{"id":895,"date":"2015-03-09T16:00:38","date_gmt":"2015-03-09T15:00:38","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/?p=895"},"modified":"2015-03-09T16:05:14","modified_gmt":"2015-03-09T15:05:14","slug":"ein-grosses-herz-ein-dickes-fell-ein-schnelles-hirn-und-einen-traum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/ein-grosses-herz-ein-dickes-fell-ein-schnelles-hirn-und-einen-traum\/","title":{"rendered":"&#8222;Ein grosses Herz, ein dickes Fell, ein schnelles Hirn \u2013 und einen Traum.&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Interview mit Wolfgang Blau, Executive Director of Digital Strategy bei &#8222;<a href=\"http:\/\/www.theguardian.com\/uk\" target=\"_blank\">The Guardian<\/a>\u201c.<\/p>\n<pre>Aufgezeichnet am 5. Februar 2015 von <a href=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/tag\/rebecca-panian\/\">Rebecca Panian<\/a>, freischaffende Filmemacherin und Filmverantwortliche am IAM.<\/pre>\n<p>An der diesj\u00e4hrigen Konferenz <a href=\"http:\/\/www.re-inventing-journalism.ch\" target=\"_blank\">Re-Inventing Journalism<\/a> der ZHAW sprach Wolfgang Blau dar\u00fcber, was ihn &#8222;nachts nicht schlafen l\u00e4sst&#8220;. Im Interview verr\u00e4t er, warum er Journalist wurde, was er Menschen sagt, die im Online-Journalismus eine Gefahr f\u00fcr die Demokratie sehen und was er sich unter einem guten Journalisten vorstellt.<\/p>\n<p><strong>Warum sind Sie Journalist geworden?<\/strong><br \/>\nEs gibt im Englischen den Begriff der &#8222;post-rationalisation&#8220;, also der nachtr\u00e4glichen Sinnstiftung, die auch darin bestehen kann, sich die eigenen Lebensentscheidungen im R\u00fcckblick stringenter zu beschreiben als sie es eigentlich waren. Vermutlich weiss ich also nicht wirklich, weshalb ich Journalist geworden bin. Ich erinnere mich aber, dass bei uns zuhause viel Radio geh\u00f6rt wurde, und da muss ich hinzuf\u00fcgen, dass ich das j\u00fcngste von f\u00fcnf Kindern war. Besonders meine Mutter hatte w\u00e4hrend unserer fr\u00fchen Kindheit nur selten M\u00f6glichkeiten wegzugehen, zu einem Konzert zum Beispiel, oder sehr viel zu lesen. Dennoch ist sie sehr gebildet und war auch damals immer gut \u00fcber das Weltgeschehen informiert, dies vor allem dank der Nachrichten und Kultursendungen im \u00f6ffentlich-rechtlichen Radio. Ich habe also schon als Kind davon getr\u00e4umt, Radio- oder Fernsehjournalist zu sein. Mein Problem: Ich hatte damals einen starken schw\u00e4bischen Akzent, weshalb ich zuerst einmal Schauspiel studiert habe und jahrelang Sprecherziehung erhielt. Noch w\u00e4hrend meines Studiums bewarb ich mich dann beim Saarl\u00e4ndischen Rundfunk, der eine Kooperation mit der Schauspielschule meiner Uni hatte und war dann bald der damals j\u00fcngste Nachrichtensprecher im ARD-H\u00f6rfunk und eine der Station-Voices f\u00fcr das ARD Fernsehen. Es dauert dann aber nicht lange, bis mir die Entscheidungsprozesse innerhalb der \u00f6ffentlichen-rechtlichen Welt unendlich z\u00e4h vorkamen. Das war ja auch die Zeit, in der nicht nur das Privatradio in Deutschland emporkam, sondern auch die ersten graphischen Webbrowser dem World Wide Web zum Durchbruch verhalfen. Als ich dann das erste Mal im Internet surfte, wusste ich \u2013 eher intuitiv \u2013 dass es die Welt grundlegend ver\u00e4ndern w\u00fcrde. Es war so eine Mischung aus Euphorie und Fassungslosigkeit angesichts dessen, was sich da vor mir auftat. Noch beindruckt von der vergleichsweise gigantischen Infrastruktur \u00f6ffentlich-rechlicher Sender konnten wir nun pl\u00f6tzlich selbst Radio im Internet machen. Ich hatte also das Gl\u00fcck, dass das Internet in meiner Biografie genau zum richtigen Zeitpunkt kam.