«Was uns Menschen,» so hatte ich unlängst in einem Interview jemand Kluges antworten gehört, «antreibt, sind wesentlich zwei Dinge: erstens die Suche nach dem anderen und zweitens die Suche nach dem ganz anderen.» Gemeint waren damit die Suche nach dem Mitmenschen, dem Ebenbild und Weggefährten, und die Suche nach einer höheren Entität. Das hat mich ob seiner Kürze und Prägnanz fast komplett vereinnahmt – und seither nie mehr ganz losgelassen. Die beschriebene Hingezogenheit als Triebfeder für alles, was wir tun und angehen, ist vor allem in der abendländischen Geistesgeschichte stark verankert. So heisst es etwa: «Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.» (Mt 25,40; EU). Hier sind die beiden Objekte der Suchbegierde sogar ethisch und spirituell kongruent. Der Philosoph Ludwig Andreas Feuerbach sagt im 19. Jhdt., dass im «Du» für das Menschsein der einzelne mit seinem Gattungsbegriff verbunden ist, und der Theologe Eugen Drewermann verbildlicht und leitet die von ihm postulierte inhärente Tötungsabneigung des Menschen eindrücklich über die Schilderung her, dass auch die Menschen, die achtlos oder mit einer gewissen Genugtuung einen Käfer zertreten könnten, schon ein erstes Mal zusammenzucken, bevor sie ein Eichhörnchen töten würden, und vollends innerlich entwaffnet wären, hiesse man sie, einem Schimpansen, dem sie Auge in Auge gegenüberstehen, ein Messer tödlich in den Leib zu stossen.

Das alles hat einen Zusammenhang zu dem, was ich über meine Erlebnisse in Südkorea erzählen will. Traditionell kümmert uns im Abendland das «Du». Mehr noch: Wir sind es gewohnt, auf Dinge zuzugehen. Mit dem «Du» und manchen Dingen haben wir unsere ersten Auseinandersetzungen. Wenn hie und da bis zur Bewusstlosigkeit von den Vorzügen des «problem-based learning» die Rede ist, dann setzt das wie selbstverständlich voraus, dass ein Mensch, wenn ihm nur etwas Unfertiges, ein Stück kognitive Dissonanz sozusagen, vor die Füsse geworfen wird, gleichwohl auf dieses etwas, das Problem (gr., «das vor einen Geworfene»), zugeht, um sich ihm zu widmen und mit ihm auseinanderzusetzen und um es letztlich einer Lösung zuzuführen. Ähnlich denken wir über Vorwürfe. Sie sind oft ein Gesprächsanfang. Wie stark das alles ist, kann man erst ermessen, wenn man sich mal vorstellt, man hätte ein anderes geistig-kulturelles Vermächtnis und so auch ein anderes Verhältnis zu den Dingen, die uns dazu bringen, aus uns heraus zu gehen. Man könnte schliesslich auch sagen: «Ein Problem? Das stört mein Harmoniebedürfnis. Bitte, wie kann ich ihm so aus dem Weg gehen, dass es nicht mehr da zu sein scheint? Unser stark verinnerlichtes «Anpacken» und «Lösen» aller Probleme verrät auch etwas über unser teleologisches Weltbild, also dass ein Jetzt-Zustand auf ein erwünschtes Ende hin entwickelt werden soll. Ein zirkuläres Weltbild impliziert so etwas überhaupt nicht.

Wir hatten an der ZHAW vor ein paar Jahren einen Postdoktoranden aus Thailand für einen Vortrag zu Gast, mit dem Armin Züger und ich zum Abschluss abends essen gingen. Wir sprachen über sein Land, die Politik und die Religion, bis er an einer Stelle sagte: «Wisst ihr, es gibt Ähnlichkeiten zur westlichen Art, religiös zu sein, aber auch wesentliche Unterschiede. Auch bei uns geht jemand, den etwas niederdrückt, genau wie bei euch auch, in den Tempel, begeht rituelle Handlungen und sucht im Geiste einen Gott auf», um dies im nächsten Satz zu erläutern mit: »Der Unterschied besteht darin, dass ihr im Westen glaubt, die Hinwendung auf diesen Gott lasse ihn Euch zu Hilfe kommen, so dass die Lösung eures Problems von Gott kommt, dessen Stärke euch durch sein Wirken durchdringt. Im Buddhismus glauben wir nur, dass dieses Nah-Sein bei Gott einen selbst in die Lage versetzt, sich wieder voll und ganz auf die eigene Stärke konzentrieren zu können, sich von ihr durchdringen zu lassen. Der Quell der Bewältigung einer Schwierigkeit sind wir selbst. Bei euch ist es jemand Äusseres.»

