{"id":6629,"date":"2026-07-09T14:10:45","date_gmt":"2026-07-09T12:10:45","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/?p=6629"},"modified":"2026-07-09T14:20:12","modified_gmt":"2026-07-09T12:20:12","slug":"psychische-gesundheit-staerken-erkenntnisse-aus-forschung-und-alltag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/2026\/07\/09\/psychische-gesundheit-staerken-erkenntnisse-aus-forschung-und-alltag\/","title":{"rendered":"Psychische Gesundheit st\u00e4rken: Erkenntnisse aus Forschung und Alltag"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Psychische Gesundheit ist entscheidend f\u00fcr Lebensqualit\u00e4t, Teilhabe und Leistungsf\u00e4higkeit. Doch viele Menschen stehen heute im privaten, schulischen oder beruflichen Alltag unter Druck. Was st\u00e4rkt unser psychisches Wohlbefinden? Und welche Rolle spielen Pr\u00e4vention und Gesundheitsf\u00f6rderung?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Agnes von Wyl gibt Einblicke in aktuelle Entwicklungen, Erkenntnisse aus Forschung und Praxis sowie Herausforderungen f\u00fcr die psychische Gesundheit von morgen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Interview: Agnes von Wyl und Kathrin Bartel<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2026\/07\/IMG_3610-scaled.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2026\/07\/IMG_3610-1024x576.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6630\" srcset=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2026\/07\/IMG_3610-1024x576.jpeg 1024w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2026\/07\/IMG_3610-300x169.jpeg 300w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2026\/07\/IMG_3610-768x432.jpeg 768w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2026\/07\/IMG_3610-1536x864.jpeg 1536w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2026\/07\/IMG_3610-2048x1152.jpeg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Psychische Gesundheit wird heute viel st\u00e4rker thematisiert als noch vor einigen Jahren. Woran liegt das?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt verschiedene Gr\u00fcnde daf\u00fcr. Insgesamt ist das Bewusstsein f\u00fcr psychische Gesundheit in den letzten Jahren deutlich gewachsen. Ein wichtiger Faktor war sicher, dass immer mehr Personen aus der Politik und der \u00d6ffentlichkeit offen \u00fcber eigene psychische Belastungen gesprochen haben, etwa \u00fcber ein Burnout oder Depressionen. Solche pers\u00f6nlichen Berichte helfen, psychische Gesundheit zu enttabuisieren. Einen wichtigen Beitrag leisten hoffentlich auch Sensibilisierungskampagnen wie <a href=\"https:\/\/www.wie-gehts-dir.ch\/\" id=\"https:\/\/www.wie-gehts-dir.ch\/\">\u00abWie geht\u2019s dir?\u00bb<\/a><strong>.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche Entwicklungen in Bezug auf die psychische Gesundheit beobachten Sie aktuell besonders?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Aktuell f\u00e4llt besonders auf, wie intensiv psychische Gesundheit in den sozialen Medien diskutiert wird. Einerseits sprechen immer mehr Menschen offen \u00fcber Diagnosen wie ADHS, Autismus oder Borderline-Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rung und teilen ihre pers\u00f6nlichen Erfahrungen. Andererseits gibt es Online-Communities, in denen psychische Belastungen als Zeichen von Schw\u00e4che gelten. Ein Beispiel daf\u00fcr ist die sogenannte Manosph\u00e4re. Dabei handelt es sich um meist m\u00e4nnlich gepr\u00e4gte, lose organisierte Online-Foren und Social-Media-Kan\u00e4le, in denen traditionelle M\u00e4nnlichkeitsbilder verbreitet und psychische Probleme h\u00e4ufig abgewertet werden. Diese gegens\u00e4tzlichen Entwicklungen bestehen derzeit nebeneinander und pr\u00e4gen den \u00f6ffentlichen Diskurs.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was sind aus Ihrer Sicht die gr\u00f6ssten Herausforderungen f\u00fcr die psychische Gesundheit unserer Gesellschaft?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eine der gr\u00f6ssten Herausforderungen wird in meinen Augen sein, wie wir mit Leistungsdruck und Stress umgehen. F\u00fcr Erholung bleibt oft wenig Raum, denn selbst wenn wir eine Pause machen, greifen viele von uns zum Smartphone. Hinzu kommt, dass wir auch Erholung immer st\u00e4rker optimieren wollen. Das erzeugt erneut Stress, statt echte Entspannung zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<figure class=\"wp-block-pullquote\"><blockquote><p><strong>\u00abPsychische Gesundheit beginnt nicht erst dann, wenn wir krank werden. Sie beginnt damit, wie wir im Alltag auf uns selbst und aufeinander achten.