Peer-to-Peer an der ZHAW – Studierende und Mitarbeitende mit Behinderungen bilden eine Stimme

Es beginnt bereits einzudunkeln, als die Eintreffenden etwas schüchtern sich vergewissern, ob dies das Kartenzimmer im Technikum-Gebäude sei und ob sie hier richtig wären beim Peer-to-Peer Treffen (im Folgenden P2P genannt). Ein langer Tisch steht bereit, Gläser und ein Buffet mit Apéro-Häppchen. Einige Stühle an der einen Längsseite des Tisches fehlen, noch ist unklar, ob auch Hochschulangehörige im Rollstuhl anrollen werden. Vorsichtig stellen sich die Angekommenen gegenseitig vor, die ersten Gespräche setzen ein. Es sollte ein lebendiger, diskussionsfreudiger Abend werden mit zahlreichen authentischen, kritischen und solidarischen Wortmeldungen.
Ein Abend, der gleichbedeutend war mit dem bereits zweiten Netzwerktreffen von Studierenden und Mitarbeitenden mit Behinderungen an der ZHAW. Diese Netzwerktreffen, die sich dem sogenannten Peer-to-Peer-Ansatz verpflichten, finden ein- bis zweimal jährlich statt und werden von der Stabsstelle Diversity des Rektorats der ZHAW organisiert. Sie bieten allen Hochschulangehörigen mit einer Behinderung eine Plattform, um sich gemeinsam zu behinderungs- und gleichstellungsrelevanten Themen auszutauschen und sich sowohl beruflich als auch privat kennenzulernen und zu vernetzen.

Was ist Peer-to-Peer?
Peer-to-Peer, auch Peer-Beratung genannt, leitet sich vom englischen Begriff peer im Sinne von „Gleichgestellter“ oder „Ebenbürtiger“ ab und bezeichnet die Kommunikation unter Gleichen. Gemeint ist damit eine emanzipatorische Kommunikationsform, welche die gegenseitige Beratung von Personen gleichen Interesses oder gleicher Erfahrungen ermöglicht. So zum Beispiel bei Menschen mit Behinderungen, älteren Personengruppen oder bei Angehörigen von LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender). Alle P2P-Gruppen eint die Überzeugung, dass ihre Mitglieder Expertinnen und Experten in eigener Sache sind und die bestmögliche Beratung und Unterstützung deshalb immer nur von jemandem stammen kann, der die gleichen Erfahrungen und Lebensvoraussetzungen teilt.

Die Einrichtung von P2P-Angeboten, die eine Beratung für Menschen mit Behinderungen auf Augenhöhe ermöglichen, wird von der UN-Behindertenrechtskonvention, die 2014 von der Schweiz ratifiziert wurde, explizit verlangt. In Artikel 26 wird „peer support“ als geeignete Massnahme definiert, um „…umfassende körperliche, geistige, soziale und berufliche Fähigkeiten…zu erreichen und zu bewahren“ (Vgl. UN-BRK, Art.26).

Weshalb fördert die ZHAW P2P?
Gemäss Leitbild und Hochschulstrategie setzt sich die ZHAW für Chancengleichheit und eine Politik der sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Nachhaltigkeit (Vgl. Qualitätsstrategie ZHAW, S.11-14) ein. Geeignete Massnahmen und Rahmenbedingungen ermöglichen es unseren Mitarbeitenden und Studierenden, ihre Fähigkeiten, Potenziale und persönlichen Bedürfnisse im Hochschulalltag frei zu entwickeln und einzubringen. Die Schaffung von P2P-Angeboten trägt zum Erreichen dieser Zielsetzungen bei, indem die bestmögliche, gegenseitige Beratung von Hochschulangehörigen gefördert, ihre Selbstbestimmung gestärkt und die Entwicklung von umfassenden beruflichen Fähigkeiten ermöglicht wird.

Eine geeinte Stimme bilden
Seitens der Hochschulangehörigen wurden sowohl beim ersten wie beim zweiten P2P-Abend übereinstimmend die folgenden Ziele benannt und diskutiert: Trotz breiter Zufriedenheit mit den Unterstützungsangeboten der ZHAW, bekräftigten die meisten Anwesenden, dass sie zur nachhaltigen Verbesserung der Situation aller Hochschulangehörigen an der ZHAW beitragen wollen. Zudem wurde mehrfach der Wunsch geäussert, eine geeinte Stimme zu bilden, um hochschulintern die Bedürfnisse der Studierenden und Mitarbeitenden mit Behinderungen in die Weiterentwicklung unserer Hochschule einbringen zu können. Dieses Engagement der P2P-Teilnehmenden fördert eine Entwicklung der ZHAW, durch welche nachhaltige Strukturen der Chancengleichheit geschaffen werden. Aus diesem Grund sind regelmässigen Treffen sowohl für die Hochschule als auch für die Peers von grossem Wert.

Ein Abend des Engagements und der Begegnungen
Der Abend begann nach einigen informellen Gesprächen mit einem offiziellen Diskussionsthema: Jenem der baulichen Hindernisfreiheit der ZHAW-Gebäude. Nach der Vorstellung der Resultate einer von der Stabsstelle Diversity durchgeführten Erhebung setzte ein lebhafte Diskussion ein, was diese Resultate für die Hochschulangehören bedeuten, was gut sei und was verbessert werden könnte. Mehrmals meldeten sich Teilnehmende mit Tipps und Hinweisen, wie sie dieses oder jenes Hindernis umschifft hatten und was allenfalls eine geeignete Strategie sein könnte. Für einige der benannten Hindernisse konnte die Stabsstelle eine Lösung anbieten. Andere Hindernisse wurden der Stabsstelle erst aufgezeigt und erklärt, welche dieser trotz breiter Erhebungsanalyse bis dahin verborgen geblieben waren. Es war ein gegenseitiger, lehrreicher Austausch, der mit viel Engagement gepflegt wurde.

Spätestens nach den offiziellen Diskussionsthemen war jede Schüchternheit abgelegt. Man diskutierte offen über die eigene Beeinträchtigung und wie diese zuweilen im Studien- und Berufsalltag zu Behinderungen werden. Längst war man beim Buffet und bei Ideen zur weiteren Verbesserung der Hochschulsituation jenseits der baulichen Fragen angelangt – zwei dieser mitunter tollen und kreativen Ideen hat die Stabsstelle mittlerweile aufgegriffen und in konkrete Projektideen umgewandelt.

Es war ein Abend mit Begegnungen auf Augenhöhe. Das gegenseitige Verständnis im Wissen um gemeinsame Erfahrungen von Behinderungen im Alltag und von zahlreichen ideen- wie humorreichen Lösungsstrategien schuf eine Atmosphäre, welche anregende Gespräche und solidarische Begegnungen ermöglichte. Einer der Teilnehmenden zeigte sich trotz aller konstruktiven und nötigen Kritik erstaunt darüber, wieviel die ZHAW hinter den Kulissen bereits für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen unternehme und stellte fest, dass es ihn stolz mache, an dieser Hochschule zu studieren. Dieses Gefühl würde er gerne an andere Studierende weitergeben und bot seine Dienste im Sinne des P2P bei zukünftigen Projekten an. Beschwingt beschlossen wir den Abend und das Kartenzimmer entliess uns in die mittlerweile kühl gewordene Herbstnacht.

Geschrieben von: Brian McGowan, Stabsstelle Diversity ZHAW

PS: Wer am nächsten P2P-Treffen teilnehmen oder Kritik und Anregungen einbringen möchte – meldet sich bitte unter brian.mcgowan@zhaw.ch

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