{"id":1949,"date":"2017-04-18T15:40:27","date_gmt":"2017-04-18T13:40:27","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/?p=1949"},"modified":"2017-04-18T15:43:09","modified_gmt":"2017-04-18T13:43:09","slug":"keine-macht-den-journalistinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/keine-macht-den-journalistinnen\/","title":{"rendered":"Keine Macht den Journalistinnen!"},"content":{"rendered":"<pre>von <a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/ueber-uns\/person\/ding\/\" target=\"_blank\">Filip Dingerkus<\/a>, wissenschaftlicher Assistent und <a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/ueber-uns\/person\/wysv\/\" target=\"_blank\">Vinzenz Wyss<\/a>, Professor f\u00fcr Journalistik am IAM<\/pre>\n<p>Nicht erst seit dem frauenfeindlichen Verhalten des aktuellen <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=l8U0IaMsRf4\">US-Pr\u00e4sidenten<\/a> oder des <a href=\"http:\/\/www.cnn.com\/2017\/03\/03\/europe\/polish-politician-remarks-women\/\">polnischen EU-Abgeordneten<\/a> ist die Debatte um Gleichberechtigung und Feminismus vs. Chauvinismus wieder neu entbrannt. Auf politischer Ebene wird auch <a href=\"http:\/\/www.luzernerzeitung.ch\/nachrichten\/schweiz\/Zweite-Saeule-schafft-Unterschiede;art46447,996453\">in der Schweiz<\/a> die Diskussion um Frauenf\u00f6rderung f\u00fcr viele Branchen bereits seit L\u00e4ngerem gef\u00fchrt. Regelm\u00e4ssig thematisieren Medien die Rechte der Frau, ihre Stellung in der Gesellschaft und berufliche Chancen. Doch wie sieht es in der eigenen Branche, also im Journalismus, aus?<\/p>\n<p>Die kritische Auseinandersetzung mit dieser Frage ist umso wichtiger, als die Situation im Journalismus noch prek\u00e4rer scheint als in anderen Berufen, wie eine aktuelle <a href=\"https:\/\/www.piqd.de\/feminismus\/frauen-in-medienberufen-hochste-zeit-fur-einen-girl-s-day\">Untersuchung<\/a> des Grimme Labs in Deutschland zeigt. Auch in der Schweiz flackert die Debatte immer mal wieder auf; unl\u00e4ngst wollten die <a href=\"http:\/\/www.karldergrosse.ch\/veranstaltung\/frauenfoerderung-im-journalismus\/\">Medienfrauen<\/a> Schweiz wissen, warum sich Medienh\u00e4user \u00fcber ihre eigene Frauenf\u00f6rderung ausschweigen.<\/p>\n<p><strong>Gleichberechtigung hat weiterhin Nachholbedarf<br \/>\n<\/strong>Wie in vielen \u00f6konomisch-getriebenen Unternehmen, zeigt sich sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz, dass Frauen in h\u00f6heren Positionen auch in Redaktionen klar untervertreten sind. Es stellt sich die Frage, wie sich dieses Ungleichgewicht zum Ausdruck kommt und was die Ursachen dieser Diskriminierung sein k\u00f6nnen? Kurz l\u00e4sst sich sagen, dass Gleichberechtigung im Journalismus sicherlich noch Nachholbedarf hat. Eine dramatische Situation wie sie die deutsche Untersuchung zeichnet, l\u00e4sst sich f\u00fcr die Schweiz allerdings nicht best\u00e4tigen; vor allem dann nicht, wenn relevante Rahmenbedingungen ber\u00fccksichtigt werden. Genau dies haben Forscher am IAM Institut f\u00fcr Angewandte Medienforschung der ZHAW in einer aktuellen <a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/medien\/medienmitteilungen\/detailansicht-medienmitteilung\/news-single\/zufriedene-schweizer-journalisten-trotz-medienkrise\/\">Studie<\/a> gemacht. Dennoch: wird nach verschiedenen Medientypen unterschieden, so gibt es lediglich beim \u00f6ffentlichen SRG-Radio ein Geschlechtergleichgewicht. Auch im Onlinebereich arbeiten mit knapp unter 50% \u00fcberdurchschnittlich viele weibliche Journalisten. Print-Medien, die SRG-Fernsehredaktionen und der Privatrundfunk sind hingegen weiterhin klare M\u00e4nnerdom\u00e4nen; dort sind zwei Drittel m\u00e4nnliche Angestellte.