Tag: Korea (page 1 of 2)

Ein Flugzeug ohne Pilot – machbar, aber auch erwünscht?

«Wer würde ein Flugzeug besteigen, das nur noch von einem Robopilot geflogen wird?»

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Von Plato nach Konfuzius – Hat das nach Meer geschmeckt?

Sie nennen ihre Limousinen «Sonata», «Grandeur» oder gar «Equus» – bei den vielen Pferdestärken durchaus verständlich –, sie sind im Internet präsent, in fast jeder freien Minute mit ihrem Smartphone beschäftigt oder mit ihren Schminkutensilien, sie kauen belegte Brote als Zwischenmahlzeit, sie sprechen – und schreiben vor allem – beachtlich gut Englisch, sie essen immer häufiger mit Messer und Gabel, sie spielen leidenschaftlich Fussball, sie bauen Hochgeschwindigkeitstrassen für ihre Züge, kichern (sehr häufig) und turteln (ganz selten), feiern Halloween-Partys mit Popkonzerten, führen ihren Studienkollegen unbefangen ihre Leistungen vor und erzählen von ihren letzten Abstechern nach Genf, Brüssel oder Winterthur. Kann man oder sollte man da noch hin, wenn man ausziehen will, das andere, das Fremde zu suchen? Weit weg genug ist es ja allemal; wenn man in Incheon landet, hat man den Ural, die Mongolei und das Gelbe Meer längst hinter sich; noch einen Ozean weiter ostwärts, und man ist in San Francisco.

Aber aufgepasst: Die Tastaturbelegungen ihrer PCs sind für uns undurchdringlich; ihre Schrift, Han Gul ist ein «vereinfachtes» Silbenalphabet. Die Regierung kämpft gerade damit die üblichen 62-Stunden-Wochen irgendwie in die Nähe von 50 Stunden hinunter zu regulieren – OK, das dürfte dann eng werden für die Industrie, weiterhin mit einer Jahresarbeitszeit von 2’700 Stunden kalkulieren zu können. Manche blättern bis zu 90 Dollar für einen Aufenthalt in einem simulierten Knast hin – damit sie sich endlich einmal ausklinken können. Ungewöhnlich viele junge Leute setzen ihrem Leben ein vorzeitiges, jähes Ende, weil sie überzeugt sind, nie mehr mithalten oder den Erwartungen gerecht werden zu können. Das fängt schon im Schulalter an. Dort seien die Kinder zwar durch ein Gesetz davor geschützt, dass sie abends nach zehn Uhr noch zum Lernen angehalten würden, heisst es. Sie gehören zu rund der Hälfte keiner Religion an. Wenn doch, dann arran-gieren sich das Christentum und ein konfuzianisch geprägter Buddhismus mit einander. Sie leben zum Teil in über hundert Meter hohen Wohntürmen. Sie sind Weltklasse in Schiffsbau, LED-Displays und E-Sport.

Unsere Hochschule, die ZHAW strebt mit ein paar Hochschulen in Südkorea Austausch und Zusammenarbeit an. Bevor man da jetzt sein ganzes Herzblut hineingibt, dürfte man ja vielleicht mal kurz innehalten und sich fragen: Passt das überhaupt zusammen? Passen wir zu denen, passen die zu uns? Wenn sie in Südkorea «frei» aussuchen können (d.h. sich an die Programme der Regierung halten), dann kann es passieren, dass sie etwa auf Usbekistan oder den Nepal zugehen. Und wir Schweizer? Sind wir auch schon festgelegt oder hätten wir ausser Südkorea überhaupt noch andere Optionen offen? Da ich nun in der Schweiz, in Deutschland, in den USA und Südkorea den grössten Teil meines Lebens verbracht, vier bzw. gut drei Jahre und nun zuletzt drei Monate ge-lebt, gewohnt und gearbeitet habe, erlaube ich mir einen tabellarischen Vergleich der vier Länder. Es kann jeder selbst sehen, mit wem wir Schweizer das Heu am ehesten auf der gleichen Bühne hätten bzw. auf wen man zugehen müsste nach dem Prinzip der Gegensätze, die sich anziehen.

So bleibt am Ende die Frage: Werden in naher Zukunft noch mehr Studenten aus Winterthur den Weg nach Korea und insbesondere an die INHA University finden? Und werden sich vielleicht auch schon bald Studierende aus Korea an der ZHAW blicken lassen?

Schaun ‘mer mal. Oder: das wird sich für alle noch zeigen, und es werden es am Ende alle sehen – auch die, die sich noch nicht so ganz sicher sind, ob sie gesehen werden wollen.

Von Prof. Dr. Markus Weber Sutter, Institut für Energiesysteme und Fluid-Engineering (IEFE)

Von Plato nach Konfuzius – Mit Schirm, Scham, Schande, Schmutz und Schutz, Teil 2

Müll aus Eimern in grösseren Säcken zusammenzuführen, halbausgetrunkene Becher anzufassen und zu sortieren, sieht man praktisch nur die Frauen der jetzigen Eltern- oder wahrscheinlich Grosselterngeneration. In den Putzmittelabteilungen fällt einem als erstes die riesige Auswahl an Handschuhen auf. Auch Polizisten und Wachleute tragen hier oftmals Handschuhe. Viele Dinge wie Guetsli oder Crackers sind in mehrere Lagen von Umverpackung eingetütet. Selbst an edlen Limousinen sieht man vielfach bunte, an den Türrändern aufgeklebte Hartschaumblöckchen, damit es gar nicht erst zu Komplikationen mit einem Mitmenschen kommt. Ein Gedränge ist hier eine Seltenheit, das Schlange-Stehen an der Bushaltestelle ist in Grossbritannien wahrscheinlich auch nicht dezenter und unaufdringlicher und ich wurde noch kein einziges Mal angerempelt. Manchmal springt es mich an, dass dieser Schutzfolien- und Distanzhaltungsfetischismus vielleicht auch einen Anteil an der beispielhaft tiefen Verbrechens- und Geburtenrate hat. Aber bei über 50 Millionen Einwohnern auf der Fläche kleiner als die ehemalige DDR kann das Land etwas Konsolidierung statt Wachstum bis ultimo gebrauchen. Unkontrolliertes, Natürlich-Wildes und Verwegenes bis Dreistes stehen hier ja ohnehin in den Ruf von Chaos und damit Aufbegehren gegen ein wohlgeordnetes System, das so essentiell wichtig scheint, dass es notfalls auch an den darin lebenden Menschen vorbei etabliert werden müsste. Es scheint also durchaus verlockend, in aller Sorgfalt einen mindestens zufriedenstellenden Status quo zu erhalten.

Bei den Instandhaltungs- und Putzroutinen kommt es dann aber zu Problemen. Diejenigen, die es täglich machen müssen, schämen sich wahrscheinlich dafür: Wenn man hartnäckigen Schmutz irgendwo entfernen möchte, dann muss man sich auf ihn zu bewegen, sich mehr oder weniger nach ihm recken, um darin zu schrubben, schaben oder stochern. Das ist wie eine kleine Erniedrigung. Sittlich weit akzeptabler erscheint in jedem Falle ein rein turnusgemässes Entlangwischen. Und so kommt es überall dort, wo sich Schmutz nur unmerklich, aber langfristig und vor allem unweigerlich an schlecht zugänglichen Stellen absetzt, zu systematischen Auslassungen, zur Verwendung rettungslos zu scharfer Putzmittel oder zu fast schamanischen Vorbeugungsritualen wie dem, an sämtlichen neuen Elektronikgeräten diese leicht bläuliche Schutzfolie gegen das Zerkratzen niemals abzunehmen, auch wenn dadurch jeder PC auf Dauer etwas von einer Vogelscheuche bekommt.

Es wird schwarz an den Rändern der Flure. Zwischen den Pflastersteinen tun sich Lücken auf. Auf dem sandigen Untergrund hier in Meeresnähe sinken die Steine ab und es brechen die Platten. Was soll man dagegen machen? Flugs einen äusseren Schuldigen finden und ihn zur Nachbesserung verknacken? Wenn es so einfach wäre. Also? Den mählichen Niedergang einfach nur hinnehmen? Solche Ladenlokale haben wir mehr als eines gesehen. Der Umsatz dort muss null sein. Jedenfalls solange sich kein Käufer für ein zwanzig Jahre altes Taschenrechnermodell in einer fingerdick mit Staub belegten ausgebleichten Verpackung meldet. Es ist müssig, hier die Dauerpräsenz der Verkäufer vom Arbeiten zu unterscheiden. Das Prädikat «dauer-busy» haben sich die Koreaner unter anderem durch eine Arbeitsgesetzgebung auf Augenhöhe mit den US-Amerikanern redlich verdient.

