{"id":1290,"date":"2016-02-23T14:38:04","date_gmt":"2016-02-23T13:38:04","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/?p=1290"},"modified":"2016-02-23T16:47:10","modified_gmt":"2016-02-23T15:47:10","slug":"medien-und-psychisch-kranke","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/medien-und-psychisch-kranke\/","title":{"rendered":"Wie gehen Medien mit psychischen Erkrankungen um? Und wie wirkt sich das aus?"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>\u201eEs ist paradox: die journalistische Berichterstattung tr\u00e4gt wesentlich zur Stigmatisierung psychisch Kranker bei; dennoch braucht es eine Sensibilisierung durch Medienarbeit.\u201c\u00a0<\/em><\/strong>(Vinzenz Wyss)<\/p>\n<p>Im April 2014 hat die Schweiz die UNO-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet. Sie soll allen Menschen, die in irgendeiner Form beeintr\u00e4chtigt sind, die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erm\u00f6glichen. Hinzu kommen neue Kindes- und Erwachsenenschutzrechte. Dies\u00a0ist\u00a0ein Paradigmenwechsel. Zuk\u00fcnftig werden betroffene Menschen mitbestimmen, wo sie sich die notwendige Unterst\u00fctzung holen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/author\/wysv\/\" target=\"_blank\">Journalistik-Professor Vinzenz Wyss<\/a> besch\u00e4ftigt sich am IAM mit der Frage, wie journalistische Medien funktionieren und wie sie Realit\u00e4t konstruieren. Die <a href=\"http:\/\/www.solodaris.ch\/\">Solodaris Stiftung <\/a>wollte von ihm\u00a0wissen, welche M\u00f6glichkeiten die Medien haben, die Teilhabe zu f\u00f6rdern, wie gut sie dieser Erwartung gerecht werden und wie\u00a0die Medienberichterstattung die \u00f6ffentliche Wahrnehmung von psychischen Erkrankungen beeinflusst.<\/p>\n<p><strong>Teilen Sie den Eindruck, dass in den Medien psychische Erkrankungen oft mit Straftaten in Verbindung gebracht werden und also eben gerade nicht zur Inklusion beitragen?<\/strong><br \/>\nMan kann selbstverst\u00e4ndlich nicht alle Medien in einen Topf werfen; auch da gibt es solche die reflektierter und solche die bloss reflexartig \u00fcber das gesellschaftlich relevante Problem der psychischen Erkrankungen berichten. Generell muss man aber schon feststellen, dass in der journalistischen Berichterstattung das Thema am h\u00e4ufigsten im Zusammenhang mit Straftaten, Verbrechen oder Gewalt\u00a0 vorkommt. Das ist nicht unproblematisch, weil wir auch wissen, dass der Journalismus die meistgenutzte Quelle der Information \u00fcber psychische Erkrankungen ist.<\/p>\n<p><strong>Wie kann man so einen Zusammenhang feststellen?<\/strong><br \/>\nZu den Routinen der \u2013 \u00fcbrigens zunehmenden &#8211; medialen Berichterstattung \u00fcber psychische Erkrankungen gibt es seit mehr als einem Jahrzehnt aufschlussreiche medienwissenschaftliche Studien. Man geht davon aus, dass eine beharrlich negative und stigmatisierende Berichterstattung wesentlich dazu beitr\u00e4gt, wie Menschen psychische Erkrankung wahrnehmen. An unserem Institut f\u00fcr Angewandte Medienwissenschaft der ZHAW in Winterthur konnten meine Kollegen <a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/forschung\/personen-publikationen-projekte\/detailansicht-projekt\/projekt\/859\/\" target=\"_blank\">Angelica H\u00fcsser und Michael Schanne in einer breit angelegten Zeitungsanalyse<\/a> etwa feststellen, dass nicht nur die Gewalt von psychisch Kranken vergleichsweise\u00a0 h\u00e4ufig\u00a0 thematisiert wurde, sondern auch die zerst\u00f6rende Kraft der psychiatrischen Institutionen. Die Psychiatrie wird in den Medien als Einbahnstrasse inszeniert.