In die Rolle von Menschen mit Sehbehinderung schlüpfen

Wie gut können sich Menschen mit Sehbehinderung in ZHAW-Gebäuden zurechtfinden? In einem Workshop erfuhren Mitarbeitende des Facility Managements dies am eigenen Leib. Die Treppe hinunter geht es relativ zügig. Trotz schummrigem Licht kann Markus Gibel den Weg ins Untergeschoss des ZHAW-Gebäudes in der Gertrudstrasse in Winterthur gut erkennen. Dann aber, nach der untersten Stufe, zögert er und tastet vorsichtig mit dem Fuss über den Bodenbelag. «Ich war mir nicht sicher, ob nach der Fuge nochmals ein Tritt kommt», sagt der Bauleiter, der am Campus Technikumstrasse in Winterthur tätig ist. Durch die Kartonbrille mit den dunklen Folien war das Ende der Treppe schwierig zu erkennen. Die verschwommene Sicht simuliert eine starke Sehbehinderung.

Menschen mit Sehbehinderung benötigen Strukturen am Boden, um sich zu orientieren.

Im Rahmen einer Weiterbildung sind Mitarbeitende des ZHAW-Facility-Managements in die Rolle von Menschen mit Sehbehinderung geschlüpft. «An der Hochschule wird bereits viel getan für Menschen mit Behinderung», sagt Workshop-Leiter Brian McGowan. Doch der Fokus liege etwas einseitig auf Mobilitätsbehinderungen. «Seh- und Hörbehinderungen gehen oft vergessen», stellt der Mitarbeiter der Stabstelle Diversity fest, der selber auf den Rollstuhl angewiesen ist. «Behinderung entsteht durch die Wechselwirkung zwischen der individuellen Einschränkung und den Hindernissen in der Umwelt», erklärt McGowan. «Wenn man Hindernisse abbaut, kann die Behinderung wegfallen.» Hochschulen sind gesetzlich verpflichtet, die Chancengleichheit für Studierende und Mitarbeitende mit Behinderung zu fördern.

Von Anfang an mitberücksichtigen
Natürlich ist sich McGowan bewusst, dass Hindernisfreiheit nicht in jedem Fall vollumfänglich machbar ist. Doch häufig seien Verbesserungen bereits mit einfachen Mitteln zu erreichen, betont er. Wichtig sei, bei einem Neu- oder Umbau von Anfang an daran zu denken. «Nachrüsten ist meist aufwendiger und teurer», sagt er.Denn die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung sind sehr unterschiedlich. Allein bei den Sehbehinderungen gibt es diverse Ausprägungen. Vollständig blinde Menschen lassen sich von einem Hund führen oder bewegen sich mit einem Stock. Sie brauchen Strukturen am Boden, an denen sie sich entlangtasten können: Randsteine im öffentlichen Raum oder freie Wände im Inneren von Gebäuden. Zudem sollten Räume und Lifttafeln mit Reliefschrift angeschrieben sein und eine Sprachdurchsage im Lift das Stockwerk angeben. Verhängnisvoll sind Hindernisse wie Baustellen oder Möbel, die plötzlich im Weg stehen, vor allem, wenn sie in Kopfhöhe breiter sind als am Boden und deshalb vom Stock nicht erfasst werden. «Man sieht oft Blinde mit blauen Flecken im Gesicht», verdeutlicht McGowan und empfiehlt, Informationstafeln und Tische möglichst immer am selben Ort zu platzieren. Für Menschen mit einem Rest an Sehvermögen dagegen sind nicht markierte Glastüren gefährlich, ebenso wie Schwellen und Absätze ohne Kontraststreifen.

Menschen mit einem Rest an Sehvermögen brauchen grosse Beschriftungen und helles Licht.

Hilfreich sind eine gute Ausleuchtung von Treppenhäusern, farbliche Kontraste zwischen Böden, Wänden und Stufen sowie nicht zu kleine Beschriftungen.Die meisten ZHAW-Gebäude sind älter. Da sei es sehr wichtig, das Verbesserungspotenzial zu erkennen, sagt Thomas Larcher, Leiter Facility Management. «Mit einem aktiven Perspektivenwechsel bleibt meist mehr hängen als allein durch das Studieren von Merkblättern und Normen.» An einem früheren Workshop ging es um das Thema Mobilitätsbehinderung: Selbst im Rollstuhl durch die Stadt zu rollen, sei ein eindrückliches Erlebnis gewesen, sagt Larcher. «So kann man den Betroffenen besser nachfühlen.»

Kompromiss aushandeln
Behindertengerechte Umbauten seien anspruchsvoll, sagt Larcher. Bei altehrwürdigen Gebäuden wie dem Technikum sei oft auch der Denkmalschutz zu berücksichtigen. In solchen Fällen müsse ein tragfähiger Kompromiss zwischen den verschiedenen Anliegen ausgearbeitet werden. Die Hindernisfreiheit sei ein Aspekt unter vielen, ergänzt Immobilienmanagerin Michaela Aeschlimann: «Dazu kommen Vorschriften für Brandschutz und Fluchtwege, Wünsche betreffend Einrichtung, ästhetische Ansprüche und vieles mehr.» Die Erkenntnisse aus dem Workshop will sie in ihrer Arbeit stärker umsetzen: «Oft kann man Menschen mit Behinderung das Leben mit einfachen Mitteln etwas leichter machen.»

Geschrieben von: Andrea Söldi, freie Journalistin

Ein Gedanke zu „In die Rolle von Menschen mit Sehbehinderung schlüpfen

  1. Das eine ist behindertengerechtes Bauen.
    Das andere ist eine verbesserte Orientierung durch Systeme wie iBeacons oder Geräte die Veränderungen im Weg oder Gegenstände anzeigen und mitteilen.

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