{"id":1820,"date":"2016-12-21T14:09:48","date_gmt":"2016-12-21T13:09:48","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/?p=1820"},"modified":"2017-04-18T18:05:57","modified_gmt":"2017-04-18T16:05:57","slug":"viel-neues-im-osten-schweizer-journalismuspioniere-2-0","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/viel-neues-im-osten-schweizer-journalismuspioniere-2-0\/","title":{"rendered":"Viel Neues im Osten: Schweizer Journalismuspioniere 2.0"},"content":{"rendered":"<pre>von <a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/ueber-uns\/person\/sani\/\" target=\"_blank\">Mirco Saner<\/a>, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsschwerpunkt Journalistik des IAM<\/pre>\n<p>Heutige Jahresabonnemente f\u00fcr Tageszeitungen sind zu teuer, sagte Tamedia-Verwaltungsratspr\u00e4sident Pietro Supino k\u00fcrzlich am JournalismusTag.16 in Winterthur. Realistisch sei, dass Kunden k\u00fcnftig zwischen 200 und 400 Franken daf\u00fcr bezahlen w\u00fcrden. Schlechte Aussichten f\u00fcr Tages-Anzeiger, Berner Zeitung, 24 Heures und Co., deren Abos derzeit zwischen 460 und 700 Franken liegen. Kein Land in Sicht f\u00fcr die letzten quasi-unabh\u00e4ngigen Regionaltitel wie Schaffhauser Nachrichten oder Walliser Bote, deren Abopreise in diesem angepeilten Spektrum zu finden sind. Der Kostendruck durch die Konkurrenz erh\u00f6ht sich weiter. Und keine Morgend\u00e4mmerung f\u00fcr ein neues publizistisches Qualit\u00e4tsprimat im Lande. Die Auktion, wer Qualit\u00e4t zum Tiefstpreis anbieten kann, geht weiter.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Printmedien wie wir sie kennen am Westhimmel untergehen und der Billigjournalismus hoch im Zenit steht, steigt im Osten etwas Neues \u00fcber den Medienhorizont: Der B\u00fcrgerjournalismus. Im pessimistischen Branchen-Grundrauschen der vergangenen zwanzig Jahre haben sich zwei neue Str\u00f6mungen gebildet: Auf der einen Seite junge Nachwuchsjournalisten, die zugeben, durch den \u00dcberfluss-H\u00e4ppchen-Journalismus der Verlage \u00fcberfordert zu sein; die gewillt sind, journalistisch herumzuexperimentieren und damit die Innovation innerhalb der Branche anzutreiben. Auf der anderen Seite erfahrene Medienschaffende, die genug hatten. Beide Gruppen haben in den letzten Jahren B\u00fcrgermedien gegr\u00fcndet, pionierhafte Startups mit journalistischem Anspruch, oftmals losgel\u00f6st von etablierten Medienh\u00e4usern. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass ihre Inhalte vor der Publikation nicht mehr von traditionellen, massenmedialen Redaktionen bearbeitet werden.<\/p>\n<p><strong>Horizontnahes Panorama<br \/>\n<\/strong>In der Schweiz ist die Anzahl B\u00fcrgermedien seit der Jahrtausendwende deutlich angestiegen und mittlerweile finden sich gut zwei Dutzend bekannter Akteure. Zu den sprachregionalen B\u00fcrgermedien z\u00e4hlen Online-Stadtmagazine, politische Podcasts oder Newsportale mit lautmalerischen Namen wie Coup, Audiatur, Journalismus Y, Project R oder Journal B. B\u00fcrgermedien bieten einen \u00f6ffentlichen Gegendiskurs zu den traditionellen Medienh\u00e4usern an, f\u00fcllen eine inhaltliche L\u00fccke oder produzieren einfach wieder Qualit\u00e4tsjournalismus. Damit bieten sie eine Chance zur Erh\u00f6hung der Meinungsvielfalt, die gerade im Lokalbereich mit den regionalen Zeitungsverbunden erheblich gelitten hat. Das journalistische Selbstverst\u00e4ndnis zeigt auf, dass zahlreiche Akteure ihre gesellschaftliche Aufgabe darin sehen, wieder mehr Einordnung und Hintergr\u00fcnde zu liefern. Sie reagieren damit auch auf eine Hoffnung der hiesigen Medienwissenschaft.