{"id":2507,"date":"2017-10-23T15:09:22","date_gmt":"2017-10-23T13:09:22","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/?p=2507"},"modified":"2022-04-14T11:32:07","modified_gmt":"2022-04-14T09:32:07","slug":"fratelli-auf-der-suche-nach-menschlicher-verbindung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/2017\/10\/23\/fratelli-auf-der-suche-nach-menschlicher-verbindung\/","title":{"rendered":"\u201eFratelli\u201c \u2013 Auf der Suche nach menschlicher Verbindung"},"content":{"rendered":"<p><strong>Diesen Herbst verabschiedete das Junge Schauspielhaus nach 66 Auff\u00fchrungen die atemberaubende Inszenierung von Regisseur Antonio Vigan\u00f2s \u201eFratelli\u201c. Im Anschluss an eine der letzten Vorstellungen wurde die Psychologin Anna Sieber-Ratti zur anschliessenden Diskussion mit den Schauspielern und dem Publikum eingeladen.<\/strong><\/p>\n<p><em>Text: <a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/ueber-uns\/person\/bolj\/\">Joy Bolli<\/a>, Redaktion ZHAW Angewandte Psychologie<br \/>\nBilder: <a href=\"http:\/\/www.raphaelhadad.com\/\">Raphael Hadad<\/a>, Fotograf<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>\u201eFratelli\u201c &#8211; Br\u00fcder. In diesen einfachen Titel h\u00fcllte Autor Carmelo Samon\u00e0 in den 1970er-Jahren seine Erfahrungen als Vater eines autistischen Kindes. Im St\u00fcck beschreibt er das Zusammenleben zweier Br\u00fcder. W\u00e4hrend der eine Bruder autistische Z\u00fcge hat und in seiner eigenen Welt lebt, bem\u00fcht sich der andere Bruder darum, das Leben f\u00fcr beide zu meistern. Anfangs erlebt man ihn als einf\u00fchlsam. Er versucht nicht nur, den Alltag seines kranken Bruders zu erleichtern, sondern fordert sich selbst immer wieder heraus, den Bruder und dessen Welt zu verstehen, eine Logik in seinen Handlungen zu finden und kommunikativ zu ihm durchzudringen. Was zu Beginn herzerw\u00e4rmend anmutet, entpuppt sich bald als herzzerreissender Konflikt. Ist es nur der Versuch, den Bruder zu verstehen oder geht es auch darum, ihm die eigene Sicht auf die Welt aufzuzwingen? Geht es nur darum, den anderen sprachlich zu erfassen, oder darum, ihn durch die eigene Sprache in neue Fesseln zu legen? Und ist die totale Fokussierung auf den kranken Bruder Aufopferung oder verbirgt sich dahinter Egoismus? Im Zuschauer keimt die Frage auf, wo die Liebe endet und die Unterdr\u00fcckung beginnt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2516\" aria-describedby=\"caption-attachment-2516\" style=\"width: 240px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/10\/Tr\u00e4nen.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2516\" title=\"Fabian M\u00fcller\" src=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/10\/Tr\u00e4nen-300x207.jpg\" alt=\"Der autistische Bruder (Fabian M\u00fcller) auf der B\u00fchne.\" width=\"240\" height=\"166\" srcset=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/10\/Tr\u00e4nen-300x207.jpg 300w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/10\/Tr\u00e4nen-768x530.jpg 768w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/10\/Tr\u00e4nen.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 240px) 100vw, 240px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2516\" class=\"wp-caption-text\">Fabian M\u00fcller in \u201eFratelli\u201c (Bild: Raphael Hadad)<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Wenn Sprache an ihre Grenzen kommt<\/strong><\/p>\n<p>Antonio Vigan\u00f2s Inszenierung des St\u00fcckes birgt eine tiefe Sensibilit\u00e4t f\u00fcr die menschliche Beziehung. Es geht nicht nur um das Leben mit Autismus. Es geht vielmehr um das Verst\u00e4ndnis des Menschseins selbst, um Erwartungen an eine gew\u00fcnschte \u201eNorm\u201c und um die Erkenntnis der allgemeinen Andersartigkeit eines jeden. Um die emotionalen Aspekte genauer zu beleuchten, lud das Junge Schauspielhaus im Anschluss an eine der