\u00bb <\/strong><\/p><cite>Agnes von Wyl<\/cite><\/blockquote><\/figure>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p><strong>Ihre Forschung besch\u00e4ftigt sich seit vielen Jahren mit Pr\u00e4vention und Gesundheitsf\u00f6rderung. Warum sind diese Ans\u00e4tze so wichtig?<\/strong><a id=\"_msocom_1\"><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist sinnvoll, nicht erst das Feuer zu l\u00f6schen, sondern daf\u00fcr zu sorgen, dass es gar nicht erst zu einem Brand kommt. Wir wissen heute, dass sich Investitionen in Pr\u00e4vention und Gesundheitsf\u00f6rderung lohnen: Langfristig ist es oft g\u00fcnstiger, Krankheiten vorzubeugen, als sie sp\u00e4ter zu behandeln. Gleichzeitig gewinnen wir durch Pr\u00e4ventions- und Gesundheitsf\u00f6rderungsprojekte wertvolle Erkenntnisse dar\u00fcber, welche Massnahmen tats\u00e4chlich wirksam sind.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was wissen wir heute dar\u00fcber, wie psychisches Wohlbefinden gef\u00f6rdert werden kann?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich orientiere mich dabei nach wie vor am Salutogenese-Modell von Aaron Antonovsky. Zentral ist dabei der sogenannte <em>Sense of Coherence<\/em>, also das Gef\u00fchl, dass das Leben verstehbar, handhabbar und sinnvoll ist. Gesundheitsf\u00f6rderung bedeutet deshalb nicht nur, Menschen dabei zu unterst\u00fctzen, gesundheitsf\u00f6rderlich zu handeln. Ebenso wichtig ist es, Rahmenbedingungen zu schaffen, die gesundes Verhalten \u00fcberhaupt erm\u00f6glichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das zeigt sich gut am Unterschied zwischen Verhaltens- und Verh\u00e4ltnispr\u00e4vention. Bei Stress kann Verhaltenspr\u00e4vention beispielsweise bedeuten, Entspannungstechniken oder Meditation zu vermitteln. Verh\u00e4ltnispr\u00e4vention setzt dagegen bei den Rahmenbedingungen an, indem Arbeitspl\u00e4tze so gestaltet werden, dass konzentriertes Arbeiten m\u00f6glich ist. Zum Beispiel durch R\u00fcckzugsr\u00e4ume oder feste Arbeitspl\u00e4tze statt ausschliesslich nonterritorialer Open-Space-B\u00fcros. Beides ist wichtig, doch nachhaltige Gesundheitsf\u00f6rderung gelingt nur, wenn auch das Umfeld mitgedacht wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Warum reicht es nicht aus, erst dann zu handeln, wenn Menschen psychisch erkranken?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Psychische Belastungen geh\u00f6ren zum Leben. Eine Trennung, der Verlust eines nahestehenden Menschen oder eine nicht bestandene Pr\u00fcfung k\u00f6nnen uns aus dem Gleichgewicht bringen. Psychische Erkrankungen gehen jedoch dar\u00fcber hinaus: Sie verursachen grosses seelisches Leiden und erf\u00fcllen die Kriterien einer medizinischen Diagnose, etwa einer Depression.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei der k\u00f6rperlichen Gesundheit ist Pr\u00e4vention f\u00fcr die meisten Menschen selbstverst\u00e4ndlich. Wir wissen, dass Rauchen oder \u00fcberm\u00e4ssiger Alkoholkonsum das Krankheitsrisiko erh\u00f6hen. Ich w\u00fcnsche mir, dass wir Pr\u00e4vention auch im Bereich der psychischen Gesundheit st\u00e4rker als Selbstverst\u00e4ndlichkeit verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche Rolle spielen Familie, Schule, Arbeit und soziale Beziehungen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gerade f\u00fcr Kinder und Jugendliche sind Familie und Schule entscheidend f\u00fcr eine gesunde Entwicklung. Als Gesellschaft tragen wir die Verantwortung, gute Rahmenbedingungen f\u00fcr Familien und Schulen zu schaffen. Dazu geh\u00f6ren beispielsweise gen\u00fcgend Ressourcen oder kleinere Klassen, auch wenn diese mit h\u00f6heren Kosten verbunden sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Dasselbe gilt f\u00fcr die Arbeitswelt. Arbeitgeber:innen haben eine F\u00fcrsorgepflicht gegen\u00fcber ihren Mitarbeitenden und k\u00f6nnen mit gesundheitsf\u00f6rderlichen Arbeitsbedingungen wesentlich zum psychischen Wohlbefinden beitragen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wenn Sie einen Wunsch f\u00fcr die Zukunft h\u00e4tten: Was sollte sich im Umgang mit psychischer Gesundheit<\/strong> <strong>ver\u00e4ndern?