{"id":3579,"date":"2019-04-23T14:28:27","date_gmt":"2019-04-23T12:28:27","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/?p=3579"},"modified":"2022-04-16T13:57:35","modified_gmt":"2022-04-16T11:57:35","slug":"luegen-im-interview-prozess","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/2019\/04\/23\/luegen-im-interview-prozess\/","title":{"rendered":"L\u00fcgen im Interview-Prozess"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Geschwindelt \u2013 gemogelt \u2013 geschummelt \u2013\ngeflunkert\u2026. Die Unterscheidung dieser Kategorien der Versch\u00f6nerung von\nRealit\u00e4t f\u00e4llt nicht leicht, und doch scheint es sie zu geben. Untersuchungen\nzeigen, dass jeder von uns mehrere Male pro Tag l\u00fcgt. Gleichzeitig lehren wir\nunsere Kinder, nicht zu l\u00fcgen und machen Ehrlichkeit zu einem wichtigen Wert in\nunserer Gesellschaft. Was also motiviert Menschen, die Wahrheit nach ihren\nBed\u00fcrfnissen zu verbiegen? Und wo ist die Grenze?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Von Maja Goedertier, Beraterin am IAP Institut\nf\u00fcr Angewandte Psychologie<\/em><\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>L\u00fcgen haben Tradition<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Die Grenze zwischen L\u00fcge und\nIrrtum war historisch betrachtet schon immer fliessend. Die christliche Kultur\nlehrt uns, dass l\u00fcgen schlecht ist. Andere Kulturen gewichten verschiedene Werte\nanders. So wissen wir heute, dass H\u00f6flichkeit in manchen Kulturen einen h\u00f6heren\nStellenwert hat als blosse Ehrlichkeit. Das Gesicht zu wahren, einem anderen\nMenschen nicht unn\u00f6tig wehzutun, solche Z\u00fcge finden sich in asiatischen L\u00e4ndern\nebenso explizit wie im europ\u00e4ischen Kulturraum. So wird die Wahrheit in allen\nGesellschaften auf unterschiedliche Art gebogen: durch H\u00f6flichkeitsl\u00fcgen,\nNotl\u00fcgen, Heuchelei oder Scherzl\u00fcgen. Deren Akzeptanz ist aber unterschiedlich.\nNicht selten wird die Motivation zur L\u00fcge als Hauptkriterium herbeigezogen, um\neine L\u00fcge zu beurteilen. Ebenso k\u00f6nnen L\u00fcgen ein Unverm\u00f6gen zum Ausdruck bringen,\nmit gewissen Gegebenheiten umzugehen. Wir sind also mit einem Ph\u00e4nomen\nkonfrontiert, welches wir in irgendeiner Form in unsere Interaktionskultur\nintegrieren m\u00fcssen. <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"667\" src=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2019\/04\/shutterstock_424331404.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3582\" srcset=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2019\/04\/shutterstock_424331404.jpg 1000w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2019\/04\/shutterstock_424331404-300x200.jpg 300w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2019\/04\/shutterstock_424331404-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:28px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Jeder m\u00f6chte gut dastehen<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Was L\u00fcgen sind, wissen wir alle \u2013 selbst, wenn wir sie nicht immer erkennen. Von klein an erlernen wir kultureigene Normen und Werte. Die Moral \u2013 definiert als die Gesamtheit dieser Normen, Grunds\u00e4tze und Werte \u2013 reguliert das zwischenmenschliche Verhalten in einer Gesellschaft. Dementsprechend definiert eine Gesellschaft durch Konvention, welche Grunds\u00e4tze von ihr als verbindlich akzeptiert werden und welche nicht. Gleichzeitig lehrt uns die Gesellschaft, welche Verhaltensweise im sozialen Umfeld zu Anerkennung verhilft, und welche uns auschliesst. Dabei zeigt das unmittelbare soziale Umfeld an, wann es einem Menschen Vorteile verschafft, die definierte Moral ernst zu nehmen und wann nicht. Uns allen ist der pers\u00f6nliche Eindruck auf andere wichtig. So ist es im Bereich der Selbstdarstellung (Impressionmanagement) relevant, zu