{"id":1464,"date":"2016-05-13T16:47:26","date_gmt":"2016-05-13T14:47:26","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/?p=1464"},"modified":"2016-05-17T22:51:25","modified_gmt":"2016-05-17T20:51:25","slug":"gut-getarnt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/gut-getarnt\/","title":{"rendered":"Gut getarnt"},"content":{"rendered":"<p><em>Die Kommunikationswissenschaft hat den Anspruch, auch in der \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sent zu sein. In Deutschschweizer Massenmedien wird der Begriff jedoch kaum erw\u00e4hnt. Notwendig ist eine aktivere Enttarnung durch \u00d6ffentlichkeitsarbeit.<\/em><\/p>\n<pre>von <a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/ueber-uns\/person\/sani\/\" target=\"_blank\">Mirco Saner<\/a>, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsschwerpunkt Journalistik des IAM<\/pre>\n<p><span style=\"background-color: #ffffff\">Die Fachdisziplinen Kommunikations-, Publizistik- und Medienwissenschaft sowie die Journalistik beschreiben, wie sich auf \u00f6ffentlicher, organisationaler und privater Ebene soziale Kommunikation wandelt. Sie produzieren dazu j\u00e4hrlich einen beachtlichen Stapel an Forschungsergebnissen. Doch wie viel davon gelangt durch Massenmedien in die \u00d6ffentlichkeit? Das Team des Forschungsprojekts Radar Medienkritik Schweiz ist dieser Frage nachgegangen und hat mithilfe einer automatisierten Inhaltsanalyse der Suchmaschine webLyzard herausgefunden: Die Disziplinbezeichnungen selbst kommen in der Online-Berichterstattung der Deutschschweizer Massenmedien so gut wie nicht vor. Insgesamt 189 Erw\u00e4hnungen waren von Januar 2015 bis Februar 2016 auf 185 Medien-Websites zu finden &#8211; aufgerundet durchschnittlich eine Nennung pro Medium und Jahr. Das Forschungsprojekt \u201e<\/span><a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/no_cache\/de\/forschung\/personen-publikationen-projekte\/detailansicht-projekt\/projekt\/2162\/\">Radar Medienkritik Schweiz<\/a><span style=\"background-color: #ffffff\">\u201c ist eine Kooperation des Instituts f\u00fcr Angewandte Medienwissenschaft (IAM) der Z\u00fcrcher Hochschule f\u00fcr Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und der Hochschule f\u00fcr Technik und Wirtschaft (HTW) Chur. Es untersucht unter anderem, inwiefern kommunikationswissenschaftliche Hochschul-Institute mit medienkritischen Inhalten in den Massenmedien vertreten sind.<\/span><\/p>\n<figure id=\"attachment_1471\" aria-describedby=\"caption-attachment-1471\" style=\"width: 550px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/files\/2016\/05\/Gutgetarnt-Abb1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1471 size-large\" src=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/files\/2016\/05\/Gutgetarnt-Abb1-1024x504.jpg\" alt=\"Gutgetarnt-Abb1\" width=\"550\" height=\"271\" srcset=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/files\/2016\/05\/Gutgetarnt-Abb1-1024x504.jpg 1024w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/files\/2016\/05\/Gutgetarnt-Abb1-300x148.jpg 300w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/files\/2016\/05\/Gutgetarnt-Abb1-768x378.jpg 768w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/files\/2016\/05\/Gutgetarnt-Abb1.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 550px) 100vw, 550px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1471\" class=\"wp-caption-text\">Abbildung 1: Anteil pro Disziplin an der Gesamtanzahl Nennungen. Ein Ergebnis, das wohl eher der zuf\u00e4lligen Ereignislage zuzurechnen ist und kaum R\u00fcckschl\u00fcsse auf die inhaltlich-gesellschaftliche Bedeutung der Disziplinen zul\u00e4sst.