<\/p>\n<figure id=\"attachment_367\" aria-describedby=\"caption-attachment-367\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/files\/2014\/08\/wysv.jpg\" rel=\"attachment wp-att-367\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-367\" src=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/files\/2014\/08\/wysv-300x199.jpg\" alt=\"Professor f\u00fcr Journalistik\" width=\"300\" height=\"199\" srcset=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/files\/2014\/08\/wysv-300x199.jpg 300w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/iam\/files\/2014\/08\/wysv.jpg 650w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-367\" class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Vinzenz Wyss, Professor f\u00fcr Journalistik am IAM Institut f\u00fcr Angewandte Medienwissenschaft<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>W\u00fcrden Sie diese Einbahnstrasse auch als ein weiteres Indiz f\u00fcr ein Ausgrenzen verstehen?<\/strong><br \/>\nGenau. Nicht untypisch daf\u00fcr ist ein Meldung wie diese: Nachdem der T\u00e4ter sein Opfer get\u00f6tet, aufgeschlitzt und Teile von ihm gegessen haben soll, wird er aufgrund des Gutachtens nicht wegen Mordes angeklagt, sondern wegen einer Geisteskrankheit in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen. Das meine ich mit Endstation. Gerade Psychosen werden in den Medien gerne als &#8222;d\u00e4monisch&#8220; dargestellt. Es ist weniger die Rede davon, dass erkrankten Menschen auch geholfen werden kann, dass auch sie ein \u201enormales\u201c Leben f\u00fchren k\u00f6nnen.\u00a0 Nein, es ist eben beispielsweise der grausame Fritzl aus \u00d6sterreich oder der psychisch kranke Co-Pilot von Germanwings, welche in die\u00a0 Schlagzeilen kommen. Und im T\u00f6tungsdelikt von Rupperswil fragen die Medien bei jeder Gelegenheit, ob es sich hier nicht um einen\u00a0 geisteskranken T\u00e4ter handeln m\u00fcsse.<\/p>\n<p><strong>Sie thematisieren also eigentlich das, was von der Norm abweicht?<\/strong><br \/>\nTats\u00e4chlich sollten wir vom Journalismus nicht etwas erwarten, was dessen Logik widerspricht. Journalismus thematisiert nicht das \u201eNormale\u201c, sondern das, was eben davon abweicht, was uns irritiert, was eine erwartete soziale Ordnung st\u00f6rt oder st\u00f6ren k\u00f6nnte. Diese Logik des Journalismus ist f\u00fcr die Gesellschaft insgesamt schon funktional; sie l\u00e4sst uns \u00fcber das \u00f6ffentlich debattieren, wo es eben Konflikte auszutragen gilt. Und weil uns diese mediale Freiheit zur medialen Irritation so wichtig ist, nehmen wir halt auch Stigmatisierungen in Kauf, wenn beispielsweise ein Politiker wie Geri M\u00fcller mit seinen privaten, digitalen Kurz-Liebesbriefen an eine angeblich psychisch labile Frau bereits die Emp\u00f6rung der Medien der Leute von Seldwyla evoziert.<\/p>\n<p><strong>Es scheint, als gelte das Abweichen vom Normalen als \u201emedienwirksam\u201c und vielleicht auch als absatzsteigernd?<\/strong><br \/>\nUnd das ist beim Thema psychische Erkrankung nicht anders. Journalismus berichtet kaum aus dem allt\u00e4glichen Leben von psychisch Kranken, sondern eben eher im Zusammenhang mit kriminellen Handlungen oder sozial abweichendem Verhalten. Die Winterthurer Studie zeigt zudem, dass Personen und nicht Prozesse, Probleme und nicht L\u00f6sungen medial in den Vordergrund ger\u00fcckt werden. So spielen wissenschaftliche Begriffe, Erkenntnisse oder Einordnungen in der Berichterstattung nur am Rande eine Rolle.\u00a0 Journalismus reduziert Komplexit\u00e4t, vereinfacht im Dienste der erwarteten Publikumsorientierung.<br \/>\nDies ist nat\u00fcrlich ein Problem, wenn Journalisten bei sensiblen und komplexen Themen auf triviales Alltagswissen zur\u00fcckgreifen. Psychisch Erkrankte werden gem\u00e4ss weiterer Studien in den Medien oft als kindische, nicht weiter kontrollierte und deshalb einer fortw\u00e4hrenden Aufsicht bed\u00fcrftige Menschen umschrieben. Erinnern Sie sich an die so genannte \u201eZuger Sex-Aff\u00e4re\u201c? Auch da spielte das unterkomplexe Narrativ der Verr\u00fccktheit aus einer anderen Welt in einer sehr komplexen &#8211; \u00fcbrigens privaten &#8211; Geschichte eine starke Rolle. Ein Journalist der Zuger Zeitung masste sich sogar an, \u00f6ffentlich auf Twitter raus zu posaunen, Jolanda Spiess-Hegglin sei \u201eeinfach nur krank, was sie jeden Tag beweise.\u201c\u00a0\u00a0 Viel journalistische Aufkl\u00e4rung ist da nicht zu erwarten.