Sie nennen ihre Limousinen «Sonata», «Grandeur» oder gar «Equus» – bei den vielen Pferdestärken durchaus verständlich –, sie sind im Internet präsent, in fast jeder freien Minute mit ihrem Smartphone beschäftigt oder mit ihren Schminkutensilien, sie kauen belegte Brote als Zwischenmahlzeit, sie sprechen – und schreiben vor allem – beachtlich gut Englisch, sie essen immer häufiger mit Messer und Gabel, sie spielen leidenschaftlich Fussball, sie bauen Hochgeschwindigkeitstrassen für ihre Züge, kichern (sehr häufig) und turteln (ganz selten), feiern Halloween-Partys mit Popkonzerten, führen ihren Studienkollegen unbefangen ihre Leistungen vor und erzählen von ihren letzten Abstechern nach Genf, Brüssel oder Winterthur. Kann man oder sollte man da noch hin, wenn man ausziehen will, das andere, das Fremde zu suchen? Weit weg genug ist es ja allemal; wenn man in Incheon landet, hat man den Ural, die Mongolei und das Gelbe Meer längst hinter sich; noch einen Ozean weiter ostwärts, und man ist in San Francisco.

Aber aufgepasst: Die Tastaturbelegungen ihrer PCs sind für uns undurchdringlich; ihre Schrift, Han Gul ist ein «vereinfachtes» Silbenalphabet. Die Regierung kämpft gerade damit die üblichen 62-Stunden-Wochen irgendwie in die Nähe von 50 Stunden hinunter zu regulieren – OK, das dürfte dann eng werden für die Industrie, weiterhin mit einer Jahresarbeitszeit von 2’700 Stunden kalkulieren zu können. Manche blättern bis zu 90 Dollar für einen Aufenthalt in einem simulierten Knast hin – damit sie sich endlich einmal ausklinken können. Ungewöhnlich viele junge Leute setzen ihrem Leben ein vorzeitiges, jähes Ende, weil sie überzeugt sind, nie mehr mithalten oder den Erwartungen gerecht werden zu können. Das fängt schon im Schulalter an. Dort seien die Kinder zwar durch ein Gesetz davor geschützt, dass sie abends nach zehn Uhr noch zum Lernen angehalten würden, heisst es. Sie gehören zu rund der Hälfte keiner Religion an. Wenn doch, dann arran-gieren sich das Christentum und ein konfuzianisch geprägter Buddhismus mit einander. Sie leben zum Teil in über hundert Meter hohen Wohntürmen. Sie sind Weltklasse in Schiffsbau, LED-Displays und E-Sport.

Unsere Hochschule, die ZHAW strebt mit ein paar Hochschulen in Südkorea Austausch und Zusammenarbeit an. Bevor man da jetzt sein ganzes Herzblut hineingibt, dürfte man ja vielleicht mal kurz innehalten und sich fragen: Passt das überhaupt zusammen? Passen wir zu denen, passen die zu uns? Wenn sie in Südkorea «frei» aussuchen können (d.h. sich an die Programme der Regierung halten), dann kann es passieren, dass sie etwa auf Usbekistan oder den Nepal zugehen. Und wir Schweizer? Sind wir auch schon festgelegt oder hätten wir ausser Südkorea überhaupt noch andere Optionen offen? Da ich nun in der Schweiz, in Deutschland, in den USA und Südkorea den grössten Teil meines Lebens verbracht, vier bzw. gut drei Jahre und nun zuletzt drei Monate ge-lebt, gewohnt und gearbeitet habe, erlaube ich mir einen tabellarischen Vergleich der vier Länder. Es kann jeder selbst sehen, mit wem wir Schweizer das Heu am ehesten auf der gleichen Bühne hätten bzw. auf wen man zugehen müsste nach dem Prinzip der Gegensätze, die sich anziehen.

So bleibt am Ende die Frage: Werden in naher Zukunft noch mehr Studenten aus Winterthur den Weg nach Korea und insbesondere an die INHA University finden? Und werden sich vielleicht auch schon bald Studierende aus Korea an der ZHAW blicken lassen?

Schaun ‘mer mal. Oder: das wird sich für alle noch zeigen, und es werden es am Ende alle sehen – auch die, die sich noch nicht so ganz sicher sind, ob sie gesehen werden wollen.

Von Prof. Dr. Markus Weber Sutter, Institut für Energiesysteme und Fluid-Engineering (IEFE)