letzten Vorstellungen die Psychologin Anna Sieber-Ratti zu einer Diskussionsrunde mit den Schauspielern Silvan Kappeler und Fabian M\u00fcller, der Dramaturgin und Leiterin des Jungen Schauspielhauses Petra Fischer und dem Publikum ein. In ihrer Er\u00f6ffnung spannte die Psychologin den Themenschirm weit auf und setzte die Problematik der erschwerten Kommunikation mit psychisch kranken Menschen in Relation zur Sprache zwischen Menschen allgemein: \u201eWorte sind nur ein kleiner, wenn auch wichtiger, Teil unseres Sprachverm\u00f6gens. Der gr\u00f6sste Teil unserer Kommunikation funktioniert jedoch \u00fcber unsere K\u00f6rpersprache\u201c, erkl\u00e4rt sie. Und hier liegt die erste und vielleicht bedeutendste Diskrepanz zwischen dem \u201egesunden\u201c und dem \u201ekranken\u201c Bruder. Bereits in der Er\u00f6ffnung des St\u00fccks, versucht der sorgende Bruder, die Gedanken des Autisten durch rein k\u00f6rperliche Nachahmung zu erfassen. Sein K\u00f6rper, sein Blick, seine Gesten &#8211; in allem versucht er, die innere Logik seines Bruders nachzuvollziehen. Er sucht dessen gedankliche Sprachwelt zu erfassen, in Worte seiner eigenen Sprachnorm zu \u00fcbersetzen. Er schreibt sie auf, ordnet sie. Doch so sehr er sich bem\u00fcht: Weder in der k\u00f6rperlichen noch in der verbalen Sprachwelt dringt er zum anderen durch.<\/p>\n<p>Laut Anna Sieber-Ratti kennen wir alle Situationen von erschwerter oder missgl\u00fcckter Kommunikation. Wer hat sich nicht schon einmal mit einer Freundin oder einem Freund an einem Ort verabredet und wartete dann an der falschen Ecke? \u201eIn jeder Beziehung gehen wir davon aus, dass unser Gegen\u00fcber uns so versteht wie wir uns selbst\u201c, erkl\u00e4rt die Psychologin. \u201eWenn wir nicht merken, dass es ein Missverst\u00e4ndnis gibt, kann es zu Auseinandersetzungen und sogar zu handfesten Streitigkeiten kommen. In den meisten F\u00e4llen geht es dabei um ein Missverstehen, das wir selbst nicht als solches zu enttarnen verm\u00f6gen\u201c. Und oft, so best\u00e4tigen die Stimmen aus dem Publikum, kommt man mit Worten auch einfach an Grenzen. Speziell Kinder und \u00e4ltere Leute kommen unter Druck, wenn sie den richtigen Ausdruck nicht finden oder bestimmte Gef\u00fchle nicht beschreiben k\u00f6nnen. Auch die missgl\u00fcckte Kommunikation zwischen Eltern und (pubertierenden) Kindern ist ein allt\u00e4gliches Ph\u00e4nomen. Da kann eine unachtsame Bemerkung zu lebenslangen Narben f\u00fchren. Und nicht zuletzt berichten einzelne Zuschauer im Publikum \u00fcber ihre Erfahrungen mit Demenz-Patienten, wo die Kommunikation in ganz bestimmten Formen ablaufen muss, so sie denn \u00fcberhaupt eine Chance haben soll, beim anderen anzukommen. \u00abDie Kunst erlaubt es uns, auf unsere eigene Beschr\u00e4nktheit aufmerksam zu werden\u00bb, meint Anna Sieber-Ratti. \u00abAlle Wesen unterliegen bestimmten Beschr\u00e4nkungen und da, wo Sprache an ihre Grenzen kommt, wird sie oft mit Gewalt \u00fcberwunden\u00bb. So kommt es auch auf der B\u00fchne zum Gewaltausbruch.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2513\" aria-describedby=\"caption-attachment-2513\" style=\"width: 207px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/10\/Gewicht-am-Bein.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2513 size-medium\" title=\"Silvan Kappeler und Fabian M\u00fcller\" src=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/10\/Gewicht-am-Bein-207x300.jpg\" alt=\"Szene auf der B\u00fchne: Der autistische Bruder (Fabian M\u00fcller) h\u00e4ngt am Bein des gesunden Bruders (Silvan Kappeler).\" width=\"207\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/10\/Gewicht-am-Bein-207x300.jpg 207w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/10\/Gewicht-am-Bein-768x1111.jpg 768w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/10\/Gewicht-am-Bein-708x1024.jpg 708w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/10\/Gewicht-am-Bein.