{"id":2776,"date":"2021-11-11T09:24:09","date_gmt":"2021-11-11T08:24:09","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/gesundheitsoekonomie\/?p=2776"},"modified":"2021-11-18T16:49:05","modified_gmt":"2021-11-18T15:49:05","slug":"der-kampf-der-psychologen-und-psychologinnen-fuer-mehr-unabhaengigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zhaw.ch\/gesundheitsoekonomie\/2021\/11\/11\/der-kampf-der-psychologen-und-psychologinnen-fuer-mehr-unabhaengigkeit\/","title":{"rendered":"Der Kampf der Psychologen und Psychologinnen f\u00fcr mehr Unabh\u00e4ngigkeit"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized is-style-default\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/gesundheitsoekonomie\/files\/2021\/11\/20211111_VersoFo_sckl_Bild-1024x544.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-2777\" width=\"691\" height=\"367\" srcset=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/gesundheitsoekonomie\/files\/2021\/11\/20211111_VersoFo_sckl_Bild-1024x544.png 1024w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/gesundheitsoekonomie\/files\/2021\/11\/20211111_VersoFo_sckl_Bild-300x159.png 300w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/gesundheitsoekonomie\/files\/2021\/11\/20211111_VersoFo_sckl_Bild-768x408.png 768w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/gesundheitsoekonomie\/files\/2021\/11\/20211111_VersoFo_sckl_Bild-1536x816.png 1536w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/gesundheitsoekonomie\/files\/2021\/11\/20211111_VersoFo_sckl_Bild-860x457.png 860w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/gesundheitsoekonomie\/files\/2021\/11\/20211111_VersoFo_sckl_Bild-1200x637.png 1200w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/gesundheitsoekonomie\/files\/2021\/11\/20211111_VersoFo_sckl_Bild-1600x850.png 1600w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/gesundheitsoekonomie\/files\/2021\/11\/20211111_VersoFo_sckl_Bild.png 1744w\" sizes=\"auto, (max-width: 691px) 100vw, 691px\" \/><figcaption>Quelle: Colourbox.de<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Von <a href=\"https:\/\/www.zhaw.ch\/de\/ueber-uns\/person\/sckl\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Melanie Schliek<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Im M\u00e4rz 2019 <a href=\"https:\/\/www.bag.admin.ch\/bag\/de\/home\/versicherungen\/krankenversicherung\/krankenversicherung-revisionsprojekte\/aenderungen-psychotherapie-nichtaerztlicheleistungserbringer.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">entschied der Bundesrat<\/a>, dass Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen ihre Leistungen k\u00fcnftig selbstst\u00e4ndig \u00fcber die obligatorische Krankenpflegeversicherung (OKP) abrechnen d\u00fcrfen, sofern die Behandlung auf Anordnung eines Arztes oder einer \u00c4rztin erfolgt. Dies soll den Zugang zur Psychotherapie vereinfachen. Am 1. Juli 2022 tritt das neue Verg\u00fctungsmodell der Psychotherapie in Kraft. Mit diesem Blogbeitrag m\u00f6chte ich den Kampf der Psychologen und Psychologinnen f\u00fcr mehr Unabh\u00e4ngigkeit beschreiben und aufzeigen, was das neue Verg\u00fctungsmodell mit sich bringt.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Um in der Schweiz Psychotherapeut oder Psychotherapeutin zu werden, ist als Grundausbildung ein Medizin- oder Psychologiestudium n\u00f6tig, gefolgt von einer Weiterbildung in Psychotherapie. Die Grundausbildung ist entscheidend f\u00fcr die Berufsbezeichnung: Psychiater und Psychiaterin oder Psychologe und Psychologin, jedoch arbeiten beide mit der gleichen Therapiemethode: Psychotherapie. Doch w\u00e4hrend Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen mit einem Medizinstudium \u2013 also Psychiater und Psychiaterinnen \u2013 ihre Leistungen in ihrer Praxis direkt \u00fcber die OKP abrechnen d\u00fcrfen, ist das den Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen mit einem Psychologiestudium nicht erlaubt. Eine Praxis er\u00f6ffnen d\u00fcrfen sie zwar, jedoch werden ihre Leistungen nur dann von der OKP bezahlt, wenn sie von einem Psychiater oder einer