{"id":1540,"date":"2016-12-15T15:30:54","date_gmt":"2016-12-15T14:30:54","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/?p=1540"},"modified":"2022-04-12T22:12:45","modified_gmt":"2022-04-12T20:12:45","slug":"achtsamkeit-der-grosse-trend","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/2016\/12\/15\/achtsamkeit-der-grosse-trend\/","title":{"rendered":"Achtsamkeit \u2013 der grosse Trend"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Von Stefan Spiegelberg, Berater am IAP Institut f\u00fcr Angewandte Psychologie<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Begriff \u00abAchtsamkeit\u00bb (engl. mindfulness) hat in den letzten Jahren einen unglaublichen Boom erlebt. Man k\u00f6nnte von einem Modetrend sprechen. In der Schweiz gibt es eine riesige Anzahl von Kursen rund um das Thema Achtsamkeit. Fast im Monatstakt erscheinen neue B\u00fccher dazu. Sie versprechen Stressreduktion, mehr Geduld, mehr Entspannung, bessere Konzentration, verbesserte Beziehungen, mehr Lebensfreude usw. Dazu kommen verschiedene Apps, die uns bei der t\u00e4glichen Achtsamkeitspraxis unterst\u00fctzen sollen. So erinnert auch mich seit einigen Wochen meine Apple Watch daran, hin und wieder tief durchzuatmen \u2013 und das nat\u00fcrlich immer im unpassendsten Moment.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Mehr als nur <\/strong>\u00ab<strong>Feel Good<\/strong>\u00bb<\/h3>\n\n\n\n<p>Gerade jetzt in der Weihnachtszeit macht es Sinn, den Trend der Achtsamkeit auch ein bisschen kritisch zu hinterfragen, denn der Gedanke der Achtsamkeit hat seinen Ursprung im spirituellen Bereich, also auch in den grossen und kleinen Religionen der Welt. Von den buddhistischen Lehren des \u00abEdlen Achtfachen Pfades\u00bb bis zu den indianischen Danksagungen f\u00fcr jede Gabe aus der Natur: Achtsamkeit ist eine Geistesdisziplin, die mehr ist als das Versprechen, sich gut zu f\u00fchlen. Sogar die Forschung, die fr\u00fcher einen riesigen Bogen um dieses Thema gemacht h\u00e4tte, hat sich der Achtsamkeit angenommen. In den verschiedenen durchgef\u00fchrten Studien zeigte sich ein durchwegs positives Bild: Verbesserung der Aufmerksamkeit und kognitiven Leistungsf\u00e4higkeit, Reduktion von Stress, Angst oder M\u00fcdigkeit, besserer Umgang mit negativen Gef\u00fchlen oder chronischen Schmerzen, verbesserte Funktion des Immunsystems, positive Effekte bei diversen psychischen Erkrankungen usw. Und auch die Arbeitswelt hat die Achtsamkeit f\u00fcr sich einzusetzen gelernt: schliesslich kann man mit verbesserter Leistungsf\u00e4higkeit auf bessere Performance und mehr Gewinn hoffen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Selbstoptimierung und Leistungssteigerung<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Auf den ersten Blick klingt die Achtsamkeitspraxis in den meisten B\u00fcchern und Artikeln ganz einfach: Man sollte sich einfach t\u00e4glich mindestens 30 bis 40 Minuten in Achtsamkeit \u00fcben \u2013 indem man sich z.B. gewisser K\u00f6rperempfindungen gewahr wird oder sich bewusst einer einzelnen T\u00e4tigkeit widmet (bye bye Multitasking) \u2013 und schon kann man den Alltagsstress und andere Belastungen hinter sich lassen, gelassener durch den Meeting-Marathon kommen und sogar den Stau auf der Autobahn geniessen. Das ist nat\u00fcrlich jetzt etwas \u00fcberspitzt formuliert, doch erhalte ich immer wieder den Eindruck, dass viele Menschen genau dieses Bild von der Achtsamkeitspraxis zu haben scheinen: Ein einfaches System mit grosser Wirkung. Damit passt Achtsamkeit bestens in die heutige Zeit der Selbstoptimierung. Arianna Huffington, die Mitbegr\u00fcnderin der Online-Zeitung \u00abThe Huffington Post\u00bb, hat das sehr sch\u00f6n auf den Punkt gebracht: \u00abMindfulness, yoga, prayer, meditation, and contemplation aren&#8217;t just tools reserved for retreats over long weekends anymore \u2013 they are the ultimate performance enhancers\u00bb.