{"id":1968,"date":"2017-04-24T13:56:34","date_gmt":"2017-04-24T11:56:34","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/?p=1968"},"modified":"2017-07-07T22:43:55","modified_gmt":"2017-07-07T20:43:55","slug":"von-der-fuehrung-zur-selbstfuehrung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/2017\/04\/24\/von-der-fuehrung-zur-selbstfuehrung\/","title":{"rendered":"Von der F\u00fchrung zur Selbstf\u00fchrung"},"content":{"rendered":"<p>Der bekannte Futurist Ray Kurzweil sagte einmal: \u00abUnser Verst\u00e4ndnis von Zukunft ist linear. Die Realit\u00e4t der Informationstechnologie hingegen ist exponentiell. Das ist ein grosser Unterschied: Wenn ich linear 30 Schritte mache, komme ich auf 30. Wenn ich exponentiell 30 Schritte mache, komme ich auf eine Milliarde\u00bb. Heute ist Ray Kurzweil Leiter der technischen Entwicklung bei Google und die Ver\u00e4nderungen der letzten Jahre geben ihm Recht.<\/p>\n<p><em>Von: Rafael Huber, Dozent und Berater am IAP Institut f\u00fcr Angewandte Wissenschaften<\/em><\/p>\n<div class=\"lyte-wrapper\" title=\"F&uuml;hren und Lernen in der Zukunft\" style=\"width:640px;max-width:100%;margin:5px;\"><div class=\"lyMe\" id=\"WYL_wPmn9_S1efg\"><div id=\"lyte_wPmn9_S1efg\" data-src=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/wp-content\/plugins\/wp-youtube-lyte\/lyteCache.php?origThumbUrl=https%3A%2F%2Fi.ytimg.com%2Fvi%2FwPmn9_S1efg%2Fhqdefault.jpg\" class=\"pL\"><div class=\"tC\"><div class=\"tT\">F\u00fchren und Lernen in der Zukunft<\/div><\/div><div class=\"play\"><\/div><div class=\"ctrl\"><div class=\"Lctrl\"><\/div><div class=\"Rctrl\"><\/div><\/div><\/div><noscript><a href=\"https:\/\/youtu.be\/wPmn9_S1efg\" rel=\"nofollow\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/wp-content\/plugins\/wp-youtube-lyte\/lyteCache.php?origThumbUrl=https%3A%2F%2Fi.ytimg.com%2Fvi%2FwPmn9_S1efg%2F0.jpg\" alt=\"F&uuml;hren und Lernen in der Zukunft\" width=\"640\" height=\"340\" \/><br \/>Dieses Video auf YouTube ansehen<\/a><\/noscript><\/div><\/div><div class=\"lL\" style=\"max-width:100%;width:640px;margin:5px;\"><br\/><span class=\"lyte_disclaimer\">Defaulttext aus wp-youtube-lyte.php<\/span><\/div><\/p>\n<p><strong><br \/>\nAlle erwarten grosse Ver\u00e4nderungen<\/strong><\/p>\n<p>Spricht man mit Vertretern verschiedener Industrien \u00fcber die technischen Entwicklungen der Zukunft, so bleiben drei Punkte h\u00e4ngen:<\/p>\n<p>1. Alle erwarten grosse Ver\u00e4nderungen.<br \/>\n2. Niemand kennt die Antworten auf diese (teilweise noch unklaren) Ver\u00e4nderungen.<br \/>\n3. Alle denken, dass alle anderen die Antworten schon kennen.<\/p>\n<p>Ich unterscheide mich in den Punkten 1 und 2 nicht gross vom Rest. Grosse Ver\u00e4nderungen werden sich vollziehen und dies bei Weitem nicht nur im Bereich der Technik. Ich denke an den Klimawandel, die Verschiebung \u00f6konomischer und politischer Gleichgewichte oder an die Ver\u00e4nderung der demographischen Struktur, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Dass alle anderen die Antworten schon kennen (Punkt 3), glaube ich hingegen nicht. Wieso? Weil es keine gibt. Grosse Ver\u00e4nderungen nat\u00fcrlich schon. Klare Antworten aber nicht.