Psychiaterin delegiert und in dessen\/deren Praxis, in denselben R\u00e4umlichkeiten, t\u00e4tig sind. Viele Psychologen und Psychologinnen empfinden das Delegationsmodell als diskriminierend und unfair, weil sie auf einen Psychiater oder eine Psychiaterin und dessen\/deren Klientel angewiesen sind. Arbeiten Psychologen und Psychologinnen ohne Delegation, m\u00fcssen die Patienten und Patientinnen die Leistungen aus der eigenen Tasche bezahlen oder k\u00f6nnen sie \u2013 sofern vorhanden &#8211; \u00fcber ihre Zusatzversicherung abrechnen. Das Delegationsmodell ist eine Eigenheit, welche man so im Bereich der OKP nur f\u00fcr Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen kennt. Alle anderen nicht\u00e4rztlichen Leistungserbringer, wie beispielsweise Physiotherapeuten und Physiotherapeutinnen, arbeiten auf \u00e4rztliche Anordnung, also im Anordnungsmodell.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ziel und Zweck des Anordnungsmodells<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mit der geplanten Einf\u00fchrung des Anordnungsmodell f\u00fcr die Psychotherapie erf\u00fcllt der Bundesrat eine langj\u00e4hrige Forderung der Psychologen und Psychologinnen. Mit einer \u00e4rztlichen Anordnung wird es auch ihnen k\u00fcnftig erlaubt sein, Psychotherapieleistungen direkt \u00fcber die OKP abzurechnen, ohne von Psychiatern und Psychiaterinnen abh\u00e4ngig zu sein. Anordnungen k\u00f6nnen dann praxisunabh\u00e4ngig von allen Psychiatern und Psychiaterinnen, aber auch von Haus- oder Kinder\u00e4rzten und -innen verschrieben werden. Der Bundesrat erwartet, dass sich mit dem Anordnungsmodell und der Abschaffung des Delegationsmodells die Versorgungssituation in der Schweiz verbessert. Der Zugang zur Psychotherapie soll vereinfacht und die heute \u00fcblichen langen Wartezeiten reduziert werden. Auch finanziell schlechter gestellte Menschen, die auf eine Kosten\u00fcbernahme durch die OKP angewiesen sind, finden so schneller einen Platz und m\u00fcssen nicht auf eine Psychotherapie verzichten. Folglich k\u00f6nnen psychische Krankheiten fr\u00fchzeitig behandelt und damit eine Chronifizierung und hohe Folgekosten verhindert werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie sieht es mit den finanziellen Auswirkungen aus?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Bundesrat rechnet damit, dass mit dem neuen Modell rund 100 Millionen Franken pro Jahr zus\u00e4tzlich \u00fcber die OKP abgerechnet werden, die heute privat finanziert werden. Langfristig f\u00fchrt die erh\u00f6hte Inanspruchnahme gegen\u00fcber heute zu Mehrkosten von rund 170 Millionen Franken pro Jahr. Um die Kostenentwicklung im Auge zu behalten und allenfalls \u00c4nderungen vorzunehmen, f\u00fchrt das BAG ein Monitoring sowie eine Evaluation \u00fcber die n\u00e4chsten Jahre ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch die Kosten und die Inanspruchnahme steigen grunds\u00e4tzlich schon ohne Anordnungsmodell. Die Schweiz weist von allen OECD-L\u00e4ndern mit Abstand die h\u00f6chste Dichte von Psychiatern und Psychiaterinnen pro 100&#8217;000 EinwohnerInnen auf \u2013 fast dreimal so viel wie die anderen OECD-L\u00e4nder im Durchschnitt.<\/p>\n\n\n\n<p style=\"font-size:12px\">Abbildung 1: Anzahl Psychiater und Psychiaterinnen pro 100&#8217;000 Einwohner<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image is-style-default\"><figure class=\"aligncenter size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"629\" height=\"279\" src=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/gesundheitsoekonomie\/files\/2021\/11\/20211111_VersoFo_sckl_Grafik1png.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-2778\" srcset=\"https:\/\/blog.zhaw.ch\/gesundheitsoekonomie\/files\/2021\/11\/20211111_VersoFo_sckl_Grafik1png.png 629w, https:\/\/blog.zhaw.ch\/gesundheitsoekonomie\/files\/2021\/11\/20211111_VersoFo_sckl_Grafik1png-300x133.