<\/p>\n<p><strong>Warum sind Sie nicht beim Radio geblieben?<\/strong><br \/>\nEs war wohl der Diskurs, der mir fehlte. Lineares Broadcasting hatte etwas von &#8222;Malen nach Zahlen&#8220;, zu viele der Inhalte waren vorhersehbar. Ich wollte auch meine geschriebene Sprache weiter entwickeln.<\/p>\n<p><strong>Was braucht guter Journalismus?<\/strong><br \/>\nDerzeit vor allem mehr Fachkompetenz. Ich w\u00fcrde zum Beispiel gerne sehr viel mehr Spezialistinnen in den grossen Redaktionen sehen. Besonders NaturwissenschaftlerInnen fehlen in vielen Redaktionen eklatant. Als Geisteshaltung w\u00fcrde ich mir mehr Mut zum Experimentieren w\u00fcnschen. Das ist nat\u00fcrlich leichter gesagt f\u00fcr jemanden, der schon erfolgreiche Experimente vorweisen kann. Ich habe aber oft den Eindruck, dass gerade die Absolventinnen und Absolventen der Journalistenschulen viel zu risikoscheu sind. Vielleicht w\u00e4re es ja hilfreich, einmal pro Semester eine Einheit \u00fcber &#8222;Famous Failures&#8220; anzusetzen, also herausragende journalistische Fehleinsch\u00e4tzungen oder auch Strategiefehler bekannter Publikationen oder auch einzelner Journalisten zu analysieren und zu betrachten, wie sich diese Organisationen oder Personen von ihren Fehlern erholt oder sogar daraus gelernt haben.<\/p>\n<p><strong>Birgt das nicht die Gefahr der Effekthascherei?<\/strong><br \/>\nNein, Mut zum Experimentieren ist kein Aufruf zur Schlamperei und auch kein Verrat an journalistischen Standards. Niemand, der sich ernsthaft als Journalist bezeichnet, macht freiwillig Fehler. Diejenigen Leser, auf die es ankommt, haben ausserdem ein feines Gesp\u00fcr daf\u00fcr, ob eine Redaktion wirklich nach Innovation sucht oder sich nur ein digitales M\u00e4ntelchen umh\u00e4ngt. Es ist auch immer wieder erstaunlich zu sehen, wie sehr Leser einer Redaktion beistehen, wenn diese f\u00fcr ihre Experimente von Trollen oder auch von ignoranten Medienjournalisten angefeindet oder l\u00e4cherlich gemacht wird. Mut und ernsthafte Bem\u00fchung werden auf lange Sicht eben doch belohnt.<\/p>\n<p><strong>Was bedeutet Offenheit f\u00fcr Sie?<\/strong><br \/>\nOffenheit sollte man nicht verwechseln mit Laissez-Faire. Mit Offenheit meine ich, mehr Raum f\u00fcr Experimentierfreude einzufordern und auch selbst anzubieten. Nur so entsteht Neues. Einstein sagte einmal, kombinatorisches Spielen erscheine ihm als ein essentieller Bestandteil produktiven Denkens. Nicht von ungef\u00e4hr entstehen viele der sch\u00f6nsten Ideen in Zigarettenpausen oder jenseits aller Kreativ-Workshops und Brainstorming Sessions, also genau dann, wenn gerade nicht offiziell gearbeitet wird. Womit ich aber nicht zum Rauchen auffordern will.<\/p>\n<figure id=\"attachment_898\" aria-describedby=\"caption-attachment-898\" style=\"width: 240px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/files\/2015\/03\/rebecca-panian.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-898 size-medium\" src=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/files\/2015\/03\/rebecca-panian-240x300.jpeg\" alt=\"Rebecca Panian\" width=\"240\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/files\/2015\/03\/rebecca-panian-240x300.jpeg 240w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/files\/2015\/03\/rebecca-panian.jpeg 529w\" sizes=\"auto, (max-width: 240px) 100vw, 240px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-898\" class=\"wp-caption-text\">Filmemacherin Rebecca Panian (JO07)<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Sie haben zusammen mit der Journalistin Alysa Selene das Buch &#8222;<a href=\"http:\/\/www.germandreamproject.de\" target=\"_blank\">German Dream<\/a>&#8220; verfasst. Sind Sie ein Tr\u00e4umer?