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Von Plato nach Konfuzius – Hat das nach Meer geschmeckt?

Sie nennen ihre Limousinen «Sonata», «Grandeur» oder gar «Equus» – bei den vielen Pferdestärken durchaus verständlich –, sie sind im Internet präsent, in fast jeder freien Minute mit ihrem Smartphone beschäftigt oder mit ihren Schminkutensilien, sie kauen belegte Brote als Zwischenmahlzeit, sie sprechen – und schreiben vor allem – beachtlich gut Englisch, sie essen immer häufiger mit Messer und Gabel, sie spielen leidenschaftlich Fussball, sie bauen Hochgeschwindigkeitstrassen für ihre Züge, kichern (sehr häufig) und turteln (ganz selten), feiern Halloween-Partys mit Popkonzerten, führen ihren Studienkollegen unbefangen ihre Leistungen vor und erzählen von ihren letzten Abstechern nach Genf, Brüssel oder Winterthur. Kann man oder sollte man da noch hin, wenn man ausziehen will, das andere, das Fremde zu suchen? Weit weg genug ist es ja allemal; wenn man in Incheon landet, hat man den Ural, die Mongolei und das Gelbe Meer längst hinter sich; noch einen Ozean weiter ostwärts, und man ist in San Francisco.

Aber aufgepasst: Die Tastaturbelegungen ihrer PCs sind für uns undurchdringlich; ihre Schrift, Han Gul ist ein «vereinfachtes» Silbenalphabet. Die Regierung kämpft gerade damit die üblichen 62-Stunden-Wochen irgendwie in die Nähe von 50 Stunden hinunter zu regulieren – OK, das dürfte dann eng werden für die Industrie, weiterhin mit einer Jahresarbeitszeit von 2’700 Stunden kalkulieren zu können. Manche blättern bis zu 90 Dollar für einen Aufenthalt in einem simulierten Knast hin – damit sie sich endlich einmal ausklinken können. Ungewöhnlich viele junge Leute setzen ihrem Leben ein vorzeitiges, jähes Ende, weil sie überzeugt sind, nie mehr mithalten oder den Erwartungen gerecht werden zu können. Das fängt schon im Schulalter an. Dort seien die Kinder zwar durch ein Gesetz davor geschützt, dass sie abends nach zehn Uhr noch zum Lernen angehalten würden, heisst es. Sie gehören zu rund der Hälfte keiner Religion an. Wenn doch, dann arran-gieren sich das Christentum und ein konfuzianisch geprägter Buddhismus mit einander. Sie leben zum Teil in über hundert Meter hohen Wohntürmen. Sie sind Weltklasse in Schiffsbau, LED-Displays und E-Sport.

Unsere Hochschule, die ZHAW strebt mit ein paar Hochschulen in Südkorea Austausch und Zusammenarbeit an. Bevor man da jetzt sein ganzes Herzblut hineingibt, dürfte man ja vielleicht mal kurz innehalten und sich fragen: Passt das überhaupt zusammen? Passen wir zu denen, passen die zu uns? Wenn sie in Südkorea «frei» aussuchen können (d.h. sich an die Programme der Regierung halten), dann kann es passieren, dass sie etwa auf Usbekistan oder den Nepal zugehen. Und wir Schweizer? Sind wir auch schon festgelegt oder hätten wir ausser Südkorea überhaupt noch andere Optionen offen? Da ich nun in der Schweiz, in Deutschland, in den USA und Südkorea den grössten Teil meines Lebens verbracht, vier bzw. gut drei Jahre und nun zuletzt drei Monate ge-lebt, gewohnt und gearbeitet habe, erlaube ich mir einen tabellarischen Vergleich der vier Länder. Es kann jeder selbst sehen, mit wem wir Schweizer das Heu am ehesten auf der gleichen Bühne hätten bzw. auf wen man zugehen müsste nach dem Prinzip der Gegensätze, die sich anziehen.

So bleibt am Ende die Frage: Werden in naher Zukunft noch mehr Studenten aus Winterthur den Weg nach Korea und insbesondere an die INHA University finden? Und werden sich vielleicht auch schon bald Studierende aus Korea an der ZHAW blicken lassen?

Schaun ‘mer mal. Oder: das wird sich für alle noch zeigen, und es werden es am Ende alle sehen – auch die, die sich noch nicht so ganz sicher sind, ob sie gesehen werden wollen.

Von Prof. Dr. Markus Weber Sutter, Institut für Energiesysteme und Fluid-Engineering (IEFE)

Von Plato nach Konfuzius – Mit Schirm, Scham, Schande, Schmutz und Schutz, Teil 2

Müll aus Eimern in grösseren Säcken zusammenzuführen, halbausgetrunkene Becher anzufassen und zu sortieren, sieht man praktisch nur die Frauen der jetzigen Eltern- oder wahrscheinlich Grosselterngeneration. In den Putzmittelabteilungen fällt einem als erstes die riesige Auswahl an Handschuhen auf. Auch Polizisten und Wachleute tragen hier oftmals Handschuhe. Viele Dinge wie Guetsli oder Crackers sind in mehrere Lagen von Umverpackung eingetütet. Selbst an edlen Limousinen sieht man vielfach bunte, an den Türrändern aufgeklebte Hartschaumblöckchen, damit es gar nicht erst zu Komplikationen mit einem Mitmenschen kommt. Ein Gedränge ist hier eine Seltenheit, das Schlange-Stehen an der Bushaltestelle ist in Grossbritannien wahrscheinlich auch nicht dezenter und unaufdringlicher und ich wurde noch kein einziges Mal angerempelt. Manchmal springt es mich an, dass dieser Schutzfolien- und Distanzhaltungsfetischismus vielleicht auch einen Anteil an der beispielhaft tiefen Verbrechens- und Geburtenrate hat. Aber bei über 50 Millionen Einwohnern auf der Fläche kleiner als die ehemalige DDR kann das Land etwas Konsolidierung statt Wachstum bis ultimo gebrauchen. Unkontrolliertes, Natürlich-Wildes und Verwegenes bis Dreistes stehen hier ja ohnehin in den Ruf von Chaos und damit Aufbegehren gegen ein wohlgeordnetes System, das so essentiell wichtig scheint, dass es notfalls auch an den darin lebenden Menschen vorbei etabliert werden müsste. Es scheint also durchaus verlockend, in aller Sorgfalt einen mindestens zufriedenstellenden Status quo zu erhalten.

