{"id":707,"date":"2014-11-27T10:45:32","date_gmt":"2014-11-27T09:45:32","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/?p=707"},"modified":"2016-05-18T09:58:16","modified_gmt":"2016-05-18T07:58:16","slug":"ueber-verpuffungen-und-rezepte-dagegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/ueber-verpuffungen-und-rezepte-dagegen\/","title":{"rendered":"\u00dcber Verpuffungen und Rezepte dagegen"},"content":{"rendered":"<p><em>Mit mehr als zweihundert Teilnehmenden verzeichnete der JournalismusTag dieses Jahr einen Besucherrekord. Die meisten darunter waren Journalisten. Die Jahreskonferenz des Vereins Qualit\u00e4t im Journalismus hat sich damit zum wohl gr\u00f6ssten Branchentreffen in der Deutschschweiz gemausert. Aber weshalb besuchen Berufspraktiker \u00fcberhaupt solche Tagungen? Ein Kommentar zum JournalismusTag.14 am IAM in Winterthur.<\/em><\/p>\n<pre>von <a href=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/tag\/mirco-saner\/\">Mirco Saner<\/a>, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsschwerpunkt Journalistik des IAM<\/pre>\n<p>Ein Fazit: Der strukturelle Abbau ist und bleibt in den meisten mitteleurop\u00e4ischen Redaktionen dramatisch, auch wenn Stephan Weichert von der Hamburger Macromedia-Hochschule bei seiner Keynote anhand der Huffington Post und Buzzfeed Gegentrends aufzeigen konnte. Eine bewusste Provokation. Denn das sind lediglich positive Einzelschicksale, die mit der System-Realit\u00e4t wenig zu tun haben.<\/p>\n<p>Ein Aufreger: Der anhaltende Trend der Medienh\u00e4user, Stellenabbau und journalistische Qualit\u00e4tseinbussen nach Aussen als Qualit\u00e4tsgewinn durch die Schaffung von Synergien zu verkaufen. \u201eSynergien zwischen Redaktionen schaffen, das ist doch begriffliches Bullshit-Bingo\u201c, meinte dazu Ringier-Mann Hannes Britschgi, der gef\u00fchlt jede Diskussionsrunde der letzten Journalismustage moderiert hat.<\/p>\n<p>Ein emotionaler Moment: Der via Skype zugeschaltete Oliver Schr\u00f6m, Leiter des Recherche-Teams beim deutschen Wochenmagazin \u201eStern\u201c, erz\u00e4hlt den Anwesenden von der Entlassung einer etablierten deutschen Journalistin, deren Ehemann \u2013 ebenfalls langj\u00e4hriger Journalist und guter Freund Schr\u00f6ms \u2013 vor kurzem in einem Kriegsgebiet bei der Aus\u00fcbung seines Berufes get\u00f6tet wurde. Schr\u00f6m k\u00e4mpft mit den Tr\u00e4nen. Was er nicht ausspricht, ihm aber auf der Stirn geschrieben steht: Bleibt im medialen \u00dcberlebenskampf die Moral auf der Strecke? Sp\u00e4ter an der Tagung und ohne von dieser Begebenheit zu wissen, erkl\u00e4rt Tagesanzeiger-Chefredaktor Res Strehle: \u201eDie Medien haben in den vergangenen zehn Jahren fast fl\u00e4chendeckend um die f\u00fcnfzig Prozent ihres Umsatzes verloren und in den Medienh\u00e4usern musste man sich darauf eine Reaktion \u00fcberlegen. Schr\u00f6m fordert deshalb eine \u201edritte S\u00e4ule\u201c f\u00fcr den Journalismus und meint damit die Finanzierung durch unabh\u00e4ngige Stiftungen.<a href=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/files\/2014\/11\/sani_web1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-715\" src=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/files\/2014\/11\/sani_web1-235x300.jpg\" alt=\"Mirco Saner\" width=\"235\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/files\/2014\/11\/sani_web1-235x300.jpg 235w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/files\/2014\/11\/sani_web1.jpg 350w\" sizes=\"auto, (max-width: 235px) 100vw, 235px\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Verpufftes Engagement<\/strong><\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu unserer Ausgangsfrage: Weshalb besuchen Berufspraktiker \u00fcberhaupt solche Tagungen? Lassen wir das Networking, das Sehen und Gesehen werden sowie das bewusst \u00f6ffentliche Demonstrieren von Sorge um journalistische Qualit\u00e4t einmal aussen vor. Was ist der inhaltliche Anreiz? Die Verlockung brandneu-exklusiver Informationen kann es nicht sein. H\u00e4ufig sind an solchen Tagungen von den gleichen Akteuren die gleichen Botschaften zu h\u00f6ren. Das ist nicht per se schlecht.