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Zwei Drittel der Nennungen stammen von nur neunzehn Medien-Websites. Ein Gro\u00dfteil der Deutschschweizer Massenmedien scheint sich mit den vier Disziplinen also zun\u00e4chst gar nicht zu besch\u00e4ftigen. Unerwartet: In Qualit\u00e4tsmedien und Medien, die \u00fcber Medienkritikformate in Form von Ressorts oder personellen Themenzust\u00e4ndigkeiten verf\u00fcgen, sind sie nicht h\u00e4ufiger anzutreffen als in Boulevardmedien oder solchen, ohne entsprechende Redaktionsstrukturen. <em>Medienwissenschaft <\/em>wird mit einem Anteil von 38 Prozent dabei von den vier Disziplinen noch am h\u00e4ufigsten genannt, gefolgt von <em>Publizistikwissenschaft<\/em> mit 28 Prozent, <em>Journalistik<\/em> mit 19 Prozent und <em>Kommunikationswissenschaft<\/em> mit 16 Prozent. Der Begriff <em>Journalistik<\/em> ist in der deutschsprachigen Schweiz kaum bekannt und eher in Deutschland verbreitet. Wie wir sehen werden ist die restliche Rangliste wohl eher der zuf\u00e4lligen Ereignislage geschuldet und sagt wenig \u00fcber die jeweilige gesellschaftliche Bedeutung dieser Disziplinen aus.<\/p>\n<p><strong>Ergebnisse ja, Disziplinen nein<br \/>\n<\/strong>Aus den seltenen Disziplinnennungen l\u00e4sst sich nicht schlie\u00dfen, dass auch entsprechende Inhalte medial wenig pr\u00e4sent sind. So fand eine <a href=\"https:\/\/www.researchgate.net\/publication\/265642977_How_Visible_is_Communication_Studies_Press_Coverage_of_the_Discipline_in_Three_German-Language_Quality_Newspapers\" target=\"_blank\">Studie<\/a> aus dem Jahr 2013 in drei deutschsprachigen Qualit\u00e4tszeitungen \u00fcber zehn Jahre hinweg alle drei Tage einen Beitrag aus der Kommunikationswissenschaft.\u00a0Und wie das im Radar-Projekt analysierte Fallbeispiel des Forschungsinstituts \u00d6ffentlichkeit und Gesellschaft f\u00f6g der Universit\u00e4t Z\u00fcrich zeigt, fand 2015 nennenswerte Berichterstattung zu Forschungsergebnissen statt, ohne dass diese in Verbindung mit ihren Wissenschaften gesetzt wurde. Die im Deutschschweizer Medienraum aktuell dominante Pr\u00e4senz des f\u00f6g ist auch zur\u00fcckzuf\u00fchren auf die j\u00e4hrliche Publikation von kontrovers diskutierten Ergebnissen zur Qualit\u00e4t der Schweizer Medienlandschaft und einer regelm\u00e4\u00dfigen Auflistung medialer Berichterstattungsschwerpunkte wie der Fl\u00fcchtlingsproblematik oder nationalen Abstimmungsvorlagen. Hier beschr\u00e4nken sich die Journalisten jedoch \u00fcberwiegend auf Formulierungen wie \u201eJahrbuch Qualit\u00e4t der Medien\u201c, \u201edas f\u00f6g\u201c, \u201edie Z\u00fcrcher Forscher\u201c, \u201eStudienautoren\u201c oder \u201eSoziologen\u201c. Zudem: Zunehmender redaktioneller Zeitdruck f\u00fchrt zwar bei Kommunikationswissenschaftlern aktuell vermehrt zu Anfragen nach Experten-Statements. Aber auch die interviewten Wissenschaftler nennen die Disziplinnamen kaum.<\/p>\n<p>Ob die Quasi-Inexistenz der vier Disziplinen durch Print- und Radioberichterstattung, hauseigene Hochschulpublikationen oder Social Media-Kan\u00e4le deutlich abgeschw\u00e4cht wird, ist unklar. Zentral ist die Frage, ob es relevant ist, Disziplinnamen zu integrieren. Es liegt auf Wissenschaftsseite an den Hochschulinstituten oder am Fachverband SGKM zu entscheiden, ob eine h\u00e4ufigere Nennung einen Mehrwert bringt f\u00fcr die Organisationen oder das Fach. Aus qualit\u00e4tsjournalistischer Sicht aber ist offen: Weiss das Publikum bei Beitr\u00e4gen ohne Disziplinbezeichnungen zu welchen Fachgebieten Forschungsergebnisse geh\u00f6ren und, dass