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Wechselwirkungen finden in Systemzusammenh\u00e4ngen statt<\/strong><\/p>\n<p>Die durch die Technik der Zukunft verursachten Ver\u00e4nderungen finden nicht im Vakuum abgeschlossener Systeme mit linearen, mechanisch-kausalen Wirkzusammenh\u00e4ngen statt. Vielmehr vollziehen sich diese Ver\u00e4nderungen in unserem Alltag, ja durchdringen diesen f\u00f6rmlich. Nehmen wir das Beispiel einer Uhr. Die innere Mechanik einer Uhr ist zweifelsohne sehr kompliziert. Das Drehen an einer Schraube im Uhrwerk f\u00fchrt aber zu einer klar vorhersehbaren Ver\u00e4nderung. Alle Einflussfaktoren in diesem mechanisch-kausalen System sind beschreibbar. Wirkmechanismen folgen mathematisch-physikalischen Gesetzen, die dem Uhrmacher bekannt sind. Die grossen Ver\u00e4nderungen unserer Zeit konfrontieren uns aber vermehrt mit komplexen Herausforderungen. Und solch komplexe Herausforderungen folgen nicht der Logik der Uhr. Im Zeitalter des Internets der Dinge verschmelzen technische und soziale Systeme. Aus komplizierten technischen Systemen werden komplexe technisch-soziale Systeme \u2013 mit teilweise exponentiellen Wirkzusammenh\u00e4ngen. Was dadurch entsteht, ist nicht mehr klar vorhersehbar. Das Resultat: Neue Ph\u00e4nomene, welche niemand so voraussehen konnte.<\/p>\n<p><strong>Die vierte industrielle Revolution<\/strong><\/p>\n<p>Die erste industrielle Revolution erlaubte Ende des 18. Jahrhunderts mit der Erfindung der Wasser- und Dampfkraft die Errichtung mechanischer Produktionsanlagen und die Arbeit in Fabriken. Anfangs des 20. Jahrhunderts brachte die zweite industrielle Revolution die aufgabenteilige Massenproduktion und den Einsatz elektrischer Energie. Beginnend in den fr\u00fchen 1970er-Jahren brachte die dritte industrielle Revolution schliesslich vermehrt Elektronik und IT in die Arbeitswelt. All diese Ver\u00e4nderungen f\u00fchrten zu einer immer st\u00e4rkeren Automatisierung der Produktion. Im sich gerade entfaltenden Digitalisierungszeitalter erreicht die Automatisierung einen neuen H\u00f6hepunkt. Durch die vierte industrielle Revolution neu entstehende intelligente, sprich selbstorganisierte und stark vernetzte technisch-soziale Systeme werden mit grosser Wahrscheinlichkeit einen weiteren nicht zu untersch\u00e4tzenden Anteil menschlicher Arbeit ersetzen. \u00dcbrig bleiben komplexe Arbeiten mit unklaren Zielen \u2013 mit grossen Auswirkungen auf F\u00fchren, Lernen und Lehren.<\/p>\n<p><strong>Von der F\u00fchrung zur Selbstf\u00fchrung<\/strong><\/p>\n<p>\u00dcber mehrere Jahrhunderte bestand die Kernaufgabe der F\u00fchrung in der Ausrichtung mehrerer Individuen auf ein klar vorgegebenes Ziel. In Situationen, in welchen die Ziele klar bekannt sind, funktionieren traditionelle, meist stark hierarchisch gepr\u00e4gte F\u00fchrungsans\u00e4tze gut. Doch werden die gleichen F\u00fchrungsans\u00e4tze auch in Zukunft erfolgreich sein? Klare Antworten auf die Ver\u00e4nderungen der beschriebenen komplexen Herausforderungen der Zukunft gibt es nicht. Als Folge davon werden einstmals klare Ziele unklar. Strukturierte Arbeitstage in der Linienfunktion werden weiter abnehmen und Projektarbeit wird von der Ausnahme zur Regel. Auch die Projektarbeit selbst wird zusehends anders, agiler, sprich iterativer bew\u00e4ltigt. In einer solchen Welt werden Arbeitskr\u00e4fte nicht mehr ein einmal sauber hergeleitetes Stellenprofil ausf\u00fcllen. In einer solchen Welt zeichnen sich erfolgreiche Mitarbeitende durch ein Kompetenzb\u00fcndel aus, welches sie wie ein Unternehmer aktiv erweitern, anpassen und vermarkten m\u00fcssen. Vom <em>employee<\/em> zum <em>entreployee<\/em>. In dieser neuen Arbeitswelt der Zukunft ist das Ziel nicht mehr einmalig die beste Position im Unternehmen zu ergattern, sondern immer wieder