<\/p>\n<p>Nur was stetig wiederholt wird, bleibt haften. Dass es nach Meinung der Medienwissenschaft um die journalistische Qualit\u00e4t schlecht steht, ist bekannt. Die Situation hat sich in den vergangenen Jahren wenig ver\u00e4ndert. Erhoffen sich die Journalisten Anzeichen daf\u00fcr, dass sich die dunklen Wolken \u00fcber der Medienbranche lichten? Dass es mit ihrem Beruf aus der Sicht der \u201eAnderen\u201c wieder bergauf geht? M\u00f6glich. Jedenfalls ist es nicht der Anreiz, sich Inputs und personelle Verst\u00e4rkung zu holen, um gegen den Status Quo aktiv zu werden. Das demonstrierte Interesse am Zustand der Medienbranche und an medienpolitischen Fragen verpufft in den Redaktionen f\u00fcr die restlichen 364 Tage wieder. Botschaften solcher Tagungen finden in den Praxisstuben keinen erkennbaren Widerhall. Weshalb ist das so?<\/p>\n<p><strong>Spurensuche<\/strong><\/p>\n<p><strong>M\u00f6glichkeit 1: Journalisten glauben den Botschaften nicht.<br \/>\n<\/strong>\u00c4hnlich wie bei Verlegern ist bei diversen Journalisten die F\u00e4higkeit zur Selbstkritik noch immer schwach ausgepr\u00e4gt. \u201eSie sollten vielleicht mehr Geld f\u00fcr die Forschung verlangen\u201c, wetterte ein anwesender Journalist gegen Mark Eisenegger vom Forschungsinstitut \u00d6ffentlichkeit und Gesellschaft (f\u00f6g) der Universit\u00e4t Z\u00fcrich. Dieser hatte anhand von \u201eBund\u201c und Tagesanzeiger sowie dem St. Galler Tagblatt und der Thurgauer Zeitung zwei Fallstudien zum Kopfblatt-Mantel-System in der Schweiz vorgestellt. Ergebnis: Durch diese organisationale Zusammenarbeit entstehen bei den Kooperationspartnern deutlich weniger redaktionell eigengeleistete Beitr\u00e4ge, wodurch die publizistische Vielfalt \u2013 und damit die journalistische Qualit\u00e4t &#8211; weiter sinkt. Wie f\u00fcr Fallstudien \u00fcblich, war der Untersuchungszeitraum recht kurz, jeweils nur wenige Tage im Jahr 2008 &#8211; vor Einf\u00fchrung des Mantelsystems &#8211; und 2013 &#8211; nach Einf\u00fchrung des Mantelsystems. Fallstudien liefern anekdotische Evidenzen und Tendenzen, auf deren Grundlage breiter angelegte Forschungsstudien durchgef\u00fchrt werden k\u00f6nnen. Sie bieten Anhalts- und Orientierungspunkte. \u201eAufgrund dieser schwachen Datenlage den Journalismus derart vernichtend zu kritisieren, das geht einfach nicht\u201c, schimpfte der Zuh\u00f6rer weiter. Ein bew\u00e4hrtes Muster ist hier erkennbar. Verunglimpfe deinen Gegner und seine Methoden, anstatt sich seiner Kritik zu stellen. Die Datenlage ist h\u00e4ufig unbefriedigend in der Forschung. Deshalb verkauft kein guter Wissenschaftler seine Ergebnisse als Wahrheit.<\/p>\n<p><strong>M\u00f6glichkeit 2: Journalisten m\u00f6chten, k\u00f6nnen aber nicht.