{"id":2135,"date":"2017-07-24T12:00:55","date_gmt":"2017-07-24T10:00:55","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/?p=2135"},"modified":"2017-07-22T00:49:52","modified_gmt":"2017-07-21T22:49:52","slug":"2135-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/2135-2\/","title":{"rendered":"Von wegen Vertrauenskrise!"},"content":{"rendered":"<p><em>Die Populisten machen es vor: In der politischen Kommunikation ist gut beraten, wer die Routinen, Selektionskriterien und Narrative der Medienschaffenden studiert und verinnerlicht. Der Nachrichtenfaktoren-Katalog von Winfried Schulz bietet dazu einen bew\u00e4hrten Orientierungsrahmen. Beim Nachrichtenfaktor \u201eStereotypie\u201c zum Beispiel zeigt sich in der Praxis: Je besser Informationen in die Deutungsmuster der Journalisten passen, desto eher werden sie aufgenommen und entsprechend interpretiert. Eine kritische Betrachtung.<\/em><\/p>\n<pre>von Michael Wiesner,&nbsp;Kommunikationsleiter economiesuisse und Gastdozent im CAS Politische Kommunikation am IAM<\/pre>\n<p>F\u00fcr einen kurzen Augenblick stand die Welt Kopf. Und die Kommentatoren \u00fcbertrumpften sich gegenseitig mit scharfsinnigen Analysen. Zum Beispiel der Chefredaktor der Aargauer Zeitung: Das \u00abNein\u00bb des Stimmvolkes zur Unternehmenssteuerreform III sei \u00abAusdruck eines folgenschweren Vertrauensverlustes\u00bb. Das Vertrauen in \u00abdie da oben\u00bb sei auch hierzulande ersch\u00fcttert. Und mehr noch als das Nein m\u00fcsse der liberalen Schweiz diese zugrunde liegende Vertrauenskrise zu denken geben.<\/p>\n<p>Der Chefredaktor der \u00abBlick\u00bb-Gruppe sagte es volksn\u00e4her: \u00abDas ist nicht nur eine Willensbekundung der Bev\u00f6lkerung. Das ist ein Beben, ein Akt des Misstrauens, ein Aufstand gegen die Eliten!\u00bb Die Stimmb\u00fcrger \u00abhaben dem gesamten b\u00fcrgerlichen Establishment der Schweiz das Vertrauen aufgek\u00fcndigt.\u00bb<\/p>\n<p>Auch die \u00abNeue Z\u00fcrcher Zeitung\u00bb verortete das Abstimmungsergebnis im \u00abargen Vertrauensverlust\u00bb. Es offenbare einen Konflikt zwischen \u00abdenen da oben\u00bb und dem Mittelstand, liess Politologe Thomas Milic die \u00ab20 Minuten\u00bb-Leser wissen. Vorbei seien die Zeiten, in denen man der Wirtschaftselite blind Glauben schenkte.<\/p>\n<p>Ein happiges Fazit. Immerhin ist Vertrauen in der politischen Kommunikation mehr als nur \u00abein Mechanismus zur Reduktion der Komplexit\u00e4t\u00bb (Luhmann). Das w\u00e4re bei dieser \u00abwahrscheinlich kompliziertesten und am st\u00e4rksten ver\u00e4stelten Gesetzgebung, die je in der Schweiz zur Abstimmung kam\u00bb (NZZ) aber schon viel gewesen. Vertrauen ist f\u00fcr politische Akteure gewissermassen das, was die Kapitalisierung f\u00fcr b\u00f6rsenkotierte Unternehmen bedeutet. Vertrauensverlust bedeutet f\u00fcr sie den Bankrott.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu den Kommentatoren: Sie haben den Deutungsrahmen der Referendumsf\u00fchrer \u00fcbernommen. Diese h\u00e4tten die Vorlage als \u00abVolk-Elite-Konflikt\u00bb aufgeladen, konstatierte das Forschungsinstitut \u00d6ffentlichkeit und Gesellschaft (f\u00f6g). Deutungen dieser Art fielen bei den Medien auf fruchtbaren Boden; die Zeit daf\u00fcr war g\u00fcnstig. Im Vorfeld der Abstimmung zogen auf dem internationalen Parkett zwei einschneidende Ereignisse die mediale und politische Aufmerksamkeit auf sich: der Brexit-Entscheid im Juni 2016 und die US-amerikanischen Wahlen f\u00fcnf Monate sp\u00e4ter. Die Wahl Donald Trumps zum Pr\u00e4sidenten mag ein Misstrauensvotum gegen das Establishment gewesen sein, der Brexit ein Aufstand des Volkes gegen die Eliten. Aber die USA und UK sind nicht die Schweiz. Ein Faktencheck kann Klarheit schaffen.