Und doch: Es gibt ein drittes (nicht wie bei Aristoteles) als Lösung, das Auskehren mit dem eisernen Besen am Ende. Das Ersetzen mit dem Brandneuen, das im Idealfall immun gegen den Niedergang ist, dem man zuletzt noch Tribut zollen musste. Am nötigen Kleingeld dazu gebricht es hier kaum. Bald werden sie sämtliche Sicherheitsgeländer an den Strassenrändern und die Parkplatzabsperrungen aus Normalstahl mit Schutzanstrich durch solche aus Chromstahl ersetzt haben. Man gönnt sich ja sonst nichts. Man kann ein Lokal oder einen Laden solange in immer gleicher Weise bewirtschaften, bis man am Boden des Fasses angekommen ist. Dann schmeisst man an einem einzigen Nachmittag alles hinaus, bugsiert es zu einer Ansammlung von Gleichartigem am Strassenrand, und es kommt tags darauf brandneue Ware, picobello von A bis Z – oder die Abrissbirne. In den grossen Städten wird von den Wohnquartieren mit ihren maximal zwei- bis dreistöckigen Häusern und der wäscheleinenartigen Stromversorgung (ähnlich wie in USA, aber bei 230 V) eines nach dem anderen plattgemacht. Als sich die Bewohner eines Quartiers in Seoul einmal solange auf die Hinterbeine stellten, dass man sie sich ihre beschaulichen Verhältnisse bewahren liess, machte diese Heldentat in vielen Reiseführern der Welt die Runde, weshalb dieses Quartier nun vom Tourismus erst heimgesucht, überrannt, dadurch entstellt und auf diese Weise zuletzt auch plattgemacht werden wird.

Das Einsammeln der Anhäufungen? Beim Altkarton und den Müllsäcken wird dies fast ausschliesslich von älteren Männern mit ihren Fahrrädern und Anhängern erledigt. Anderes scheint ewig stehen zu bleiben und der Abholung zu harren. Und was unternimmt man gegen den Geruch, der gelegentlich aus den Kanalschächten steigt? Hier ist Aufklärung etwas zwischen peinlich und unerwünscht. Denn wer kann und wer will schon so genau wissen, wie man Rohrleitungen verlegt? Besser scheint es, unbekümmert von den Einzelheiten dort unten, in einer gewissen Duldemütigkeit zu leben und einfach zu warten, bis es einem dereinst von wem gemacht wird – und dann gleich richtig.

Wenn sie einem erklären «We Koreans go to elementary school at age eight», dann meint das nur, dass die Kinder bei ihrer Einschulung ca. sieben Jahre alt sind wie bei uns, weil sie bei ihrer Geburt für den täglichen Sprachgebrauch als exakt ein Jahr alt gelten. Also: «How old are you – in Korean age?»

Runderneuerung durch rigoroses Abschütteln und Ersetzen ist auch eine Art, die eigene Vergangenheit zu bewältigen, wenn diese als ehrenrührig oder peinlich und belastend empfunden wird. Die langen Jahrzehnte als Protektorat Chinas, zuletzt als Kolonie der Japaner und am Ende noch die besondere Demütigung der Koreanerinnen als «Trostfrauen»: am besten einfach alles vergessen! Oder wollten die Koreaner den Japanern deshalb ewig gram sein und auf ganzer Linie mit ihnen brechen? Noch 2002 waren sie doch mit ihnen die Gastgeber der Fussball-WM. Jener Taxifahrer erzählte dazu: Es spricht grundsätzlich nichts gegen sie und auch nicht gegen den Kauf eines japanischen Autos. «They make fine cars» (der eine oder andere wurde schon gesichtet). Aber «…the bad thing about Shinzo Abe is that he repeatedly refused to apologize for what happend then…»

Beliebtes, auch weil nahes Urlaubsziel der Koreaner? Japan! Und nicht etwa China? China – ist problematisch; vielen Koreanern sei die dortige «Infrastruktur nicht gut genug». Ich mag mich täuschen, aber ich vermute, es mangelt dort im Küchen- und Sanitärbereich hie und da noch etwas an der porzellanartigen Anmutung.

Von Prof. Dr. Markus Weber Sutter, Institut für Energiesysteme und Fluid-Engineering (IEFE)

Von Plato nach Konfuzius – Mit Schirm, Scham, Schande, Schmutz und Schutz, Teil 1

Bevor ich über die US-Amerikaner und Koreaner auf die Koreanerinnen zu sprechen komme, die bei starkem Sonnenschein tatsächlich Schirmchen mit sich führen oder Schirmhütchen tragen – wie Gegenstücke zu den Bräunungsreflektoren westlicher Frauen, weil sie ja auch das Gegenteil bewirken sollen, fange ich einmal mit den Deutschen an. Als es in Europa noch keine festen Wechselkurse gab (also deutlich vor dem Euro-Bargeld) standen die Industriearbeitsplätze in Deutschland unter permanentem Druck einer besonderen Produktivitätssteigerung, weil die europäische Konkurrenz nach Gutdünken ihre Landeswährung gegenüber der D-Mark abwerten konnte. Die Findigkeit der Ingenieure richtete daher ein starkes Augenmerk auf Effizienz durch Produktionstechnik. Fertigungsstrassen für Automobile «Made in Germany» sind noch heute mindestens so gefragt wie die Fahrzeuge selbst, von denen hier erstaunlich viele und die meisten davon in Edelausführungen unterwegs sind (gefühlt nur «M», «AMG» und «RS»). So waren «die Lohnstückkosten nie das Problem» (Oskar La Fontaine).

Wie wird man eigentlich findig – oder fündig – in Belangen der Produktionstechnik? Ein «Grad Student», den ich in South Carolina kennen gelernt hatte, verriet mir mal eine Weisheit von seinem Vater, der Leiter einer kleinen Produktionseinheit gewesen sein muss: «You know what to do with a really tedious work process? Would you give it to the most diligent, serious worker? No! Give it to the laziest guy in the whole company! Not too long, and he will have found a way to cut this process down». Das erinnert an den genialen Albert Einstein: «Make it as simple as possible – but not simpler!» Dafür, dass sie so viele kleine und grosse Einsteins in ihren Reihen haben, muss man die Amerikaner einfach lieben. Genauso wie für die poetische Eindringlichkeit mancher Liedtexte ihrer Singer-Songwriter, die sich kunstvoll jedem einfachen Reimschema entziehen.

Unlängst habe ihm einer, sagte mir der äusserst sympathische junge Koreaner (etwa mein Alter 😉), den ich einmal im «Guest House» und ein anderes Mal im «Faculty Dining Room» antraf, zu Hause im US-Bundesstaat Washington, wo er nun seit einiger Zeit als Professor an der dortigen State University lehrt und mit seiner Frau lebt, dazu geraten, sich bei neuen Bekanntschaften auf Englisch doch als «Chain Key» vorzustellen, wenn er sichergehen wollte, dass sein Gegenüber seinen Namen nicht früher oder später verhunzt. Da war sie doch wieder, diese Felddiensttauglichkeit amerikanischer Didaktik, mit der man tatsächlich den Aufbaukurs in Phonetik im nächstgelegenen Eisenwarenge¬schäft abhalten könnte – der Verkäufer als Dozent, und die Studenten seine Kunden. Ein Lehrstück. Jedenfalls musste ich «Chain Key» umgehend beichten, dass ich seiner Frau neulich im Hauseingang womöglich insofern etwas zu nahe getreten sei, als mir aus lauter Anschlusshandlungsunfähigkeit keine bessere Floskel eingefallen war als «How do you like it over here?», denn die beiden waren ja im Unterschied zu mir an der INHA-Universität sozusagen auf «Heimaturlaub». Es müsste mich mal in Winterthur auf der Marktgasse ein Brasilianer fragen, was ich eigentlich so von den Lebensumständen der Nordschweiz halte. Es war mir, so stellte sich heraus, peinlicher als ihm, dass ich seine Frau irgendwie dazu veranlasst hatte, mir anzuvertrauen: «Not so much as at home in Washington. It’s kind of dirty here and, you know, Koreans are always busy». Dabei klang ihr «busy» mehr wie ein «bitchy» – «fleissig, sehr fleissig» hätte ich gesagt, aber «zickig» oder «kratzbürstig»? niemals! –, nur kennt das Koreanische eben kein stimmhaftes «S». «Ja», meinte er, «damit hat sie doch recht. Der ganze Müll und Dreck hier an jeder Strassenecke!»