von Neuem in attraktiven Projekten verantwortungsvolle Rollen auszuf\u00fcllen. Auch die physische Bindung an Arbeitspl\u00e4tze nimmt ab. <em>Co-working spaces<\/em> kreieren sich immer wieder \u00e4ndernde Umwelten mit Auswirkungen auf die Identifikation mit gr\u00f6sseren organisationalen Strukturen. In immer wechselnden Projektteams werden klassische Hierarchien flacher. Da sich ganze Teams und Gesch\u00e4ftseinheiten wie kleine autonome Firmen organisieren, r\u00fcckt die F\u00e4higkeit zur Selbstorganisation immer mehr in den Mittelpunkt. Dauerbrenner wie Flexibilit\u00e4t, Ver\u00e4nderungsbereitschaft und emotionale Intelligenz bleiben auch weiterhin aktuell. Nicht zu vergessen nat\u00fcrlich eine gute <em>digital literacy<\/em>, die F\u00e4higkeit also, sich selbstbewusst und versiert im digitalen Raum zu bewegen.<\/p>\n<p><strong>Erfolgreiche F\u00fchrungskr\u00e4fte sind gute \u00dcbersetzer<\/strong><\/p>\n<p>Welche F\u00e4higkeiten braucht eine wirksame F\u00fchrungskraft in dieser neuen Arbeitswelt? Die Transformation hin zu einem digitalen Gesch\u00e4ftsmodell ist eine, wenn nicht sogar DIE strategische Aufgabe unserer Zeit. Sie kann vor\u00fcbergehend von einem <em>Chief Digital Officer<\/em> (CDO) \u00fcbernommen werden, ist aber final immer \u201eChefsache\u201c und damit Aufgabe des CEOs. Ganz generell m\u00fcssen F\u00fchrungskr\u00e4fte der Zukunft die F\u00e4higkeit besitzen, immer schnellere Schrittgeschwindigkeiten und ein wesentlich h\u00f6heres Mass an Unsicherheit auszuhalten. Unter grosser Unsicherheit die bestm\u00f6glichen Entscheidungen zu treffen, erfordert grundlegende F\u00e4higkeiten in statistischem Denken \u2013 eine F\u00e4higkeit, die viele von uns (noch) nicht in der Schule gelernt haben. Die weiter zunehmende Diversit\u00e4t auf verschiedenen Ebenen (Bildungshintergr\u00fcnde, Kulturen, Religionen, Geschlechter, Alter, sexuelle Orientierung, Essgewohnheiten, usw.) erfordert in stark erh\u00f6htem Masse die F\u00e4higkeit zur Perspektiven\u00fcbernahme und Empathie. Englisch als weit verbreitete Firmensprache kann zum Glauben verf\u00fchren, dass sich die 26-j\u00e4hrige Entwicklerin in Asien und der 59-j\u00e4hrige Marketingleiter in Paris durch die Verwendung derselben Laute und Worte zwangsweise \u00abverstehen\u00bb. Wirkliches Verstehen geht aber weit \u00fcber die Ebene der Laute und Worte (Sprache im engeren Sinn) hinaus und bedeutet im gerade beschriebenen Beispiel auch ein rudiment\u00e4res Verst\u00e4ndnis der gegenseitigen Fachbereiche, Lebensumst\u00e4nde, Schwierigkeiten und W\u00fcnsche (Sprache im weiteren Sinn). In einem Wort: Empathie. Eine erfolgreiche F\u00fchrungskraft der Zukunft agiert also als \u00dcbersetzer zwischen den Welten und kennt die verschiedenen \u201eSprachen\u201c (im weiteren Sinn) der diversen und individualisierten Belegschaft zumindest so gut, dass er oder sie diese rudiment\u00e4r verstehen und im Idealfall auch sprechen kann.<\/p>\n<p><strong>Jeder bastelt sich sein eigenes Kompetenzb\u00fcndel<\/strong><\/p>\n<p>Entsprechend zu den Entwicklungen im Bereich der F\u00fchrung erfordern die uns bevorstehenden Ver\u00e4nderungen auch angepasste Formen des Lernens und Lehrens. So k\u00f6nnte zum Beispiel explizites Faktenwissen in Zukunft mobil mittels Videos von einem zentralen Marktteilnehmer vermittelt werden. Braucht es heute wirklich noch tausende verschiedene Universit\u00e4ten, welche alle die (mehr oder weniger) gleiche Einf\u00fchrungsvorlesung in Betriebswirtschaftslehre anbieten? Das Verschwinden klassischer Berufsbilder f\u00fchrt zu kleineren Lerneinheiten, welche individueller zusammengestellt werden. Nicht mehr f\u00fcnfj\u00e4hrige Ausbildungen, sondern vermehrt k\u00fcrzere Kurssequenzen sind das Modell der Zukunft. In dieser modularisierten Umgebung \u201ebastelt\u201c sich jeder sein eigenes Kompetenzb\u00fcndel, welches er oder sie geschickt mit dem Einsatz von <em>social media<\/em> zu vermarkten weiss.