{"id":1482,"date":"2016-11-14T13:30:12","date_gmt":"2016-11-14T12:30:12","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/?p=1482"},"modified":"2022-04-12T21:30:07","modified_gmt":"2022-04-12T19:30:07","slug":"ressourcen-in-der-familie-erkennen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/2016\/11\/14\/ressourcen-in-der-familie-erkennen\/","title":{"rendered":"Ressourcen in der Familie erkennen"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Familienprobleme haben weitreichende Auswirkungen, denn jedes Familienmitglied ist pers\u00f6nlich betroffen und somit mitten drin. Oft l\u00e4uft es dann auch in der Schule nicht mehr rund oder der Druck im beruflichen Alltag wird zur Zusatzbelastung. Das kann schnell zum Teufelskreis werden, der alle Familienmitglieder unsicher macht. F\u00fcr einen ersten Schritt aus der Krise ist es wichtig, die Ressourcen der Familie zu erkennen, zu sch\u00e4tzen und bewusst zu aktivieren.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Von Imke Knafla, Psychologin am IAP Institut f\u00fcr Angewandte Psychologie<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In der L\u00f6sungs- und ressourcenorientierten Beratung gehen wir grunds\u00e4tzlich davon aus, dass jeder Mensch die St\u00e4rken und F\u00e4higkeiten besitzt, die er oder sie zur L\u00f6sung der anstehenden Herausforderungen braucht &#8211; &nbsp;auch wenn er oder sie diese St\u00e4rken im Moment (noch) nicht sehen kann. Denn wie sonst k\u00f6nnen Ver\u00e4nderungen passieren, wenn nicht mit dem, was die Klientinnen und Klienten in die Beratung mitbringen? Dasselbe gilt auch f\u00fcr Familien. Die einzelnen Mitglieder sind in einem komplexen System miteinander verbunden, und was der eine macht, ber\u00fchrt und betrifft den anderen ebenso. F\u00fcr anstehende Ver\u00e4nderungen sollten daher vorhandene (oder m\u00f6glicherweise brachliegende) Ressourcen in der Familie aktiviert und gest\u00e4rkt werden, damit die Familie die Herausforderungen angehen und ihre Probleme meistern kann.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Ressourcen erkennen<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Kommt eine Familie zu uns in die Familienberatung, geht es zumeist darum, ein Gleichgewicht zwischen dem Zugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl und der Autonomie der einzelnen Familienmitglieder herzustellen. Dies k\u00f6nnen wir \u00fcber die Ver\u00e4nderungen der famili\u00e4ren Interaktionen erreichen oder \u00fcber die F\u00f6rderung der individuellen Entwicklung einzelner Personen. F\u00fcr beide Ans\u00e4tze ist es wichtig, die bestehenden Ressourcen zu erkennen und zu aktivieren. Das Ziel von ressourcenorientierten Familiengespr\u00e4chen ist die positive Ver\u00e4nderung der Beziehungen und Interaktionen zwischen den Mitgliedern einer Familie sowie das Entstehen und Wachsen von Empathie und Verst\u00e4ndnis f\u00fcreinander. Damit man sich besser vorstellen kann, wie man Ressourcen f\u00fcr eine Familie erkennen und aktivieren kann, stelle ich hier einige Interventionen aus meiner Beratungspraxis vor. Sie alle haben das Ziel, das positive \u201eMiteinander\u201c &nbsp;zu st\u00e4rken.