Bei den Instandhaltungs- und Putzroutinen kommt es dann aber zu Problemen. Diejenigen, die es täglich machen müssen, schämen sich wahrscheinlich dafür: Wenn man hartnäckigen Schmutz irgendwo entfernen möchte, dann muss man sich auf ihn zu bewegen, sich mehr oder weniger nach ihm recken, um darin zu schrubben, schaben oder stochern. Das ist wie eine kleine Erniedrigung. Sittlich weit akzeptabler erscheint in jedem Falle ein rein turnusgemässes Entlangwischen. Und so kommt es überall dort, wo sich Schmutz nur unmerklich, aber langfristig und vor allem unweigerlich an schlecht zugänglichen Stellen absetzt, zu systematischen Auslassungen, zur Verwendung rettungslos zu scharfer Putzmittel oder zu fast schamanischen Vorbeugungsritualen wie dem, an sämtlichen neuen Elektronikgeräten diese leicht bläuliche Schutzfolie gegen das Zerkratzen niemals abzunehmen, auch wenn dadurch jeder PC auf Dauer etwas von einer Vogelscheuche bekommt.

Es wird schwarz an den Rändern der Flure. Zwischen den Pflastersteinen tun sich Lücken auf. Auf dem sandigen Untergrund hier in Meeresnähe sinken die Steine ab und es brechen die Platten. Was soll man dagegen machen? Flugs einen äusseren Schuldigen finden und ihn zur Nachbesserung verknacken? Wenn es so einfach wäre. Also? Den mählichen Niedergang einfach nur hinnehmen? Solche Ladenlokale haben wir mehr als eines gesehen. Der Umsatz dort muss null sein. Jedenfalls solange sich kein Käufer für ein zwanzig Jahre altes Taschenrechnermodell in einer fingerdick mit Staub belegten ausgebleichten Verpackung meldet. Es ist müssig, hier die Dauerpräsenz der Verkäufer vom Arbeiten zu unterscheiden. Das Prädikat «dauer-busy» haben sich die Koreaner unter anderem durch eine Arbeitsgesetzgebung auf Augenhöhe mit den US-Amerikanern redlich verdient.

Und doch: Es gibt ein drittes (nicht wie bei Aristoteles) als Lösung, das Auskehren mit dem eisernen Besen am Ende. Das Ersetzen mit dem Brandneuen, das im Idealfall immun gegen den Niedergang ist, dem man zuletzt noch Tribut zollen musste. Am nötigen Kleingeld dazu gebricht es hier kaum. Bald werden sie sämtliche Sicherheitsgeländer an den Strassenrändern und die Parkplatzabsperrungen aus Normalstahl mit Schutzanstrich durch solche aus Chromstahl ersetzt haben. Man gönnt sich ja sonst nichts. Man kann ein Lokal oder einen Laden solange in immer gleicher Weise bewirtschaften, bis man am Boden des Fasses angekommen ist. Dann schmeisst man an einem einzigen Nachmittag alles hinaus, bugsiert es zu einer Ansammlung von Gleichartigem am Strassenrand, und es kommt tags darauf brandneue Ware, picobello von A bis Z – oder die Abrissbirne. In den grossen Städten wird von den Wohnquartieren mit ihren maximal zwei- bis dreistöckigen Häusern und der wäscheleinenartigen Stromversorgung (ähnlich wie in USA, aber bei 230 V) eines nach dem anderen plattgemacht. Als sich die Bewohner eines Quartiers in Seoul einmal solange auf die Hinterbeine stellten, dass man sie sich ihre beschaulichen Verhältnisse bewahren liess, machte diese Heldentat in vielen Reiseführern der Welt die Runde, weshalb dieses Quartier nun vom Tourismus erst heimgesucht, überrannt, dadurch entstellt und auf diese Weise zuletzt auch plattgemacht werden wird.

Das Einsammeln der Anhäufungen? Beim Altkarton und den Müllsäcken wird dies fast ausschliesslich von älteren Männern mit ihren Fahrrädern und Anhängern erledigt. Anderes scheint ewig stehen zu bleiben und der Abholung zu harren. Und was unternimmt man gegen den Geruch, der gelegentlich aus den Kanalschächten steigt? Hier ist Aufklärung etwas zwischen peinlich und unerwünscht. Denn wer kann und wer will schon so genau wissen, wie man Rohrleitungen verlegt? Besser scheint es, unbekümmert von den Einzelheiten dort unten, in einer gewissen Duldemütigkeit zu leben und einfach zu warten, bis es einem dereinst von wem gemacht wird – und dann gleich richtig.

Wenn sie einem erklären «We Koreans go to elementary school at age eight», dann meint das nur, dass die Kinder bei ihrer Einschulung ca. sieben Jahre alt sind wie bei uns, weil sie bei ihrer Geburt für den täglichen Sprachgebrauch als exakt ein Jahr alt gelten. Also: «How old are you – in Korean age?»

Runderneuerung durch rigoroses Abschütteln und Ersetzen ist auch eine Art, die eigene Vergangenheit zu bewältigen, wenn diese als ehrenrührig oder peinlich und belastend empfunden wird. Die langen Jahrzehnte als Protektorat Chinas, zuletzt als Kolonie der Japaner und am Ende noch die besondere Demütigung der Koreanerinnen als «Trostfrauen»: am besten einfach alles vergessen! Oder wollten die Koreaner den Japanern deshalb ewig gram sein und auf ganzer Linie mit ihnen brechen? Noch 2002 waren sie doch mit ihnen die Gastgeber der Fussball-WM. Jener Taxifahrer erzählte dazu: Es spricht grundsätzlich nichts gegen sie und auch nicht gegen den Kauf eines japanischen Autos. «They make fine cars» (der eine oder andere wurde schon gesichtet). Aber «…the bad thing about Shinzo Abe is that he repeatedly refused to apologize for what happend then…»

Beliebtes, auch weil nahes Urlaubsziel der Koreaner? Japan! Und nicht etwa China? China – ist problematisch; vielen Koreanern sei die dortige «Infrastruktur nicht gut genug». Ich mag mich täuschen, aber ich vermute, es mangelt dort im Küchen- und Sanitärbereich hie und da noch etwas an der porzellanartigen Anmutung.

