{"id":3439,"date":"2018-12-20T13:13:49","date_gmt":"2018-12-20T12:13:49","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/?p=3439"},"modified":"2021-03-02T12:32:29","modified_gmt":"2021-03-02T11:32:29","slug":"eine-gute-beziehung-als-basis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/2018\/12\/20\/eine-gute-beziehung-als-basis\/","title":{"rendered":"Eine gute Beziehung als Basis"},"content":{"rendered":"<p><strong>Als Assessorin m\u00f6chte ich so viel wie m\u00f6glich von meinem Gegen\u00fcber erfahren, damit ich relevante Schlussfolgerungen f\u00fcr die Passung zwischen Person und k\u00fcnftiger Position in der Firma ziehen kann. Genauso will der Kandidat oder die Kandidatin bewusst Informationen vermitteln, um mich von eben dieser Passung zu \u00fcberzeugen. Das wertvolle Gut, das es auszutauschen gilt, heisst also Information. Die gemeinsame Plattform f\u00fcr diesen Informationsaustausch ist die Beziehungsgestaltung am Assessment-Tag. <\/strong><!--more--><\/p>\n<p><em>Von Maja Goedertier, Beraterin am IAP Institut f\u00fcr Angewandte Psychologie<\/em><\/p>\n<p>Es ist fr\u00fch am Morgen. Alle meine Antennen sind auf Empfang, und ich hole meinen heutigen Assessment-Kandidaten im Warteraum ab. Neugier, eine gesunde Portion Humor und die Vorfreude auf einen einzigartigen Menschen begleiten mich in den Wartesaal. F\u00fcr mein Gegen\u00fcber ist dies meist ein Moment purer Anspannung. Der erste Eindruck, den er oder sie von mir bekommt, und meine einf\u00fchrenden Worte haben bereits Einfluss auf den Einstieg in den kommenden Assessment-Tag. Meine erste Aufgabe ist es deshalb, mein Gegen\u00fcber mitzunehmen und in die Zusammenarbeit einzuladen. Dabei ist eine offene und unvoreingenommene Haltung der Assessoren pr\u00e4gend f\u00fcr das Gelingen des gemeinsamen Assessmenttages.<\/p>\n<p><strong>Die rollenbezogene Beziehungsgestaltung<\/strong><\/p>\n<p>In meinem Fokus stehen die Begegnung und das Kennenlernen meines Gegen\u00fcbers. Dabei oszilliere ich st\u00e4ndig zwischen dem Aufbau von Vertrauen auf der Beziehungsebene und dem objektiven Diagnostizieren auf der Sachebene. Ich registriere Befindlichkeiten und kl\u00e4re diese, um den gemeinsamen Einstieg zu erleichtern. Hier zeigt sich rasch, wie leicht ich mit der Person ins Gespr\u00e4ch komme und mit welcher Leichtigkeit \u2013 oder nicht \u2013 sie dieses mitgestaltet. Als Assessorin ist es mir ein Anliegen, dass sich mein Gegen\u00fcber wohl f\u00fchlt, damit es sich mit seinen Qualit\u00e4ten, F\u00e4higkeiten und Ressourcen zeigen kann. Dies kommuniziere ich auch so und fordere dazu auf, pers\u00f6nliche Bed\u00fcrfnisse offen zu \u00e4ussern. Wir steigen in die Abkl\u00e4rung ein, indem ich erz\u00e4hle wer wir sind, wie wir arbeiten und wie der gemeinsame Assessment-Tag in etwa verlaufen wird. Um erste Anspannungen zu l\u00f6sen, spreche ich zu Beginn bewusst mehr als mein Gegen\u00fcber. Wichtig ist die Kl\u00e4rung meiner Rolle als psychologische Diagnostikerin, meines Verh\u00e4ltnisses zum potenziellen Arbeitgeber der Kandidaten und die Betonung dessen, was mein Auftrag ist: die Beschreibung der Passung mit der vorgesehenen Stelle. F\u00fcr die meisten Kandidatinnen und Kandidaten ist mein Auftrag mit Hoffnungen, W\u00fcnschen und Tr\u00e4umen bez\u00fcglich ihrer Zukunft verbunden. Daher liegt es in der Natur der Sache, dass mein Gegen\u00fcber angespannt, vielleicht sogar nerv\u00f6s ist.