Die offene Anklage der Verhältnisse in jenem Land, in dem die beiden ihre früheren Jahre verbracht haben mussten, schien mir später mehr ein Gefühl zu überdecken, wie es der episodenweise schwer drogenabhängige (etwa Opioide?) Johnny Cash in seinem «…what have I become, my sweetest friend?…» anklingen lässt. Was ist nur aus mir, uns oder dem Unseren geworden? Die koreanische Nationalhymne singt unter anderem davon, dass sie dieses Land in seiner Schönheit kommenden Generationen weiterreichen wollen, bis dass ihr heiligster und höchster Berg (der auf der nordkoreanisch-chinesischen Grenze liegt) ins Meer gewaschen sei. Und nun: «Wie konnte uns das nur passieren? Die Dinge sind doch gar nicht so, wie wir das immer gewollt hätten. So ist es kein Land mehr, in dem wir gut und gerne leben würden». Weiterreichen? Na, wenn’s einer so noch haben will, wohlan! Eine solche Abrechnung mit der früheren Heimat muss selbst einen Gast betroffen machen.

Aber die USA sauberer und weniger «busy»? Dort, wo ich während knapp zwei Jahren, wenn ich nicht Acht gab, mit meinem Mountainbike auf dem Heimweg den immer gleichen Kadaver eines Opossums überfuhr, bis der, kurz vor meiner Abreise 2001 papierdünn geworden, weggeweht wurde? Dort, wo Schulklassen und Burschenschaften Highway-Abschnitte «adoptieren» müssen, damit überhaupt jemand die Segnungen der Fast-Food-Industrie aus den Böschungen fischt? Kleinstädtisches Leben in den eher nördlichen Bundesstaaten muss so etwas Properes und Nachbarschaftlich-Entspanntes haben, wie wir es auch noch kennen und wie es unter den immer zahlreicheren riesigen Wohntürmen in Incheon bald gar keinen Platz mehr haben zu haben scheint.

Sittlichkeit, und die wird bei Konfuzius sehr grossgeschrieben, gebietet Abstand zum Unreinen. Solan¬ge der Abstand mit Vermeidung erreicht werden kann, spielen den Koreanern ihre bis ins Sterile reichende Pingeligkeit und ihre Emsigkeit in die Hände. Atemmasken allerorten. Schilder mit «…take all your trashes (sic!) with you…» noch auf 1’600 m ü. M. Und es wirkt: Achtlos weggeworfenen Müll am Strassenrand, auf Wanderwegen oder in Bussen und Bahnen müsste man detektivisch suchen gehen. Dabei gibt es kaum Mülleimer im öffentlichen Raum, und so ein Wegeputzfahrzeug wie bei uns habe ich hier noch keines gesehen. Auch wo das nett Hergerichtete, das Aufgeräumte, schön Drapierte nur durch millionenfache Handgriffe erreicht werden kann, finden sich immer Heerscharen von Arbeitskräften, meist Frauen der älteren Generation, die unermüdlich Unkraut jäten, Gemüse auf gleiche Länge schneiden und entfitzeln, um es dann auf Knie- oder Knöchelhöhe im offenen Verkauf feilzubieten. Obst im Supermarkt? Etwas für Snobs, möchte man meinen. All diese Formschalen, Pölsterchen und mit Monster-Klarsichtfolie bespannten Panzerkoffer. Alles, was schlechter als makellos aussieht, gilt als minderwertig. Auf diese Makellosigkeit achten sie auch bei ihren Gesichtern und Händen, was ihnen diesbezüglich eine fast porzellanartige Anmutung verleiht. Bei einigen Koreanerinnen erlebt man, wenn sie in einem öffentlichen Transportmittel platznehmen, dass sie ihre Puder- und Schminkedöschen aufklappen und – ich übertreibe nicht – eine ganze Fahrt mit nichts anderem verbringen als dem Sich-noch-schöner-Machen und sehen dabei am Anfang wie am Ende aus wie aus dem Ei gepellt. Und das (Sich Schminken) ist nicht etwa verpönt oder ein Zeichen ungehörigen Benehmens. Kombiniert mit allem anderen ergibt sich so ein ausgeklügelt wirkendes, kulturell gefestigtes System gestaffelt aufsteigender Reinlichkeit, die auf dem Boden und bei den Schuhen, die man sich im Eingangsbereich der Wohnungen auszieht, bevor man seine Füsse auf den um einen Absatz erhöhten Wohnbereich setzt, beginnt und sich über Hausschuhe, Küchenschürze, Wegwerfhandschuhe und Kopfhaube bis in die Fingerspitzen fortsetzt, so dass Lebensmittel auch nach ihrer Zubereitung so gut wie keimfrei sind. So manches wird kalt oder lau gegessen. Magenverstimmung? Unbekannt. Das koreanische Essen liegt und trägt auch kaum auf.

Von Prof. Dr. Markus Weber Sutter, Institut für Energiesysteme und Fluid-Engineering (IEFE)

Von Plato nach Konfuzius – über den grossen Teich geschaut

Ob das am Ende nicht vielleicht doch eine Spur zu exotisch werden könnte für mich – und meinen Gaumen –, fragte ich Wolfgang Kickmaier. Ach, i wo! Südkorea ist sozusagen «Eastern Asia for beginners», kulinarisch und ganz allgemein vollkommen «durchamerikanisiert». So nannte er das. In den Staaten hatte ich ja auch schon mal für drei Jahre gelebt, also musste es jetzt auch klappen. Und tatsächlich begegnen einem hier viele Dinge, die wie von den US-Amerikanern übernommen daherkommen. Ohne die USA gäbe es die «Republic of Korea» gar nicht – oder jedenfalls nicht in der Form. Den Koreanern ist das sehr wohl bewusst: General-Mc-Arthur-Statue hier, Denkmal zur Festigung der Freundschaft USA-Südkorea da, grosse, repräsentative Limousinen, breite Strassen, gemeinsame Manöver, gemeinsame Feinde, amerikanische Truppen auf koreanischem Boden – alles Normalität. Und immer, wenn das Koreanische in seinem Original für einen Gegenstand oder Sachverhalt, der bis vor kurzem hier komplett inexistent war oder schien, keinen passenden Ausdruck hergibt, steht das amerikanische Englisch Pate bei der Schaffung von Lehnwörtern («Kompiutoa», «Bodikae» «Hailait» usw.). In mir wurden ständig auch die herrlichen Gags und die Ironie der amerikanischen Unterhaltungsindustrie wieder wachgerufen: Jay Leno’s «Tonight Show», «…the war on Christmas…», «…Latin? That’s something for Catholics. Come on!…»
A propos, oder speeking of which: Meine gesamten Vorfahren sind oder waren, soweit mir bekannt, mehr oder weniger stramme westfälische Katholiken. Während noch meiner Oma ohne einen sonntäglichen Kirchgang fast körperlich etwas zu fehlen schien, konnte ein Bruder meiner Mutter, als meine Schwester und ich ihn einmal im Ruhrgebiet besuchten, uns auf einer Autofahrt bei jeder zweiten Kirche, die wir erblickten, Dinge sagen wie: «Guckt mal! Da steht doch auch wieder so eine Halleluja-Garage.» Und wenn wir den Tabubruch dann mit Lachen quittierten, kam: «Ja, da, wo dieser komische Vorturner doch immer ist.» Dazu fuchtelte er dann, mit den Händen längst nicht mehr am Lenkrad, wild in der Gegend herum. Damals krümmten wir uns vor Lachen. In den USA hatte ich sie zum ersten Mal in meinem Leben in echt gesehen: Kirchen mit eingebauten Wohnungen und Garagen. Und exakt so sehen hier viele auch aus. Man weiss dann jeweils nicht, ob sich in solcher Architektur die Reduktion auf einen Raum, in dem sich «zwei oder mehr im Namen» ihres Stifters versammeln können, ausdrückt oder ob sie der Unterbringung der Wechslertische und der aus Pflugscharen geschmiedeten Schwerter dient. Die Orgelklänge jedenfalls, die aus der Kirche, die gleich neben dem «Guest House» der INHA Universität steht, über meinen Balkon zu mir ins Zimmer geweht werden, kommen mir sehr vertraut vor.

Die Menschen in Ostasien wissen sehr wohl, dass nicht die Europäer das Schiesspulver erfunden haben. Umso schwerer muss ihre Volksseele von Demütigungen wie den Opiumkriegen getroffen worden sein. Das Jahrhundert danach heisst in China «das Jahrhundert der Schande». Die Rückständigkeit abzuschütteln, in die sie zivilisatorisch geraten waren, ist seither zum Leitmotiv ihrer energischen Aufwärts- und Vorwärtsbewegungen geworden.