es sich um wissenschaftlich produziertes Wissen handelt? Kommunikationswissenschaftliche Berichterstattung findet kaum in Wissenschaftsressorts statt, sondern in Medienressorts. Eine noch unver\u00f6ffentlichte qualitative Studie des Instituts f\u00fcr Angewandte Medienwissenschaft in Winterthur zeigte zudem unl\u00e4ngst auf, dass sich das Publikum von Wissenschaftsjournalismus klarere Hinweise dar\u00fcber w\u00fcnscht, ob sie wissenschaftlich hergestellte Befunde vor sich haben und zu welcher Disziplin diese geh\u00f6ren. Die Nennung von Disziplinbezeichnungen kann damit der inhaltlichen Verst\u00e4ndlichkeit, der redaktionellen Einordnungsleistung und somit der gesellschaftlichen Orientierung dienlich sein.<\/p>\n<p><strong>Drei Ereignisse f\u00fchrten 2015 zu Anstieg der Disziplinnennungen<br \/>\n<\/strong>Wissenschaft soll den \u00f6ffentlichen Diskurs mit nachpr\u00fcfbaren Forschungsergebnissen und sachlichen Argumenten rationalisieren. Kommunikationswissenschaftliche Disziplinen sollten unter anderem als konstruktive Medienkritiker in Erscheinung treten und damit die gesellschaftlich breit geforderte Medienm\u00fcndigkeit erh\u00f6hen. Und aus demokratietheoretischer Perspektive sollte auch \u00fcber die Disziplinen selbst mit ihren Theorien und Forschungsstr\u00e4ngen oder \u00fcber Methodenfragen diskutiert werden. Davon sind wir jedoch weit entfernt. Wie sich zeigt, sind nicht inhaltliche Aspekte, sprich Forschungsergebnisse, professionelle Einsch\u00e4tzungen oder Theorien zentral, wenn Disziplinnamen auftauchen, sondern die formale Information, dass eine handelnde Person in einer dieser Disziplinen oder verwandten Praxisfeldern arbeitet oder eine entsprechende Ausbildung darin absolviert hat. Kommunikationswissenschaft wird damit \u00f6ffentlich prim\u00e4r in einem Professions- und Qualifikationskontext dargestellt. Als rationale Stimme bei gesellschaftlich relevanten Themen, Wissensherstellerin oder Ideenlieferantin ist sie kaum erkennbar.<\/p>\n<figure id=\"attachment_1473\" aria-describedby=\"caption-attachment-1473\" style=\"width: 550px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/files\/2016\/05\/Gutgetarnt-Abb2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-1473 size-large\" src=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/files\/2016\/05\/Gutgetarnt-Abb2-1024x316.jpg\" alt=\"Gutgetarnt-Abb2\" width=\"550\" height=\"170\" srcset=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/files\/2016\/05\/Gutgetarnt-Abb2-1024x316.jpg 1024w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/files\/2016\/05\/Gutgetarnt-Abb2-300x93.jpg 300w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/files\/2016\/05\/Gutgetarnt-Abb2-768x237.jpg 768w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/files\/2016\/05\/Gutgetarnt-Abb2.jpg 1600w\" sizes=\"auto, (max-width: 550px) 100vw, 550px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-1473\" class=\"wp-caption-text\">Abbildung 2: H\u00e4ufigkeitsverteilung der Anzahl Nennungen. Zu erkennen sind drei Peaks, die sich den folgenden drei Ereignissen zuordnen lassen: Dem Tod von Soziologe und Medienwissenschaftler Kurt Imhof (M\u00e4rz 2015), der Volksabstimmung zur Revision des Bundesgesetzes \u00fcber Radio und Fernsehen (Juni 2015) sowie der Publikation einer nationalen Internet-Nutzungs-Studie des IPMZ der Universit\u00e4t Z\u00fcrich (Dezember 2015).