… und noch etwas, das den meisten Menschen als persönlich durchlebte Herausforderung fremd bleiben wird …

«Schön, dass du bei uns bist…» waren die Worte eines Kollegen in den ersten Tagen meiner Tätigkeit an der ZHAW, «…da sind noch andere wie du und ich – hier ist es kein Problem, schwul oder lesbisch zu sein» meinte er. Im Bewerbungsgespräch am Departement Soziale Arbeit hatte ich offen über die langjährige Partnerschaft zu meinem Freund gesprochen als wir zu privaten Themen kamen. Nachdem ich in vorangehenden Anstellungen erst im Laufe der Zeit zu einem offenen Umgang mit meiner Homosexualität bereit war, wollte ich hier keine Maske aufsetzen und geschlechtsneutrale Begriffe wählen, wenn mit Vorgesetzten und Kolleginnen und Kollegen persönliche Themen angesprochen wurden. Die Zusprache des Kollegen, meine im Zuge vielfältiger Auseinandersetzungen und Konfrontationen gereifte Haltung und der wertschätzende Umgang der Kolleginnen und Kollegen machten es möglich, dass ich an der ZHAW schon einige Jahre authentisch und ohne Vorbehalt wirken und arbeiten kann – ein wichtiger und beglückender Schritt in meiner lebens- und berufsbiografischen Entwicklung; eine Passage, die heterosexuelle Menschen als persönlich durchlebte Herausforderung fremd bleiben wird.

Wobei ich der Meinung bin, dass sich Menschen im Zuge ihrer Persönlichkeitsentwicklung immer individuellen Herausforderungen stellen müssen. Soziale, kulturelle und politische Selbstverständlichkeiten der heteronormativen Welt sind in meiner Welt und der Welt vieler Schwulen und Lesben, in der Welt von Menschen, die sich physisch, psychisch und geistig jenseits traditioneller Geschlechterdefinitionen befinden, nur mögliche Varianten ihrer Persönlichkeit, ihrer sozialen, kulturellen, spirituellen und politischen Einstellung und Lebensgestaltung.

Einmal wurde ich gefragt, ob es Vereine ausschliesslich für homosexuelle Menschen heute wirklich noch brauche, als ich über meine Mitgliedschaft im «Network Gay Leadership» sprach. Dieser Frage stelle ich die Gegenfrage: «Braucht es heute wirklich eine Gesellschaft, die traditionelle Geschlechterrollen zur conditio sine qua non erhebt und die Augen davor verschliesst, wie vielfältig sich das Leben seit jeher in der Welt entfaltet? » Solange es Menschen und damit möglicherweise Mitarbeitende und Studierende an der ZHAW gibt, die es aufgrund ihrer Persönlichkeit als grosse Herausforderung erleben, in privaten und beruflichen Zusammenhängen authentisch zu sein, solange ist es gut, dass es soziale Räume gibt, die ihnen dieses authentische Verhalten ermöglichen. Solange in Gesellschaften darüber diskutiert, gestritten und abgestimmt wird, ob und in welcher Form Lebensentwürfe menschlichen Zusammenlebens gleichberechtigt oder dezidiert ungleich zu behandeln sind, solange wird es Organisationen brauchen, die sich sozialpolitisch und kulturell für mehr Gerechtigkeit engagieren und die Menschen, welche in der Gesellschaft bewusst oder subversiv stigmatisiert und benachteiligt werden, soziale Eingebundenheit ermöglichen.

 Geschrieben von: Eberhard Zartmann, Dozent am Zentrum Lehre Departement Soziale Arbeit der ZHAW 

Eine kleine Auswahl von LGBTI-Organisationen im Raum Zürich: HAZ Homosexuelle Arbeitsgruppen Zürich, Gay Students Zurich, Wybernet, network – Gay Leadership, Gaysport Zürich, Schmaz Schwuler Männerchor Zürich.

Wissenschaftliche Zugänge zur Thematik fördert das IQS Institut of Queer Studies, ein mit Universitäten, Hochschulen und Vereinen vernetztes Projekt zur Förderung und Bekanntmachung wissenschaftlicher Arbeiten und Erkenntnissen zu LGBTI-Themen sowie zum wissenschaftlichen Austausch und interdisziplinären Vernetzung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.