Wer sich auf Wikipedia über die Rolle der Religion («Opium des Volkes», Karl Marx) in Korea informiert, lernt vermeintlich längst Bekanntes noch einmal von einer neuen oder, wenn man so will, sehr alten Seite zu sehen. Auch die Europäer hatten ihre dunklen Jahrhunderte. Die Erhebung des Christentums von einer missliebigen Sekte zur Staatsreligion im Römischen Reich fruchtete schon bald im Abschütteln alles Heidnischen, und so mussten auch die Weisheiten eines Plato oder Aristoteles für ein knappes Jahrtausend von der Bildfläche verschwinden. Dass diese Schätze dann im Zuge der Renaissance so einfach ein zweites Mal gehoben werden konnten, verdanken die Christen auch den Muslimen. Wenn man also selbst als Gelehrter gut tausend Jahre lang nichts einsehen konnte, was man nicht durch Gott zur Einsicht bekommen hatte, wenn es keine Weisheit gab, die ohne das Postulat von Gottes unbezweifelbarer Existenz auskommen konnte, so wurde dies in der Renaissance und der später folgenden Aufklärung grundlegend anders. Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit dadurch, dass man sich seines Verstandes ohne die Anleitung eines Dritten bediente, wurde zum Gebot der Stunde und zum Schlüssel unzähliger Einsichten und Einblicke, mit denen die geistige Durchdringung von Natur und Technik, wie sie sich bis dahin in Asien entwickelt hatte, im Eilzugstempo überholt, qualitativ übertrumpft wurde, müsste man sagen. Im englischen Begriff «enlightenment» schwingt zwar noch ein wenig der dem Betrachter gewogene «Beleuchter» mit, aber auf der anderen Seite festigt der neueste Werbefilm der ZHAW den Triumph des (eigenständigen) Denkens über das blosse Wissen – über die Beschwörungsformeln erst recht.

Die grosse Mehrheit der Koreaner war lange Zeit in einer Art Naturreligion mit Ahnenkult, dem Sindoismus, verhaftet, während «organisiertes» Religiös-Sein den Oberschichten vorbehalten blieb. Es war schliesslich aber der bemerkenswerte Impetus der herrschenden Könige, Religionen wie Buddhismus oder Christentum («Platonismus fürs Volk», Friedrich Nietzsche) ins Land zu holen, um die Bevölkerung aus ihrer Umnachtung in die Moderne voranzubringen. Die Chinesen hatten damit Erfolg, also holte man sich hier auch Handelshäuser und die Kirche aus Europa in die Hafenstädte. Eine Keimzelle des modernen Incheon war ein deutsches Handelshaus. Bei dem hohen Stellenwert der Schulbildung im Konfuzianismus und beispielsweise den Klosterschulen hatten sich da aber zwei gefunden! Der Konfuzianismus fand bei vielen Koreanern auch wegen seiner Riten zur Ahnenverehrung Anklang und wirkte so prägend auf den Buddhismus ein, der dadurch ein eigener koreanischer Buddhismus wurde. Auch die katholische Kirche hatte seit der Duldung der Ahnenverehrung etwas bessere Karten in der Hand.

So ist hier eine katholische Kirche bar jeglicher Altlasten aus ihrer Vorgeschichte angelandet. Hier konnte sie als Tabula rasa starten und soll sich auf die Barmherzigkeit und Wohltätigkeit konzentrieren, darin sind sich der Staat und die Bevölkerung einig. Sie steht soziologisch aber auch für die Ankunft der Aufklärung, und das kann sich jeder Katholik einmal auf der Zunge zergehen lassen.

Wie froh sie sind, die Koreaner, sich die Segnungen der Aufklärung nun voll und ganz einverleibt zu haben! «Du Mensch kannst alles einsehen, in alles Einblick nehmen. Traue dir das nur zu!» Dann kommen die Hochöfen und Smartphones wie von alleine. So hier geschehen. Die LED-Displays sind kein Zufall. Mit den Hochöfen und den Kohlekraftwerken kommt zwar auch die Luftverschmutzung, aber die weht, wie ich mir habe sagen lassen, vor allem aus China herüber. Die Externalisierung des Üblen ist ein klassisch christlicher Topos. There you go. Noch etwas Zweites scheinen sie sich mit an Land gezogen zu haben: Den schwierigen siamesischen Zwillingsbruder der Aufklärung, den Panoptismus. Er macht keine lauten Ansagen, er wispert nur, wobei offenbleibt, ob überhaupt wahr ist, was er sagt: «Du Mensch kannst bei allem gesehen werden. Halte das durchaus für möglich! Gewöhne dich daran! Oder mute dich besser gleich den Blicken aller anderen zu!» «Social Media» und Selfiestick sind auch hier angekommen – zusammen mit einer Unzahl an Überwachungskameras.

Hierin scheinen mir die Koreaner eher angelsächsisch: «Public Safety» und das Funktionieren des Staates sind so sehr überlebenswichtig, dass sie womöglich zwar die Kantische Schrift zum ewigen Frieden ganz nett finden, im Zweifelsfalle aber zur Stabilisierung der Verhältnisse lieber dem Hobbes’schen Leviathan Tür und Tor öffnen. Die an Konformismus gewohnten Ostasiaten haben mit einem autokratischen Regime tendenziell etwas weniger Berührungsängste als wir, solange dadurch z.B. nur die drängenden Probleme gelöst oder die Korruption ein für alle Mal beseitigt würden.

Daran, welchen Verlauf der Stellenwert des Individualismus und der Privatsphäre in den kommenden Jahrzehnten nimmt und inwieweit wir in Europa überhaupt willens und in der Lage sind, etwas anderes zu verwirklichen, als es sich hier abzeichnet, wird sich auch messen, ob man in Asien unsere Lebensentwürfe, unsere Lebensart oder Kultur je wieder zu einem erstrebenswerten Vorbild nimmt. Alles andere haben sie ja bereits selbst auch oder übernommen.

Wenn man das Christentum mit der Nächstenliebe assoziiert, während der Buddhismus ebenfalls in dem Zum-Versiegen-Bringen des ewigen Dürstens nach mehr, in einem asketischen und altruistischen Leben ein Ideal erkennt, gleichzeitig aber etwa die Hälfte der Koreaner komplett ohne Bekenntnis auskommt, dann ist es umso umwerfender, mit wieviel Freundlichkeit, welchen Geschenken und welcher Zuwendung ich hier zum Teil fast beschämt wurde. Sie selbst nennen das ganz säkular und bescheiden, fast profan: «…trying to be helpful…». Als mir eine Studentin ihre neue Jacke für meine Tochter (der dieses für Aussenstehende nicht erhältliche Kleidungsstück so sehr gefiel) als Geschenk überreichte, hätte ich fast geweint. Sie wolle ja nur, so sagte sie, sicherstellen, dass ich mit einem positiven Eindruck nach Europa zurückkehren könnte. Als meine Tochter in einem Laden zwanzig Franken von ihrem eigenen Taschengeld an den Kauf von zwei entzückenden traditionell koreanischen Kleidern für ihre Puppen beisteuerte, da legte die Verkäuferin noch drrei weitere als Geschenk obendrauf.

Sogar dem (ehemaligen) Feind die Hand zu reichen, das scheint Jae-in Moon bereit zu sein. Mein Gastgeber sprach einmal davon, dass die innenpolitischen Spannungen in Südkorea nicht unerheblich seien. Als mir bei meinem allerersten Besuch in der 10-Millionen-Metropole Seoul gleich ein Eiferer mit einem Transparent vor meine Kamera sprang, wie verwerflich und dem Wohlstand der Koreaner abträglich diese Aussöhnungs- und Annäherungspläne doch seien, als ich die Uniformen der Veteranen sah, die Marschmusik hörte und «R.O.T.C.» las, wusste ich, was es geschlagen hatte. «Fast vollkommen durchamerikanisiert». Sollte China die USA als Macht mit dem grössten Einfluss auf Südkorea ablösen, so gefällt das einigen gar nicht. Sie hätten lieber eine Zukunft, die man mit der Vergangenheit glatt verwechseln könnte.

Von Prof. Dr. Markus Weber Sutter, Institut für Energiesysteme und Fluid-Engineering (IEFE)

Von Plato nach Konfuzius – Kein Latein?

