Europa – was fangen wir damit an?

Wer zum Vortrag von Adolf Muschg möchte, muss über eine Kunstinstallation steigen. Vor dem Hörsaal liegt eine aus Gips nachgebildete Landkarte Europas. Auf den Ländern stapeln sich leere Schubladen, die aus einer Apotheke stammen. Sie tragen die Aufschrift „Salbe“. Das passt gut, denn heute Abend geht es um einen kranken Patienten. Der Patient heisst Europa.

Eigentlich trete ich nicht gerne auf Europa, denn dieses Konstrukt liegt mir am Herzen. So gehe ich behutsam über den Gips und hoffe, dass die vielen Länder, die mir lieb sind, keinen Schaden nehmen. Ich bin gekommen, da sich mir in letzter Zeit immer mehr Fragen stellen und ich mir Sorgen mache. Ich habe einen deutschen Vater. Meine Mutter war Griechin und mein Mann ist Franzose. Ich bin auf Zypern geboren, in Deutschland in den Kindergarten, in Frankreich zur Primarschule und in Griechenland aufs Gymnasium gegangen. Ich lebe seit zehn Jahren in der Schweiz, einem Land, das viele verschiedene Kulturen in sich trägt. Eigentlich ein „kleines Europa“, das so manches Mal besser funktioniert als das Grosse.

Gegen Schubladendenken: Die Künstlerinnen (v.l.n.r.) Katrin Odermatt, Daniella Tuzzi und Karin Mairitsch.

Streifzug durch die Geschichte
Auf die vielen Fragen liefert der Schriftsteller und Germanist Adolf Muschg zahlreiche und tiefgründige Antworten. In einem historischen Streifzug führt er uns zurück zu den Anfängen Europas. Der Redner lässt gekonnt und mit unglaublichem Tempo die verschiedenen Epochen vom antiken Griechenland mit dem Raub der phönizischen Königstochter Europa und ihrer Entführung nach Kreta über die Zeit der Aufklärung bis heute vor unserem inneren Auge auferstehen. Wie ein gewiefter Kulissenschieber zieht er die einzelnen Szenenbilder der prägnantesten Zeitalter hervor, um mit ein paar schnellen Pinselstrichen die wichtigsten Charakteristika hervorzuheben und dessen Bedeutung auf uns einwirken zu lassen. Wir sollen uns auf das besinnen, was uns eint. Es geht so schnell, dass dieser Beitrag keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann. Doch zumindest einen Versuch will ich wagen, um das Wesentliche herauszuschälen.

Am besten lässt sich der Abend in drei Themenblöcke zusammenfassen: unsere gemeinsame kulturgeschichtliche Entwicklung in Europa und die daraus gewachsenen Werte, der Umgang mit Fremden und ein Lösungsansatz für jeden Einzelnen in unserem Alltag.

Besinnung auf unsere gemeinsamen Werte
Jede Gesellschaft brauche dreierlei, um zu funktionieren, sagt Muschg und bezieht sich dabei auf Jacob Burckhardt. Das sind eine gute Ordnung (Staat), ein guter Sinn (Religion) und die Freiheit (Kultur). Das seien die drei wesentlichen Potenzen, die im Gleichgewicht bleiben müssen, um Auswüchse zu vermeiden. Adolf Muschg stellt ein Ungleichgewicht fest. Aus seiner Sicht hat sich der heutige Markt, der aus der Freiheit erwachsen ist, fast zu einer totalitären Macht entwickelt. Alle Menschen müssten sich verkaufen und seien der Macht des Marktes unterworfen: „Wenn der Markt überall ist, dann hat das, was sich nicht verkaufen kann, eine geringe Chance“. Unter die Räder kommt dabei die Menschlichkeit.

Deshalb empfiehlt er den Zuhörerinnen und Zuhörern sich auf das Konzept des Individuums aus der Zeit der Aufklärung zu besinnen. Dieses Konzept beinhalte: „die Fähigkeit den anderen zu sehen“. Die Individualität sei die Schlüsselsubstanz jeder Kultur, die diesen Namen verdiene. Ihre geniale Eigenschaft sei die produktive Vereinigung von Widersprüchen. Er meint damit, dass die Individualität uns helfe als Menschen Ambivalenzen, Widersprüche und vieles mehr auszuhalten und uns trotzdem zivilisiert zu verhalten. Deshalb kann er nicht verstehen, warum wir uns heute immer mehr der Macht der Zahlen (Big Data) unterwerfen, die das Einzelne aufheben. Mit der digitalen Re-Konstruktion des Gehirns habe die Menschheit seiner Meinung nach bereits den Weg zur Barbarei beschritten.

Der Umgang mit Fremden
Auch für den Umgang mit Fremden greift der Historiker auf dieses Konzept zurück. Wir könnten nur das Einzelne wertschätzen somit auch den Fremden nur als einzelnes Individuum. Denn der Mensch könne nur wenigen Menschen gegenüber reale Nähe empfinden. Man habe herausgefunden, dass jeder Einzelne zu maximal 138 anderen Menschen reale Nähe empfinden könne. Das erkläre, warum wir nur wirklich an denen Anteil nehmen, die zu dieser kleinen Gruppe gehören würden. Deshalb sei die Arbeit an der eigenen Individualität umso wichtiger. Bei seinem Streifzug durch die Geschichte geht er darauf ein, wie man zu verschiedenen Zeiten mit den Fremden umgegangen ist und dass hochentwickelte Kulturen in der Vergangenheit immer Platz für das „Fremde“ hatten. Denn man habe schon damals im Fremden die Spiegelung des eigenen Selbst zu sehen gewusst.

Als Hilfsmittel für die Überwindung schwieriger Zeiten gibt uns Muschg noch den Humor mit auf den Weg. Er sei der Kern der Humanität. Es sei wichtig, dass wir über unsere Werte noch lachen könnten, denn das schärfe unser Bewusstsein für die Relativität. Der Andere brauche unsere Werte nicht zu teilen und wir müssten trotzdem in der Lage sein, ihn gelten zu lassen. Er erinnert an das Zitat von Lessing: „Liebet einander und wenn es durchaus nicht geht, dann lasst euch mindestens gelten“.

Ein grosser Dank für diesen wunderbaren Abend geht natürlich an den Redner, aber auch an Elena Wilhelm und das Team der Hochschulentwicklung der ZHAW, die ihn konzipierten und ermöglichten. Es war die Auftaktveranstaltung zum Ringseminar ZHAW europäisch: Europa verstehen – Europa mitgestalten.

 Geschrieben von: Leonie Renouil, Stabsstelle Diversity ZHAW 

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