<\/figcaption><\/figure>\n<p>Bei der H\u00e4ufigkeitsverteilung zeigt sich, dass es 2015 drei Ereignisse gab, die zu einem Anstieg der Disziplinnennungen f\u00fchrten: Der \u00fcberraschende Tod von Soziologe und Medienwissenschaftler Kurt Imhof (M\u00e4rz 2015), die Volksabstimmung zur Revision des Bundesgesetzes \u00fcber Radio und Fernsehen (Juni 2015) sowie die Publikation einer nationalen Internet-Nutzungs-Studie des IPMZ der Universit\u00e4t Z\u00fcrich (Dezember 2015). Davon ist lediglich die Volksabstimmung mit ihrer vorangehenden Debatte um den Service Public und die Mediensteuer einem gesamtgesellschaftlich akuten Themenfeld zuzuordnen. \u00c4hnliche aktualit\u00e4tsbezogene Debatten wie die Diskussion um ausl\u00e4ndische Professoren an Schweizer Universit\u00e4ten, die Qualit\u00e4t der massenmedialen Berichterstattung oder der j\u00fcngste \u201eL\u00fcgenpresse\u201c-Diskurs fanden weitgehend unter Ausschluss der Disziplinbezeichnungen statt.<\/p>\n<p>Ob die Kommunikationswissenschaft wirklich der \u00f6ffentlichen Bedeutungslosigkeit entgegensteuert, wie es <a href=\"http:\/\/de.ejo-online.eu\/qualitaet-ethik\/100-jahre-kommunikationswissenschaft\" target=\"_blank\">EJO-Direktor Stephan Russ-Mohl anl\u00e4sslich des 100. Geburtstages der deutschen Kommunikationswissenschaft formulierte<\/a>, ist zu bezweifeln. Wenn die genannten Disziplinen aber weiterhin Tarnkappen tragen und das Publikum nicht namentlich erf\u00e4hrt, welche Leistungen dem Fachgebiet zuzuordnen sind, dann mag dies ein Schritt in die von Russ-Mohl prognostizierte Richtung sein. Wir k\u00f6nnen an Journalisten und Publikum erst dann den Anspruch stellen, das Fach bewusster und in seiner thematischen Vielfalt wahrzunehmen, wenn die Wissenschaftler selbst dazu in der Lage sind. Dazu geh\u00f6rt, dass sie den Wissensaustausch mit der \u00d6ffentlichkeit suchen und klarmachen, welche Leistungen ihre Disziplin, aber auch verwandte Fachgebiete f\u00fcr die Gesellschaft erbringen. Gegenseitige Enttarnung f\u00fcr die gemeinsame Sache ist erw\u00fcnscht.<\/p>\n<p><em>Mirco Saner doktoriert an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich zum Themenfeld Medienkritik und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am IAM Institut f\u00fcr Angewandte Medienforschung der ZHAW in Winterthur. Im Rahmen des Projektes \u201eRadar Medienkritik\u201c Schweiz\u201c trainiert er gemeinsam mit IT-Spezialisten der HTW Chur die Software webLyzard, automatisiert medienjournalistische Online-Beitr\u00e4ge aufzusp\u00fcren. Die hier diskutierten Befunde wurden an der Jahrestagung 2016 der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Leipzig pr\u00e4sentiert.<\/em><\/p>\n<p><em>Die Software webLyzard liefert automatisiert Antworten auf grundlegende Forschungsfragen: Mediale Pr\u00e4senz eines Themas, zeitlicher Verlauf bzw. Lebensdauer der Berichterstattung (Themen-Frequenzanalyse), involvierte Diskurs-Akteure bzw. Akteurs-Anteil an einem Diskurs (Quellen-Frequenz-Analyse) oder auch Framing von Akteuren (Begriffswolken-Analyse). WebLyzard bietet damit die Basis zur Weiterentwicklung tiefergehender Fragestellungen.<\/em><\/p>\n<p>Dieser Artikel wurde am 3. Mai 2016 im <a href=\"http:\/\/de.ejo-online.eu\/qualitaet-ethik\/gut-getarnt-2\" target=\"_blank\">EJO-Blog<\/a> erstpubliziert.<\/p>\n<div class=\"pt-sm\">Schlagw\u00f6rter: <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/tag\/medienforschung\/\">Medienforschung<\/a>, <a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/tag\/weblyzard\/\">webLyzard<\/a><br><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kommunikationswissenschaft hat den Anspruch, auch in der \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sent zu sein. In Deutschschweizer Massenmedien wird der Begriff jedoch kaum erw\u00e4hnt. 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