Man sollte jetzt als Europäer auf keinen Fall der Versuchung erliegen, den Vergleichswettbewerb auf jene bald zum peinlichen letzten Vorposten verkommene und eben nur vermeintliche Bastion einer alt-ehrwürdigen bedeutsamen Tradition zu verlagern und zu fragen: «Wie haltet ihr’s mit dem Latein?» Wobei «Latein» hier durchaus als Platzhalter, aber auch wörtlich zu verstehen ist. Ich hab’s – unfreiwillig zwar – erprobt und kann mich von der Peinlichkeit nur schwerlich erholen. Mich haben schon mindestens drei Menschen (mein Gastgeber und zwei Wildfremde), als sie «Schweiz» («Süö-ui-sö») verstanden, fast reflexartig gefragt: «Ja, sag mal: Schweiz, das war doch das Land mit den vier Landessprachen. Welche waren das gleich nochmals? Deutsch, Französisch und dann?» «Dann», sagte ich, «kommen da noch das Italienische und das Rätoromanische. Vielleicht wäre es realistischer, Englisch als vierte Landessprache zu nennen oder von fünf Landessprachen zu sprechen. Das Rätoromanische wird es wahrscheinlich gar nicht mehr lange geben». So wollte ich vermeiden, mich für das Rätoromanische irgendwie erklären zu müssen. Der eine liess aber nicht locker, bis ich ihm erklärte, er solle das nicht mit dem Rumänischen verwechseln, sondern es so verstehen, dass es direkt vom Latein abgleitet sei, also «…has to do with Ancient Rome…». Worauf er in fehlerfreiem Englisch sagte: «Actually, the nation of Romania does, in fact, have to do with Ancient Rome.» Oder als neulich «Han-Geul»-Feiertag war, also die über fünfhundert Jahre alte Leistung des koreanischen Königs Sejong, das chinesische Schriftzeichensystem durch ein vereinfachtes Silbenalphabet ersetzt zu haben, gefeiert wurde, die Supermärkte, für mich überraschend, geschlossen waren und sogar auf den Baustellen morgens um sieben Uhr etwas weniger Lärm gemacht wurde, erklärte mir Hyeon-Seok: «Was da gefeiert wird, musst du dir so vorstellen, wie wenn die Römer vom griechischen Alphabet wegkommen und an seine Stelle ein eigenes setzen.» Ich muss dazu sagen, dass ich mich jetzt schon über sechs Wochen mit dem «vereinfachten Schriftsystem» befasst habe und kaum über «guten Tag» und «Dankeschön» hinauskomme – zeigt vielleicht auch nur, dass man nicht jünger wird. Da hat also ein ganzes Volk ein althergebrachtes Kommunikationssystem abgeschüttelt und durch ein neues ersetzt, weil mit dem alten zu wenige Menschen an der allgemeinen schriftlichen Kommunikation teilnehmen konnten.

Und jetzt steht ihnen mit der Globalisierung – auch oder vor allem im Wissenschaftsbetrieb – wieder ein neues Zeichensystem ins Haus: die lateinische Schrift. Und sie lernen sie alle. Englisch gibt es im Schulunterricht von der ersten oder dritten Klasse an. Einer mit leidlich gutem Gymnasialabschluss verfügt also hierzulande über Koreanisch auf hohem muttersprachlichem Niveau, Kernbestände an Chinesisch und Englischkenntnisse, die sich mit denen unserer Maturanden mindestens vergleichen lassen. Wie heisst es so schön: «The common language of science has become (broken) English.» Die lingua franca der Wissenschaften ist längst nicht mehr Latein, sondern gebrochenes Englisch. Die Koreaner lernen unsere Schrift mit Eifer und Freude. Marken und Namen aus USA und Europa oder solche, die wenigstens so klingen, sind durchwegs positiv besetzt und schwer angesagt. Den Umgang mit den Namen und Bezeichnungen (die hier schier unaussprechlich sein dürften) betreiben nicht alle Koreaner mit der gleichen Leichtigkeit. Weshalb ich gute Gründe sehe, den Campus und das studentische Ausgehviertel in Incheon als «Quartier Latin» in zeitgemässer Neuauflage zu bezeichnen.

Die Begeisterung und fast völlige Unbefangenheit mit unserem Alphabet und unseren modernen Sprachen reicht vereinzelt sogar bis zum richtigen Lateinisch zurück. Völlig platt war ich vor ein paar Wochen, als ich abends um elf den Fernseher einschaltete, um mich an den Klang einer Sprache zu gewöhnen, von der ich kein Wort verstand, und auf einem der Sender folgendes gegeben wurde: Der Intendant und Dirigent eines minimalen Show-Kirchenchores studierte mit den etwa acht in Talaren gewandeten Sängerinnen und Sängern eine Passage aus dem «Komm, Heiliger Geist» ein, wobei viel Wert auf absolut professionelle sängerische Darbietung gelegt wurde und im Wechsel aus jeder der Stimmen eine Interpretin oder ein Interpret hervortrat, um die Passage noch einmal in der Manier einer Opernsängerin oder eines -sängers vorzutragen und dabei die Unterschiede zu kommentieren, die ein Tremolo und ein Vibrato machen konnten. Der Intendant schien sehr zufrieden und ließ den Chor zum Abschluss noch einmal singen «…QVAE TV CREASTI PECTORA…», und damit jeder – auch Fernsehzuschauer – verstehen lernte, was man da sprechen oder singen sollte, war der Originaltext am Bildschirm mit jenen koreanischen Schriftzeichen unterlegt, die diese lateinische Passage phonetisch nachstellten. In der Gegenrichtung sind sie mit ihren Hilfestellungen genau so deutlich: «Forget about Romanization!», also etwa «Vergiss das Koreanisch-Lernen anhand lateinisch transkribierter Silben!» Ich kann es nur bestätigen. Die Transkription kann nur gewinnbringend einsetzen, wer wie ein Muttersprachler englisch spricht und dazu über eine gründliche linguistische Ausbildung verfügt, also nachvollziehen kann, was sich die Erschaffer der Transkriptionsregeln mit Blick auf die Phonetik gedacht haben müssen.

Von Plato nach Konfuzius – Ein schlechter Reim mit «klein»

Anfangs hatte ich den Eindruck, der einzige Europäer oder «Westler» hier am Campus zu sein. Doch mittlerweile sind mir mindestens ein Dutzend Leute begegnet, die Studenten oder «Mitglieder des Lehr- und Forschungskörpers», also «Faculty Members» westlicher Hochschulen gewesen sein müssen. Unter den Männern nicht wenige, die deutlich größer sind als ich – und das nicht, weil ich etwa besonders klein wäre. Es muss ihnen also zumindest bei der Ankunft und in den ersten Begegnungen mit vielen Einrichtungen und dem Mobiliar so gegangen sein wie mir, ein bisschen so, wie wenn sich Schneewittchen bei den sieben Zwergen an eines der Tischchen zu setzen und aus einem der Becherchen zu trinken versucht. Auch ein jovialer Blick an der jungen Generation vorbei auf die Koreanerinnen und Koreaner so ab sechzig aufwärts ist einer auf fast durchwegs für unsere Massstäbe bemerkenswert kleine, oft knorrige, irgendwie von den Strapazen eines arbeits- und entbehrungsreichen Lebens sichtlich gezeichnete Menschen.