<\/p>\n<p>Um das Eis zu brechen, hole ich bestehende Erfahrungen mit Assessments ab und bespreche diese sowie etwaige Unterschiede zu unserer heutigen Begegnung und unserem Vorgehen an diesem Tag. Obwohl sich die Beziehung zwischen Assessor und Assessee an wechselseitigen Rollenerwartungen ausrichtet, sind wir im Grunde einfach erst einmal zwei Fremde, die eine Weile ben\u00f6tigen, um ein uns eigenes Interaktionsmuster zu etablieren. Von mir wird meistens kritisches Hinschauen erwartet, und von meinem Gegen\u00fcber erwarte ich die Bereitschaft, sich auf unsere Beziehung einzulassen. So ist dann auch meine Beziehungsgestaltung mit bestimmten Erwartungen an mein Interaktionsverhalten gebunden. Es ist eine Gratwanderung wie pers\u00f6nlich unsere Interaktionen werden. Wie tief unser Austausch wird, \u00fcberlasse ich dabei meinem Gegen\u00fcber. Ich hingegen reagiere auf pers\u00f6nliche Eigenheiten oder Erfahrungen, die mein Gegen\u00fcber mir erz\u00e4hlt, mit gezieltem Nachfragen. So unterst\u00fctze ich ihn oder sie dabei, sich schrittweise zu \u00f6ffnen und sich Raum f\u00fcr die Pr\u00e4sentation der eigenen Pers\u00f6nlichkeit zu nehmen. Unsere Beziehung ist jedoch nicht nur durch unsere Pers\u00f6nlichkeiten determiniert, sondern gleichzeitig auch bestimmt durch zus\u00e4tzliche Teilnehmende am Assessment und die gew\u00e4hlten Aufgaben. Auch diese Aspekte bezeichnen den weiteren Aufbau unserer Beziehung. Einfl\u00fcsse von Dritten k\u00f6nnen den weiteren Verlauf ver\u00e4ndern, manchmal sogar einfrieren. Somit ist es zu Beginn des Tages immer schwierig vorauszusagen, wie unser gemeinsame Tag sich entwickelt. Was f\u00fcr mich heisst, dass ich den Assessment-Tag nicht bis ins letzte Detail vorbereiten kann, sondern mich ebenso wie mein Gegen\u00fcber auf die Beziehung einlassen und spontan reagieren muss. Im besten Fall erg\u00e4nzen sich die konstruktive Beziehungsgestaltung und die gegenseitigen Erwartungen. So k\u00f6nnen Pers\u00f6nlichkeitsmerkmale sichtbar werden und es entsteht eine tragf\u00e4hige Beziehung f\u00fcr das <a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/psychologie\/dienstleistung\/diagnostik-verkehrs-sicherheitspsychologie\/assessment\/\">Assessment<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Authentizit\u00e4t ist die Grundlage<\/strong><\/p>\n<p>Damit eine Diagnostikerin professionell arbeiten kann, sollte sie in der Begegnung offen und authentisch auftreten. Von mir ist also nicht nur psychologisches Fachwissen gefragt, sondern ebenso Bewusstsein \u00fcber meine eigenen Wertvorstellungen, Sympathien und Antipathien. Diese gilt es f\u00fcr jeden Assessor und jede Assessorin in der neu entstehenden Beziehung immer wieder zu reflektieren. Nur wenn ich meine eigenen Werte und Handlungsmuster kenne, kann ich ER-kennen, was tats\u00e4chlich zu meinem Gegen\u00fcber geh\u00f6rt. Meine vorbereitende Aufgabe ist es demnach, mir meiner Eigenheiten und Vorlieben bewusst zu sein, um die am Assessment-Tag entstehenden Wahrnehmungen und Eindr\u00fccke von meinem Gegen\u00fcber verstehen und in den gegebenen Kontext stellen zu k\u00f6nnen. Denn entscheidend f\u00fcr den Verlauf des Tages ist auch, wie mein Gegen\u00fcber seinen Tag pers\u00f6nlich erlebt und sich einbringen kann. Was die Qualit\u00e4t der Begegnung positiv beeinflusst, sind freundliches und verst\u00e4ndnisvolles Verhalten, ebenso wie ermutigendes und direktives Handeln meinerseits. Daneben wirkt jedoch das Selbstbild, welches mein Gegen\u00fcber von sich hat, ebenso stark auf unsere Begegnung, und damit auf die Qualit\u00e4t meiner Datensammlung.