Anfangs hatte ich den Eindruck, der einzige Europäer oder «Westler» hier am Campus zu sein. Doch mittlerweile sind mir mindestens ein Dutzend Leute begegnet, die Studenten oder «Mitglieder des Lehr- und Forschungskörpers», also «Faculty Members» westlicher Hochschulen gewesen sein müssen. Unter den Männern nicht wenige, die deutlich größer sind als ich – und das nicht, weil ich etwa besonders klein wäre. Es muss ihnen also zumindest bei der Ankunft und in den ersten Begegnungen mit vielen Einrichtungen und dem Mobiliar so gegangen sein wie mir, ein bisschen so, wie wenn sich Schneewittchen bei den sieben Zwergen an eines der Tischchen zu setzen und aus einem der Becherchen zu trinken versucht. Auch ein jovialer Blick an der jungen Generation vorbei auf die Koreanerinnen und Koreaner so ab sechzig aufwärts ist einer auf fast durchwegs für unsere Massstäbe bemerkenswert kleine, oft knorrige, irgendwie von den Strapazen eines arbeits- und entbehrungsreichen Lebens sichtlich gezeichnete Menschen.

Und ganz schnell geschieht es, dass sich einem neben dem Eindruck des «Klein-Seins» noch der einer gewissen Kindlichkeit aufdrängt. Wobei Kindlichkeit immer auch etwas Unbeschwertes, Erfrischendes hat. So geschah es mir bei meinem ersten Mittagessen, dem ich schon mit einer gewissen Anspannung entgegengesehen hatte, dass mich Hyeon-Seok (man spricht in etwa «h’Jån-‘Såk»), der Doktorand, der mir von meinem Gastgeber zur Seite gestellt wurde («…he is my brightest grad student…», was immer offensichtlicher werden sollte), in ein Restaurant führte und vorschlug, geschmortes Hühnchen an Glasnudeln in Soja-Sauce mit Reis zu bestellen – ein Gericht ab zwei Personen. Man lud sich also aus einer in der Mitte auf einem runden Tisch plazierten Pfanne Bröckchen des Hühnerfleisches und Glasnudeln immer wieder auf den eigenen Teller und versuchte, mit Stäbchen irgendwie dieser in Sauce getränkten Glasnudeln Herr zu werden, wobei mir bedeutet wurde, es sei auf jeden Fall statthaft, wahlweise auch den beigelegten Löffel zu benutzen. Als ich versuchte, eine nächste Portion von der Pfanne auf meinen Teller zu überführen und dabei die Schleppe an aus der Sojasauce gezogenen Glasnudeln so gar nicht enden wollte, gab mir Hyeon-Seok ein Zeichen, mich nicht kompromittiert zu fühlen, griff zu einem Utensil, das wir angesichts seiner kunststoffummantelten Griffe als Bastelschere bezeichnen würden, und schnitt die Nudeln ab, so dass die unteren Enden alle wieder in ihr Bad in der Sauce zurückfielen und dort verschwanden. Das sei üblich und bestens etabliert, sagte er und tat es im Verlauf noch mehrere Male sowohl bei den Nudeln, die ich mir zu nehmen versuchte, als auch bei denen für ihn selbst. Und das war nicht alles. Schon wenige Tage später beobachtete ich beim Einkaufen im Supermarkt, dass nicht wenige Kunden noch einige Zeit an der Aussenwand des Marktes etwa dort, wo man die Einkaufskörbe und -wagen zurückstellt, verbrachten, und wunderte mich, was die da so emsig mit ihren Einkäufen taten. Immer wieder hörte man ein leichtes Zirpen oder Kreischen, bis mir klar wurde: Hier zurren die Kunden mit meterweise Paketklebeband ihr Eingekauftes zusammen, damit beim Transport nichts herausfallen kann. Also jemand kauft z.B. zwei oder drei flache Dreissigerkartons (!) mit rohen Eiern. Klar, die muss er erst einmal stapeln, mehrfach umwickeln und am besten noch mit etwas Passendem zusammenzurren. Wie war das eigentlich bei uns gelöst? Es sind immer sechs oder zwölf Eier in einer verschließbaren Schachtel, und für die meisten Haushalte sind oft sechs Eier schon eines zu viel. Hier waren vor dem Supermarkt gleich eine ganze Batterie grosser, standfester Paketbandspender postiert, denen das Klebeband niemals ausgehen konnte. Sollte eine Rolle leer geworden sein, würde aus dem vertikalen Metallschacht gleich die nächste nachrutschen, sobald man die aufgebrauchte entfernt hätte. Ein Eldorado also für ein Kind im «Chläberli-Alter». Dazu kommt noch die in fliessenden Grenzen mit den Produkten der Unterhaltungsindustrie verwobene Anleitung der Gesellschaft zum Wohlverhalten durch allerlei Fanfaren und Melodien, wie man sie von Kinderspielzeugen kennt. Und wie immer kommt in unseren modernen Zeiten noch das Micky-Maus-T-Shirt-Phänomen bei den Erwachsenen zum Tragen, das man als Trotzreaktion oder Wiedergutmachungsaktion für eine in gewissem Sinne nicht gehabte oder jedenfalls nicht voll ausgekostete Kindheit interpretieren kann. Das Spiegelbild zum Jugendwahn unter den Erwachsenen, die Pflicht der Kinder, verdammt-nochmal erwachsen zu sein, scheint in Korea keine unbekannte Grösse. Ich muss für die jüngeren Leser ergänzen, dass die erste Tuchfühlung mit dem Wort «Korea» in unserer Kindheit folgende war: Das war unvorstellbar weit weg, die Menschen dort mussten zum Teil in grosser materieller Not leben und darum fürchten, ihre Kinder nicht ernähren zu können, so dass die Generation unserer Eltern von dort in begünstigten Verfahren kleine Kinder adoptieren konnte, mit denen wir dann als unseren allerersten exotischen Klassenkameraden zur Schule gingen. Die fernöstlichen Volkswirtschaften und Zivilisationen konnten uns gefühlt irgendwie noch lange nicht das Wasser reichen, sie waren auf Entwicklungshilfe angewiesen. Weil diese Gesellschaften aber niemanden im Westen bedrohten, keinem so schnell gefährlich werden konnten, die Menschen dort so fleissig, an Verbesserung interessiert und lernbegierig waren, neigte man dazu, alles, woran sie scheiterten oder womit sie sich schwertaten, mit einer an Herablassung grenzenden Grosszügigkeit zu sehen. Bei einem Kind hätte man gesagt: «Lasst sie/ihn doch erst einmal machen! Die/der macht das für ihr/sein Alter doch schon recht gut. Sie/er ist ja noch so klein».