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Gute Zeit miteinander verbringen<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Wenn ich Familien frage, k\u00f6nnen mir die meisten sofort Situationen schildern, in denen sich das Problem, weswegen sie die Beratung aufsuchen, gar nicht oder weniger gezeigt hat, zum Beispiel beim letzten gemeinsamen Ausflug oder im Urlaub. Es ist wichtig, solche Oasen \u2013 oder wie ich sie nenne: \u201eFamilieninseln\u201c \u2013 gemeinsam zu erkennen und zu benennen. Das Ziel dieser \u00dcbung ist unter anderem, dass diese \u201eInseln\u201c bewusst werden und h\u00e4ufiger \u201eaufgesucht\u201c werden k\u00f6nnen. So kann die Familie sich \u00f6fter unbeschwert erleben. Zusammen mit der Familie versuche ich dann, sogenannte \u201eKraftquellen im Alltag\u201c zu finden, also Aktivit\u00e4ten, die allen Familienmitgliedern Freude bereiten. Dies soll einerseits der Erholung dienen, zugleich aber auch die positiven Interaktionen untereinander erh\u00f6hen und damit die Beziehungen zueinander st\u00e4rken.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiteres wichtiges Ziel dieser Interventionen ist es, diese &#8222;Inseln&#8220; aus l\u00f6sungsorientierter Perspektive auf \u201eL\u00f6sungen\u201c im Hinblick auf das Problem genauer anzuschauen. Dabei sind insbesondere Fragen nach dem Unterschied zielf\u00fchrend. Zum Beispiel:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>Was tun die Eltern\/Kinder w\u00e4hrend der guten Zeiten (mehr), was sie sonst nicht tun?<\/li><li>Was macht jemand in den &#8222;Inseln&#8220; nicht, was er sonst macht?<\/li><li>Welche Gedanken hat ein Familienmitglied in einer guten Phase, die er\/sie sonst nicht hat?<\/li><li>Was nimmt jemand anders wahr, als er\/sie es sonst tut?<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Die genaue Beobachtung der Unterschiede kann der Familie auch als Aufgabe mitgegeben werden. Ich fordere zum Beispiel manchmal die Familienmitglieder auf, genau darauf zu achten, was in ihrem eigenen Verhalten und im Verhalten der anderen zu einer unbeschwerten Zeit beitr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p>L\u00e4sst sich aus diesen Situationen ein Verhalten identifizieren, zum Beispiel \u201emiteinander lachen\u201c oder \u201eentspannt zuh\u00f6ren\u201c, versuche ich in einem n\u00e4chsten Schritt, dieses Verhalten hervorzuheben und gemeinsam zu \u00fcberlegen, was es braucht, damit dieses Verhalten \u00f6fter auch im Alltag und auch in den problematischen Situationen gezeigt werden kann.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Den anderen \u201eertappen\u201c<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Detektivspiele sprechen einen unbeschwerten, neugierigen und kindlichen Teil im Menschen an. In dieser Intervention geht es ums Entdecken und Erwischen. Die Aufmerksamkeit wird dabei spezifisch auf die positiven Begegnungen innerhalb der Familie gelenkt. Ich bitte zum Beispiel jedes Familienmitglied, ein K\u00e4rtchen mit dem Namen eines anderen Familienmitglieds zu ziehen. Es bleibt jedoch geheim, wer welchen Namen gezogen hat. Die erste Aufgabe ist nun, dieser Person bis zum n\u00e4chsten gemeinsamen Beratungsgespr\u00e4ch \u201eetwas Gutes\u201c zu tun. Die zweite Aufgabe besteht darin, herauszufinden, wer den eigenen Namen gezogen hat, also den anderen dabei zu \u201eertappen\u201c, wie dieser einem Gutes tut, und eine Liste mit den \u201eguten Dingen\u201c anzufertigen, die man beim anderen beobachtet hat. Damit versuche ich die Aufmerksamkeit auf die positiven Interaktionen zu lenken. Ein sch\u00f6ner Nebeneffekt: Oftmals wird dem anderen bei dieser \u00dcbung eine positive Absicht unterstellt, wo eigentlich gar keine war.