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich w\u00fcnsche mir, dass wir Menschen mit psychischen Erkrankungen offener und verst\u00e4ndnisvoller begegnen. Gerade bei Depressionen f\u00e4llt es Angeh\u00f6rigen oder Freund:innen oft schwer, den Kontakt aufrechtzuerhalten. Das ist nachvollziehbar, weil die Situation belastend sein kann. Umso wichtiger ist es, dass wir f\u00fcreinander da sind und besser aufeinander achten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche Forschungsthemen werden in den kommenden Jahren besonders wichtig?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein wichtiges Thema ist f\u00fcr mich die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. In der Schweiz fehlt bislang ein umfassendes Monitoring, das sowohl psychisches Wohlbefinden als auch psychische Erkrankungen regelm\u00e4ssig erfasst. Zwar gibt es Erkenntnisse aus anderen L\u00e4ndern, doch f\u00fcr die Schweiz fehlen aktuelle und systematische Daten. Diese Wissensl\u00fccke sollten wir schliessen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Welche Botschaft m\u00f6chten Sie unseren Leserinnen und Lesern mitgeben?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr mich bringt dieser Satz alles auf den Punkt:<strong> \u00abThere is no health without mental health.\u00bb<\/strong> K\u00f6rper und Psyche lassen sich nicht voneinander trennen. Beide beeinflussen sich gegenseitig und bilden eine untrennbare Einheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Psychische Gesundheit beginnt deshalb nicht erst dann, wenn wir krank werden. Sie beginnt damit, wie wir im Alltag auf uns selbst und aufeinander achten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Weitere Informationen: <\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/psychologie\/institute\/imh\">Institut f\u00fcr Mental Health<\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Podcast <a href=\"https:\/\/soundcloud.com\/user-889318751\/stille-krise-im-buro-mentale-gesundheit-in-der-leistungsgesellschaft\" id=\"https:\/\/soundcloud.com\/user-889318751\/stille-krise-im-buro-mentale-gesundheit-in-der-leistungsgesellschaft\">Stille Krise im B\u00fcro: Mentale Gesundheit in der Leistungsgesellschaft<\/a><\/li>\n\n\n\n<li>Blog <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/2025\/09\/18\/psychische-belastungen-im-studien-arbeitsalltag\/\" id=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/2025\/09\/18\/psychische-belastungen-im-studien-arbeitsalltag\/\">Psychisch belastet \u2013 und jetzt? Unterst\u00fctzung im Studien- und Arbeitsalltag<\/a><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:30% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"300\" src=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2026\/07\/von_Wyl_Agnes_300.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6632 size-full\" srcset=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2026\/07\/von_Wyl_Agnes_300.jpg 300w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2026\/07\/von_Wyl_Agnes_300-150x150.jpg 150w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2026\/07\/von_Wyl_Agnes_300-24x24.jpg 24w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2026\/07\/von_Wyl_Agnes_300-48x48.jpg 48w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2026\/07\/von_Wyl_Agnes_300-96x96.jpg 96w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p><strong>Prof. Dr. Agnes von Wyl<\/strong> ist Co-Leiterin a.i. des Instituts f\u00fcr Mental Health. Sie ist verantwortlich f\u00fcr die Forschung Klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie am Departement Angewandte Psychologie der ZHAW. Sie f\u00fchrte verschiedene Forschungsprojekte zum psychischen Wohlbefinden und lehrte Gesundheitspsychologie im Masterstudium des Departements Angewandte Psychologie.<\/p>\n<\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Psychische Gesundheit ist entscheidend f\u00fcr Lebensqualit\u00e4t, Teilhabe und Leistungsf\u00e4higkeit. Doch viele Menschen stehen heute im privaten, schulischen oder beruflichen Alltag unter Druck. Was st\u00e4rkt unser psychisches Wohlbefinden? Und welche Rolle spielen Pr\u00e4vention und Gesundheitsf\u00f6rderung? Agnes von Wyl gibt Einblicke in aktuelle Entwicklungen, Erkenntnisse aus Forschung und Praxis sowie Herausforderungen f\u00fcr die psychische Gesundheit von morgen. 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