<\/p>\n<p>War das Nein des Stimmvolks also Ausdruck eines generellen Verlustes des Vertrauens in Bundesrat und Wirtschaft? Nein, war es nicht. Sagt die Voto-Studie (ehemals Vox), die das Stimmverhalten nach der Abstimmung vom 12. Februar 2017 untersucht hat. Mitautor der Studie: der gleiche Thomas Milic, der noch einen Monat vorher von einem Elite-Basis-Konflikt sprach. Das allgemeine Vertrauen in den Bundesrat sei unter den Stimmenden nach wie vor (vergleichsweise) hoch und seit der ersten Voto-Erhebung vom September 2016 unver\u00e4ndert. Es habe zudem keine signifikante Rolle beim Stimmentscheid gespielt. Auch k\u00f6nne kaum von einem offenen Misstrauen gegen\u00fcber der Wirtschaft die Rede sein.<\/p>\n<p>Zum gleichen Schluss kommt das Center f\u00fcr Security Studies der ETH Z\u00fcrich. Es befragt die Bev\u00f6lkerung jedes Jahr nach ihrem Vertrauen in die Institutionen. Ergebnis: Bundesrat und Wirtschaft stehen seit vielen Jahren relativ gut da. Nur Polizei und Gerichte geniessen ein noch gr\u00f6sseres Vertrauen. Der Wirtschaft vertrauen die Schweizerinnen und Schweizer heute mehr als vor 20 Jahren.<\/p>\n<p>Entgegen den medialen Befunden ist das Vertrauen der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger in die Landesregierung und die Wirtschaft also durchaus intakt. Aber Vertrauen ist kein Geschenk, sondern eine Verpflichtung.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens: Am Ende der Vertrauensskala stehen mit deutlichem Abstand die politischen Parteien und die Medien. Hier ist das Vertrauen in den vergangenen 20 Jahren praktisch konstant (tief) geblieben.<\/p>\n<p>Die Leistung der Medien sollte uns noch aus einem anderen Grund zu denken geben. Bisher galt: Je intensiver die Medien \u00fcber ein Thema berichten, desto bedeutender ist es in der Wahrnehmung des Publikums. Das lehrt uns auch das Agenda-Setting-Modell. Im Fall der Unternehmenssteuerreform III hat es versagt. Vor der Abstimmung hat das Forschungsinstitut \u00d6ffentlichkeit und Gesellschaft (f\u00f6g) in den Schweizer Medien 679 Beitr\u00e4ge zur Steuerreform gez\u00e4hlt \u2013viele davon waren kontrovers und emotional aufgeladen. Zur Einb\u00fcrgerungsvorlage, \u00fcber die wir gleichzeitig abgestimmt haben, z\u00e4hlten die f\u00f6g-Forscher nur 235 Beitr\u00e4ge. Die Steuerreform war f\u00fcr die Medien alsoklar bedeutender als die Einb\u00fcrgerungsvorlage. In der Wahrnehmung des Publikums war es umgekehrt.<\/p>\n<p>Traditionell geh\u00f6rt ja das kritische Hinterfragen von g\u00e4ngigen Denkmustern zu den unsch\u00e4tzbaren und unverzichtbaren Leistungen des unabh\u00e4ngigen Journalismus in der demokratischen Gesellschaft. Das Hinterfragen der eigenen Denkmuster sollte dabei nicht ausgespart bleiben.<\/p>\n<hr>\n<p>Der <a href=\"http:\/\/mas-communication-management-leadership.linguistik.zhaw.ch\/cas-politische-kommunikation\/nicole-disler\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">CAS Politische Kommunikation<\/a> am IAM sch\u00e4rft Wissen und K\u00f6nnen f\u00fcr die Kommunikation von Beh\u00f6rden, Unternehmen, Verb\u00e4nden, NGOs, Parteien und Medienredaktionen in der politischen Arena.<\/p>\n<p class=\"text-lead\">In diesem Zertifikatslehrgang lernen Sie, spezifische Situationen zu analysieren, Kommunikationsmassnahmen strategisch zu konzipieren und wirkungsvoll umzusetzen \u2013 unter Ber\u00fccksichtigung der Herausforderungen der medialisierten Politik und der direkten Demokratie.<\/p>\n<div class=\"pt-sm\">Schlagw\u00f6rter: <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/tag\/cas-politische-kommunikation\/\">CAS Politische Kommunikation<\/a>, <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/tag\/mas-in-communication-management-and-leadership\/\">MAS in Communication Management and Leadership<\/a>, <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/tag\/weiterbildung\/\">Weiterbildung<\/a><br><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Populisten machen es vor: In der politischen Kommunikation ist gut beraten, wer die Routinen, Selektionskriterien und Narrative der Medienschaffenden studiert und verinnerlicht. 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