Das hatte ich alles im Hinterkopf, als ich mich aufmachte, mir anzulesen, wie man sich in Korea benimmt. Viel wichtiger noch: was man tunlichst unterlassen sollte. Meine Schwägerin, die zu Jahresanfang in Pyeongchang war, hatte mir schon eingeheizt. Es schien schnell klar zu sein: Zurückhaltung! Alles, was das «Kibun» eines Gegenüber, ansatzweise zu übersetzen etwa mit dessen «seelischem Gleichgewicht», missachtet, kommt einem schweren Verstoss gleich. Wer lauthals aus sich heraus und – noch schlimmer – einen anderen anlacht, der usurpiert dessen Gemütslage, insofern er eben unterstellt, dass dem oder den anderen auch gerade zum Lachen zumute ist. Aber was weiss man schon vom Gemütszustand des anderen – zumal eines anderen, der auch ganz streng nur in sehr eindeutigen Situationen etwas von seinem Inneren zu erkennen gibt? Wenn man einen Katalog von einzelnen Dos und Don’ts zusammenstellen wollte, könnte der recht lang werden. Ein immer wieder erkennbares Prinzip in diesen Verhaltensregeln ist neben der Vorsicht, das Kibun des Gegenüber nicht zu stören, die Behauptung, wonach die koreanische Gesellschaft noch immer stark in den Vorstellungen von Rangordnung und Ehrerbietung verhaftet sei. Das zieht sich bis in die Sprache hinein (aber dazu beim nächsten Mal). Letzteres hat viel mit dem Konfuzianismus und allem, was aus seinen fünf Kardinaltugenden in die Neuzeit herübergerettet wurde, zu tun: Laut Wikipedia kann man aus 1) Menschlichkeit/Nächstenliebe, 2) Gerechtigkeit/Rechtschaffenheit, 3) Rituellem Abstand/Sittlichkeit, 4) Weisheit und 5) Aufrichtigkeit/Verlässlichkeit die drei sozialen Pflichten Loyalität, kindliche Pietät und Wahrung von Anstand und Sitte ableiten. Zu erwähnen wäre noch die Weisheit, dass es der Familie gut geht, wenn es den Menschen in ihr gut geht, und dass es dem Staat gut geht, wenn es den Familien gut geht. Erwähnenswert deshalb, weil man sich so einen mehr oder weniger starken Hang zum Konformismus erklären kann.

Konfuzius-Statue im Park nahe der «Altstadt» von Incheon.

Können Samsung-Klone aus sich herauskommen?

Ich hatte noch nicht ganz auf meinem Sitz im Flieger platzgenommen, da wurde ich bereits Zeuge einer eindrücklichen Szene: Die Stewardess im anderen Gang stand vor einer Sitzreihe, in der gangseitig eine Frau sass, die a) Fluggast und, b) erkennbar älter war als sie und c) einen Sonderwunsch oder sogar eine erste Reklamation gehabt haben musste. Wann hatte ich das letzte Mal, eine uniformierte Person gesehen, die sich absolut formvollendet und in perfekter Körperhaltung zweimal vor der sitzenden Frau verneigte? Es fällt mir schwer zu sagen, ob in der Rekruten- oder Offiziersschule oder noch gar nie. Wir waren damals irgendwie hemdsärmeliger. Dann schien sich die Stewardess in Richtung Cockpit zurückzuziehen, gleichzeitig aber auch wie aus dem Nichts neben mir aufzutauchen. Wie ich später erfuhr, hat dafür schon jemand anderes einen leider etwas verächtlichen Terminus gefunden: «die Samsung-Klone». Es gilt in Südkorea für Frauen ein Schönheitsideal, das im wesentlichen darin besteht, weiblich, aber nicht zu sehr koreanisch auszusehen. Die Schönheitsoperationen und die Crèmes für helle Haut boomen. Die Erfolge davon sah ich gerade zum ersten Mal.

Als ich in der riesigen Ankunftshalle in Seoul/Incheon mit der Passkontrolle durch war und meine Koffer holen wollte, stellt sich mir ein Roboter in den Weg, um irgendwie hilfreich zu sein. Fragen hatte ich aber erst einmal keine, denn meine Koffer sah ich bereits auf dem Band. Ich holte mein Smartphone hervor, um von ihm wenigstens ein Foto zu machen, da war er auch schon weg. Er musste zur Ladestation. War ihm der Saft ausgegangen? Oder hatte ich sein Kibun gestört?