<br \/>\n<\/strong>Verleger von relevanten Medientiteln waren nicht anwesend am JournalismusTag. Einige ihrer Chefredaktoren schon, aber meist nur punktuell, zu eigenen Podiumsgespr\u00e4chen. M\u00e4nner brauchen das Gef\u00fchl, dass eine Entscheidung von ihnen selbst stammt, oder sie zumindest massgeblich daran beteiligt waren. Auch wenn das nicht zutrifft. Eine Erkenntnis aus der Paartherapie. An Tagungen wird in Panels h\u00e4ufig \u00fcber Themen auf redaktioneller Ebene diskutiert; \u00fcber Chancen des Datenjournalismus, \u00fcber Privatsph\u00e4re bei Bildpublikationen oder \u00fcber verbessertes Storytelling. Das sind die \u201ekleinen\u201c Themen. Bei den Keynotes und Plenumsdiskussionen hingegen kommt das \u201eGrosse\u201c auf den Tisch: Medienkonzentration, Medienkonvergenz, Personalabbau. \u00dcber diese Themenfelder zu entscheiden, f\u00e4llt nicht in den Kompetenzbereich der meisten Anwesenden. Solange die Entscheidungstr\u00e4ger nicht direkt involviert werden, wird ein Journalist, der in der heimischen Redaktion Inputs aus der Tagung \u00fcbermittelt, kaum etwas ver\u00e4ndern. Durch die anhaltende Medienkonzentration und das dadurch ausgel\u00f6ste Schwinden potenzieller Arbeitgeber, trauen sich Journalisten zudem immer weniger, ihre Stimme (\u00f6ffentlich) zu erheben, wenn in den Redaktionen alles beim Alten bleibt.<\/p>\n<p><strong>L\u00f6sungsans\u00e4tze<\/strong><\/p>\n<p>Medienpraktiker sollten sich intensiver mit Forschungsmethoden und Statistik auseinandersetzen. Ein regelm\u00e4ssiger Methoden-Workshop an den JournalismusTagen kann hier Abhilfe schaffen und helfen, das Einordnen von Forschungsergebnissen zu erleichtern. \u201eRedaktions-Panels\u201c oder \u201eOrganisations-Panels\u201c, in denen Leitungspersonen aus Redaktion und Verlag mit ihren Mitarbeitenden und unabh\u00e4ngigen Fachleuten direkt \u00fcber ein konkretes Praxisproblem in ihrem Unternehmen diskutieren und L\u00f6sungsans\u00e4tze suchen, involvieren Entscheidungstr\u00e4ger und verbessern die inhaltliche Nachhaltigkeit von Konferenzen. Als externe Fachleute fungieren Medienwissenschaftler, Journalisten aus anderen \u2013 nicht direkt konkurrierenden \u2013 Medienh\u00e4usern oder Gewerkschaftsvertreter. Je nachdem, ob es derer \u201ekleine\u201c oder \u201egrosse\u201c Themen sind. So bietet sich die M\u00f6glichkeit, gemeinsam erarbeitete L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge danach im Arbeitsalltag innerredaktionell weiter auszuarbeiten und hoffentlich am Ende umzusetzen. Solcherart gestaltete Panels liefern L\u00f6sungsans\u00e4tze f\u00fcr weitere von Teilnehmern ge\u00e4usserte Schw\u00e4chen des Journalismustages und Fachkonferenzen im Allgemeinen. Der Journalismus-Student Janosch Tr\u00f6hler kritisiert die h\u00e4ufig mangelnde Innovationsf\u00e4higkeit der Tagungs-Workshops. Auch wird zu wenig \u00fcber die Landesgrenzen hinaus geschaut. Gemeint ist damit nicht Deutschland oder \u00d6sterreich. Journalisten aus vergleichbaren Journalismuskulturen \u2013 aus \u00dcbersee, Skandinavien oder S\u00fcdeuropa \u2013 einzuladen, l\u00e4sst neue, unabh\u00e4ngige Blickwinkel und Erfahrungen einfliessen. Ein Plus f\u00fcr die Innovationkraft und den inhaltlichen Austausch.<\/p>\n<p>(Erstpublikation dieses Artikels in <a href=\"%20de.ejo-online.eu\/13281\/ethik-qualitat\/ueber-verpuffungen-und-rezepte-dagegen \" target=\"_blank\">EJO<\/a>)<\/p>\n<p>Mehr zum Thema:<br \/>\n<a title=\"Permalink to #JourTag.14 \u2013 ein Blick hinter die Kulissen\" href=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/journalismustag14-blick-hinter-die-kulissen\/\">#JourTag.14 \u2013 ein Blick hinter die Kulissen<br \/>\n<\/a><a href=\"http:\/\/jourtag14blog.wordpress.com\/\" target=\"_blank\">Liveblog #JourTag14-Blog<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"pt-sm\">Schlagw\u00f6rter: <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/tag\/journalismustag\/\">JournalismusTag<\/a>, <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/tag\/mirco-saner\/\">Mirco Saner<\/a><br><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit mehr als zweihundert Teilnehmenden verzeichnete der JournalismusTag dieses Jahr einen Besucherrekord. 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