<\/p>\n<p>B\u00fcrgermedien stellen keinen Ersatz, aber eine Erg\u00e4nzung zu den Massenmedien dar und halten mit ihrer Berichterstattung der Branche den Spiegel vor. Ihnen gemeinsam ist, dass sie auf ein vorhandenes Defizit in der Berichterstattung reagieren wollen, fast ausnahmslos online publizieren und eine eigene Online-Community aufbauen, die sie unterst\u00fctzt. Aber auch, dass sie sich hinsichtlich ihrer Manpower, ihrem professionellen Anspruch und ihrer Finanzierung stark voneinander unterscheiden. B\u00fcrgermedien sind Teil einer gesellschaftlichen Entmedialisierungsbewegung, wie es Pietro Supino nannte. Sie sind die Konsequenz der disruptiven, revolution\u00e4rsartigen Ver\u00e4nderungen, die in der Medienbranche zu beobachten sind, wie es Medienprofessor Otfried Jarren nennt. Auf jeden Fall sind sie Teil des gesellschaftlichen Trends, dass publizierte Informationen immer weniger von traditionellen Medienh\u00e4usern stammen.<\/p>\n<p>Erkennen l\u00e4sst sich bei einer ersten \u00dcbersicht auch ein dritter Akteurstyp: B\u00fcrgermedien, bei denen die Grenze zwischen B\u00fcrgerjournalismus, Corporate Publishing und PR in eigener Sache verschwimmt. Etablierte Unternehmen wie die Z\u00fcrcher Verkehrsbetriebe, politische Parteien wie die SVP oder freischaffende Journalisten mischen hier ebenfalls mit eigenen Plattformen mit.<\/p>\n<p><strong>Problemfelder<br \/>\n<\/strong>Die modernen Journalismuspioniere haben mit zahlreichen Schwierigkeiten zu k\u00e4mpfen. Die unsichere Finanzierung wiegt am schwersten. B\u00fcrgermedien finanzieren sich bisher h\u00e4ufig durch M\u00e4zene, Philanthropen oder Stiftungen. \u201eGestifteter\u201c Journalismus\u201c ist aber auf Dauer bisher kein Erfolgsrezept wie die nationalen Beispiele TagesWoche oder Basler Zeitung zeigen und birgt Unsicherheiten. \u00dcbrige Journalismus-Startups finanzieren sich bisher mittels Crowdfunding, Micropayments oder durch Eigenkapital. Zahlreiche Akteure arbeiten nebenberuflich und ehrenamtlich. Um langfristig zu \u00fcberleben, ben\u00f6tigen auch diese Startups ein Abo- oder Mitgliederbeitrags-Gesch\u00e4ftsmodell. Werbung macht bisher nur bei rund 25% der Medienpioniere einen Teil der Einnahmen aus. B\u00fcrgermedien haben zudem h\u00e4ufig eine lokal-regionale Ausrichtung. Ein Ersatz f\u00fcr \u00fcberregionale Massenmedien scheint aus Kostengr\u00fcnden nicht realisierbar.<\/p>\n<p>Journalistischer Anspruch und Selbstverst\u00e4ndnis der Akteure sch\u00fcren nicht nur Hoffnungen auf einen neuen Qualit\u00e4tsjournalismus, sondern widersprechen den klassischen Massenmedien auch teilweise. Journalismus d\u00fcrfe auch inhaltliche Fehler machen, ist zu h\u00f6ren. Falls sie jemand aus dem Publikum bemerke und sich beschwere, werde im Nachhinein halt korrigiert. Das hat mit traditionellem journalistischem Qualit\u00e4tsverst\u00e4ndnis wenig zu tun, eher mit postfaktischem Gedankengut. Auffallend ist auch, dass zahlreiche B\u00fcrgermedien nach eigenen Angaben mit ihrer Berichterstattung prim\u00e4r auf ein j\u00fcngeres Publikum zielen. Bev\u00f6lkerungssegmente wie Senioren, Kranke oder Personen mit Migrationshintergrund laufen Gefahr &#8211; wie bei der massenmedialen Berichterstattung &#8211; zu kurz zu kommen.