Jetzt mache ich einen Sprung ans Ende meiner ersten Woche. Bis dahin hatte ich schon zahlreiche unglaublich freundliche Erlebnisse mit den dortigen Doktoranden gemacht, die in einer unheimlichen Schnelligkeit all meine Probleme in Sachen W-LAN, Zugangskarte etc., etc. lösten. Auch hatte man mich aufgeklärt, dass Lachen in der Öffentlichkeit auf dem Campus ganz selbstverständlich erlaubt war, dass der helle Teint vieler Studentinnen zu ca. 50 % eine Errungenschaft der Kosmetikindustrie sei und dass immer mehr Koreaner sich zum Christentum bekennten; sozusagen eine Erscheinung des Zeitgeists. Ich war also freitags abends, es hatte schon eingedunkelt, in meinem Single-Apartment im 9. Stock des «Guest House», da vernahm ich bei offenem Fenster in der lauen Spätsommerluft von nicht allzu weither rhythmisches Scheppern und irgendwie Betriebsamkeit die nach geselligem Beisammensein klang. Konnte das wahr sein? Gemütlichkeit ist eine extrem deutsche Vorstellung. Ich glaube, in Europa hätte ich wie so oft den Stubenhocker gegeben und mir eingeredet, ich hätte vor dem Fernseher oder Computer besseres zu tun. Hier hielt es mich nicht mehr im Haus. Das wollte ich sehen. Und dann, nach einem kurzen Fussmarsch bis zum zentralen Veranstaltungsplatz dies: Da führte eine Gruppe Studierender der Fachbereiche «Chemical Engineering» und «Bioengineering» in weissen Gewändern, behangen mit Streifen in Gelb, Rot und Blau und mit Papierhüten, die kunstvoll mit Kugeln besetzt waren, ein Stück koreanischer Tradition auf, dass mir der Atem stockte. Wie ich später erfuhr («Sir, did you like it?» hatte mich einer der als Zuschauer am Rand Postierten gefragt.) kannten auch diejenigen, die nicht unmittelbar mitttaten, alle Abläufe und Chorsprüche. Sie hatten sie mit einem nach meinem Ermessen fast unvorstellbar hohen Übungsaufwand einstudiert. Sie lebten dies gleichzeitig als koreanische Tradition wie auch als eine Tradition, in der diese komplette und in sich nicht variierbare Aufführung von den Studentinnen und Studenten der höheren Semester an die jüngeren in unzähligen Übungsstunden weitergegeben, ihnen aber auch als Aufführung vor aller Augen, einer Art Feuertaufe gleich, abverlangt wurde. Wer es noch nicht beim Münsteraner «Tatort» gelernt hatte, der wusste es jetzt: «…Thiel, Tradition ist nicht die Aufbewahrung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers…»

Die Taktgeberin war an ihrem besonderen Hut zu erkennen, und die Sicherheit und Stilvollendung, mit der diese kleinste, ja, «Athletin» muss man sagen, ihre Schritte auf den Platz setzte und dabei auf ihren kleinen – ich hätte gesagt, «Pfannendeckel» – eindrosch, wurden mit jeder Minute, mit jedem Formations- und Rhythmuswechsel beeindruckender. Sie musste das etwa einstündige Programm im Kopf gehabt haben. Die anderen, ganz gleich ob Männlein oder Weiblein, folgten ihr und taten ihr die kunstvollen Tanzschritte, mit denen sie zeitweilig in ihren Pluderhosen über den Platz zu fliegen schienen, nach, während auch sie mit einem Klöppel auf etwas eindroschen. An letzterem war besonders faszinierend, wie die paarweise ganz und gar nicht auf einander abgestimmten Klanghöhen der unterschiedlichen Gongs, die also wie nichts anderes zu einer Kakophonie und Beliebigkeit angelegt waren, in einem irgendwie gehaltenen Gleichtakt, eine Gesamtwirkung erzielten, deren fast übersinnlichem Zauber man sich kaum entziehen konnte. Hier war es: das Feuer. Auf drei Viertel der Strecke wurden ein Metallfass in die Mitte gestellt und darin ein paar kleine Stücke Holz in Brand gesetzt. Die Protagonisten der Aufführten passierten dieses Fass alle, indem sie gekonnt ihren Papierhut dort den Flammen übergaben. Die Gewänder und der Tand waren ephemer, die Tradition und der künstlerische Ausdruck waren es nicht. Ich war restlos beeindruckt. War die Verbindung einer nationalen oder ethnischen Tradition mit der Prüfung, alle Energie in die Veräusserung vor aller Augen zu legen, am Ende ein wichtiger Bestandteil, warum diese Gesellschaft, in der Industrie angeführt von ihren Hochschulabgängern, so erfolgreich sein konnte?

Und wer seinen Kopf die ganze Zeit über nur halb beieinander hatte, das war ich. Hätte ich nicht blitzschnell versschwinden und im Zimmer mein Smartphone holen sollen, um diese sensationelle Aufführung zu filmen? Nein, denn dann würde ich etwas verpassen und käme wohl eh zu spät. Zu dumm, dass ich mein Smartphone beim Verlassen der Wohnung nicht mit in die Beintasche meiner Dreiviertel-Hose gesteckt hatte. Wie dumm aber auch! Aber da war es doch. Ich hatte es eingesteckt und kaum mehr an mir gespürt und ausserdem in der Überzeugung gelebt, das getan zu haben, was ich schon so oft getan hatte: etwas vergessen. Ok, dann habe ich wenigstens noch den Abspann gefilmt. Das war sozusagen die «Zugabe» auf vielfachen Wunsch, nachdem die Künstler alle etwas getrunken hatten. Man muss sagen, dass hier der Apfel- und Traubenlimo weder lecker sind noch irgendwie den Durst löschen und deshalb auch nicht sonderlich gut als Lockvogel fürs Weitermachen taugen.

Von Prof. Dr. Markus Weber Sutter, Institut für Energiesysteme und Fluid-Engineering (IEFE)