<\/p>\n\n\n\n<p>In unserer Leistungsgesellschaft kann deshalb schnell mal der Wunsch entstehen, in kurzer Zeit ein paar Achtsamkeitstechniken zu lernen, um danach gest\u00e4rkt und noch erfolgreicher (wieder) im Beruf durchstarten zu k\u00f6nnen. Dieses Leistungsdenken, das hier zum Ausdruck kommt, zeigt sich dann aber oft auch in der pers\u00f6nlichen Achtsamkeitspraxis: Man m\u00f6chte noch gelassener, produktiver und stressresistenter werden; und das nat\u00fcrlich am liebsten sofort. Doch mit dieser Ausgangslage kann es schwierig werden. Im besten Fall lernt man mit dem Stress umzugehen, in schlimmsten Fall wird die Achtsamkeitspraxis pl\u00f6tzlich selbst zum Stressor, z.B. wenn man die 30 Minuten Achtsamkeitstraining in einen sonst schon vollgestopften Arbeitstag quetschen muss oder sich selbst daf\u00fcr verurteilt, gerade nicht achtsam im Gespr\u00e4ch mit dem Gegen\u00fcber gewesen zu sein. Doch kann man in solchen F\u00e4llen \u00fcberhaupt noch von Achtsamkeit sprechen?<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Bewusst im gegenw\u00e4rtigen Augenblick<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Ein Mann, der die Grundlagen der Achtsamkeit in unserer westlichen wissenschaftsgetriebenen Industriegesellschaft eingef\u00fchrt hat, ist der Molekularbiologe Jon Kabat-Zinn. Er setzte sich f\u00fcr ein besseres Gesundheitsmanagement in unserer Gesellschaft ein und begr\u00fcndete das \u00abMindfulness-Based Stress Reduction Program\u00bb (MBSR). Er definiert Achtsamkeit wie folgt: \u00abAchtsamkeit bedeutet, auf eine bestimmte Weise aufmerksam zu sein: bewusst, im gegenw\u00e4rtigen Augenblick und ohne zu urteilen. Diese Art der Aufmerksamkeit steigert das Gewahrsein und f\u00f6rdert die Klarheit sowie die F\u00e4higkeit, die Realit\u00e4t des gegenw\u00e4rtigen Augenblicks zu akzeptieren.\u00bb In einer achtsamen Haltung nehmen wir also bewusst wahr, was im momentanen Augenblick in uns und um uns herum geschieht. Wir lernen, unsere Gef\u00fchle, Gedanken, K\u00f6rperempfindungen und Beobachtungen zu akzeptieren wie sie sind, egal ob sie angenehm oder unangenehm sind. Jon Kabat-Zinn gibt zu bedenken, dass Achtsamkeit nicht einfach wie von selbst entsteht, nur weil man es n\u00fctzlich oder w\u00fcnschenswert findet, bewusster zu leben. Vielmehr bedarf es einer starken Entschlossenheit, einer wirklichen \u00dcberzeugung vom Wert der Achtsamkeit und auch viel Disziplin. Da wird schnell klar, dass eine solche Achtsamkeitspraxis nicht mit schneller Selbstoptimierung in Verbindung gebracht werden kann. In der Achtsamkeit geht es also in erster Linie nicht darum, ein Ziel zu erreichen, sondern sein Denken und sein Bewusstsein im Hier und Jetzt zu sch\u00e4rfen, und das ein Leben lang. Es ist also mehr ein Weg als ein Ziel.