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 629px) 100vw, 629px\" \/><figcaption>Q<em>uelle: <\/em><a href=\"https:\/\/www.oecd-ilibrary.org\/docserver\/9789264204973-en.pdf?expires=1635493696&amp;id=id&amp;accname=oid009350&amp;checksum=D9CDEEF785C9B3EB3615F33D07B6136E\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>OECD Mental Health and Work: Switzerland 2014<\/em><\/a><\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Das B\u00fcro f\u00fcr arbeits- und sozialpolitische Studien (BASS) zieht in einer <a href=\"https:\/\/www.buerobass.ch\/fileadmin\/Files\/2017\/BAG_2017_TaetigkeitsvergleichPsychiaterInnen.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Studie<\/a> von 2017 dazu folgendes Fazit: Die hohe Anzahl an Psychiatern und Psychiaterinnen in der Schweiz ist vorwiegend auf die Charakteristika des schweizerischen Versorgungsystems im Mental-Health-Bereich zur\u00fcckzuf\u00fchren. Eine so hohe Dichte an Psychiatern und Psychiaterinnen kann auch einen starken Einfluss auf die Kosten haben. Laut dem neuesten <a href=\"https:\/\/www.obsan.admin.ch\/sites\/default\/files\/publications\/2020\/obsan_15_2020_bericht_2.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">OBSAN-Bericht<\/a> haben die Kosten f\u00fcr psychotherapeutische Leistungen im ambulanten Bereich \u00fcber die Jahre kontinuierlich und deutlich zugenommen. Die Tendenz steigender Kosten geht mit zunehmender Inanspruchnahme ambulanter Leistungen einher. Zudem ist es eher unwahrscheinlich, dass die Inanspruchnahme einzig durch die Zunahme von psychischen Krankheiten gestiegen ist. Seit 2012 ist eine Zunahme von psychischen Beschwerden festzustellen, aber der Trend einer zunehmenden Inanspruchnahme hat sich schon Jahre zuvor abgezeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Entscheid des Bundesrates endet ein jahrelanger Kampf der Psychologen und Psychologinnen f\u00fcr mehr Unabh\u00e4ngigkeit von den Psychiatern und Psychiaterinnen und f\u00fcr eine Besserstellung der ambulanten Psychotherapie. Ber\u00fccksichtigt man die steigende Inanspruchnahme und die zunehmenden Kosten im Hinblick auf die Neuregelung des Verg\u00fctungsmodells, stellen sich diverse Fragen.<br>Was passiert mit Personen mit psychischen Problemen, die sich bisher aufgrund finanzieller Schwierigkeiten, Stigmatisierung oder anderen Gr\u00fcnden nicht behandeln liessen? F\u00fchrt das Anordnungsmodell mit seinem niederschwelligen Zugang zu einer noch h\u00f6heren Inanspruchnahme von psychotherapeutischen Leistungen? F\u00fchrt dies wiederum zu einer starken Erh\u00f6hung der Krankenkassenpr\u00e4mien?<br>Wir d\u00fcrfen gespannt sein, was diese Reform mit sich bringt und was wir daraus lernen k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Melanie Schliek<\/strong> ist wissenschaftliche Assistentin im Team Versorgungsforschung am WIG.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Quellen:<\/strong><br>Bundesamt f\u00fcr Gesundheit BAG. Der Bundesrat verbessert den Zugang zur Psychotherapie [Internet]. Bundesamt f\u00fcr Gesundheit BAG. 2021 [cited 2021 Oct 29]. Available from: https:\/\/www.admin.ch\/gov\/de\/start\/dokumentation\/medienmitteilungen.msg-id-82745.html<\/p>\n<div class=\"pt-sm\">Schlagw\u00f6rter: <a href=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/gesundheitsoekonomie\/tag\/krankenpflegeversicherung-okp\/\">Krankenpflegeversicherung (OKP)<\/a>, <a href=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/gesundheitsoekonomie\/tag\/melanie-schliek\/\">Melanie Schliek<\/a>, <a href=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/gesundheitsoekonomie\/tag\/psychologen\/\">Psychologen<\/a>, <a href=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/gesundheitsoekonomie\/tag\/psychologinnen\/\">Psychologinnen<\/a>, <a href=\"http:\/\/blog.zhaw.ch\/gesundheitsoekonomie\/tag\/verguetungsmodell\/\">Verg\u00fctungsmodell<\/a><br><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Melanie Schliek Im M\u00e4rz 2019 entschied der Bundesrat, dass Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen ihre Leistungen k\u00fcnftig selbstst\u00e4ndig \u00fcber die obligatorische Krankenpflegeversicherung (OKP) abrechnen d\u00fcrfen, sofern die Behandlung auf Anordnung eines Arztes oder einer \u00c4rztin erfolgt. 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