Und ganz schnell geschieht es, dass sich einem neben dem Eindruck des «Klein-Seins» noch der einer gewissen Kindlichkeit aufdrängt. Wobei Kindlichkeit immer auch etwas Unbeschwertes, Erfrischendes hat. So geschah es mir bei meinem ersten Mittagessen, dem ich schon mit einer gewissen Anspannung entgegengesehen hatte, dass mich Hyeon-Seok (man spricht in etwa «h’Jån-‘Såk»), der Doktorand, der mir von meinem Gastgeber zur Seite gestellt wurde («…he is my brightest grad student…», was immer offensichtlicher werden sollte), in ein Restaurant führte und vorschlug, geschmortes Hühnchen an Glasnudeln in Soja-Sauce mit Reis zu bestellen – ein Gericht ab zwei Personen. Man lud sich also aus einer in der Mitte auf einem runden Tisch plazierten Pfanne Bröckchen des Hühnerfleisches und Glasnudeln immer wieder auf den eigenen Teller und versuchte, mit Stäbchen irgendwie dieser in Sauce getränkten Glasnudeln Herr zu werden, wobei mir bedeutet wurde, es sei auf jeden Fall statthaft, wahlweise auch den beigelegten Löffel zu benutzen. Als ich versuchte, eine nächste Portion von der Pfanne auf meinen Teller zu überführen und dabei die Schleppe an aus der Sojasauce gezogenen Glasnudeln so gar nicht enden wollte, gab mir Hyeon-Seok ein Zeichen, mich nicht kompromittiert zu fühlen, griff zu einem Utensil, das wir angesichts seiner kunststoffummantelten Griffe als Bastelschere bezeichnen würden, und schnitt die Nudeln ab, so dass die unteren Enden alle wieder in ihr Bad in der Sauce zurückfielen und dort verschwanden. Das sei üblich und bestens etabliert, sagte er und tat es im Verlauf noch mehrere Male sowohl bei den Nudeln, die ich mir zu nehmen versuchte, als auch bei denen für ihn selbst. Und das war nicht alles. Schon wenige Tage später beobachtete ich beim Einkaufen im Supermarkt, dass nicht wenige Kunden noch einige Zeit an der Aussenwand des Marktes etwa dort, wo man die Einkaufskörbe und -wagen zurückstellt, verbrachten, und wunderte mich, was die da so emsig mit ihren Einkäufen taten. Immer wieder hörte man ein leichtes Zirpen oder Kreischen, bis mir klar wurde: Hier zurren die Kunden mit meterweise Paketklebeband ihr Eingekauftes zusammen, damit beim Transport nichts herausfallen kann. Also jemand kauft z.B. zwei oder drei flache Dreissigerkartons (!) mit rohen Eiern. Klar, die muss er erst einmal stapeln, mehrfach umwickeln und am besten noch mit etwas Passendem zusammenzurren. Wie war das eigentlich bei uns gelöst? Es sind immer sechs oder zwölf Eier in einer verschließbaren Schachtel, und für die meisten Haushalte sind oft sechs Eier schon eines zu viel. Hier waren vor dem Supermarkt gleich eine ganze Batterie grosser, standfester Paketbandspender postiert, denen das Klebeband niemals ausgehen konnte. Sollte eine Rolle leer geworden sein, würde aus dem vertikalen Metallschacht gleich die nächste nachrutschen, sobald man die aufgebrauchte entfernt hätte. Ein Eldorado also für ein Kind im «Chläberli-Alter». Dazu kommt noch die in fliessenden Grenzen mit den Produkten der Unterhaltungsindustrie verwobene Anleitung der Gesellschaft zum Wohlverhalten durch allerlei Fanfaren und Melodien, wie man sie von Kinderspielzeugen kennt. Und wie immer kommt in unseren modernen Zeiten noch das Micky-Maus-T-Shirt-Phänomen bei den Erwachsenen zum Tragen, das man als Trotzreaktion oder Wiedergutmachungsaktion für eine in gewissem Sinne nicht gehabte oder jedenfalls nicht voll ausgekostete Kindheit interpretieren kann. Das Spiegelbild zum Jugendwahn unter den Erwachsenen, die Pflicht der Kinder, verdammt-nochmal erwachsen zu sein, scheint in Korea keine unbekannte Grösse. Ich muss für die jüngeren Leser ergänzen, dass die erste Tuchfühlung mit dem Wort «Korea» in unserer Kindheit folgende war: Das war unvorstellbar weit weg, die Menschen dort mussten zum Teil in grosser materieller Not leben und darum fürchten, ihre Kinder nicht ernähren zu können, so dass die Generation unserer Eltern von dort in begünstigten Verfahren kleine Kinder adoptieren konnte, mit denen wir dann als unseren allerersten exotischen Klassenkameraden zur Schule gingen. Die fernöstlichen Volkswirtschaften und Zivilisationen konnten uns gefühlt irgendwie noch lange nicht das Wasser reichen, sie waren auf Entwicklungshilfe angewiesen. Weil diese Gesellschaften aber niemanden im Westen bedrohten, keinem so schnell gefährlich werden konnten, die Menschen dort so fleissig, an Verbesserung interessiert und lernbegierig waren, neigte man dazu, alles, woran sie scheiterten oder womit sie sich schwertaten, mit einer an Herablassung grenzenden Grosszügigkeit zu sehen. Bei einem Kind hätte man gesagt: «Lasst sie/ihn doch erst einmal machen! Die/der macht das für ihr/sein Alter doch schon recht gut. Sie/er ist ja noch so klein».

Aber das hat sich radikal verändert. Von dem eben gezeichneten Bild bleibt ausser der Bastelschere, den Kleberollen und den Kindermelodien kein Stein mehr auf dem anderen. Die jungen Leute hier sind gross, die Limousinen, die Randsteine, die Strassen, die Einkaufszentren, überhaupt die Städte, die Häuser und sogar die Mahlzeiten, sie sind alle gross. Die ganze Volkswirtschaft ist gross – erst in jüngerer Zeit gross geworden, ja, aber gross. Im Bereich Schiffsbau und LED-Displays sind die Koreaner Weltspitze, fast einsam. Es ist Zeit, dass wir uns im Westen eingestehen: Die stehen uns in kaum mehr etwas nach. Als ich in einer Art «fishing for compliments» dem mehrsprachigen Taxi-Fahrer, der meine Frau, meine Tochter und mich am Flughafen sogar in einem Satz auf Deutsch begrüsst hatte, gesprächsweise zu verstehen gab, dass die Entwicklung in Korea doch eigentlich atemberaubend sei und ich den Eindruck hätte, es gehe nicht mehr darum, dass sie, die Koreaner, uns irgendwie einholen oder zu uns aufschliessen könnten, sondern schon eher darum, dass wir uns haben überholen lassen oder um den Anschluss bangen müssten, da nickte er nur in vornehmer Zustimmung.

Von Prof. Dr. Markus Weber Sutter, Institut für Energiesysteme und Fluid-Engineering (IEFE)

Von Plato nach Konfuzius – das andere und das ganz andere

«Was uns Menschen,» so hatte ich unlängst in einem Interview jemand Kluges antworten gehört, «antreibt, sind wesentlich zwei Dinge: erstens die Suche nach dem anderen und zweitens die Suche nach dem ganz anderen.» Gemeint waren damit die Suche nach dem Mitmenschen, dem Ebenbild und Weggefährten, und die Suche nach einer höheren Entität. Das hat mich ob seiner Kürze und Prägnanz fast komplett vereinnahmt – und seither nie mehr ganz losgelassen. Die beschriebene Hingezogenheit als Triebfeder für alles, was wir tun und angehen, ist vor allem in der abendländischen Geistesgeschichte stark verankert. So heisst es etwa: «Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.» (Mt 25,40; EU). Hier sind die beiden Objekte der Suchbegierde sogar ethisch und spirituell kongruent. Der Philosoph Ludwig Andreas Feuerbach sagt im 19. Jhdt., dass im «Du» für das Menschsein der einzelne mit seinem Gattungsbegriff verbunden ist, und der Theologe Eugen Drewermann verbildlicht und leitet die von ihm postulierte inhärente Tötungsabneigung des Menschen eindrücklich über die Schilderung her, dass auch die Menschen, die achtlos oder mit einer gewissen Genugtuung einen Käfer zertreten könnten, schon ein erstes Mal zusammenzucken, bevor sie ein Eichhörnchen töten würden, und vollends innerlich entwaffnet wären, hiesse man sie, einem Schimpansen, dem sie Auge in Auge gegenüberstehen, ein Messer tödlich in den Leib zu stossen.

Das alles hat einen Zusammenhang zu dem, was ich über meine Erlebnisse in Südkorea erzählen will. Traditionell kümmert uns im Abendland das «Du». Mehr noch: Wir sind es gewohnt, auf Dinge zuzugehen. Mit dem «Du» und manchen Dingen haben wir unsere ersten Auseinandersetzungen. Wenn hie und da bis zur Bewusstlosigkeit von den Vorzügen des «problem-based learning» die Rede ist, dann setzt das wie selbstverständlich voraus, dass ein Mensch, wenn ihm nur etwas Unfertiges, ein Stück kognitive Dissonanz sozusagen, vor die Füsse geworfen wird, gleichwohl auf dieses etwas, das Problem (gr., «das vor einen Geworfene»), zugeht, um sich ihm zu widmen und mit ihm auseinanderzusetzen und um es letztlich einer Lösung zuzuführen. Ähnlich denken wir über Vorwürfe. Sie sind oft ein Gesprächsanfang. Wie stark das alles ist, kann man erst ermessen, wenn man sich mal vorstellt, man hätte ein anderes geistig-kulturelles Vermächtnis und so auch ein anderes Verhältnis zu den Dingen, die uns dazu bringen, aus uns heraus zu gehen. Man könnte schliesslich auch sagen: «Ein Problem? Das stört mein Harmoniebedürfnis. Bitte, wie kann ich ihm so aus dem Weg gehen, dass es nicht mehr da zu sein scheint? Unser stark verinnerlichtes «Anpacken» und «Lösen» aller Probleme verrät auch etwas über unser teleologisches Weltbild, also dass ein Jetzt-Zustand auf ein erwünschtes Ende hin entwickelt werden soll. Ein zirkuläres Weltbild impliziert so etwas überhaupt nicht.

Wir hatten an der ZHAW vor ein paar Jahren einen Postdoktoranden aus Thailand für einen Vortrag zu Gast, mit dem Armin Züger und ich zum Abschluss abends essen gingen. Wir sprachen über sein Land, die Politik und die Religion, bis er an einer Stelle sagte: «Wisst ihr, es gibt Ähnlichkeiten zur westlichen Art, religiös zu sein, aber auch wesentliche Unterschiede. Auch bei uns geht jemand, den etwas niederdrückt, genau wie bei euch auch, in den Tempel, begeht rituelle Handlungen und sucht im Geiste einen Gott auf», um dies im nächsten Satz zu erläutern mit: »Der Unterschied besteht darin, dass ihr im Westen glaubt, die Hinwendung auf diesen Gott lasse ihn Euch zu Hilfe kommen, so dass die Lösung eures Problems von Gott kommt, dessen Stärke euch durch sein Wirken durchdringt. Im Buddhismus glauben wir nur, dass dieses Nah-Sein bei Gott einen selbst in die Lage versetzt, sich wieder voll und ganz auf die eigene Stärke konzentrieren zu können, sich von ihr durchdringen zu lassen. Der Quell der Bewältigung einer Schwierigkeit sind wir selbst. Bei euch ist es jemand Äusseres.»