<\/p>\n<p><strong>Lernen mit Echtzeitr\u00fcckmeldung<\/strong><\/p>\n<p>Neue Technologien wie <em>augmented<\/em> oder <em>virtual reality<\/em> erlauben Simulationen auf ganz anderem Level. Wieso sollte der Medizinstudent noch an echten Leichen \u00fcben, wenn er irgendwann dasselbe mit der 3D-Brille tun kann? Die zunehmende Vernetzung technischer und sozialer Systeme durch das Internet der Dinge erlaubt dem Lernenden Echtzeitr\u00fcckmeldungen seines Verhaltens. Dies ist schon heute m\u00f6glich, zum Beispiel bei Schrittz\u00e4hlern, welche dem Endverbraucher eine R\u00fcckmeldung zu seinem Gesundheitsverhalten geben. Vielleicht wird eine Spracherkennungssoftware uns einmal eine Echtzeitr\u00fcckmeldung \u00fcber die korrekte Anwendung der englischen Grammatik geben, wenn wir im Londoner Supermarkt wieder einmal selbstbewusst eine \u00ab<em>ananas<\/em>\u00bb anstelle einer \u00ab<em>pineapple<\/em>\u00bb kaufen m\u00f6chten. Die Frage wird dann sein: M\u00fcssen wir in einer solchen Welt \u00fcberhaupt noch Fremdsprachen lernen? Was immer die Zukunft an technologischer Entwicklung noch bringt: Das Lernen wird auf alle F\u00e4lle immer individualisierter, selbstorganisierter und vernetzter.<\/p>\n<hr>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/04\/Rafael-Huber_2016.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-1978\" src=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/04\/Rafael-Huber_2016.jpg\" alt=\"\" width=\"240\" height=\"240\" srcset=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/04\/Rafael-Huber_2016.jpg 509w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/04\/Rafael-Huber_2016-150x150.jpg 150w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/04\/Rafael-Huber_2016-300x300.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 240px) 100vw, 240px\" \/><\/a>\u00dcber den Autor<br \/>\n<\/strong><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/ueber-uns\/person\/huea\/\">Rafael Huber<\/a> ist ausgebildeter Neurowissenschaftler und arbeitete mehrere Jahre in der Forschung, wo er sich mit der Frage besch\u00e4ftigte, wie das menschliche Gehirn \u00f6konomische Entscheidungen unter Unsicherheit verarbeitet. Seit 2016 ist er Dozent und Berater am IAP Institut f\u00fcr Angewandte Psychologie. Bevor Rafael Huber ans IAP kam, war er als Wirtschaftsberater t\u00e4tig, wo er Firmen aus verschiedenen Branchen betreute. Sein Schwerpunkt liegt heute im Bereich der Wirtschaftspsychologie. Seine Erfahrung aus Forschung und Praxis bringt er auch im Weiterbildungskurs <em>Smart Entscheiden<\/em> ein, welcher neu am IAP angeboten wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der bekannte Futurist Ray Kurzweil sagte einmal: \u00abUnser Verst\u00e4ndnis von Zukunft ist linear. Die Realit\u00e4t der Informationstechnologie hingegen ist exponentiell. Das ist ein grosser Unterschied: Wenn ich linear 30 Schritte mache, komme ich auf 30. Wenn ich exponentiell 30 Schritte mache, komme ich auf eine Milliarde\u00bb. 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