Aber das hat sich radikal verändert. Von dem eben gezeichneten Bild bleibt ausser der Bastelschere, den Kleberollen und den Kindermelodien kein Stein mehr auf dem anderen. Die jungen Leute hier sind gross, die Limousinen, die Randsteine, die Strassen, die Einkaufszentren, überhaupt die Städte, die Häuser und sogar die Mahlzeiten, sie sind alle gross. Die ganze Volkswirtschaft ist gross – erst in jüngerer Zeit gross geworden, ja, aber gross. Im Bereich Schiffsbau und LED-Displays sind die Koreaner Weltspitze, fast einsam. Es ist Zeit, dass wir uns im Westen eingestehen: Die stehen uns in kaum mehr etwas nach. Als ich in einer Art «fishing for compliments» dem mehrsprachigen Taxi-Fahrer, der meine Frau, meine Tochter und mich am Flughafen sogar in einem Satz auf Deutsch begrüsst hatte, gesprächsweise zu verstehen gab, dass die Entwicklung in Korea doch eigentlich atemberaubend sei und ich den Eindruck hätte, es gehe nicht mehr darum, dass sie, die Koreaner, uns irgendwie einholen oder zu uns aufschliessen könnten, sondern schon eher darum, dass wir uns haben überholen lassen oder um den Anschluss bangen müssten, da nickte er nur in vornehmer Zustimmung.

Von Prof. Dr. Markus Weber Sutter, Institut für Energiesysteme und Fluid-Engineering (IEFE)