{"id":1779,"date":"2017-02-15T10:09:56","date_gmt":"2017-02-15T09:09:56","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/?p=1779"},"modified":"2017-02-16T12:33:20","modified_gmt":"2017-02-16T11:33:20","slug":"burnout-verstehen-anhand-der-psi-theorie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/2017\/02\/15\/burnout-verstehen-anhand-der-psi-theorie\/","title":{"rendered":"Burnout verstehen anhand der PSI-Theorie"},"content":{"rendered":"<p><strong>Burnout ist ein Begriff, den jeder kennt und kaum einer definieren kann. Selbst f\u00fcr Betroffene ist es oft nicht einfach, den Prozess zu verstehen, der zu ihrem Burnout f\u00fchrte. Die PSI-Theorie zeigt verschiedene Mechanismen auf, die ein Burnout manifestieren k\u00f6nnen, und beschreibt die Rolle von Emotionen in diesem Prozess. Die PSI-Theorie kann so helfen, das eigene Verhalten zu verstehen und positiv zu ver\u00e4ndern. <\/strong><\/p>\n<p><em>Von Susanna Borner, Laufbahnberaterin am IAP Institut f\u00fcr Angewandte Psychologie<\/em><!--more--><\/p>\n<p>Burnout besch\u00e4ftigt nicht nur Betroffene und Angeh\u00f6rige. Es liegt in unser aller Interesse, nicht zuletzt auf Grund der hohen volkswirtschaftlichen Kosten, die ein Burnout verursacht, den Gr\u00fcnden dieser \u00abVolkskrankheit\u00bb Beachtung zu schenken. Die Sozialpsychologin Christina Maslach hat 1976 folgende drei Kernsymptome des Burnout-Syndroms beschrieben: Emotionale Ersch\u00f6pfung, eingeschr\u00e4nkte Leistungsf\u00e4higkeit und Depersonalisierung, was bedeutet, dass Betroffene eine distanzierte, negative Haltung gegen\u00fcber ihrer Arbeit und ihren Kollegen zeigen. Zwei Pers\u00f6nlichkeitstypen haben nach neusten Erkenntnissen der Forschung ein erh\u00f6htes Risiko an Burnout zu erkranken: Die \u00abSelbstverbrenner\u00bb und die \u00abVerschleisser\u00bb. Die Selbstverbrenner sind idealistisch oder perfektionistisch veranlagt und haben sehr hohe Anspr\u00fcche an sich selbst. Sie treiben sich also (ungewollt) selbst an ihre Grenzen und \u00fcberfordern sich. Die Verschleisser hingegen m\u00f6chten den Anspr\u00fcchen anderer gerecht werden. Beide Typen k\u00f6nnen schlecht Nein sagen und sind bereit, \u00fcber ihre Kr\u00e4fte hinaus den Leistungsanforderungen gerecht zu werden.<\/p>\n<p>Nicht selten melden sich Personen mit ersten Ersch\u00f6pfungssymptomen bei mir f\u00fcr eine <a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/psychologie\/dienstleistung\/berufs-studien-laufbahnberatung\/privatpersonen\/laufbahnberatung\/\">Laufbahnberatung<\/a> an. Um nicht vom Regen in die Traufe zu kommen, ist es in solchen F\u00e4llen wichtig, nicht nur die \u00abLaufbahn\u00bb anzuschauen, sondern auch den \u00abLaufstil\u00bb, also das eigene Verhalten in allt\u00e4glichen beruflichen Situationen zu hinterfragen. F\u00fcr Burnout-gef\u00e4hrdete Personen kann es daher wichtig sein zu erkennen, wie und warum sie sich in bestimmten Situationen so verhalten, dass sie an ihre Grenzen kommen und wie sie sich selbst sch\u00fctzen k\u00f6nnen. Nur so macht die Laufbahnberatung auch nachhaltig Sinn.<\/p>\n<p><strong>Der schmale Grat zwischen Anstrengung und \u00dcberforderung<\/strong><\/p>\n<p>Wie kann man nun Burnout-gef\u00e4hrdeten Personen ihre Situation verdeutlichen? Zu Beginn zeigt sich meist nur ein schmaler Grat zwischen Anstrengung und \u00dcberforderung. Wenn das Gef\u00fchl der Effort-Reward-Balance nicht mehr stimmt &#8211; also, wenn ich das Gef\u00fchl bekomme, dass sich mein (Mehr-)Einsatz nicht weiter lohnt &#8211; kann ein Burnout-Prozess in Gang kommen. F\u00fcr Betroffene ist dieser Prozess oft so schleichend, dass sie die Gefahr nicht einsch\u00e4tzen k\u00f6nnen. Deshalb ist es entscheidend, mit den Betroffenen \u00fcber ihre Einstellungen und Verhaltensweisen rechtzeitig zu sprechen, um die Balance ihrer Ressourcen aufrecht zu erhalten. Wenn ich in der Laufbahnberatung merke, dass ein Klient oder eine Klientin an so einem kritischen Punkt steht oder darauf zusteuert, so ist es mir wichtig, dass die Person versteht, was ihre missliche Lage beg\u00fcnstigt und wie sie nachhaltige Ver\u00e4nderungen unter anderem im Denken und Handeln bewirken kann. Im Gespr\u00e4ch analysiere ich dann die Situation und versuche im n\u00e4chsten Schritt, den Ursachen auf die Spur zu kommen. Dabei kann die PSI-Theorie hilfreich sein.