Das hatte ich alles im Hinterkopf, als ich mich aufmachte, mir anzulesen, wie man sich in Korea benimmt. Viel wichtiger noch: was man tunlichst unterlassen sollte. Meine Schwägerin, die zu Jahresanfang in Pyeongchang war, hatte mir schon eingeheizt. Es schien schnell klar zu sein: Zurückhaltung! Alles, was das «Kibun» eines Gegenüber, ansatzweise zu übersetzen etwa mit dessen «seelischem Gleichgewicht», missachtet, kommt einem schweren Verstoss gleich. Wer lauthals aus sich heraus und – noch schlimmer – einen anderen anlacht, der usurpiert dessen Gemütslage, insofern er eben unterstellt, dass dem oder den anderen auch gerade zum Lachen zumute ist. Aber was weiss man schon vom Gemütszustand des anderen – zumal eines anderen, der auch ganz streng nur in sehr eindeutigen Situationen etwas von seinem Inneren zu erkennen gibt? Wenn man einen Katalog von einzelnen Dos und Don’ts zusammenstellen wollte, könnte der recht lang werden. Ein immer wieder erkennbares Prinzip in diesen Verhaltensregeln ist neben der Vorsicht, das Kibun des Gegenüber nicht zu stören, die Behauptung, wonach die koreanische Gesellschaft noch immer stark in den Vorstellungen von Rangordnung und Ehrerbietung verhaftet sei. Das zieht sich bis in die Sprache hinein (aber dazu beim nächsten Mal). Letzteres hat viel mit dem Konfuzianismus und allem, was aus seinen fünf Kardinaltugenden in die Neuzeit herübergerettet wurde, zu tun: Laut Wikipedia kann man aus 1) Menschlichkeit/Nächstenliebe, 2) Gerechtigkeit/Rechtschaffenheit, 3) Rituellem Abstand/Sittlichkeit, 4) Weisheit und 5) Aufrichtigkeit/Verlässlichkeit die drei sozialen Pflichten Loyalität, kindliche Pietät und Wahrung von Anstand und Sitte ableiten. Zu erwähnen wäre noch die Weisheit, dass es der Familie gut geht, wenn es den Menschen in ihr gut geht, und dass es dem Staat gut geht, wenn es den Familien gut geht. Erwähnenswert deshalb, weil man sich so einen mehr oder weniger starken Hang zum Konformismus erklären kann.

Konfuzius-Statue im Park nahe der «Altstadt» von Incheon.

Können Samsung-Klone aus sich herauskommen?

Ich hatte noch nicht ganz auf meinem Sitz im Flieger platzgenommen, da wurde ich bereits Zeuge einer eindrücklichen Szene: Die Stewardess im anderen Gang stand vor einer Sitzreihe, in der gangseitig eine Frau sass, die a) Fluggast und, b) erkennbar älter war als sie und c) einen Sonderwunsch oder sogar eine erste Reklamation gehabt haben musste. Wann hatte ich das letzte Mal, eine uniformierte Person gesehen, die sich absolut formvollendet und in perfekter Körperhaltung zweimal vor der sitzenden Frau verneigte? Es fällt mir schwer zu sagen, ob in der Rekruten- oder Offiziersschule oder noch gar nie. Wir waren damals irgendwie hemdsärmeliger. Dann schien sich die Stewardess in Richtung Cockpit zurückzuziehen, gleichzeitig aber auch wie aus dem Nichts neben mir aufzutauchen. Wie ich später erfuhr, hat dafür schon jemand anderes einen leider etwas verächtlichen Terminus gefunden: «die Samsung-Klone». Es gilt in Südkorea für Frauen ein Schönheitsideal, das im wesentlichen darin besteht, weiblich, aber nicht zu sehr koreanisch auszusehen. Die Schönheitsoperationen und die Crèmes für helle Haut boomen. Die Erfolge davon sah ich gerade zum ersten Mal.

Als ich in der riesigen Ankunftshalle in Seoul/Incheon mit der Passkontrolle durch war und meine Koffer holen wollte, stellt sich mir ein Roboter in den Weg, um irgendwie hilfreich zu sein. Fragen hatte ich aber erst einmal keine, denn meine Koffer sah ich bereits auf dem Band. Ich holte mein Smartphone hervor, um von ihm wenigstens ein Foto zu machen, da war er auch schon weg. Er musste zur Ladestation. War ihm der Saft ausgegangen? Oder hatte ich sein Kibun gestört?

Jetzt mache ich einen Sprung ans Ende meiner ersten Woche. Bis dahin hatte ich schon zahlreiche unglaublich freundliche Erlebnisse mit den dortigen Doktoranden gemacht, die in einer unheimlichen Schnelligkeit all meine Probleme in Sachen W-LAN, Zugangskarte etc., etc. lösten. Auch hatte man mich aufgeklärt, dass Lachen in der Öffentlichkeit auf dem Campus ganz selbstverständlich erlaubt war, dass der helle Teint vieler Studentinnen zu ca. 50 % eine Errungenschaft der Kosmetikindustrie sei und dass immer mehr Koreaner sich zum Christentum bekennten; sozusagen eine Erscheinung des Zeitgeists. Ich war also freitags abends, es hatte schon eingedunkelt, in meinem Single-Apartment im 9. Stock des «Guest House», da vernahm ich bei offenem Fenster in der lauen Spätsommerluft von nicht allzu weither rhythmisches Scheppern und irgendwie Betriebsamkeit die nach geselligem Beisammensein klang. Konnte das wahr sein? Gemütlichkeit ist eine extrem deutsche Vorstellung. Ich glaube, in Europa hätte ich wie so oft den Stubenhocker gegeben und mir eingeredet, ich hätte vor dem Fernseher oder Computer besseres zu tun. Hier hielt es mich nicht mehr im Haus. Das wollte ich sehen. Und dann, nach einem kurzen Fussmarsch bis zum zentralen Veranstaltungsplatz dies: Da führte eine Gruppe Studierender der Fachbereiche «Chemical Engineering» und «Bioengineering» in weissen Gewändern, behangen mit Streifen in Gelb, Rot und Blau und mit Papierhüten, die kunstvoll mit Kugeln besetzt waren, ein Stück koreanischer Tradition auf, dass mir der Atem stockte. Wie ich später erfuhr («Sir, did you like it?» hatte mich einer der als Zuschauer am Rand Postierten gefragt.) kannten auch diejenigen, die nicht unmittelbar mitttaten, alle Abläufe und Chorsprüche. Sie hatten sie mit einem nach meinem Ermessen fast unvorstellbar hohen Übungsaufwand einstudiert. Sie lebten dies gleichzeitig als koreanische Tradition wie auch als eine Tradition, in der diese komplette und in sich nicht variierbare Aufführung von den Studentinnen und Studenten der höheren Semester an die jüngeren in unzähligen Übungsstunden weitergegeben, ihnen aber auch als Aufführung vor aller Augen, einer Art Feuertaufe gleich, abverlangt wurde. Wer es noch nicht beim Münsteraner «Tatort» gelernt hatte, der wusste es jetzt: «…Thiel, Tradition ist nicht die Aufbewahrung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers…»

Die Taktgeberin war an ihrem besonderen Hut zu erkennen, und die Sicherheit und Stilvollendung, mit der diese kleinste, ja, «Athletin» muss man sagen, ihre Schritte auf den Platz setzte und dabei auf ihren kleinen – ich hätte gesagt, «Pfannendeckel» – eindrosch, wurden mit jeder Minute, mit jedem Formations- und Rhythmuswechsel beeindruckender. Sie musste das etwa einstündige Programm im Kopf gehabt haben. Die anderen, ganz gleich ob Männlein oder Weiblein, folgten ihr und taten ihr die kunstvollen Tanzschritte, mit denen sie zeitweilig in ihren Pluderhosen über den Platz zu fliegen schienen, nach, während auch sie mit einem Klöppel auf etwas eindroschen. An letzterem war besonders faszinierend, wie die paarweise ganz und gar nicht auf einander abgestimmten Klanghöhen der unterschiedlichen Gongs, die also wie nichts anderes zu einer Kakophonie und Beliebigkeit angelegt waren, in einem irgendwie gehaltenen Gleichtakt, eine Gesamtwirkung erzielten, deren fast übersinnlichem Zauber man sich kaum entziehen konnte. Hier war es: das Feuer. Auf drei Viertel der Strecke wurden ein Metallfass in die Mitte gestellt und darin ein paar kleine Stücke Holz in Brand gesetzt. Die Protagonisten der Aufführten passierten dieses Fass alle, indem sie gekonnt ihren Papierhut dort den Flammen übergaben. Die Gewänder und der Tand waren ephemer, die Tradition und der künstlerische Ausdruck waren es nicht. Ich war restlos beeindruckt. War die Verbindung einer nationalen oder ethnischen Tradition mit der Prüfung, alle Energie in die Veräusserung vor aller Augen zu legen, am Ende ein wichtiger Bestandteil, warum diese Gesellschaft, in der Industrie angeführt von ihren Hochschulabgängern, so erfolgreich sein konnte?

