über Zürich, genauer Zürich Flughafen. Und weil der wiederum von Schaffhausen aus am besten per «Flughafen-S-Bahn» erreicht werden kann, muss man neidlos zugeben: Der Weg führt auch über Winterthur – ausgerechnet! -, das einfach näher dranliegt, also schon mal das Stück mondäner ist. Warum ich das erwähne? «Atme doch einfach mal ruhig durch! Du kippst mir gleich noch um, wenn du nicht aufhören kannst, so flach zu atmen», redet meine Frau auf mich ein, ohne die ich wahrscheinlich wieder einmal die Hälfte der Dinge vergessen hätte. War ich so aufgeregt? Nein, warum auch? Wir hatten doch alles gepackt, es fehlte nichts mehr, die Koffer, so stellte sich später heraus, entsprachen zusammengerechnet fast aufs Kilogramm genau dem erlaubten Höchstgewicht von 2 x 23 kg, und mein ausgedrucktes Ticket hatte ich auch irgendwo, das wusste ich. Gut, die S-Bahn, in deren Türrahmen die kurze Verabschiedung immer länger wurde, kam irgendwie nicht pünktlich los, ja drohte sogar auszufallen. Schrecklich! Dann käme man ja mit weniger als zweieinhalb Stunden Vorlaufzeit am Check-In an und wer weiss, was einem dann blühen konnte. Als der Doppelstöcker dann in gewohnter Weise seine Umrichtertechnik auf die Asynchronmaschinen losliess und der Zug sich entsprechend sanft in Bewegung setzte, wurde mir klar: Jetzt beginnt meine spannendste Reise in Jahren, wenn nicht Jahrzehnten. Gebannt, fast elektrisiert versuchte ich jedes Detail dessen, was sich aussen am Fenster abspielte, einzufangen, zu behalten – es ging los! Da durchfuhr es mich: Du komischer Kauz! Diese Strecke fährst du jeden Tag. Oder fast jeden. Aber an jenem Dienstag hatte ich sie als Teil des Vormittagsprogramms tatsächlich schon zweimal abgespult. Und jetzt diese unerklärliche Faszination am sonst Alltäglichen. Es war, als wäre ich am Bahnhof Schaffhausen zwar in die absolut gleiche S-Bahn gestiegen wie schon hunderte Male zuvor, und sässe doch in einem Zug, in dem alles neu war, den ich so noch nie gesehen hatte. Hatte der Philosoph Plato das gemeint, als er sagte: Wir steigen nie zweimal in denselben Fluss (wörtlich übersetzt heisst es im Original: Wir steigen in dieselben Flüsse und steigen (doch) nicht hinein)? Was für eine irrelevante Frage! Jetzt heisst es erst einmal: «Adieu, Okzident und guten Morgen, Orient!» Es gibt auch eine Welt, die ohne Not bestens ohne Plato auskommt – oder zumindest würden die dortigen das spontan wahrscheinlich von sich sagen, und wir gehen auch davon aus. Als ich dann ein paar Stunden später die unterirdisch verbaute Alpenidylle der Flughafenmetro (alles fake, ich schwör’s) hinter mich gebracht hatte und die Sonne schon fast hinterm Horizont verschwunden war, erkannte man hinter den riesigen Fensterscheiben des Gates die nicht minder riesige Heckflosse des Dreamliners, der schon ganz im charakteristischen Mint-Türkis der Korean Airlines bereitstand. Es sollte ein Non-Stop-Flug werden. Noch einmal schlafen, und dann würde ich im Reich des Buddhismus, des Daoismus und des Konfuzianismus ankommen, falls nichts Unvorhergesehenes dazwischenkommt – abgeschossene Maschinen, Kabelbrände an Bord usw. usw. hat es alles schon gegeben. Wen in einer solchen Situation diese Art Gedanken vollkommen in Besitz nehmen können, der müsste konsequenter Weise auf dem Absatz kehren – oder auf dem Flug einen Rotwein nachdem anderen bestellen. Ich zum Glück nicht.

Die Maschine der Korean Air ist startbereit.

Von Prof. Dr. Markus Weber Sutter, Institut für Energiesysteme und Fluid-Engineering (IEFE)