<\/p>\n<p><strong>Weiterhin m\u00e4nnliche H\u00e4uptlinge<br \/>\n<\/strong>Des Weiteren zeigt sich, dass F\u00fchrungspositionen in rund 3 von 4 F\u00e4llen von M\u00e4nnern besetzt werden. &nbsp;Dies deutet auf eine diskriminierende Schieflage hin \u2013 allerdings nur auf den ersten Blick. W\u00e4hrend Tages- und Wochenzeitungen mit 73% M\u00e4nneranteil genau in diesem Schnitt liegen, gilt dies f\u00fcr Magazine beispielsweise nicht. Dort ist das Verh\u00e4ltnis beinahe bei 50\/50. \u00c4hnlich ausgeglichen sieht es auch im \u00f6ffentlichen Radio aus. Die klaren M\u00e4nnerdom\u00e4nen sind der Privat-Rundfunk und Onlinemedien, wo nur jede f\u00fcnfte F\u00fchrungsperson weiblich ist.<\/p>\n<p>Die Babypause ist sicher ein wichtiger Grund f\u00fcr dieses Ph\u00e4nomen, wohl aber nicht der einzige. Die Mutterschaft bedeutet n\u00e4mlich nicht selten auch den definitiven Abschied aus der Branche. R\u00fcckkehrerinnen in den Beruf gibt es wenige. Vermutlich gibt es auch andere Motive, warum Frauen ab 30 vermehrt dem Journalismus den R\u00fccken kehren. Nebst der familienfeindlichen Arbeitszeiten, dem hohen Ma\u00df an Flexibilit\u00e4t und dem generell hohen Zeitaufwand den der Beruf auszeichnet, sind teils auch die auf Konkurrenz- und Machtstreben beruhende Kommunikationskultur m\u00f6gliche Hindernisse f\u00fcr Frauen. Eine Tendenz, die auch Medienforscher wie das Team um Andy Kaltenbrunner aus \u00d6sterreich <a href=\"https:\/\/www.bmb.gv.at\/frauen\/ewam\/journalistinnen_in_oesterrei_25905.pdf?5i834n\">bemerken<\/a>.<\/p>\n<p>Auf jeden Fall tr\u00e4gt der Mangel an erfahrenen Journalistinnen zum Missverh\u00e4ltnis in den Chefetagen bei. W\u00e4hrend bei den unter 30-j\u00e4hrigen im Journalismus noch 54% Frauen arbeiten, liegt der Frauenanteil bei \u00fcber 50-J\u00e4hrigen sowie bei Medienschaffenden mit mehr als 12 Jahren Berufserfahrung nur noch bei 30%. Dieses Missverh\u00e4ltnis relativiert sich jedoch, wenn Gleiches mit Gleichem verglichen wird: &nbsp;Setzt man n\u00e4mlich nun die 25% Frauen in F\u00fchrungspositionen den 30% erfahrenen Journalistinnen gegen\u00fcber, scheint statistisch gesehen nur noch eine geringe Bevorzugung von M\u00e4nnern f\u00fcr Kaderstellen erkennbar zu sein. Man k\u00f6nnte sogar so weit gehen und argumentieren, dass eine h\u00f6here Frauenquote zugleich M\u00e4nner diskriminieren w\u00fcrde. Denn relativ zu ihrem Anteil gibt es in der Schweiz also \u00e4hnlich viele weibliche wie m\u00e4nnliche F\u00fchrungspersonen.<\/p>\n<p><strong>Lohnschere bleibt offen<br \/>\n<\/strong>Betrachtet man den Lohn, f\u00e4llt der erste Eindruck zun\u00e4chst ebenfalls extrem aus. Und insbesondere in einer Kategorie ist der Unterschied bemerkenswert gross. Vergleicht man aber zun\u00e4chst den Durchschnittslohn aller Journalistinnen mit demjenigen aller m\u00e4nnlichen Journalisten, verdienen Frauen im Schnitt 5\u2018100 CHF pro Monat, w\u00e4hrend M\u00e4nner rund 1\u2018100 CHF mehr verdienen. Nun wissen wir aber auch, dass Frauen etwas h\u00e4ufiger Teilzeit arbeiten als M\u00e4nner und M\u00e4nner l\u00e4nger im Beruf verweilen, weshalb sie eine h\u00f6here Berufserfahrung aufweisen. Ber\u00fccksichtigt man demnach nur die Vollzeitstellen, sowie diejenigen, die weniger als 6 Jahre Berufserfahrung haben, werden die Lohnunterschiede geringer: Frauen verdienen nun im Schnitt 4\u2018400 CHF, M\u00e4nner dagegen 5\u2018100 CHF; der &nbsp;Unterschied betr\u00e4gt jedoch immer noch 700 CHF.