Von Prof. Dr. Markus Weber Sutter, Institut für Energiesysteme und Fluid-Engineering (IEFE)

Von Plato nach Konfuzius – Mit Schirm, Scham, Schande, Schmutz und Schutz, Teil 1

Bevor ich über die US-Amerikaner und Koreaner auf die Koreanerinnen zu sprechen komme, die bei starkem Sonnenschein tatsächlich Schirmchen mit sich führen oder Schirmhütchen tragen – wie Gegenstücke zu den Bräunungsreflektoren westlicher Frauen, weil sie ja auch das Gegenteil bewirken sollen, fange ich einmal mit den Deutschen an. Als es in Europa noch keine festen Wechselkurse gab (also deutlich vor dem Euro-Bargeld) standen die Industriearbeitsplätze in Deutschland unter permanentem Druck einer besonderen Produktivitätssteigerung, weil die europäische Konkurrenz nach Gutdünken ihre Landeswährung gegenüber der D-Mark abwerten konnte. Die Findigkeit der Ingenieure richtete daher ein starkes Augenmerk auf Effizienz durch Produktionstechnik. Fertigungsstrassen für Automobile «Made in Germany» sind noch heute mindestens so gefragt wie die Fahrzeuge selbst, von denen hier erstaunlich viele und die meisten davon in Edelausführungen unterwegs sind (gefühlt nur «M», «AMG» und «RS»). So waren «die Lohnstückkosten nie das Problem» (Oskar La Fontaine).

Wie wird man eigentlich findig – oder fündig – in Belangen der Produktionstechnik? Ein «Grad Student», den ich in South Carolina kennen gelernt hatte, verriet mir mal eine Weisheit von seinem Vater, der Leiter einer kleinen Produktionseinheit gewesen sein muss: «You know what to do with a really tedious work process? Would you give it to the most diligent, serious worker? No! Give it to the laziest guy in the whole company! Not too long, and he will have found a way to cut this process down». Das erinnert an den genialen Albert Einstein: «Make it as simple as possible – but not simpler!» Dafür, dass sie so viele kleine und grosse Einsteins in ihren Reihen haben, muss man die Amerikaner einfach lieben. Genauso wie für die poetische Eindringlichkeit mancher Liedtexte ihrer Singer-Songwriter, die sich kunstvoll jedem einfachen Reimschema entziehen.

Unlängst habe ihm einer, sagte mir der äusserst sympathische junge Koreaner (etwa mein Alter 😉), den ich einmal im «Guest House» und ein anderes Mal im «Faculty Dining Room» antraf, zu Hause im US-Bundesstaat Washington, wo er nun seit einiger Zeit als Professor an der dortigen State University lehrt und mit seiner Frau lebt, dazu geraten, sich bei neuen Bekanntschaften auf Englisch doch als «Chain Key» vorzustellen, wenn er sichergehen wollte, dass sein Gegenüber seinen Namen nicht früher oder später verhunzt. Da war sie doch wieder, diese Felddiensttauglichkeit amerikanischer Didaktik, mit der man tatsächlich den Aufbaukurs in Phonetik im nächstgelegenen Eisenwarenge¬schäft abhalten könnte – der Verkäufer als Dozent, und die Studenten seine Kunden. Ein Lehrstück. Jedenfalls musste ich «Chain Key» umgehend beichten, dass ich seiner Frau neulich im Hauseingang womöglich insofern etwas zu nahe getreten sei, als mir aus lauter Anschlusshandlungsunfähigkeit keine bessere Floskel eingefallen war als «How do you like it over here?», denn die beiden waren ja im Unterschied zu mir an der INHA-Universität sozusagen auf «Heimaturlaub». Es müsste mich mal in Winterthur auf der Marktgasse ein Brasilianer fragen, was ich eigentlich so von den Lebensumständen der Nordschweiz halte. Es war mir, so stellte sich heraus, peinlicher als ihm, dass ich seine Frau irgendwie dazu veranlasst hatte, mir anzuvertrauen: «Not so much as at home in Washington. It’s kind of dirty here and, you know, Koreans are always busy». Dabei klang ihr «busy» mehr wie ein «bitchy» – «fleissig, sehr fleissig» hätte ich gesagt, aber «zickig» oder «kratzbürstig»? niemals! –, nur kennt das Koreanische eben kein stimmhaftes «S». «Ja», meinte er, «damit hat sie doch recht. Der ganze Müll und Dreck hier an jeder Strassenecke!»

Die offene Anklage der Verhältnisse in jenem Land, in dem die beiden ihre früheren Jahre verbracht haben mussten, schien mir später mehr ein Gefühl zu überdecken, wie es der episodenweise schwer drogenabhängige (etwa Opioide?) Johnny Cash in seinem «…what have I become, my sweetest friend?…» anklingen lässt. Was ist nur aus mir, uns oder dem Unseren geworden? Die koreanische Nationalhymne singt unter anderem davon, dass sie dieses Land in seiner Schönheit kommenden Generationen weiterreichen wollen, bis dass ihr heiligster und höchster Berg (der auf der nordkoreanisch-chinesischen Grenze liegt) ins Meer gewaschen sei. Und nun: «Wie konnte uns das nur passieren? Die Dinge sind doch gar nicht so, wie wir das immer gewollt hätten. So ist es kein Land mehr, in dem wir gut und gerne leben würden». Weiterreichen? Na, wenn’s einer so noch haben will, wohlan! Eine solche Abrechnung mit der früheren Heimat muss selbst einen Gast betroffen machen.