<\/p>\n<p>Das Ziel eines Assessors sollte es sein, Akzeptanz f\u00fcr die gegebene Situation zu schaffen, denn Akzeptanz ist f\u00fcr jede erfolgreiche Zusammenarbeit unentbehrlich. Sobald sich mein Gegen\u00fcber einer fairen Betrachtung seiner selbst sicher sein kann, sind die Grundlagen f\u00fcr ein offenes Miteinander gelegt, und wir k\u00f6nnen gemeinsam arbeiten. Darum versuche ich aufzuzeigen, dass ich gleichzeitig Dienstleistungszentrum sowie auch \u00abemotionales Zwischenlager\u00bb f\u00fcr mein Gegen\u00fcber bin. Nur so kann eine gute Vertrauensbasis entstehen. Meist tr\u00e4gt meine humorvolle und gleichzeitig respektvolle Haltung dazu bei, meine Freude an der Arbeit zu transportieren. Wenn mein Gegen\u00fcber dann merkt, dass ich ihn als Mensch unvoreingenommen mag und unsere Gespr\u00e4chsbasis auf Ehrlichkeit, Respekt, Zuversicht und Anteilnahme basiert, beginnen die Informationen einfacher zu fliessen. Die psychologische Betrachtung lehrt mich, dass wenn ich auf irgendeine Form von Widerstand stosse, ich m\u00f6glicherweise auf wichtige Aspekte gestossen bin, die f\u00fcr mein Gegen\u00fcber wertvoll sind, und die es zu beachten und zu sch\u00fctzen gilt. Durch den Widerstand sind diese jedoch nicht f\u00fcr mich zug\u00e4nglich, was die Einordnung erschwert. Schaffe ich es, diesen Widerstand durch die Form meiner Beziehungsarbeit und Beziehungsgestaltung aufzul\u00f6sen, kriege ich treffende Aussagen f\u00fcr meinen sp\u00e4teren Bericht. Dazu brauche ich nat\u00fcrlich auch die Unterst\u00fctzung und Offenheit des Gegen\u00fcbers. Wenn wir es also gemeinsam schaffen, eine tragf\u00e4hige gemeinsame Plattform der Zusammenarbeit herzustellen, k\u00f6nnen Gef\u00fchle der (Selbst-)Bedrohung reduziert werden und etwaige Selbstschutzstrategien abgebaut werden.<\/p>\n<p><strong>Respekt von der Einzigartigkeit<\/strong><\/p>\n<p>Am Assessment-Tag reihen sich interaktive Aufgaben an computergest\u00fctzte Testverfahren und verschiedene Fragerunden. Jedes Instrument schafft neue Informationen zu Tage, die es f\u00fcr mich in den Kontext zu stellen und zu integrieren gilt. Auch mein Gegen\u00fcber muss viele neue Eindr\u00fccke verarbeiten. Die Aufgaben, das Gef\u00fchl, beobachtet und beurteilt zu werden, die Auseinandersetzung mit sich selbst und den eigenen Ressourcen. Wenn sich der Assessment-Tag dem Ende zuneigt, entwickelt sich mehr und mehr ein ganzheitliches Bild der Einzigartigkeit meiner Kandidaten. Was ich suche, ist nicht die Wahrheit, sondern Informationen dar\u00fcber, wie meine Gespr\u00e4chspartner ihre Realit\u00e4t erleben. Dieses Erleben hat Einfluss auf ihre Arbeitsf\u00e4higkeit und ihr Verhalten im Arbeitsalltag. Um ihre Geschichten zu erfahren, \u00fcbe ich mich im offensiven Zuh\u00f6ren, damit ich alle \u2013 auch die allerkleinsten \u2013 Zwischenbotschaften, die mein Gegen\u00fcber mir sendet, mitkriege. In jeder Lebensbiografie sind Erfolge begleitet von Niederlagen, von Geschmeidigkeit und Br\u00fcchen, das geh\u00f6rt dazu. Beeinflusst werden diese Faktoren vom pers\u00f6nlichen Umfeld, von der bisherigen Arbeitserfahrung und von der Gesellschaft, in der sich die Kandidaten bewegen. Werte, Vorstellungen und Motivationen, d\u00fcrfen sich ebenso zeigen wie Eigenschaften, Ambitionen und die Verarbeitung von Erlebtem.<\/p>\n<p>Mein Interesse besteht darin, die Eigenheiten einer jeden Person so differenziert zu erfassen und verstehen, dass deren Einzigartigkeit sichtbar wird. In der Regel ist meinem Gegen\u00fcber die Anstrengung der Auseinandersetzung mit sich selbst gegen Ende des Tages anzumerken. Die einen kostet es viel Energie, die anderen weniger. Einige brauchen mehr Mut als andere, Pers\u00f6nliches preiszugeben. Zum Schluss werden die Kandidaten durch die Auseinandersetzung mit sich und die Mitarbeit mit mir mit Erkenntnissen \u00fcber sich selbst belohnt. Manchmal erkennen sie bereits am Ende des Tages neue pers\u00f6nliche Entwicklungsfelder f\u00fcr ihre Zukunft. Ob sie den Job danach bekommen oder nicht: Die Erkenntnisse \u00fcber sich selbst sind von unsch\u00e4tzbarem Wert f\u00fcr ihren weiteren Weg.