<\/strong><br \/>\nTr\u00e4umen, vor allem das Tagtr\u00e4umen, ist eine menschliche Gabe, die uns erlaubt, unser Wissen, unsere Erfahrung und Intelligenz in anderer Weise einzusetzen, als es uns rein willentlich m\u00f6glich ist. Und ja, ich gebe das gerne zu: Ich glaube daran, dass wir die Welt verbessern k\u00f6nnen und ich vertraue darauf, dass Ehrlichkeit am Ende immer gewinnt. Aber nat\u00fcrlich habe ich auch gelernt, strategisch zu sein und mich zu besch\u00fctzen. Ehrlichkeit und Offenheit sind nicht synonym f\u00fcr Schutzlosigkeit. Um es bildlicher auszudr\u00fccken: Ein Pazifist sollte sich im Interesse des eigenen Erfolges darum bem\u00fchen, auch das Denken und die \u00c4ngste der Milit\u00e4rs zu verstehen.<\/p>\n<p><strong>Was ertr\u00e4umen Sie sich f\u00fcr den Journalismus?<\/strong><br \/>\nMeine erste Pflicht als Journalist ist, die Welt zu beschreiben wie sie ist, also das Bem\u00fchen um Ausgewogenheit, Fairness und Genauigkeit. Die zweite Pflicht ist dann, es nicht nur bei der Nachricht zu belassen, sondern sie auch in ihrem Kontext zu pr\u00e4sentieren, sie zu analysieren und zu kommentieren. Ich glaube jedoch, dass Journalismus nicht nur informieren und interpretieren, sondern auch inspirieren sollte, also nicht nur die Welt zu beschreiben wie sie ist, sondern auch wie sie sein k\u00f6nnte. <a href=\"http:\/\/solutionsjournalism.org\/about\/solutions-journalism-what-it-is-and-what-it-is-not\/\" target=\"_blank\">Das amerikanische Solutions Journalism Network<\/a> ist in dieser Hinsicht ein wichtiges Experiment. Ich hoffe auch, dass wir ein neues journalistisches \u00d6kosystem entwickeln werden, in dem robuster, unabh\u00e4ngiger Journalismus weiterhin m\u00f6glich ist, frei von der Einflussname durch Werbekunden, Regierungen, Parteien, Lobbyisten, Kirchen oder Stiftungen.<\/p>\n<p><strong>Und speziell f\u00fcr Newsrooms?<\/strong><br \/>\nIch besuche viele Newsrooms auf der ganzen Welt und bin erstaunt, wie ethnisch homogen die meisten Newsrooms bis heute sind und wie wenig sie die Zusammensetzung ihrer jeweiligen Leserschaft repr\u00e4sentieren. Newsroom-Diversity ist keine moralische Pflicht\u00fcbung, sondern eine strategische Notwendigkeit.<\/p>\n<p><strong>Vor dem &#8222;Ausschuss Kultur und Medien&#8220; des Bundestags haben Sie Aufsehen erregt mit Ihrem Kurzvortrag &#8222;<a href=\"http:\/\/www.carta.info\/38586\/wolfgang-blau-die-sieben-branchenmythen-zum-zustand-des-journalismus\/\" target=\"_blank\">Die sieben Branchenmythen \u00fcber den Zustand des Journalismus<\/a>&#8222;. Was sagen Sie jemandem, der zum Beispiel noch immer meint, dass Online-Journalismus eine Gefahr f\u00fcr die Demokratie ist?<\/strong><br \/>\nNicht mehr viel. Ich hab mich aber auch frei gemacht von dieser seltsamen Idee, dass alle in der Branche die gleichen Sichtweisen auf den Online-Journalismus vertreten sollten. Ich reagiere eher skeptisch, wenn ich in einem Text \u00fcber die Zukunft des Journalismus noch die Worte &#8222;wir&#8220; oder \u201cm\u00fcssen\u201d lese. Wir &#8222;m\u00fcssen&#8220; \u00fcberhaupt nichts und das appellative &#8222;Wir&#8220; ist eine Fiktion, die meist in manipulativer oder auch anbiedernder Weise daherkommt.