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Achtsamkeit beginnt im Kleinen<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Gerade in der Weihnachtszeit fehlt es aber oft an Musse. Man hat kaum Zeit zum Meditieren, geschweige denn, den Augenblick bewusst wahrzunehmen. Im Gegenteil: Ein Anlass jagt den anderen. Da ist das Firmenfest mit den Kolleginnen und Kollegen, bei dem der Wein zwar gut, aber nicht gerade hilfreich f\u00fcr die Achtsamkeit ist. Da ist der Advent-Brunch mit der Familie, bei dem man wieder auf \u00abOnkel Kurt\u00bb trifft, der einen zur Weissglut bringt. Dann kommt der Geburtstag des besten Freundes, den man nicht vergessen darf, der Jahresabschluss, der im B\u00fcro den Druck verdoppelt, die vielen Geschenke, die zu besorgen sind und all die Karten, die man unbedingt noch f\u00fcr die Kunden schreiben muss (am besten pers\u00f6nlich und von Hand)\u2026. Wie soll man da bewusst im Augenblick bleiben? Hier kommt die gute Nachricht: Achtsamkeit beginnt im Kleinen \u2013 und sie kann \u00fcberall im Alltag eingebaut werden. Nat\u00fcrlich sind die 30 Minuten bewusstes Achtsamkeitstraining mehr Zeit als die eine Sekunde Dankbarkeit f\u00fcr den Kaffee in der Pause. Aber genau hier beginnt die Kunst, das eine nicht gegen das andere aufzuwiegen oder zu bewerten. Denn schon eine einzige Sekunde Dankbarkeit und der Gedanke an all die Menschen, die f\u00fcr diese eine Tasse Kaffee gearbeitet haben, enth\u00e4lt den ersten Schritt zu mehr Bewusstsein f\u00fcr das Hier und Jetzt. Und solche Momente gibt es Hunderte, jeden Tag. Warum also nicht jetzt gleich beginnen?<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Mehr Achtsamkeit in der Weihnachtszeit<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-medium is-resized\"><a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2016\/12\/IMG_6401.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2016\/12\/IMG_6401-300x225.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1542\" width=\"202\" height=\"151\" srcset=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2016\/12\/IMG_6401-300x225.jpg 300w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2016\/12\/IMG_6401-768x576.jpg 768w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2016\/12\/IMG_6401-1024x768.jpg 1024w\" sizes=\"auto, (max-width: 202px) 100vw, 202px\" \/><\/a><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><br>Speziell in der (Vor-)Weihnachtszeit bieten sich viele M\u00f6glichkeiten, sich der Achtsamkeit oder eben dem Achtsam-Sein zu widmen und das auf genussvolle und entlastende Weise. Hier einige M\u00f6glichkeiten, wie Sie Achtsamkeit im Alltag \u00fcben k\u00f6nnen:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Weihnachtskekse bewusst geniessen: Nicht nur weil sie ungeheuer viele Kalorien haben, sondern weil es sie nur zu dieser Jahreszeit gibt. Wenn sie von einer lieben Person selbst gemacht wurden, sind sie zudem besonders kostbar.<\/li><li>Die Lichter sch\u00e4tzen: Weihnachtsbeleuchtung wird oft kritisch be\u00e4ugt. Zu kitschig, zu viel und \u00fcberhaupt: der ganze Energieverbrauch! Doch wie s\u00e4he die dunkelste Zeit des Jahres ohne sie aus? Schauen Sie beim n\u00e4chsten Einkaufsbummel einmal richtig hoch und versinken Sie kurz im Lichtermeer!<\/li><li>Wirklich an die Menschen denken \u2013 und nicht an das Geschenk. Manchmal ist es mehr wert, einen Menschen anzurufen und mal wieder mit ihm oder ihr Kaffee trinken zu gehen, anstatt stundenlang einem Geschenk nachzujagen, das er oder sie sowieso nicht mag.<\/li><li>Und wenn man mit der Person nicht Kaffee trinken will? Dann ist ein Geschenk vielleicht auch nicht wirklich eine Geste der Freundschaft (ja, Achtsamkeit hat auch mit Ehrlichkeit zu tun).