wessen Wohl gelogen wird und wem die L\u00fcge dient. Ob ich mir nun \u00c4rger ersparen, das Leben erleichtern oder einfach geliebt werden will \u2013 in der Regel geht es darum, besser dazustehen. So werden auch in Coachings oder Therapien Techniken und Methoden angewandt, um leidvolle Situationen ertr\u00e4glicher zu gestalten. Dabei f\u00fchrt der Weg nicht selten dar\u00fcber, Entt\u00e4uschungen oder Selbstt\u00e4uschungen aufzudecken und den Grad der Realit\u00e4tsanpassung neu zu definieren. <\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>L\u00fcgen in der Selbstpr\u00e4sentation<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Um unser Aussenbild zu optimieren, nutzen wir t\u00e4glich verschiedene Werkzeuge. Seien es Filter f\u00fcr die Selbstdarstellung in den digitalen Medien oder Schminke und Kleider f\u00fcr den pers\u00f6nlichen Auftritt. Auch f\u00fcr die Optimierung unserer Karriere sind wir demnach zu T\u00e4uschungen bereit. Schliesslich verlangen Arbeitgeber mehrheitlich hochmotivierte, leistungsorientierte Mitarbeitende. Es geht also darum, insbesondere in einer Interviewsituation zu \u00fcberzeugen und in der Stellenfindung zu re\u00fcssieren. In diesem Fall unterliegt die Selbstpr\u00e4sentation per se einem individuellen Nutzen, den es durch verbale und nonverbale Kommunikation zu transportieren gilt. Die Kommunikation dient demnach der Wahrheit genauso wie der L\u00fcge, wobei zu beachten bleibt, dass nicht jede L\u00fcge sch\u00e4dlich ist. Taktvolles Schweigen und h\u00f6fliches L\u00e4cheln, geh\u00f6ren in der Arbeitswelt unweigerlich dazu, um sich nicht selbst zu schaden. In Bewerbungsunterlagen zum Beispiel, kommen Auslassungen vor, Dokumente werden gesch\u00f6nt und das Foto m\u00f6glichst vorteilhaft aufgenommen, um das Eigenbild optimaler auf unausgesprochene Erwartungen abzustimmen. Bedeutet dies, dass wir uns auch in unserer Arbeitskultur st\u00e4ndig an der Grenze der Ehrlichkeit bewegen? <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1000\" height=\"706\" src=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2019\/04\/shutterstock_773506771.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3583\" srcset=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2019\/04\/shutterstock_773506771.jpg 1000w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2019\/04\/shutterstock_773506771-300x212.jpg 300w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2019\/04\/shutterstock_773506771-768x542.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:27px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Unwahrheiten im Interview<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Es muss wohl auch ein gemeinsamer Nutzen durch gesellschaftliche Konventionen definiert und geltend gemacht werden. In der Regel manifestiert er sich durch die Werte der Organisationskultur. Bewerberinnen und Bewerber sind somit gefordert, die Werte eines zuk\u00fcnftigen Arbeitgebers zu erkennen und in der sp\u00e4teren Zusammenarbeit auch zu leben. Im \u00f6konomischen Kontext, wo jedoch Vorteilsstreben jeder Art vorkommt, gilt es, das Kleingedruckte \u2013 sprich Kulturaspekte \u2013 genau zu kennen. Mit r\u00fcckhaltloser Offenheit kann in diesen Situationen wohl kaum gerechnet werden. Der Grad der Offenheit in der Interaktion muss jedoch ausgelotet werden. Und zwar gegenseitig. Das Herunterspielen von Schwierigkeiten oder Konflikten in einer Organisation geh\u00f6rt dabei ebenso dazu, wie die Bereicherungsinteressen oder Machtanspr\u00fcche eines Bewerbers. Die effekthascherische Aufbereitung von gr\u00f6sseren und kleineren (Un)Wahrheiten hat demnach in der Rekrutierungsphase einen werberischen und damit auch manipulativen Charakter. Es sind strategische T\u00e4uschungen mit Kalk\u00fcl, die wechselseitig unter kritische Aufsicht gestellt werden m\u00fcssen. In diesem Zusammenhang sind L\u00fcgen ein Sprachverhalten, das einen bestimmten Zweck verfolgt. Wie jede andere Beziehung, setzt auch eine erfolgreiche Arbeitsbeziehung Vertrauen voraus. Das hingegen wird grunds\u00e4tzlich von L\u00fcgen bedroht. F\u00fcr das Gelingen einer Kooperation gilt es also f\u00fcr die Betroffenen, herauszufinden, welches Verhalten gesch\u00e4tzt wird (Verpflichtung ist) und welches nicht zu missachten (wichtig) ist. Das Mass an Wahrheit bestimmt die Authentizit\u00e4t, mit der dieser gemeinsame Prozess gelebt wird. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein Bewerbungsprozess \u00e4hnelt demnach einem Shakespearschen B\u00fchnenst\u00fcck von T\u00e4uschung und Wahrheit. Damit wir in diesem St\u00fcck Regie f\u00fchren k\u00f6nnen, sind wir als Interviewer gefordert nicht nur Licht zu werfen, sondern ebenso ins Dunkle zu sehen und den dramaturgischen Zweck von Verhalten zu erkennen. Die Erfahrung zeigt, dass 100-prozentige Ehrlichkeit ein Mythos ist und bleibt. Es wird zwischen Interaktionspartnern immer L\u00fcgen und Geheimnisse geben. Doch nicht jedes Geheimnis erfordert eine Rechtfertigung. Erst wenn die Gefahr der strategischen T\u00e4uschung besteht, sollten wir diese aufdecken, damit der m\u00f6gliche Schaden f\u00fcr die zuk\u00fcnftige Zusammenarbeit begrenzt werden kann.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:32px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile is-vertically-aligned-bottom is-image-fill\" style=\"grid-template-columns:28% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\" style=\"background-image:url(https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2018\/12\/MajaGoedertier_9345_300x300px.jpg);background-position:50% 50%\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"300\" src=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2018\/12\/MajaGoedertier_9345_300x300px.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3440 size-full\" srcset=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2018\/12\/MajaGoedertier_9345_300x300px.jpg 300w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2018\/12\/MajaGoedertier_9345_300x300px-150x150.jpg 150w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2018\/12\/MajaGoedertier_9345_300x300px-24x24.jpg 24w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2018\/12\/MajaGoedertier_9345_300x300px-48x48.jpg 48w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2018\/12\/MajaGoedertier_9345_300x300px-96x96.jpg 96w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p style=\"font-size:12px\"><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/ueber-uns\/person\/godm\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><strong>Maja Goedertier<\/strong><\/a>, ist Psychologin und Beraterin am IAP Institut f\u00fcr Angewandte Psychologie im Bereich der Managementdiagnostik und Sicherheitspsychologie. Sie studierte Arbeits- und Organisationspsychologie und arbeitet seither als beratende Psychologin f\u00fcr Unternehmen in den Bereichen Assessment, Potenzialabkl\u00e4rung, Standortbestimmung, Neuorientierung und Coaching von Personen in Ver\u00e4nderungsprozessen. Ihr Arbeitsschwerpunkt am IAP ist die psychologische Eignungsdiagnostik von F\u00fchrungspersonen sowie Personen in sicherheits-sensiblen beruflichen Kontexten. <\/p>\n<\/div><\/div>\n<div class=\"pt-sm\">Schlagw\u00f6rter: <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/tag\/bewerbung\/\">Bewerbung<\/a>, <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/tag\/interview\/\">Interview<\/a><br><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geschwindelt \u2013 gemogelt \u2013 geschummelt \u2013 geflunkert\u2026. Die Unterscheidung dieser Kategorien der Versch\u00f6nerung von Realit\u00e4t f\u00e4llt nicht leicht, und doch scheint es sie zu geben. Untersuchungen zeigen, dass jeder von uns mehrere Male pro Tag l\u00fcgt. 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