<br \/>\nIch muss niemanden mehr davon \u00fcberzeugen, dass der Online-Journalismus den besten Journalismus hervorbringt, weil er auf die meisten Quellen zugreifen kann, weil er im st\u00e4ndigen Austausch mit potentiellen Quellen und Lesern steht, weil er der permanent gr\u00f6ssten, da \u00f6ffentlichen Qualit\u00e4tskontrolle unterzogen wird oder weil nur der Online-Journalismus simultan verschiedene Zugangsarten und Einstiegstiefen in einen Thema anbieten kann. Das erkl\u00e4rt sich inzwischen von selbst. Diese Zukunft muss ich nicht mehr besingen, sie ist l\u00e4ngst da. Was mich derzeit mehr interessiert ist die Frage, wie der Journalismus demokratischer Gesellschaften in der zunehmend globalisierten Medien\u00f6ffentlichkeit weiterhin weltweit Geh\u00f6r finden kann.<\/p>\n<p><strong>Was m\u00f6chten Sie Journalismus-Studenten mit auf den Weg geben?<\/strong><br \/>\nIch w\u00fcrde ihnen raten, nicht nur journalistisches Handwerkszeug zu erwerben und eine exzellente Allgemeinbildung und Mehrsprachigkeit anzustreben, sondern auch tiefes Fachwissen. Selbst in den gr\u00f6ssten Newsrooms fehlen \u2013 um nur wenige Beispiele zu nennen &#8211; Naturwissenschaftler, Informatiker oder auch Fachjuristen, ohne die viele Stories nicht ad\u00e4quat bewertet und bearbeitet werden k\u00f6nnen. Die weltweite Berichterstattung zur Snowden-Story beispielweise hat sehr eindr\u00fccklich illustriert, wie vielen Newsrooms immer noch das Basiswissen \u00fcber die technische Architektur des Internet fehlt.<\/p>\n<p><strong>Und was braucht ein guter Journalist auf menschlicher Ebene?<\/strong><br \/>\nEin grosses Herz, ein dickes Fell, ein schnelles Hirn &#8211; und einen Traum.<\/p>\n<p><strong>Mehr zum Executive Director of Digital Strategy<\/strong><br \/>\nWolfgang Blau (geb. 1967 in Stuttgart) arbeitete w\u00e4hrend seines Studums beim Saarl\u00e4ndischen Rundfunk und sp\u00e4ter als News-Anchor und Chef vom Dienst bei BLR-Radiodienst in M\u00fcnchen. Von 1999 bis 2007 war er als freier Journalist in San Francisco, dem Silicon Valley und Washington D.C. t\u00e4tig und schrieb vor allem f\u00fcr DIE WELT und das ZDF. Daneben entwickelte er Online-Angebote wie das Online-Audio-Portal f\u00fcr die Tageszeitung DIE Welt. Im Jahr 2007 ver\u00f6ffentlichte er mit der Journalistin Alysa Selene im Verlag dtv das Buch &#8222;German Dream&#8220;, eine Suche nach einem inspirierenden Zukunftsentwurf f\u00fcr Deutschland. Von 2008 bis 2013 war Blau Chefredakteur von Zeit Online und wurde 2011 als erster Chefredakteur einer digitalen Publikation in Deutschland zum &#8222;Chefredakteur des Jahres&#8220; gew\u00e4hlt. Im April 2013 wechselte Blau zur britischen Tageszeitung The Guardian, wo er als Executive Director of Digital Strategie fungiert und zum Team des Chefredakteurs Alan Rusbridger geh\u00f6rt. Er ist derzeit einer der vier internen Kandidaten f\u00fcr die Nachfolge Alan Rusbridgers als Chefredakteur des Guardian. Blau ist Vice President des Global Editors Network mit Sitz in Paris.<br \/>\nTwitter: <a href=\"https:\/\/twitter.com\/wblau\" target=\"_blank\">@wblau<\/a><\/p>\n<div class=\"pt-sm\">Schlagw\u00f6rter: <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/tag\/rebecca-panian\/\">Rebecca Panian<\/a><br><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Wolfgang Blau, Executive Director of Digital Strategy bei &#8222;The Guardian\u201c. Aufgezeichnet am 5. Februar 2015 von Rebecca Panian, freischaffende Filmemacherin und Filmverantwortliche am IAM. An der diesj\u00e4hrigen Konferenz Re-Inventing Journalism der ZHAW sprach Wolfgang Blau dar\u00fcber, was ihn &#8222;nachts nicht schlafen l\u00e4sst&#8220;. 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