<\/li><li>Geschenke einpacken \u2013 mit Liebe. Geschenke einzupacken ist f\u00fcr viele ein Graus. Es ist aber die beste Gelegenheit sich 5 Minuten voll und ganz einer kreativen Arbeit zu widmen. Und wenn Sie zu denen geh\u00f6ren, die sich wie ich \u00fcber Ihre zwei linken H\u00e4nde beim Einpacken aufregen k\u00f6nnen, dann versuchen Sie doch einmal, den aufkommenden \u00c4rger mit einer kindlichen Neugier zu beobachten, ohne zu bewerten. Was passiert mit dem Gef\u00fchl, wenn Sie es beobachten?<\/li><li>Adventskerzen in die Meditation einbauen: Kerzen anzuz\u00fcnden ist prinzipiell eine tolle Meditations- oder Achtsamkeits\u00fcbung. Einatmen beim Anz\u00fcnden. Ausatmen bis die Flamme ruhig brennt. Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier\u2026.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<div style=\"height:23px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile is-vertically-aligned-bottom is-image-fill\" style=\"grid-template-columns:26% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\" style=\"background-image:url(https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2016\/12\/spib.jpg);background-position:50% 50%\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"300\" src=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2016\/12\/spib.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1560 size-full\" srcset=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2016\/12\/spib.jpg 300w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2016\/12\/spib-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p style=\"font-size:14px\"><strong><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/ueber-uns\/person\/spib\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Stefan Spiegelberg<\/a><\/strong> arbeitet als Berater am IAP Institut f\u00fcr Angewandte Psychologie. Er begleitet junge Erwachsene bei der Berufs- und Studienwahl und der beruflichen Laufbahnentwicklung. Ihr Rahmen der Career Services ZHAW ber\u00e4t er zudem Studierende beim \u00dcbertritt vom Studium ins Berufsleben. Stefan Spiegelberg studierte Angewandte Psychologie mit der Vertiefung Arbeits- und Organisationspsychologie und spezialisierte sich danach auf Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung. <\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<div style=\"height:56px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p style=\"font-size:14px\"><strong>Literatur zum Thema:<br><\/strong>-Jon Kabat-Zinn: <em>Im Alltag Ruhe finden. Meditationen f\u00fcr ein gelassenes Leben<\/em>. Knaur MensSana, M\u00fcnchen, 2010.<br>-Dalai Lama:\u00a0<em>Die Vier Edlen Wahrheiten. Die Grundlagen des Buddhismus.<\/em> Kr\u00fcger Verlag Frankfurt am Main, 1999.<br>-Thich Nhat Hanh:\u00a0<em>Das Herz von Buddhas Lehre.<\/em> Herder Spektrum Verlag, 1998.<\/p>\n<div class=\"pt-sm\">Schlagw\u00f6rter: <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/tag\/achtsamkeit\/\">Achtsamkeit<\/a><br><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Stefan Spiegelberg, Berater am IAP Institut f\u00fcr Angewandte Psychologie Der Begriff \u00abAchtsamkeit\u00bb (engl. mindfulness) hat in den letzten Jahren einen unglaublichen Boom erlebt. Man k\u00f6nnte von einem Modetrend sprechen. In der Schweiz gibt es eine riesige Anzahl von Kursen rund um das Thema Achtsamkeit. Fast im Monatstakt erscheinen neue B\u00fccher dazu. 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