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 207px) 100vw, 207px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2513\" class=\"wp-caption-text\">Silvan Kappeler und Fabian M\u00fcller in \u201eFratelli\u201c nach Carmelo Samon\u00e0 (Bild: Raphael Hadad)<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Loslassen geh\u00f6rt zur Liebe<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend Regisseur Antonio Vigan\u00f2 die Zuschauer langsam in den Strudel der Emotionen hineinsaugt, wird klar, dass der Wunsch nach Verbindung an dem Punkt enden muss, an dem die Liebe die Freiheit in die Enge treibt. Das Spiel mit den Worten wird zur Jagd zwischen Holzkisten und Kronleuchtern, zur Zerreissprobe zwischen eingepferchten Denkmustern und Quellen des Lichts. Die Aufopferung des sorgenden Bruders weicht der Ersch\u00f6pfung und die Grenzen zwischen Gesundheit und (selbstverschuldeter) Krankheit werden sp\u00fcrbar. So kann nicht ausbleiben, dass sich der K\u00f6rper irgendwann gewaltsam Luft macht. Der unerwartete Gewaltausbruch des F\u00fcrsorgers gegen den autistischen Bruder ist einer der Glanzpunkte der Auff\u00fchrung, der das zwischen Verst\u00e4ndnis und Betroffenheit hin und her gerissene Publikum tief ber\u00fchrt. Die grausame Kraft, die aus dem Nichts zu kommen scheint, die Hilflosigkeit jenseits der Worte, die traurige Wahrheit der Unvollst\u00e4ndigkeit des Seins und die Einsicht, dass in der Grenze des Machbaren unsere eigene Ohnmacht liegt. \u201eGef\u00fchle von Schuld, Scham, Angst, Wut, bis hin zur Gewalt; das ist ein Teufelskreis, den wir nicht nur in der Psychotherapie beobachten k\u00f6nnen\u201c, erkl\u00e4rt Anns Sieber-Ratti. \u201eSie spiegelt sich auf allen Ebenen und in allen Dimensionen unserer Gesellschaft: im Kreis der Familie, in der Arbeitswelt und sogar in der Politik.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_2514\" aria-describedby=\"caption-attachment-2514\" style=\"width: 240px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/10\/Letzte-Szene.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2514\" title=\"Silvan Kappeler und Fabian M\u00fcller\" src=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/10\/Letzte-Szene-300x207.jpg\" alt=\"Der gesunde Bruder (Silvan Kappeler) legt sich neben den kranken (Fabian M\u00fcller)\" width=\"240\" height=\"166\" srcset=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/10\/Letzte-Szene-300x207.jpg 300w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/10\/Letzte-Szene-768x530.jpg 768w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/10\/Letzte-Szene.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 240px) 100vw, 240px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2514\" class=\"wp-caption-text\">Silvan Kappeler und Fabian M\u00fcller in \u201eFratelli\u201c nach Carmelo Samon\u00e0 (Bild: Raphael Hadad)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Nach einem komplexen Bogen um die Kommunikation zwischen zwei Menschen schliesst das St\u00fcck mit einer wortlosen Szene: Der gesunde Bruder bettet sich neben den kranken. Er misst den K\u00f6rper seines ruhenden Bruders im Detail aus, positioniert seinen eigenen K\u00f6rper exakt in dessen Position und schliesst &#8211; nachdem er sich in seelischer Einsamkeit isoliert und sein Denken \u00fcber Jahre einer autistischen Welt angepasst hat \u2013 am Ende auch seinen K\u00f6rper in die Form des Bruders ein. Ob es der Sieg des Verst\u00e4ndnisses in wortloser Hingabe ist oder das letzte Opfer, das ein Mensch einem anderen bringen kann, bleibt offen. Das Publikum ist sich aber einig: Sowohl in der Liebe zu Partnern und Kindern, als auch in der Pflege von bed\u00fcrftigen Menschen ist das Loslassen und sich selbst n\u00e4hren ein wichtiger Bestandteil, um selbst gesund zu bleiben. Die konstante Aufopferung bringt weder dem Bed\u00fcrftigen noch dem Sorgenden auf Dauer Erleichterung. \u201eErschwerte oder gar missgl\u00fcckte Kommunikation kann dazu f\u00fchren, dass wir in Annahmen geraten, die uns emotional entt\u00e4uschen\u201c, f\u00fchrt die Psychologin aus. \u201eDas beste Beispiel ist wohl die Entt\u00e4uschung in der Liebe. Man dachte, man h\u00e4tte die Liebe des Lebens gefunden und steht sich am Ende vor dem Scheidungsrichter gegen\u00fcber, wo die Anw\u00e4lte das Reden \u00fcbernehmen m\u00fcssen\u201c.