Aber die USA sauberer und weniger «busy»? Dort, wo ich während knapp zwei Jahren, wenn ich nicht Acht gab, mit meinem Mountainbike auf dem Heimweg den immer gleichen Kadaver eines Opossums überfuhr, bis der, kurz vor meiner Abreise 2001 papierdünn geworden, weggeweht wurde? Dort, wo Schulklassen und Burschenschaften Highway-Abschnitte «adoptieren» müssen, damit überhaupt jemand die Segnungen der Fast-Food-Industrie aus den Böschungen fischt? Kleinstädtisches Leben in den eher nördlichen Bundesstaaten muss so etwas Properes und Nachbarschaftlich-Entspanntes haben, wie wir es auch noch kennen und wie es unter den immer zahlreicheren riesigen Wohntürmen in Incheon bald gar keinen Platz mehr haben zu haben scheint.

Sittlichkeit, und die wird bei Konfuzius sehr grossgeschrieben, gebietet Abstand zum Unreinen. Solan¬ge der Abstand mit Vermeidung erreicht werden kann, spielen den Koreanern ihre bis ins Sterile reichende Pingeligkeit und ihre Emsigkeit in die Hände. Atemmasken allerorten. Schilder mit «…take all your trashes (sic!) with you…» noch auf 1’600 m ü. M. Und es wirkt: Achtlos weggeworfenen Müll am Strassenrand, auf Wanderwegen oder in Bussen und Bahnen müsste man detektivisch suchen gehen. Dabei gibt es kaum Mülleimer im öffentlichen Raum, und so ein Wegeputzfahrzeug wie bei uns habe ich hier noch keines gesehen. Auch wo das nett Hergerichtete, das Aufgeräumte, schön Drapierte nur durch millionenfache Handgriffe erreicht werden kann, finden sich immer Heerscharen von Arbeitskräften, meist Frauen der älteren Generation, die unermüdlich Unkraut jäten, Gemüse auf gleiche Länge schneiden und entfitzeln, um es dann auf Knie- oder Knöchelhöhe im offenen Verkauf feilzubieten. Obst im Supermarkt? Etwas für Snobs, möchte man meinen. All diese Formschalen, Pölsterchen und mit Monster-Klarsichtfolie bespannten Panzerkoffer. Alles, was schlechter als makellos aussieht, gilt als minderwertig. Auf diese Makellosigkeit achten sie auch bei ihren Gesichtern und Händen, was ihnen diesbezüglich eine fast porzellanartige Anmutung verleiht. Bei einigen Koreanerinnen erlebt man, wenn sie in einem öffentlichen Transportmittel platznehmen, dass sie ihre Puder- und Schminkedöschen aufklappen und – ich übertreibe nicht – eine ganze Fahrt mit nichts anderem verbringen als dem Sich-noch-schöner-Machen und sehen dabei am Anfang wie am Ende aus wie aus dem Ei gepellt. Und das (Sich Schminken) ist nicht etwa verpönt oder ein Zeichen ungehörigen Benehmens. Kombiniert mit allem anderen ergibt sich so ein ausgeklügelt wirkendes, kulturell gefestigtes System gestaffelt aufsteigender Reinlichkeit, die auf dem Boden und bei den Schuhen, die man sich im Eingangsbereich der Wohnungen auszieht, bevor man seine Füsse auf den um einen Absatz erhöhten Wohnbereich setzt, beginnt und sich über Hausschuhe, Küchenschürze, Wegwerfhandschuhe und Kopfhaube bis in die Fingerspitzen fortsetzt, so dass Lebensmittel auch nach ihrer Zubereitung so gut wie keimfrei sind. So manches wird kalt oder lau gegessen. Magenverstimmung? Unbekannt. Das koreanische Essen liegt und trägt auch kaum auf.

Von Prof. Dr. Markus Weber Sutter, Institut für Energiesysteme und Fluid-Engineering (IEFE)

Von Plato nach Konfuzius – über den grossen Teich geschaut

Ob das am Ende nicht vielleicht doch eine Spur zu exotisch werden könnte für mich – und meinen Gaumen –, fragte ich Wolfgang Kickmaier. Ach, i wo! Südkorea ist sozusagen «Eastern Asia for beginners», kulinarisch und ganz allgemein vollkommen «durchamerikanisiert». So nannte er das. In den Staaten hatte ich ja auch schon mal für drei Jahre gelebt, also musste es jetzt auch klappen. Und tatsächlich begegnen einem hier viele Dinge, die wie von den US-Amerikanern übernommen daherkommen. Ohne die USA gäbe es die «Republic of Korea» gar nicht – oder jedenfalls nicht in der Form. Den Koreanern ist das sehr wohl bewusst: General-Mc-Arthur-Statue hier, Denkmal zur Festigung der Freundschaft USA-Südkorea da, grosse, repräsentative Limousinen, breite Strassen, gemeinsame Manöver, gemeinsame Feinde, amerikanische Truppen auf koreanischem Boden – alles Normalität. Und immer, wenn das Koreanische in seinem Original für einen Gegenstand oder Sachverhalt, der bis vor kurzem hier komplett inexistent war oder schien, keinen passenden Ausdruck hergibt, steht das amerikanische Englisch Pate bei der Schaffung von Lehnwörtern («Kompiutoa», «Bodikae» «Hailait» usw.). In mir wurden ständig auch die herrlichen Gags und die Ironie der amerikanischen Unterhaltungsindustrie wieder wachgerufen: Jay Leno’s «Tonight Show», «…the war on Christmas…», «…Latin? That’s something for Catholics. Come on!…»
A propos, oder speeking of which: Meine gesamten Vorfahren sind oder waren, soweit mir bekannt, mehr oder weniger stramme westfälische Katholiken. Während noch meiner Oma ohne einen sonntäglichen Kirchgang fast körperlich etwas zu fehlen schien, konnte ein Bruder meiner Mutter, als meine Schwester und ich ihn einmal im Ruhrgebiet besuchten, uns auf einer Autofahrt bei jeder zweiten Kirche, die wir erblickten, Dinge sagen wie: «Guckt mal! Da steht doch auch wieder so eine Halleluja-Garage.» Und wenn wir den Tabubruch dann mit Lachen quittierten, kam: «Ja, da, wo dieser komische Vorturner doch immer ist.» Dazu fuchtelte er dann, mit den Händen längst nicht mehr am Lenkrad, wild in der Gegend herum. Damals krümmten wir uns vor Lachen. In den USA hatte ich sie zum ersten Mal in meinem Leben in echt gesehen: Kirchen mit eingebauten Wohnungen und Garagen. Und exakt so sehen hier viele auch aus. Man weiss dann jeweils nicht, ob sich in solcher Architektur die Reduktion auf einen Raum, in dem sich «zwei oder mehr im Namen» ihres Stifters versammeln können, ausdrückt oder ob sie der Unterbringung der Wechslertische und der aus Pflugscharen geschmiedeten Schwerter dient. Die Orgelklänge jedenfalls, die aus der Kirche, die gleich neben dem «Guest House» der INHA Universität steht, über meinen Balkon zu mir ins Zimmer geweht werden, kommen mir sehr vertraut vor.