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2018\/12\/MajaGoedertier_9345_300x300px.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-3440\" src=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2018\/12\/MajaGoedertier_9345_300x300px.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2018\/12\/MajaGoedertier_9345_300x300px.jpg 300w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2018\/12\/MajaGoedertier_9345_300x300px-150x150.jpg 150w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2018\/12\/MajaGoedertier_9345_300x300px-24x24.jpg 24w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2018\/12\/MajaGoedertier_9345_300x300px-48x48.jpg 48w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2018\/12\/MajaGoedertier_9345_300x300px-96x96.jpg 96w\" sizes=\"auto, (max-width: 200px) 100vw, 200px\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/ueber-uns\/person\/godm\/\">Maja Goedertier<\/a>\u00a0ist Psychologin und Beraterin am IAP Institut f\u00fcr Angewandte Psychologie im Bereich <a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/psychologie\/dienstleistung\/diagnostik-verkehrs-sicherheitspsychologie\/\">Managementdiagnostik und Sicherheitspsychologie<\/a>. Seit ihrem Studium in Arbeits- und Organisationspsychologie arbeitet sie als beratende Psychologin f\u00fcr Unternehmen in den Bereichen <a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/psychologie\/dienstleistung\/diagnostik-verkehrs-sicherheitspsychologie\/assessment\/assessment-center\/\">Assessment, Potenzialabkl\u00e4rung,<\/a> Standortbestimmung, Neuorientierung und Coaching von Personen in Ver\u00e4nderungsprozessen. Ihr Arbeitsschwerpunkt am IAP ist die <a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/psychologie\/dienstleistung\/diagnostik-verkehrs-sicherheitspsychologie\/sicherheit\/eignungsdiagnostik-fuehrung\/\">psychologische Eignungsdiagnostik von F\u00fchrungspersonen<\/a> sowie Personen in sicherheitssensiblen beruflichen Kontexten.<\/p>\n<div class=\"pt-sm\">Schlagw\u00f6rter: <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/tag\/assessment\/\">assessment<\/a>, <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/tag\/assessment-tag\/\">Assessment-Tag<\/a>, <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/tag\/befoerderung\/\">Bef\u00f6rderung<\/a>, <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/tag\/diagnostik\/\">diagnostik<\/a>, <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/tag\/eignungsabklaerung\/\">eignungsabkl\u00e4rung<\/a>, <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/tag\/iap\/\">IAP<\/a>, <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/tag\/institut-fuer-angewandte-psychologie\/\">Institut f\u00fcr Angewandte Psychologie<\/a>, <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/tag\/managementdiagnostik\/\">managementdiagnostik<\/a>, <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/tag\/psychologische-diagnostik\/\">psychologische Diagnostik<\/a>, <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/tag\/sicherheit\/\">sicherheit<\/a>, <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/tag\/zhaw\/\">ZHAW<\/a><br><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Assessorin m\u00f6chte ich so viel wie m\u00f6glich von meinem Gegen\u00fcber erfahren, damit ich relevante Schlussfolgerungen f\u00fcr die Passung zwischen Person und k\u00fcnftiger Position in der Firma ziehen kann. 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