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2515\" aria-describedby=\"caption-attachment-2515\" style=\"width: 240px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/10\/suche-mich.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2515\" title=\"Silvan Kappeler und Fabian M\u00fcller\" src=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/10\/suche-mich-300x207.jpg\" alt=\"Die beiden Br\u00fcder sitzen auf der B\u00fchne, R\u00fccken an R\u00fccken lehnend, in liebevollem Gespr\u00e4ch miteinander.\" width=\"240\" height=\"166\" srcset=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/10\/suche-mich-300x207.jpg 300w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/10\/suche-mich-768x530.jpg 768w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/10\/suche-mich.jpg 800w\" sizes=\"auto, (max-width: 240px) 100vw, 240px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2515\" class=\"wp-caption-text\">Silvan Kappeler und Fabian M\u00fcller in \u201eFratelli\u201c nach Carmelo Samon\u00e0 (Bild: Raphael Hadad)<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Suche mich \u2013 immer wieder aufs Neue!<\/strong><\/p>\n<p>Auch die beiden Schauspieler loten die Palette der verbalen und der k\u00f6rperlichen Kommunikation auf der B\u00fchne aus. Die Br\u00fcder ersch\u00f6pfen sich in Sprachspielen, in der wiederkehrenden Rekapitulation von Pinocchios Geschichte, auf der Suche nach gemeinsamen sprachlichen Nennern, dem gemeinsamen Verstehen der Kindergeschichte. Doch w\u00e4hrend die Spiele f\u00fcr den einen Bruder eine immer dringlichere Suche nach dem Kern seines Gegen\u00fcbers werden, bleiben sie f\u00fcr den anderen einfach nur Spiele, deren Regeln sich nach seinen Impulsen richten. So erstaunt es nicht, dass der hoffnungsvollste Moment jener ist, in dem die beiden Br\u00fcder glauben, sich in sprachlichem Verst\u00e4ndnis gefunden zu haben. Nach unz\u00e4hligen Repetitionen von Pinocchios Abenteuern erreichen beide den springenden Punkt: Pinocchio wird ein Mensch. In dieser Erkenntnis bleiben sie kurze Zeit verbunden &#8211; \u00fcbergl\u00fccklich. Doch w\u00e4hrend sich im einen Bruder die Erwartung breit macht, dass nun endlich eine gemeinsame Kommunikation stattfinden kann, entsteht im autistischen Bruder ein eigener Gedanke: \u201eUnd dann &#8211; dann wird Geppetto zur Holzpuppe!\u201c Die Freude \u00fcber diesen neuen Gedanken ist ihm \u00fcbers Gesicht geschrieben. Ein neuer Anfang, ein neues, noch ungeschriebenes Kapitel, ein eigener, kreativer Schritt in der ewigen Repetition einer alten, vorgegebenen Geschichte. F\u00fcr den einen ist es ein Erfolgserlebnis. F\u00fcr den anderen bricht die Hoffnung zusammen. Verzweifelt versucht er, den Bruder auf den gemeinsamen Nenner zur\u00fcck zu holen: \u201ePinocchio wird ein Mensch!\u201c ruft er im zu und will ihn dazu bringen, den neuen Gedanken zu vergessen. Doch der Unverstandene antwortet jedes Mal: \u201eUnd Geppetto wird eine Holzpuppe!\u201c Was soll daran falsch sein? Die Fassungslosigkeit seines Bruders versteht er nicht. \u201eIch hatte dich doch gefunden\u201c, klagt dieser. Und der Autist antwortet: \u201eSuche mich.