Die Menschen in Ostasien wissen sehr wohl, dass nicht die Europäer das Schiesspulver erfunden haben. Umso schwerer muss ihre Volksseele von Demütigungen wie den Opiumkriegen getroffen worden sein. Das Jahrhundert danach heisst in China «das Jahrhundert der Schande». Die Rückständigkeit abzuschütteln, in die sie zivilisatorisch geraten waren, ist seither zum Leitmotiv ihrer energischen Aufwärts- und Vorwärtsbewegungen geworden.

Wer sich auf Wikipedia über die Rolle der Religion («Opium des Volkes», Karl Marx) in Korea informiert, lernt vermeintlich längst Bekanntes noch einmal von einer neuen oder, wenn man so will, sehr alten Seite zu sehen. Auch die Europäer hatten ihre dunklen Jahrhunderte. Die Erhebung des Christentums von einer missliebigen Sekte zur Staatsreligion im Römischen Reich fruchtete schon bald im Abschütteln alles Heidnischen, und so mussten auch die Weisheiten eines Plato oder Aristoteles für ein knappes Jahrtausend von der Bildfläche verschwinden. Dass diese Schätze dann im Zuge der Renaissance so einfach ein zweites Mal gehoben werden konnten, verdanken die Christen auch den Muslimen. Wenn man also selbst als Gelehrter gut tausend Jahre lang nichts einsehen konnte, was man nicht durch Gott zur Einsicht bekommen hatte, wenn es keine Weisheit gab, die ohne das Postulat von Gottes unbezweifelbarer Existenz auskommen konnte, so wurde dies in der Renaissance und der später folgenden Aufklärung grundlegend anders. Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit dadurch, dass man sich seines Verstandes ohne die Anleitung eines Dritten bediente, wurde zum Gebot der Stunde und zum Schlüssel unzähliger Einsichten und Einblicke, mit denen die geistige Durchdringung von Natur und Technik, wie sie sich bis dahin in Asien entwickelt hatte, im Eilzugstempo überholt, qualitativ übertrumpft wurde, müsste man sagen. Im englischen Begriff «enlightenment» schwingt zwar noch ein wenig der dem Betrachter gewogene «Beleuchter» mit, aber auf der anderen Seite festigt der neueste Werbefilm der ZHAW den Triumph des (eigenständigen) Denkens über das blosse Wissen – über die Beschwörungsformeln erst recht.

Die grosse Mehrheit der Koreaner war lange Zeit in einer Art Naturreligion mit Ahnenkult, dem Sindoismus, verhaftet, während «organisiertes» Religiös-Sein den Oberschichten vorbehalten blieb. Es war schliesslich aber der bemerkenswerte Impetus der herrschenden Könige, Religionen wie Buddhismus oder Christentum («Platonismus fürs Volk», Friedrich Nietzsche) ins Land zu holen, um die Bevölkerung aus ihrer Umnachtung in die Moderne voranzubringen. Die Chinesen hatten damit Erfolg, also holte man sich hier auch Handelshäuser und die Kirche aus Europa in die Hafenstädte. Eine Keimzelle des modernen Incheon war ein deutsches Handelshaus. Bei dem hohen Stellenwert der Schulbildung im Konfuzianismus und beispielsweise den Klosterschulen hatten sich da aber zwei gefunden! Der Konfuzianismus fand bei vielen Koreanern auch wegen seiner Riten zur Ahnenverehrung Anklang und wirkte so prägend auf den Buddhismus ein, der dadurch ein eigener koreanischer Buddhismus wurde. Auch die katholische Kirche hatte seit der Duldung der Ahnenverehrung etwas bessere Karten in der Hand.

So ist hier eine katholische Kirche bar jeglicher Altlasten aus ihrer Vorgeschichte angelandet. Hier konnte sie als Tabula rasa starten und soll sich auf die Barmherzigkeit und Wohltätigkeit konzentrieren, darin sind sich der Staat und die Bevölkerung einig. Sie steht soziologisch aber auch für die Ankunft der Aufklärung, und das kann sich jeder Katholik einmal auf der Zunge zergehen lassen.

Wie froh sie sind, die Koreaner, sich die Segnungen der Aufklärung nun voll und ganz einverleibt zu haben! «Du Mensch kannst alles einsehen, in alles Einblick nehmen. Traue dir das nur zu!» Dann kommen die Hochöfen und Smartphones wie von alleine. So hier geschehen. Die LED-Displays sind kein Zufall. Mit den Hochöfen und den Kohlekraftwerken kommt zwar auch die Luftverschmutzung, aber die weht, wie ich mir habe sagen lassen, vor allem aus China herüber. Die Externalisierung des Üblen ist ein klassisch christlicher Topos. There you go. Noch etwas Zweites scheinen sie sich mit an Land gezogen zu haben: Den schwierigen siamesischen Zwillingsbruder der Aufklärung, den Panoptismus. Er macht keine lauten Ansagen, er wispert nur, wobei offenbleibt, ob überhaupt wahr ist, was er sagt: «Du Mensch kannst bei allem gesehen werden. Halte das durchaus für möglich! Gewöhne dich daran! Oder mute dich besser gleich den Blicken aller anderen zu!» «Social Media» und Selfiestick sind auch hier angekommen – zusammen mit einer Unzahl an Überwachungskameras.

