Weltfrauentag 2019 – wo stehen wir mit der Gleichstellung in der europäischen Hochschulwelt?

Am heutigen Weltfrauentag stellt sich die Frage, wozu brauchen wir ein solches Datum? Was bewirkt dieser Tag und hat er überhaupt die Kraft langanhaltende Veränderungen anzustossen? Führt er dazu, dass sich strukturelle Verbesserungen einstellen oder der Frauenanteil auf der Führungsebene der Hochschulen zunimmt? Wohl eher nicht, denn dafür braucht es mehr. Der Verdienst des Weltfrauentages ist, dass er uns Gelegenheit gibt, daran zu erinnern, was es noch zu tun gibt.

Nachdem ich im vergangenen Jahr auf die allgemeine Situation von Frauen und Männern eingegangen bin, möchte ich heute die Situation an den Hochschulen beleuchten. Europaweit haben Männer eine sechsfach höhere Wahrscheinlichkeit eine Professur zu erreichen als Frauen. Der Anteil der Hochschulabsolventinnen liegt bei 59% und der Anteil der Professorinnen bei 21%. Die Absolventen erreichen entsprechend einen Anteil von 41% und die Professoren kommen auf einen Anteil von 79% (Quelle: Women in Science Database, DG Research and Innovation Eurostat – Education Statistics). Die Analyse der Daten zeigt, dass überproportional viele Frauen die Hochschulwelt verlassen, um ausserhalb von Universitäten und Fachhochschulen ihr berufliches Glück zu finden. Bei diesem Phänomen wird von der «leaky pipeline» oder auch «vanish box» gesprochen. Wie kann es also sein, dass trotz dieser grossen Zahl weiblicher Nachwuchstalente es nur so ein kleiner Teil bis ganz nach oben schafft?

Viele Erklärungen hierfür lieferte im vergangenen Jahr die LERU Gender Equality Conference, die von der Universität Zürich und deren Abteilung für Gleichstellung durchgeführt wurde. Die vorgelegten Ergebnisse zeigen zusammenfassend, dass Frauen europaweit an Hochschulen auch heute noch bei Arbeitsbedingungen (höherer Anteil an Teilzeitbeschäftigung und prekären Anstellungsverhältnissen), Rekrutierungs- und Karriereentwicklungsprozessen (unterschiedliche Sprache bei Beurteilungen und Empfehlungsschreiben, nicht geschulte Findungskommissionen…) sowie der Forschungsförderung (4% weniger Fördergelder für Frauen europaweit) mit Folgen unbewusster, stereotyper Vorstellungen zu kämpfen haben.

Für alle, die sich in das Thema weiter vertiefen möchten, kann ich das «Advice Paper on implicit bias in academia» empfehlen, das anlässlich der LERU Gender Equality Conference veröffentlicht wurde. Es enthält eine sehr präzise Bestandsaufnahme, die Analyse der Wirkmechanismen und konkrete Handlungsempfehlungen.

Von Leonie Renouil, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Diversity-
Beauftragte der Stabsstelle Diversity

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