Man sollte jetzt als Europäer auf keinen Fall der Versuchung erliegen, den Vergleichswettbewerb auf jene bald zum peinlichen letzten Vorposten verkommene und eben nur vermeintliche Bastion einer alt-ehrwürdigen bedeutsamen Tradition zu verlagern und zu fragen: «Wie haltet ihr’s mit dem Latein?» Wobei «Latein» hier durchaus als Platzhalter, aber auch wörtlich zu verstehen ist. Ich hab’s – unfreiwillig zwar – erprobt und kann mich von der Peinlichkeit nur schwerlich erholen. Mich haben schon mindestens drei Menschen (mein Gastgeber und zwei Wildfremde), als sie «Schweiz» («Süö-ui-sö») verstanden, fast reflexartig gefragt: «Ja, sag mal: Schweiz, das war doch das Land mit den vier Landessprachen. Welche waren das gleich nochmals? Deutsch, Französisch und dann?» «Dann», sagte ich, «kommen da noch das Italienische und das Rätoromanische. Vielleicht wäre es realistischer, Englisch als vierte Landessprache zu nennen oder von fünf Landessprachen zu sprechen. Das Rätoromanische wird es wahrscheinlich gar nicht mehr lange geben». So wollte ich vermeiden, mich für das Rätoromanische irgendwie erklären zu müssen. Der eine liess aber nicht locker, bis ich ihm erklärte, er solle das nicht mit dem Rumänischen verwechseln, sondern es so verstehen, dass es direkt vom Latein abgleitet sei, also «…has to do with Ancient Rome…». Worauf er in fehlerfreiem Englisch sagte: «Actually, the nation of Romania does, in fact, have to do with Ancient Rome.» Oder als neulich «Han-Geul»-Feiertag war, also die über fünfhundert Jahre alte Leistung des koreanischen Königs Sejong, das chinesische Schriftzeichensystem durch ein vereinfachtes Silbenalphabet ersetzt zu haben, gefeiert wurde, die Supermärkte, für mich überraschend, geschlossen waren und sogar auf den Baustellen morgens um sieben Uhr etwas weniger Lärm gemacht wurde, erklärte mir Hyeon-Seok: «Was da gefeiert wird, musst du dir so vorstellen, wie wenn die Römer vom griechischen Alphabet wegkommen und an seine Stelle ein eigenes setzen.» Ich muss dazu sagen, dass ich mich jetzt schon über sechs Wochen mit dem «vereinfachten Schriftsystem» befasst habe und kaum über «guten Tag» und «Dankeschön» hinauskomme – zeigt vielleicht auch nur, dass man nicht jünger wird. Da hat also ein ganzes Volk ein althergebrachtes Kommunikationssystem abgeschüttelt und durch ein neues ersetzt, weil mit dem alten zu wenige Menschen an der allgemeinen schriftlichen Kommunikation teilnehmen konnten.

Und jetzt steht ihnen mit der Globalisierung – auch oder vor allem im Wissenschaftsbetrieb – wieder ein neues Zeichensystem ins Haus: die lateinische Schrift. Und sie lernen sie alle. Englisch gibt es im Schulunterricht von der ersten oder dritten Klasse an. Einer mit leidlich gutem Gymnasialabschluss verfügt also hierzulande über Koreanisch auf hohem muttersprachlichem Niveau, Kernbestände an Chinesisch und Englischkenntnisse, die sich mit denen unserer Maturanden mindestens vergleichen lassen. Wie heisst es so schön: «The common language of science has become (broken) English.» Die lingua franca der Wissenschaften ist längst nicht mehr Latein, sondern gebrochenes Englisch. Die Koreaner lernen unsere Schrift mit Eifer und Freude. Marken und Namen aus USA und Europa oder solche, die wenigstens so klingen, sind durchwegs positiv besetzt und schwer angesagt. Den Umgang mit den Namen und Bezeichnungen (die hier schier unaussprechlich sein dürften) betreiben nicht alle Koreaner mit der gleichen Leichtigkeit. Weshalb ich gute Gründe sehe, den Campus und das studentische Ausgehviertel in Incheon als «Quartier Latin» in zeitgemässer Neuauflage zu bezeichnen.

Die Begeisterung und fast völlige Unbefangenheit mit unserem Alphabet und unseren modernen Sprachen reicht vereinzelt sogar bis zum richtigen Lateinisch zurück. Völlig platt war ich vor ein paar Wochen, als ich abends um elf den Fernseher einschaltete, um mich an den Klang einer Sprache zu gewöhnen, von der ich kein Wort verstand, und auf einem der Sender folgendes gegeben wurde: Der Intendant und Dirigent eines minimalen Show-Kirchenchores studierte mit den etwa acht in Talaren gewandeten Sängerinnen und Sängern eine Passage aus dem «Komm, Heiliger Geist» ein, wobei viel Wert auf absolut professionelle sängerische Darbietung gelegt wurde und im Wechsel aus jeder der Stimmen eine Interpretin oder ein Interpret hervortrat, um die Passage noch einmal in der Manier einer Opernsängerin oder eines -sängers vorzutragen und dabei die Unterschiede zu kommentieren, die ein Tremolo und ein Vibrato machen konnten. Der Intendant schien sehr zufrieden und ließ den Chor zum Abschluss noch einmal singen «…QVAE TV CREASTI PECTORA…», und damit jeder – auch Fernsehzuschauer – verstehen lernte, was man da sprechen oder singen sollte, war der Originaltext am Bildschirm mit jenen koreanischen Schriftzeichen unterlegt, die diese lateinische Passage phonetisch nachstellten. In der Gegenrichtung sind sie mit ihren Hilfestellungen genau so deutlich: «Forget about Romanization!», also etwa «Vergiss das Koreanisch-Lernen anhand lateinisch transkribierter Silben!» Ich kann es nur bestätigen. Die Transkription kann nur gewinnbringend einsetzen, wer wie ein Muttersprachler englisch spricht und dazu über eine gründliche linguistische Ausbildung verfügt, also nachvollziehen kann, was sich die Erschaffer der Transkriptionsregeln mit Blick auf die Phonetik gedacht haben müssen.