Hierin scheinen mir die Koreaner eher angelsächsisch: «Public Safety» und das Funktionieren des Staates sind so sehr überlebenswichtig, dass sie womöglich zwar die Kantische Schrift zum ewigen Frieden ganz nett finden, im Zweifelsfalle aber zur Stabilisierung der Verhältnisse lieber dem Hobbes’schen Leviathan Tür und Tor öffnen. Die an Konformismus gewohnten Ostasiaten haben mit einem autokratischen Regime tendenziell etwas weniger Berührungsängste als wir, solange dadurch z.B. nur die drängenden Probleme gelöst oder die Korruption ein für alle Mal beseitigt würden.

Daran, welchen Verlauf der Stellenwert des Individualismus und der Privatsphäre in den kommenden Jahrzehnten nimmt und inwieweit wir in Europa überhaupt willens und in der Lage sind, etwas anderes zu verwirklichen, als es sich hier abzeichnet, wird sich auch messen, ob man in Asien unsere Lebensentwürfe, unsere Lebensart oder Kultur je wieder zu einem erstrebenswerten Vorbild nimmt. Alles andere haben sie ja bereits selbst auch oder übernommen.

Wenn man das Christentum mit der Nächstenliebe assoziiert, während der Buddhismus ebenfalls in dem Zum-Versiegen-Bringen des ewigen Dürstens nach mehr, in einem asketischen und altruistischen Leben ein Ideal erkennt, gleichzeitig aber etwa die Hälfte der Koreaner komplett ohne Bekenntnis auskommt, dann ist es umso umwerfender, mit wieviel Freundlichkeit, welchen Geschenken und welcher Zuwendung ich hier zum Teil fast beschämt wurde. Sie selbst nennen das ganz säkular und bescheiden, fast profan: «…trying to be helpful…». Als mir eine Studentin ihre neue Jacke für meine Tochter (der dieses für Aussenstehende nicht erhältliche Kleidungsstück so sehr gefiel) als Geschenk überreichte, hätte ich fast geweint. Sie wolle ja nur, so sagte sie, sicherstellen, dass ich mit einem positiven Eindruck nach Europa zurückkehren könnte. Als meine Tochter in einem Laden zwanzig Franken von ihrem eigenen Taschengeld an den Kauf von zwei entzückenden traditionell koreanischen Kleidern für ihre Puppen beisteuerte, da legte die Verkäuferin noch drrei weitere als Geschenk obendrauf.

Sogar dem (ehemaligen) Feind die Hand zu reichen, das scheint Jae-in Moon bereit zu sein. Mein Gastgeber sprach einmal davon, dass die innenpolitischen Spannungen in Südkorea nicht unerheblich seien. Als mir bei meinem allerersten Besuch in der 10-Millionen-Metropole Seoul gleich ein Eiferer mit einem Transparent vor meine Kamera sprang, wie verwerflich und dem Wohlstand der Koreaner abträglich diese Aussöhnungs- und Annäherungspläne doch seien, als ich die Uniformen der Veteranen sah, die Marschmusik hörte und «R.O.T.C.» las, wusste ich, was es geschlagen hatte. «Fast vollkommen durchamerikanisiert». Sollte China die USA als Macht mit dem grössten Einfluss auf Südkorea ablösen, so gefällt das einigen gar nicht. Sie hätten lieber eine Zukunft, die man mit der Vergangenheit glatt verwechseln könnte.

Von Prof. Dr. Markus Weber Sutter, Institut für Energiesysteme und Fluid-Engineering (IEFE)

Von Plato nach Konfuzius – Kein Latein?

Man sollte jetzt als Europäer auf keinen Fall der Versuchung erliegen, den Vergleichswettbewerb auf jene bald zum peinlichen letzten Vorposten verkommene und eben nur vermeintliche Bastion einer alt-ehrwürdigen bedeutsamen Tradition zu verlagern und zu fragen: «Wie haltet ihr’s mit dem Latein?» Wobei «Latein» hier durchaus als Platzhalter, aber auch wörtlich zu verstehen ist. Ich hab’s – unfreiwillig zwar – erprobt und kann mich von der Peinlichkeit nur schwerlich erholen. Mich haben schon mindestens drei Menschen (mein Gastgeber und zwei Wildfremde), als sie «Schweiz» («Süö-ui-sö») verstanden, fast reflexartig gefragt: «Ja, sag mal: Schweiz, das war doch das Land mit den vier Landessprachen. Welche waren das gleich nochmals? Deutsch, Französisch und dann?» «Dann», sagte ich, «kommen da noch das Italienische und das Rätoromanische. Vielleicht wäre es realistischer, Englisch als vierte Landessprache zu nennen oder von fünf Landessprachen zu sprechen. Das Rätoromanische wird es wahrscheinlich gar nicht mehr lange geben». So wollte ich vermeiden, mich für das Rätoromanische irgendwie erklären zu müssen. Der eine liess aber nicht locker, bis ich ihm erklärte, er solle das nicht mit dem Rumänischen verwechseln, sondern es so verstehen, dass es direkt vom Latein abgleitet sei, also «…has to do with Ancient Rome…». Worauf er in fehlerfreiem Englisch sagte: «Actually, the nation of Romania does, in fact, have to do with Ancient Rome.» Oder als neulich «Han-Geul»-Feiertag war, also die über fünfhundert Jahre alte Leistung des koreanischen Königs Sejong, das chinesische Schriftzeichensystem durch ein vereinfachtes Silbenalphabet ersetzt zu haben, gefeiert wurde, die Supermärkte, für mich überraschend, geschlossen waren und sogar auf den Baustellen morgens um sieben Uhr etwas weniger Lärm gemacht wurde, erklärte mir Hyeon-Seok: «Was da gefeiert wird, musst du dir so vorstellen, wie wenn die Römer vom griechischen Alphabet wegkommen und an seine Stelle ein eigenes setzen.» Ich muss dazu sagen, dass ich mich jetzt schon über sechs Wochen mit dem «vereinfachten Schriftsystem» befasst habe und kaum über «guten Tag» und «Dankeschön» hinauskomme – zeigt vielleicht auch nur, dass man nicht jünger wird. Da hat also ein ganzes Volk ein althergebrachtes Kommunikationssystem abgeschüttelt und durch ein neues ersetzt, weil mit dem alten zu wenige Menschen an der allgemeinen schriftlichen Kommunikation teilnehmen konnten.