<\/p>\n<p><strong>PSI-Theorie: Die psychischen Systeme zur Steuerung<\/strong><\/p>\n<p>Die Theorie der Pers\u00f6nlichkeits-Systems-Interaktion (PSI-Theorie) wurde von Julius Kuhl begr\u00fcndet, einem Professor f\u00fcr Differentielle Psychologie an der Universit\u00e4t Osnabr\u00fcck. Er unterscheidet vier Funktionssysteme, die unser F\u00fchlen, Denken, Handeln und Reflektieren steuern. Sie interagieren im Wechselspiel miteinander und werden durch Stimmungslagen beeinflusst.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/02\/FINAL_IMAGE.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-1782 size-large\" src=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/02\/FINAL_IMAGE-1024x680.jpg\" width=\"550\" height=\"365\" srcset=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/02\/FINAL_IMAGE-1024x680.jpg 1024w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/02\/FINAL_IMAGE-300x199.jpg 300w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/02\/FINAL_IMAGE-768x510.jpg 768w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2017\/02\/FINAL_IMAGE.jpg 1177w\" sizes=\"auto, (max-width: 550px) 100vw, 550px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zum einen ist da das <strong>Extensionsged\u00e4chtnis (EG)<\/strong>, welches kreative, sinnerf\u00fcllende und emotional befriedigende Handlungen erm\u00f6glicht. Es dient als Ratgeberfunktion, da es aus dem Unbewussten heraus agiert, auf Erfahrungen baut und unsere bisherigen Probleml\u00f6sungsstrategien darin abgebildet sind. Das Extensionsged\u00e4chtnis ist in einer entspannt-gelassenen Stimmungslage aktiv. Das <strong>Intentionsged\u00e4chtnis (IG)<\/strong> hingegen ben\u00f6tigt eine sachlich-n\u00fcchterne Stimmung, um aktiv zu werden. Dieses System erm\u00f6glicht uns, schwierige Vorhaben zu planen und sie vorzubereiten, bis sie umsetzungsreif sind. Es ist also f\u00fcr Denkprozesse zust\u00e4ndig, die nicht (gleich) unmittelbar zur Handlung f\u00fchren. Die Ausf\u00fchrungsfunktion wird vom dritten System \u00fcbernommen, dem <strong>Intuitiven Verhaltenssystem (IVS)<\/strong>. Dieses erlaubt es uns, Pl\u00e4ne und Absichten auszuf\u00fchren und ist zust\u00e4ndig f\u00fcr Routineabl\u00e4ufe und komplexe Projektumsetzungen. Die Ausf\u00fchrfunktion l\u00e4uft bei einer positiv-freudigen Stimmungslage zur H\u00f6chstform auf. Die vierte und letzte Funktion ist die Pr\u00fcffunktion. Sie wird in der PSI-Theorie das <strong>Objekterkennungssystem (OES)<\/strong> genannt und erm\u00f6glicht es uns, Fehler und Misserfolge zu erkennen. Diese Funktion ist also die Voraussetzung f\u00fcr Lernen und Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung. Aktiv ist sie vor allem in negativ-ernster Stimmungslage.<\/p>\n<p><strong>Von der Theorie in die Praxis<\/strong><\/p>\n<p>Was heisst das nun f\u00fcr Burnout-gef\u00e4hrdete Menschen? Um zu verstehen, wie die Mechanismen der vier Funktionssysteme und die aktuelle Stimmungslage in der Praxis zusammenspielen, zeige ich die Wechselwirkung anhand eines Beispiels auf:<\/p>\n<p>Frau Meier, 42 Jahre, Eventmanagerin, hatte nach langj\u00e4hriger Leitungst\u00e4tigkeit im Sponsoring eines Sportclubs eine neue Herausforderung gesucht. Das Angebot einer Grossbank, Projekte im Eventbereich organisieren zu k\u00f6nnen, entsprach ihren Vorstellungen. Aufgrund ihrer Berufserfahrung wurde ihr keine Einf\u00fchrung zugebilligt. Frau Meier hatte ja ihre F\u00e4higkeiten schon mehrfach erfolgreich unter Beweis gestellt. Doch das Arbeitsumfeld und die Branche waren vollkommen neu f\u00fcr sie. Wegen ihres hohen Leistungsanspruchs versuchte Frau Meier, ihre Arbeitsschritte vorg\u00e4ngig genau zu \u00fcberpr\u00fcfen, damit ihr keine Fehler unterliefen. Sie nahm jeden ihrer Arbeitsschritte unter die Lupe und konnte irgendwann kaum noch klare Gedanken fassen. Das ging so weit, dass sie immer ineffizienter arbeitete. Als sie schliesslich wegen grosser Versagens\u00e4ngste wochenlang nicht mehr schlafen konnte, suchte sie das Gespr\u00e4ch mit mir.