<\/p>\n<p><strong>Aber best\u00fcnde nicht gerade die Aufgabe des Journalismus darin, dem Thema \u201epsychische Erkrankungen\u201c sensibler zu begegnen? Braucht es da besondere Talente dazu?<\/strong><br \/>\nJournalismus ist selten eine Angelegenheit eines Einzelnen. Vielmehr haben wir es mit einer Berufskultur zu tun, welche halt eben solche Regeln und Routinen ausgepr\u00e4gt hat. Diese k\u00f6nnen ja auch \u2013 wie eben gesagt \u2013 funktional sein. Etwa dann, wenn es im Politjournalismus darum geht, die Aufmerksamkeit auf tats\u00e4chliche Missst\u00e4nde zu lenken oder eben in der Gesellschaft einen \u00f6ffentlichen Diskurs \u00fcber ungekl\u00e4rte, wichtige Fragen anzustossen. Trotzdem haben Sie nat\u00fcrlich recht, wenn Sie vom Journalismus, seinen Organisationen und letztlich von den Journalisten erwarten, dass diese die Folgen ihres Handelns beachten. Wenn also Journalisten \u00fcber psychisch erkrankte Menschen berichten, so sollten sie eben das g\u00e4ngige Muster reflexiv als solches erkennen, und beispielsweise daf\u00fcr sensibilisiert sein, dass Skurrilit\u00e4t auch Stigmatisierung nach sich ziehen kann.\u00a0 Es ist eben meistens nicht alles so eindeutig, wie es der Journalismus gerne haben m\u00f6chte. Guter Journalismus zeichnet sich dadurch aus, dass er eben auch verantwortungsvoll mit\u00a0 Ungewissheit umgeht und diese transparent macht.<\/p>\n<p><strong>Oder dass er auch mal schweigt, wenn es nichts zu sagen gibt?<\/strong><br \/>\nGenau, denn gerade bei der verallgemeinernden Berichterstattung \u00fcber Straftaten im Zusammenhang mit psychischer Erkrankung kann eine solche Stigmatisierung n\u00e4mlich auch zur Folge haben, dass beim Publikum des Journalismus Unsicherheit und \u00c4ngste gesch\u00fcrt werden; und diese k\u00f6nnen wiederum zu einer verst\u00e4rkten Isolation der \u201edoppelt\u201c betroffenen Opfer f\u00fchren und damit eher zur Exklusion. Da muss bei den Journalisten schon eine Verantwortungsethik eingefordert werden, also ein Handeln, das auch dessen Folgen verantwortungsvoll reflektiert und eben nicht einfach reflexartig schreibt, was vermeintlich zu sein scheint.<\/p>\n<p><strong>Gibt es daf\u00fcr auch Regeln im Sinn einer Berufsethik?<\/strong><br \/>\nEs gibt im so genannten Journalistenkodex, \u00fcber welchen der Schweizer Presserat wacht, tats\u00e4chlich solche Regeln, die darauf hinweisen, dass Journalisten gegen\u00fcber Personen, die sich in einer Notlage befinden oder die unter dem Schock eines Ereignisses stehen sowie bei Trauernden besonders zur\u00fcckhaltend sein sollen. Und es gibt etwa extra eine Richtlinie, welche bei Suizidf\u00e4llen \u2013\u00a0Gerade auch wegen m\u00f6glicher\u00a0 Nachahmungen &#8211; gr\u00f6sste Zur\u00fcckhaltung fordert. Ich denke aber, dass es im Falle der zunehmenden Berichterstattung \u00fcber psychische Erkrankungen tats\u00e4chlich auch an Wissen mangelt. Es m\u00fcsste also auch darum gehen, sich diesbez\u00fcglich empirisch gesichertes Wissen anzueignen, bevor man mit Alltagswissen drauflos schreibt. Es ist sicher nicht falsch, Journalisten immer wieder \u2013 vielleicht auch durch ad\u00e4quate Massnahmen in der \u00d6ffentlichkeitsarbeit &#8211; auf die Vielschichtigkeit dieses Problems hinzuweisen und mit ihnen zusammen trotzdem interessante Geschichten zu finden, die letztlich einer besseren Verst\u00e4ndigung und hoffentlich auch Inklusion dienen.<\/p>\n<p>Erstver\u00f6ffentlichung:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.solodaris.ch\/swm\/show_na.php?showEntry=0&amp;selectedYear=2016&amp;showContent=771&amp;na=f69f70e2dec19df9a7033b37cb4d6347&amp;newsletterarchive=3&amp;nauser=2\" target=\"_blank\">Orginaltext im Solidaris-Newsletter<\/a>\u00a0vom Januar 2016<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEs ist paradox: die journalistische Berichterstattung tr\u00e4gt wesentlich zur Stigmatisierung psychisch Kranker bei; dennoch braucht es eine Sensibilisierung durch Medienarbeit.\u201c\u00a0(Vinzenz Wyss) Im April 2014 hat die Schweiz die UNO-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet. 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