Und jetzt steht ihnen mit der Globalisierung – auch oder vor allem im Wissenschaftsbetrieb – wieder ein neues Zeichensystem ins Haus: die lateinische Schrift. Und sie lernen sie alle. Englisch gibt es im Schulunterricht von der ersten oder dritten Klasse an. Einer mit leidlich gutem Gymnasialabschluss verfügt also hierzulande über Koreanisch auf hohem muttersprachlichem Niveau, Kernbestände an Chinesisch und Englischkenntnisse, die sich mit denen unserer Maturanden mindestens vergleichen lassen. Wie heisst es so schön: «The common language of science has become (broken) English.» Die lingua franca der Wissenschaften ist längst nicht mehr Latein, sondern gebrochenes Englisch. Die Koreaner lernen unsere Schrift mit Eifer und Freude. Marken und Namen aus USA und Europa oder solche, die wenigstens so klingen, sind durchwegs positiv besetzt und schwer angesagt. Den Umgang mit den Namen und Bezeichnungen (die hier schier unaussprechlich sein dürften) betreiben nicht alle Koreaner mit der gleichen Leichtigkeit. Weshalb ich gute Gründe sehe, den Campus und das studentische Ausgehviertel in Incheon als «Quartier Latin» in zeitgemässer Neuauflage zu bezeichnen.

Die Begeisterung und fast völlige Unbefangenheit mit unserem Alphabet und unseren modernen Sprachen reicht vereinzelt sogar bis zum richtigen Lateinisch zurück. Völlig platt war ich vor ein paar Wochen, als ich abends um elf den Fernseher einschaltete, um mich an den Klang einer Sprache zu gewöhnen, von der ich kein Wort verstand, und auf einem der Sender folgendes gegeben wurde: Der Intendant und Dirigent eines minimalen Show-Kirchenchores studierte mit den etwa acht in Talaren gewandeten Sängerinnen und Sängern eine Passage aus dem «Komm, Heiliger Geist» ein, wobei viel Wert auf absolut professionelle sängerische Darbietung gelegt wurde und im Wechsel aus jeder der Stimmen eine Interpretin oder ein Interpret hervortrat, um die Passage noch einmal in der Manier einer Opernsängerin oder eines -sängers vorzutragen und dabei die Unterschiede zu kommentieren, die ein Tremolo und ein Vibrato machen konnten. Der Intendant schien sehr zufrieden und ließ den Chor zum Abschluss noch einmal singen «…QVAE TV CREASTI PECTORA…», und damit jeder – auch Fernsehzuschauer – verstehen lernte, was man da sprechen oder singen sollte, war der Originaltext am Bildschirm mit jenen koreanischen Schriftzeichen unterlegt, die diese lateinische Passage phonetisch nachstellten. In der Gegenrichtung sind sie mit ihren Hilfestellungen genau so deutlich: «Forget about Romanization!», also etwa «Vergiss das Koreanisch-Lernen anhand lateinisch transkribierter Silben!» Ich kann es nur bestätigen. Die Transkription kann nur gewinnbringend einsetzen, wer wie ein Muttersprachler englisch spricht und dazu über eine gründliche linguistische Ausbildung verfügt, also nachvollziehen kann, was sich die Erschaffer der Transkriptionsregeln mit Blick auf die Phonetik gedacht haben müssen.

Von Plato nach Konfuzius – Ein schlechter Reim mit «klein»

Anfangs hatte ich den Eindruck, der einzige Europäer oder «Westler» hier am Campus zu sein. Doch mittlerweile sind mir mindestens ein Dutzend Leute begegnet, die Studenten oder «Mitglieder des Lehr- und Forschungskörpers», also «Faculty Members» westlicher Hochschulen gewesen sein müssen. Unter den Männern nicht wenige, die deutlich größer sind als ich – und das nicht, weil ich etwa besonders klein wäre. Es muss ihnen also zumindest bei der Ankunft und in den ersten Begegnungen mit vielen Einrichtungen und dem Mobiliar so gegangen sein wie mir, ein bisschen so, wie wenn sich Schneewittchen bei den sieben Zwergen an eines der Tischchen zu setzen und aus einem der Becherchen zu trinken versucht. Auch ein jovialer Blick an der jungen Generation vorbei auf die Koreanerinnen und Koreaner so ab sechzig aufwärts ist einer auf fast durchwegs für unsere Massstäbe bemerkenswert kleine, oft knorrige, irgendwie von den Strapazen eines arbeits- und entbehrungsreichen Lebens sichtlich gezeichnete Menschen.