Und wer seinen Kopf die ganze Zeit über nur halb beieinander hatte, das war ich. Hätte ich nicht blitzschnell versschwinden und im Zimmer mein Smartphone holen sollen, um diese sensationelle Aufführung zu filmen? Nein, denn dann würde ich etwas verpassen und käme wohl eh zu spät. Zu dumm, dass ich mein Smartphone beim Verlassen der Wohnung nicht mit in die Beintasche meiner Dreiviertel-Hose gesteckt hatte. Wie dumm aber auch! Aber da war es doch. Ich hatte es eingesteckt und kaum mehr an mir gespürt und ausserdem in der Überzeugung gelebt, das getan zu haben, was ich schon so oft getan hatte: etwas vergessen. Ok, dann habe ich wenigstens noch den Abspann gefilmt. Das war sozusagen die «Zugabe» auf vielfachen Wunsch, nachdem die Künstler alle etwas getrunken hatten. Man muss sagen, dass hier der Apfel- und Traubenlimo weder lecker sind noch irgendwie den Durst löschen und deshalb auch nicht sonderlich gut als Lockvogel fürs Weitermachen taugen.

Von Prof. Dr. Markus Weber Sutter, Institut für Energiesysteme und Fluid-Engineering (IEFE)

Von Plato nach Konfuzius – Start in ein Sabbatical in Südkorea

Korea? Bist du verrückt?

Das in etwa war die erste Reaktion meiner Frau, als ich ihr mitteilte, ich hätte mit unserem Wolfgang Kickmaier ausgekaspert, dass ich einen Teil meines Sabbaticals in Südkorea verbringen sollte. Klar, ich würde sie, die sie nebst Berufstätigkeit als Hausfrau und Mutter funktionieren muss, für die Zeit meiner Abwesenheit ganz alleine mit unserer Tochter und dem ganzen Haushalt zurücklassen. Insofern war mir klar: verrückt. Aber dann wären auch Ungarn, Liechtenstein oder Tägerwilen verrückt gewesen. «Hatten sie für einen wie dich wirklich nichts anderes? Mir hätte zum Beispiel Australien oder Südafrika besser gefallen,» meinte sie und vor allem: «Du, der du wie ein Bauer an jeglichem fremden Essen etwas auszusetzen hast, du willst dir koreanische Küche antun? Na, gratuliere!» Tja, was man eben so macht, wenn man einen gründlichen Tapetenwechsel sucht und gleichzeitig auch noch einer gewissen Erwünschtheit der versuchten Zusammenarbeit mit einer fremden Hochschule seitens unserer Schule Rechnung tragen will. Ich nehme es vorweg: Es war eine gute Entscheidung. Und in zwei Wochen kommen mich Frau und Tochter hier besuchen. Schliesslich vermisse man mich in der Schweiz – und das sogar auch wegen meiner gelegentlichen Beiträge im Haushalt. Hört, hört!

Wenn man so wie ich «vom Land» kommt, also aus Schaffhausen (ursprünglich bin ich aus Stein am Rhein), dann führt jeder Weg zum Weltgewandten, Mondänen über Zürich, genauer Zürich Flughafen. Und weil der wiederum von Schaffhausen aus am besten per «Flughafen-S-Bahn» erreicht werden kann, muss man neidlos zugeben: Der Weg führt auch über Winterthur – ausgerechnet! -, das einfach näher dranliegt, also schon mal das Stück mondäner ist. Warum ich das erwähne? «Atme doch einfach mal ruhig durch! Du kippst mir gleich noch um, wenn du nicht aufhören kannst, so flach zu atmen», redet meine Frau auf mich ein, ohne die ich wahrscheinlich wieder einmal die Hälfte der Dinge vergessen hätte. War ich so aufgeregt? Nein, warum auch? Wir hatten doch alles gepackt, es fehlte nichts mehr, die Koffer, so stellte sich später heraus, entsprachen zusammengerechnet fast aufs Kilogramm genau dem erlaubten Höchstgewicht von 2 x 23 kg, und mein ausgedrucktes Ticket hatte ich auch irgendwo, das wusste ich. Gut, die S-Bahn, in deren Türrahmen die kurze Verabschiedung immer länger wurde, kam irgendwie nicht pünktlich los, ja drohte sogar auszufallen. Schrecklich! Dann käme man ja mit weniger als zweieinhalb Stunden Vorlaufzeit am Check-In an und wer weiss, was einem dann blühen konnte. Als der Doppelstöcker dann in gewohnter Weise seine Umrichtertechnik auf die Asynchronmaschinen losliess und der Zug sich entsprechend sanft in Bewegung setzte, wurde mir klar: Jetzt beginnt meine spannendste Reise in Jahren, wenn nicht Jahrzehnten. Gebannt, fast elektrisiert versuchte ich jedes Detail dessen, was sich aussen am Fenster abspielte, einzufangen, zu behalten – es ging los! Da durchfuhr es mich: Du komischer Kauz! Diese Strecke fährst du jeden Tag. Oder fast jeden. Aber an jenem Dienstag hatte ich sie als Teil des Vormittagsprogramms tatsächlich schon zweimal abgespult. Und jetzt diese unerklärliche Faszination am sonst Alltäglichen. Es war, als wäre ich am Bahnhof Schaffhausen zwar in die absolut gleiche S-Bahn gestiegen wie schon hunderte Male zuvor, und sässe doch in einem Zug, in dem alles neu war, den ich so noch nie gesehen hatte. Hatte der Philosoph Plato das gemeint, als er sagte: Wir steigen nie zweimal in denselben Fluss (wörtlich übersetzt heisst es im Original: Wir steigen in dieselben Flüsse und steigen (doch) nicht hinein)? Was für eine irrelevante Frage! Jetzt heisst es erst einmal: «Adieu, Okzident und guten Morgen, Orient!» Es gibt auch eine Welt, die ohne Not bestens ohne Plato auskommt – oder zumindest würden die dortigen das spontan wahrscheinlich von sich sagen, und wir gehen auch davon aus. Als ich dann ein paar Stunden später die unterirdisch verbaute Alpenidylle der Flughafenmetro (alles fake, ich schwör’s) hinter mich gebracht hatte und die Sonne schon fast hinterm Horizont verschwunden war, erkannte man hinter den riesigen Fensterscheiben des Gates die nicht minder riesige Heckflosse des Dreamliners, der schon ganz im charakteristischen Mint-Türkis der Korean Airlines bereitstand. Es sollte ein Non-Stop-Flug werden. Noch einmal schlafen, und dann würde ich im Reich des Buddhismus, des Daoismus und des Konfuzianismus ankommen, falls nichts Unvorhergesehenes dazwischenkommt – abgeschossene Maschinen, Kabelbrände an Bord usw. usw. hat es alles schon gegeben. Wen in einer solchen Situation diese Art Gedanken vollkommen in Besitz nehmen können, der müsste konsequenter Weise auf dem Absatz kehren – oder auf dem Flug einen Rotwein nachdem anderen bestellen. Ich zum Glück nicht.

Die Maschine der Korean Air ist startbereit.

Von Prof. Dr. Markus Weber Sutter, Institut für Energiesysteme und Fluid-Engineering (IEFE)

«I wanted to go somewhere different»

Roman Zech is studying Transportation Systems at the ZHAW School of Engineering. He currently spends his 4th semester at the Hanyang University in Seoul, Korea. Here’s why he chose to go there:

«I wanted to go somewhere different and that is why I chose Asia. And Korea is known for hardcore learning at Uni. In my case the uni library is open 24/7 to guarantee that you have enough ‘study time’…

After talking to the officials at my uni there where Beijing, Singapore, Hong Kong and Seoul as good options left. I guess that Seoul has a pretty Western World touch, but its very own traditions and rules. And of course, enough courses in English to offer

Read more about Roman’s experience on his blog.

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