<\/p>\n<p>Was war passiert? Bei Frau Meier hatte die Pr\u00fcffunktion, das Objekterkennungssystem (OES), \u00dcberhand genommen und sie in ihrem Tun blockiert. Da die Pr\u00fcffunktion in einer negativ-ernsten Stimmungslage funktioniert und durch diese Stimmung wechselseitig auch immer wieder aktiviert wird, wurden andere Funktionen an ihrer Aktivit\u00e4t gehindert. Die Pr\u00fcffunktion liess sie praktisch in einer negativen-ernsten Stimmung verharren, und sie fiel ins Gr\u00fcbeln, was wiederum Stress ausl\u00f6ste. Dieser Mechanismus verhindert, dass zum Beispiel das Extensionsged\u00e4chtnis (EG), welches uns mit unseren Erfahrungswerten unterst\u00fctzt, positive Ressourcen zur Probleml\u00f6sungsbew\u00e4ltigung aktivieren kann. Das wiederum hat zur Folge, dass keine Ideen kreiert, Pl\u00e4ne geschmiedet oder Handlungsschritte iniziiert werden k\u00f6nnen. Frau Meier war also nicht mehr in der Lage, einer positiven, oder aktiv-freudigen Stimmung Raum zu lassen und so ihr Potential und ihre Erfahrung zur Projektumsetzung zu nutzen. Sie konnte auch Ideen nicht mehr zuverl\u00e4ssig planen, da ihr Intentionsged\u00e4chtnis, welches f\u00fcr die Planung zust\u00e4ndig ist, durch die gedr\u00fcckte Stimmung behindert wurde. Am Ende blockierte die Stimmung auch die Ausf\u00fchrungsfunktion, und so konnte Frau Meier auch die ihr wohl bekannten Handlungsschritte nicht einsetzen, um ihre Projekte weiterzuf\u00fchren.<\/p>\n<p>Um solche Blockaden aufzubrechen, braucht es in der Regel Bew\u00e4ltigungsstrategien. In der Laufbahnberatung zeige ich betroffenen Klientinnen und Klienten deshalb auf, wie Emotionen unsere Handlungsf\u00e4higkeit beeinflussen k\u00f6nnen. Das Gute daran ist: Menschen k\u00f6nnen ihre Affekte regulieren, also ihre Stimmungen beeinflussen, und sich so bis zu einem gewissen Grad selbst \u00abmanagen\u00bb. Durch Kompetenzst\u00e4rkung und das Sichtbarmachen der vorhandenen Ressourcen, erarbeite ich mit den Betroffenen Bew\u00e4ltigungsstrategien f\u00fcr ein besseres Stressmanagement. Erst dann ist der Weg f\u00fcr eine erfolgreiche Laufbahnplanung wirklich frei.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2016\/07\/Susanne-Borner_3517_.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-1035\" src=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2016\/07\/Susanne-Borner_3517_.jpg\" alt=\"Susanne Borner_3517_\" width=\"240\" height=\"240\" srcset=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2016\/07\/Susanne-Borner_3517_.jpg 300w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2016\/07\/Susanne-Borner_3517_-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 240px) 100vw, 240px\" \/><\/a>Zur Autorin<\/strong><br \/>\nSusanna Borner ist Dozentin und Beraterin am IAP Institut f\u00fcr Angewandte Psychologie der ZHAW. Nach ihrem Psychologiestudium an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich absolvierte sie verschiedene Nachdiplomstudien in Systemischer Familien- und Paartherapie, Personalmanagement sowie Berufs- und Laufbahnberatung. Am IAP leitet sie den MAS Berufs-, Studien- &amp; Laufbahnberatung und arbeitet als Coach mit Menschen, die sich weiterentwickeln m\u00f6chten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Burnout ist ein Begriff, den jeder kennt und kaum einer definieren kann. Selbst f\u00fcr Betroffene ist es oft nicht einfach, den Prozess zu verstehen, der zu ihrem Burnout f\u00fchrte. Die PSI-Theorie zeigt verschiedene Mechanismen auf, die ein Burnout manifestieren k\u00f6nnen, und beschreibt die Rolle von Emotionen in diesem Prozess. 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