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun stellt sich nat\u00fcrlich die Frage: Was heisst jemandem \u201eetwas Gutes\u201c tun? Die Antwort ist f\u00fcr jede Familie und jedes Familienmitglied eine andere. Je nach Familie wende ich deshalb verschiedene Wege an, das herauszufinden. Hier sind zwei Beispiele:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><strong>Gemeinsam erarbeiten, was \u201eetwas Gutes\u201c bedeutet:<\/strong> Die Familienmitglieder erarbeiten gemeinsam, was es bedeutet, jemandem etwas Gutes zu tun. Die Ideen sammle ich jeweils an einem Flipchart. Dabei unterscheide ich zwischen materiellen Gaben (z.B. ein gemaltes Bild, Schokolade, eine Blume), sozialen Interaktionen (z.B. ein L\u00e4cheln, jemandem Aufmerksamkeit schenken, eine Umarmung) und gemeinsamen Handlungen (z.B. ein Spiel spielen, jemandem Vorlesen, gemeinsam Sport machen, beim Abwasch helfen).<\/li><li><strong>F\u00fcr jeden eine pers\u00f6nliche Liste erstellen:<\/strong> F\u00fcr jedes Familienmitglied wird eine pers\u00f6nliche Liste erarbeitet, in die die jeweilige Person einbringen kann, was ihm oder ihr Freude bereitet. Die anderen Familienmitglieder d\u00fcrfen Vorschl\u00e4ge machen. Im Vordergrund sollen hier soziale Interaktionen und gemeinsame Handlungen stehen.<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>Wenn eine Familie bereits ein allgemeines Verst\u00e4ndnis davon hat, wie man den jeweils anderen etwas Gutes tun kann, ist das ein grosser Pluspunkt, denn dann kann diese Ressource schneller nutzbar gemacht werden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Das Gute sichtbar machen<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Eine lustvolle und farbenfrohe Intervention ist es, nette Botschaften auf bunte Klebezettel zu schreiben und so Ressourcen und positive Interaktionen f\u00fcr alle Familienmitglieder sichtbar zu machen und die Aufmerksamkeit vermehrt darauf zu lenken.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr diese \u00dcbung gebe ich der Familie Klebezettel in so vielen Farben, wie die Familie Mitglieder hat. Dabei wird jeder Person eine Farbe zugeteilt (beispielsweise der Mutter Gelb, dem Vater Blau etc.). Die Aufgabe besteht nun darin, dass jedes Familienmitglied den anderen t\u00e4glich mindestens einen beschrifteten Klebezettel hinterl\u00e4sst (es d\u00fcrfen nat\u00fcrlich auch mehr sein). Dies kann eine Grussbotschaft sein (\u201eIch w\u00fcnsche dir einen sch\u00f6nen Tag!\u201c), ein Kompliment (\u201eDu hast heute so sch\u00f6n Klavier gespielt\u201c), die Anerkennung von St\u00e4rken oder positiven Eigenschaften (\u201eDu bist immer so fr\u00f6hlich\u201c) oder \u00c4hnliches. Diese Zettel werden f\u00fcr einen vorher definierten Zeitraum (z.B. zwei Wochen) in der Wohnung verteilt und jeweils an Orten platziert, wo der Empf\u00e4nger sie finden wird, zum Beispiel am Spiegel, an der Kaffeemaschine oder an einer T\u00fcr. Mit der Zeit wird so die Wohnung immer bunter, und die positiven Interaktionen werden f\u00fcr alle sichtbarer.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Den Anderen sehen <\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Vielleicht hat der eine oder andere Leser den Film \u201eAvatar\u201c gesehen. Dort lernt der Protagonist eine neue Form der Begr\u00fcssung kennen. Anstatt \u201eHallo\u201c oder \u201eGuten Tag\u201c zu sagen, gr\u00fcsst man mit \u201eI see you\u201c (Ich sehe dich). In diesem Ausdruck liegt eine grundlegend wertsch\u00e4tzende Haltung. Es geht darum, den anderen nicht einfach nur anzuschauen und zu gr\u00fcssen, sondern ihn in seiner Ganzheit zu sehen und zu erkennen. Liegt der Schwerpunkt der vorher genannten \u00dcbungen eher in der Zeit zwischen den Familiengespr\u00e4chen, so ist es nat\u00fcrlich auch w\u00e4hrend der Gespr\u00e4che mein Ziel, die St\u00e4rken und Ressourcen der einzelnen Familienmitglieder zu aktivieren und sichtbar zu machen. Deshalb zeige ich ihnen, wie