\u201c Seine Stimme kommt aus einer unbewussten Tiefe. Ein Missverst\u00e4ndnis? Oder vielleicht die eigentliche Erkenntnis des erfolgreichen Zusammenlebens: Suche mich, erkenne mich \u2013 immer wieder aufs Neue! \u201eWir alle haben eine \u201aBlackbox\u2018 in uns\u201c, erz\u00e4hlt Anna Sieber-Ratti. \u201cWir werden niemals alles im Anderen verstehen und umgekehrt. Wir m\u00fcssen uns damit abfinden, dass wir uns in gewissen (extremen) Situationen sogar selbst \u00fcberraschen k\u00f6nnen, weil wir nicht wussten, dass das, was da aus uns herauskommt, \u00fcberhaupt in uns steckte\u201c. So gern sich der Mensch der Illusion hingibt, er k\u00f6nne sich selbst oder andere finden: Allein in dieser Erwartung muss er scheitern \u2013 im St\u00fcck genauso wie im allt\u00e4glichen Leben. Wie oft h\u00f6ren wir im eigenen Umfeld: \u201eEr ist einfach nicht mehr der Mann, den ich vor 20 Jahren kennengelernt habe.\u201c Oder: \u201eWir haben uns einfach auseinander gelebt.\u201c Das bleibt ein Selbstbetrug. Wer denkt, er k\u00f6nne stehen bleiben in dem Moment, in dem er einen anderen gefunden zu haben glaubt, der wird am Ende einsam sein. Und so verlassen die Zuschauer das Theater an diesem Abend mit der Einsicht, dass eine gl\u00fcckliche Beziehung vom Freiraum abh\u00e4ngt, den man sich selbst und anderen gibt, dass Hingabe auch darin besteht, den anderen so zu akzeptieren wie er ist (auch wenn man ihn oder sie nicht versteht), und dass man sein Gegen\u00fcber immer wieder mit neuen Augen anschauen muss, um zu erkennen, wie er oder sie sich ver\u00e4ndert hat. Denn nichts bleibt, wie es ist. Auch wir selbst nicht.<\/p>\n<div class=\"lyte-wrapper\" title=\"&amp;quot;Fratelli&amp;quot; nach Carmelo Samon&agrave; ab 22. Oktober im Schiffbau\" style=\"width:640px;max-width:100%;margin:5px;\"><div class=\"lyMe\" id=\"WYL_cuNEGqHww0s\"><div id=\"lyte_cuNEGqHww0s\" data-src=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/wp-content\/plugins\/wp-youtube-lyte\/lyteCache.php?origThumbUrl=https%3A%2F%2Fi.ytimg.com%2Fvi%2FcuNEGqHww0s%2Fhqdefault.jpg\" class=\"pL\"><div class=\"tC\"><div class=\"tT\">&quot;Fratelli&quot; nach Carmelo Samon\u00e0 ab 22. Oktober im Schiffbau<\/div><\/div><div class=\"play\"><\/div><div class=\"ctrl\"><div class=\"Lctrl\"><\/div><div class=\"Rctrl\"><\/div><\/div><\/div><noscript><a href=\"https:\/\/youtu.be\/cuNEGqHww0s\" rel=\"nofollow\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/wp-content\/plugins\/wp-youtube-lyte\/lyteCache.php?origThumbUrl=https%3A%2F%2Fi.ytimg.com%2Fvi%2FcuNEGqHww0s%2F0.jpg\" alt=\"&amp;quot;Fratelli&amp;quot; nach Carmelo Samon&agrave; ab 22. Oktober im Schiffbau\" width=\"640\" height=\"340\" \/><br \/>Dieses Video auf YouTube ansehen<\/a><\/noscript><\/div><\/div><div class=\"lL\" style=\"max-width:100%;width:640px;margin:5px;\"><br\/><span class=\"lyte_disclaimer\">Defaulttext aus wp-youtube-lyte.php<\/span><\/div><\/p>\n<p>Video-Trailer der Erstauff\u00fchrung von &#8222;Fratelli&#8220; nach Carmelo Samon\u00e0.<\/p>\n<hr \/>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/10\/Sieber-Ratti_Anna-8693.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-2517\" src=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/10\/Sieber-Ratti_Anna-8693.jpg\" alt=\"\" width=\"240\" height=\"240\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/ueber-uns\/person\/seea\/\">Anna Sieber-Ratti<\/a> ist Dozentin, Supervisorin und Psychotherapeutin am IAP Institut f\u00fcr Angewandte Psychologie. Nach ihrem Studium der klinischen Psychologie an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich machte sie ein Postgraduales Studium in psychoanalytischen Kurztherapien und spezialisierte sich unter anderem in Katathym Imaginativer Psychotherapie (KIP), Psychodynamisch imaginativer Traumatherapie (PITT) und Neuropsychologie. Ihr besonderes Interesse gilt den Zusammenh\u00e4ngen zwischen Mentalisierung, Kunst, Kreativit\u00e4t und Neuropsychologie in den psychotherapeutischen Prozessen. Am IAP begleitet sie als Psychotherapeutin sowohl Einzelpersonen, wie auch <a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/psychologie\/dienstleistung\/krisenberatung-psychotherapie\/beratungs-und-therapieangebot\/paare\/\">Paare<\/a> in Krisensituationen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/10\/Anna-lockert-die-Stimmung-mit-ihren-lustigen-Beispielen_klein.