Und ganz schnell geschieht es, dass sich einem neben dem Eindruck des «Klein-Seins» noch der einer gewissen Kindlichkeit aufdrängt. Wobei Kindlichkeit immer auch etwas Unbeschwertes, Erfrischendes hat. So geschah es mir bei meinem ersten Mittagessen, dem ich schon mit einer gewissen Anspannung entgegengesehen hatte, dass mich Hyeon-Seok (man spricht in etwa «h’Jån-‘Såk»), der Doktorand, der mir von meinem Gastgeber zur Seite gestellt wurde («…he is my brightest grad student…», was immer offensichtlicher werden sollte), in ein Restaurant führte und vorschlug, geschmortes Hühnchen an Glasnudeln in Soja-Sauce mit Reis zu bestellen – ein Gericht ab zwei Personen. Man lud sich also aus einer in der Mitte auf einem runden Tisch plazierten Pfanne Bröckchen des Hühnerfleisches und Glasnudeln immer wieder auf den eigenen Teller und versuchte, mit Stäbchen irgendwie dieser in Sauce getränkten Glasnudeln Herr zu werden, wobei mir bedeutet wurde, es sei auf jeden Fall statthaft, wahlweise auch den beigelegten Löffel zu benutzen. Als ich versuchte, eine nächste Portion von der Pfanne auf meinen Teller zu überführen und dabei die Schleppe an aus der Sojasauce gezogenen Glasnudeln so gar nicht enden wollte, gab mir Hyeon-Seok ein Zeichen, mich nicht kompromittiert zu fühlen, griff zu einem Utensil, das wir angesichts seiner kunststoffummantelten Griffe als Bastelschere bezeichnen würden, und schnitt die Nudeln ab, so dass die unteren Enden alle wieder in ihr Bad in der Sauce zurückfielen und dort verschwanden. Das sei üblich und bestens etabliert, sagte er und tat es im Verlauf noch mehrere Male sowohl bei den Nudeln, die ich mir zu nehmen versuchte, als auch bei denen für ihn selbst. Und das war nicht alles. Schon wenige Tage später beobachtete ich beim Einkaufen im Supermarkt, dass nicht wenige Kunden noch einige Zeit an der Aussenwand des Marktes etwa dort, wo man die Einkaufskörbe und -wagen zurückstellt, verbrachten, und wunderte mich, was die da so emsig mit ihren Einkäufen taten. Immer wieder hörte man ein leichtes Zirpen oder Kreischen, bis mir klar wurde: Hier zurren die Kunden mit meterweise Paketklebeband ihr Eingekauftes zusammen, damit beim Transport nichts herausfallen kann. Also jemand kauft z.B. zwei oder drei flache Dreissigerkartons (!) mit rohen Eiern. Klar, die muss er erst einmal stapeln, mehrfach umwickeln und am besten noch mit etwas Passendem zusammenzurren. Wie war das eigentlich bei uns gelöst? Es sind immer sechs oder zwölf Eier in einer verschließbaren Schachtel, und für die meisten Haushalte sind oft sechs Eier schon eines zu viel. Hier waren vor dem Supermarkt gleich eine ganze Batterie grosser, standfester Paketbandspender postiert, denen das Klebeband niemals ausgehen konnte. Sollte eine Rolle leer geworden sein, würde aus dem vertikalen Metallschacht gleich die nächste nachrutschen, sobald man die aufgebrauchte entfernt hätte. Ein Eldorado also für ein Kind im «Chläberli-Alter». Dazu kommt noch die in fliessenden Grenzen mit den Produkten der Unterhaltungsindustrie verwobene Anleitung der Gesellschaft zum Wohlverhalten durch allerlei Fanfaren und Melodien, wie man sie von Kinderspielzeugen kennt. Und wie immer kommt in unseren modernen Zeiten noch das Micky-Maus-T-Shirt-Phänomen bei den Erwachsenen zum Tragen, das man als Trotzreaktion oder Wiedergutmachungsaktion für eine in gewissem Sinne nicht gehabte oder jedenfalls nicht voll ausgekostete Kindheit interpretieren kann. Das Spiegelbild zum Jugendwahn unter den Erwachsenen, die Pflicht der Kinder, verdammt-nochmal erwachsen zu sein, scheint in Korea keine unbekannte Grösse. Ich muss für die jüngeren Leser ergänzen, dass die erste Tuchfühlung mit dem Wort «Korea» in unserer Kindheit folgende war: Das war unvorstellbar weit weg, die Menschen dort mussten zum Teil in grosser materieller Not leben und darum fürchten, ihre Kinder nicht ernähren zu können, so dass die Generation unserer Eltern von dort in begünstigten Verfahren kleine Kinder adoptieren konnte, mit denen wir dann als unseren allerersten exotischen Klassenkameraden zur Schule gingen. Die fernöstlichen Volkswirtschaften und Zivilisationen konnten uns gefühlt irgendwie noch lange nicht das Wasser reichen, sie waren auf Entwicklungshilfe angewiesen. Weil diese Gesellschaften aber niemanden im Westen bedrohten, keinem so schnell gefährlich werden konnten, die Menschen dort so fleissig, an Verbesserung interessiert und lernbegierig waren, neigte man dazu, alles, woran sie scheiterten oder womit sie sich schwertaten, mit einer an Herablassung grenzenden Grosszügigkeit zu sehen. Bei einem Kind hätte man gesagt: «Lasst sie/ihn doch erst einmal machen! Die/der macht das für ihr/sein Alter doch schon recht gut. Sie/er ist ja noch so klein».

Aber das hat sich radikal verändert. Von dem eben gezeichneten Bild bleibt ausser der Bastelschere, den Kleberollen und den Kindermelodien kein Stein mehr auf dem anderen. Die jungen Leute hier sind gross, die Limousinen, die Randsteine, die Strassen, die Einkaufszentren, überhaupt die Städte, die Häuser und sogar die Mahlzeiten, sie sind alle gross. Die ganze Volkswirtschaft ist gross – erst in jüngerer Zeit gross geworden, ja, aber gross. Im Bereich Schiffsbau und LED-Displays sind die Koreaner Weltspitze, fast einsam. Es ist Zeit, dass wir uns im Westen eingestehen: Die stehen uns in kaum mehr etwas nach. Als ich in einer Art «fishing for compliments» dem mehrsprachigen Taxi-Fahrer, der meine Frau, meine Tochter und mich am Flughafen sogar in einem Satz auf Deutsch begrüsst hatte, gesprächsweise zu verstehen gab, dass die Entwicklung in Korea doch eigentlich atemberaubend sei und ich den Eindruck hätte, es gehe nicht mehr darum, dass sie, die Koreaner, uns irgendwie einholen oder zu uns aufschliessen könnten, sondern schon eher darum, dass wir uns haben überholen lassen oder um den Anschluss bangen müssten, da nickte er nur in vornehmer Zustimmung.

Von Prof. Dr. Markus Weber Sutter, Institut für Energiesysteme und Fluid-Engineering (IEFE)