sie sich selbst neu anschauen, neu sehen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Gespr\u00e4ch lege ich zumindest zu gleichen Teilen den Fokus auf das, was in der Familie bereits gut l\u00e4uft, und das, was noch verbesserungsw\u00fcrdig ist. Mit Komplimenten und Hinweisen hebe ich das Positive \u2013 wo immer ich kann \u2013 hervor, indem ich beispielsweise sage: \u201eMir f\u00e4llt auf, wie ruhig sie einander beim Reden zuh\u00f6ren, ohne sich gegenseitig ins Wort zu fallen, auch wenn sie anderer Meinung sind\u201c oder: \u201eIch sehe, dass sie sehr besorgt und motiviert sind, dieses Problem zu l\u00f6sen, weswegen sie ja heute alle gemeinsam hier in die Beratung gekommen sind\u201c. So lernen die Familienmitglieder, die guten Dinge in einer Situation zu sehen, ihre positiven F\u00e4higkeiten zu betonen und ihre St\u00e4rken zu sch\u00e4tzen und zu leben.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:30px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text alignwide is-stacked-on-mobile is-vertically-aligned-bottom is-image-fill\" style=\"grid-template-columns:26% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\" style=\"background-image:url(https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2016\/08\/Imke_Knafla-2782.jpg);background-position:50% 50%\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"300\" src=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2016\/08\/Imke_Knafla-2782.jpg\" alt=\"Imke_Knafla-2782\" class=\"wp-image-1174 size-full\" srcset=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2016\/08\/Imke_Knafla-2782.jpg 300w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/files\/2016\/08\/Imke_Knafla-2782-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p style=\"font-size:12px\"><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/ueber-uns\/person\/knaf\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Dr. Imke Knafla<\/strong><\/a> war nach ihrem Psychologiestudium an der Universit\u00e4t Trier (Deutschland) als Assistenz im Psychologischen Institut an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich t\u00e4tig. Dort promovierte sie im Bereich der Verhaltensmedizin. Im Anschluss liess sie sich parallel zu ihrer T\u00e4tigkeit als Weiterbildungskoordinatorin an der Universit\u00e4t Bern zur eidgen\u00f6ssisch anerkannten Psychotherapeutin ausbilden.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\">Nach mehrj\u00e4hriger psychotherapeutischer T\u00e4tigkeit im station\u00e4ren und ambulanten Bereich ist sie seit 2012 als Beraterin, Psychotherapeutin und Dozentin am IAP Institut f\u00fcr Angewandte Psychologie der ZHAW t\u00e4tig. Dort leitet sie den Weiterbildungslehrgang Ressourcen- und l\u00f6sungsorientierte Beratung. Ausserdem ist sie als Dozentin und Supervisorin in der Aus- und Weiterbildung t\u00e4tig und leitet die Beratungsstelle f\u00fcr Studierende und Mitarbeitende der ZHAW.<\/p>\n<\/div><\/div>\n<div class=\"pt-sm\">Schlagw\u00f6rter: <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/tag\/familie\/\">Familie<\/a>, <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iap\/tag\/psychotherapie\/\">Psychotherapie<\/a><br><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Familienprobleme haben weitreichende Auswirkungen, denn jedes Familienmitglied ist pers\u00f6nlich betroffen und somit mitten drin. Oft l\u00e4uft es dann auch in der Schule nicht mehr rund oder der Druck im beruflichen Alltag wird zur Zusatzbelastung. Das kann schnell zum Teufelskreis werden, der alle Familienmitglieder unsicher macht. 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