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-2509\" src=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/10\/Anna-lockert-die-Stimmung-mit-ihren-lustigen-Beispielen_klein.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"165\" srcset=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/10\/Anna-lockert-die-Stimmung-mit-ihren-lustigen-Beispielen_klein.jpg 800w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/10\/Anna-lockert-die-Stimmung-mit-ihren-lustigen-Beispielen_klein-300x225.jpg 300w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/10\/Anna-lockert-die-Stimmung-mit-ihren-lustigen-Beispielen_klein-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 220px) 100vw, 220px\" \/><\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/10\/Diskussion-mit-dem-Publikum_klein.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-2511\" src=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/10\/Diskussion-mit-dem-Publikum_klein.jpg\" alt=\"\" width=\"220\" height=\"165\" srcset=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/10\/Diskussion-mit-dem-Publikum_klein.jpg 800w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/10\/Diskussion-mit-dem-Publikum_klein-300x225.jpg 300w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/10\/Diskussion-mit-dem-Publikum_klein-768x576.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 220px) 100vw, 220px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Fabian M\u00fcller, Anna Sieber-Ratti und Silvan Kappeler im Gespr\u00e4ch mit dem Publikum (Bilder: Joy Bolli)<\/p>\n<hr \/>\n<div class=\"pt-sm\">Schlagw\u00f6rter: <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/tag\/anna-sieber-ratti\/\">Anna Sieber-Ratti<\/a>, <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/tag\/antonio-vigano\/\">Antonio Vigan\u00f2<\/a>, <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/tag\/autismus\/\">Autismus<\/a>, <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/tag\/fabian-mueller\/\">Fabian M\u00fcller<\/a>, <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/tag\/fratelli\/\">Fratelli<\/a>, <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/tag\/iap-institut-fuer-angewandte-psychologie\/\">IAP Institut f\u00fcr Angewandte Psychologie<\/a>, <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/tag\/joy-bolli\/\">Joy Bolli<\/a>, <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/tag\/junges-schauspielhaus-zuerich\/\">Junges Schauspielhaus Z\u00fcrich<\/a>, <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/tag\/kommunikation\/\">Kommunikation<\/a>, <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/tag\/psychische-krankheit\/\">psychische Krankheit<\/a>, <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/tag\/psychologie\/\">Psychologie<\/a>, <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/tag\/psychotherapie\/\">Psychotherapie<\/a>, <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/tag\/raphael-hadad\/\">Raphael Hadad<\/a>, <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/tag\/silvan-kappeler\/\">Silvan Kappeler<\/a><br><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diesen Herbst verabschiedete das Junge Schauspielhaus nach 66 Auff\u00fchrungen die atemberaubende Inszenierung von Regisseur Antonio Vigan\u00f2s \u201eFratelli\u201c. Im Anschluss an eine der letzten Vorstellungen wurde die Psychologin Anna Sieber-Ratti zur anschliessenden Diskussion mit den Schauspielern und dem Publikum eingeladen. Text: Joy Bolli, Redaktion ZHAW Angewandte Psychologie Bilder: Raphael Hadad, Fotograf \u201eFratelli\u201c &#8211; Br\u00fcder. 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