<\/p>\n<p><strong>B\u00fcrgermedien f\u00f6rdern?<br \/>\n<\/strong>Ob B\u00fcrgermedien von den grossen Medienh\u00e4usern aktuell als Konkurrenz wahrgenommen werden, ist zu bezweifeln. Die gr\u00f6ssten Player erreichen gerade einmal einige zehntausend Besucher auf ihrer Webseite \u2013 pro Monat. Aber eine Vielzahl dieser Akteure mit \u00e4hnlichen Besucherzahlen w\u00fcrde bedeuten, dass den grossen Onlineportalen hunderttausende Klicks fehlen. Sollte sich herausstellen, dass B\u00fcrgermedien nachhaltig einen Dienst f\u00fcr die demokratische Meinungspluralit\u00e4t im Land leisten und die massenmedialen Defizite zu einem gewissen Grad ausgleichen, sollten sie genauso aus dem Geb\u00fchrentopf gef\u00f6rdert werden wie klassische Massenmedien, die sich dem Service Public verpflichtet haben. Sp\u00e4testens dann w\u00fcrden sie von den grossen Medienh\u00e4usern wahrgenommen werden. Diese Leistung ist aber zun\u00e4chst nachzuweisen.<\/p>\n<p>Otfried Jarren sagte am JournalismusTag.16, Journalismus brauche jeweils Technologie und eine gute Idee, um erfolgreich zu sein und meinte damit, moderner Journalismus ben\u00f6tige heute wieder eine neue gute Leitidee, da er aktuell unter der Ideen-Herrschaft amerikanischer, gewinngetriebener Akteure wie Facebook, Apple oder Google stehe. Neue Technologie ist reichlich vorhanden. Neue Ideen sind pr\u00e4sentiert. Aber Pioniere haben schon immer finanzstarke Partner ben\u00f6tigt, um ihre Vorhaben erfolgreich durchzuf\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\"><strong>B\u00fcrgerjournalistische Medien in der Schweiz<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/files\/2016\/12\/B\u00fcrgerjournalismus.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1824 alignleft\" src=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/files\/2016\/12\/B\u00fcrgerjournalismus-206x300.png\" alt=\"\" width=\"206\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/files\/2016\/12\/B\u00fcrgerjournalismus-206x300.png 206w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/files\/2016\/12\/B\u00fcrgerjournalismus.png 500w\" sizes=\"auto, (max-width: 206px) 100vw, 206px\" \/><\/a><\/p>\n<hr>\n<p><strong>Mehr zum Thema<\/strong><\/p>\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/ueber-verpuffungen-und-rezepte-dagegen\/\">\u00dcber Verpuffungen und Rezepte dagegen<\/a>, 27. November 2014, Mirco Saner<\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/journalismustag14-blick-hinter-die-kulissen\/\">#JourTag \u2013 ein Blick hinter die Kulissen<\/a>, 11. November 2014, Robin Schwarz<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"pt-sm\">Schlagw\u00f6rter: <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/tag\/journalismustag\/\">JournalismusTag<\/a>, <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/tag\/journalistik\/\">Journalistik<\/a>, <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/tag\/mirco-saner\/\">Mirco Saner<\/a><br><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Mirco Saner, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsschwerpunkt Journalistik des IAM Heutige Jahresabonnemente f\u00fcr Tageszeitungen sind zu teuer, sagte Tamedia-Verwaltungsratspr\u00e4sident Pietro Supino k\u00fcrzlich am JournalismusTag.16 in Winterthur. Realistisch sei, dass Kunden k\u00fcnftig zwischen 200 und 400 Franken daf\u00fcr bezahlen w\u00fcrden. 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