<\/p>\n<p>M\u00e4nner sind zus\u00e4tzlich st\u00e4rker in h\u00f6heren Positionen vertreten. Dieser Einfluss muss zus\u00e4tzlich in die Rechnung mit aufgenommen werden. Ein geschlechtsbezogener Lohnvergleich ist also nur dann sinnvoll, wenn er innerhalb derselben Hierarchiestufen ansetzt. Vergleicht man (zusammen mit den vorherigen Kriterien) die L\u00f6hne in der Kategorie der Mitarbeitenden ohne F\u00fchrungserfahrung, so kommen weibliche Journalisten auf einen Schnitt von 5\u2018000 CHF, w\u00e4hrend die m\u00e4nnlichen Kollegen 5\u2018400 CHF verdienen. Eine statistisch ausgewiesene Diskrepanz herrscht also nach wie vor. Interessant sind die Unterschiede unabh\u00e4ngig von Alter und Erfahrung, wenn der Lohn nach Positionen f\u00fcr Vollzeitangestellte verglichen wird (siehe Tabelle). Eines wird deutlich: Frauen in h\u00f6herem Kader verdienen praktisch gleich viel wie im Mittleren. Die Chefetage hat demnach den gr\u00f6ssten Nachholbedarf, was die L\u00f6hne anbelangt. Lohngleichheit muss also weiterhin eine Forderung auf der Agenda f\u00fcr Gleichberechtigung bleiben.<\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"2\" width=\"126\">L\u00f6hne im Schnitt<\/td>\n<td width=\"63\">weiblich<\/td>\n<td width=\"67\">m\u00e4nnlich<\/td>\n<td colspan=\"2\" width=\"67\">Differenz<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"122\">Chefredaktion<\/td>\n<td width=\"4\">&nbsp;<\/td>\n<td width=\"63\">7\u2018200<\/td>\n<td width=\"67\">8\u2018600<\/td>\n<td width=\"63\">1\u2018400<\/td>\n<td width=\"4\">&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"122\">Mittleres Kader<\/td>\n<td width=\"4\">&nbsp;<\/td>\n<td width=\"63\">7\u2018200<\/td>\n<td width=\"67\">7\u2018800<\/td>\n<td width=\"63\">600<\/td>\n<td width=\"4\">&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"122\">Redaktionsmitarbeitende<\/td>\n<td width=\"4\">&nbsp;<\/td>\n<td width=\"63\">5\u2018800<\/td>\n<td width=\"67\">6\u2018600<\/td>\n<td width=\"63\">800<\/td>\n<td width=\"4\">&nbsp;<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Doch eine weitere eher unscheinbare Einflussgr\u00f6sse sollte man in dieser Diskussion nicht ausser Acht lassen.<\/p>\n<p><strong>Zutreffendes Klischee<br \/>\n<\/strong>Gibt es Ressorts, die besonders h\u00e4ufig von Frauen bevorzugt werden oder die Frauen besonders bevorzugen? Dieses Klischee h\u00e4lt sich hartn\u00e4ckig: w\u00e4hrend der Sport mit \u00fcber 90% eine absolute M\u00e4nnerdom\u00e4ne ist und auch die Ressorts Politik und Wirtschaft mit rund 70% vorwiegend in M\u00e4nnerhand sind, arbeiten verh\u00e4ltnism\u00e4ssig mehr Frauen im Kultur- und Unterhaltungssektor, wie Lifestyle, Mode, Bildung und Freizeit. Und hier zeigt sich auch eine Besonderheit: In den Ressorts wie Politik und Wirtschaft wird deutlich mehr verdient. Und zwar unabh\u00e4ngig vom Geschlecht. Auch M\u00e4nner m\u00fcssen in Unterhaltungsbereichen, Kultur- und Sportressorts mit geringeren L\u00f6hnen, meist einige hundert Franken weniger, als ihre Polit- und Wirtschaftskollegen rechnen. Wenn es also darum ginge, Gleichberechtigung im Journalismus zu leben, w\u00e4re es nicht nur an der Zeit, die Lohnschere grunds\u00e4tzlich zu schliessen, sondern auch eine gr\u00f6ssere Durchmischung unter den Ressorts anzustreben.<\/p>\n<div class=\"pt-sm\">Schlagw\u00f6rter: <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/tag\/journalistik\/\">Journalistik<\/a>, <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/tag\/medienkritik\/\">Medienkritik<\/a><br><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Filip Dingerkus, wissenschaftlicher Assistent und Vinzenz Wyss, Professor f\u00fcr Journalistik am IAM Nicht erst seit dem frauenfeindlichen Verhalten des aktuellen US-Pr\u00e4sidenten oder des polnischen EU-Abgeordneten ist die Debatte um Gleichberechtigung und Feminismus vs. Chauvinismus wieder neu entbrannt. 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