Die Sichtbarkeit vielfältiger Lebensformen fördern: LGBTIQ-Peer-Initiative an der ZHAW

Die zunehmend ambivalente gesellschaftliche Situation zwischen Selbstverständlichkeit und Akzeptanz unterschiedlicher Lebensformen und zugleich Diskriminierung bis zur psychischen und physischen Gewalt gegenüber Menschen, deren Lebensgestaltung nicht heteronormativen Vorstellungen entspricht, führten uns zur Frage, ob es an der der ZHAW einen ungedeckten Bedarf an Peer-Unterstützung und Angeboten der Organisation gibt. Dr. Annette Kahlen, Leiterin der Stabsstelle Diversity an der ZHAW, Prof. Dr. Andreas Gerber-Grote, Direktor am Departement Gesundheit, Brian McGowan, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Stabsstelle Diversity der ZHAW und Eberhard Zartmann, Dozent am Departement Soziale Arbeit, haben am Donnerstag, 26. Oktober 2017 alle interessierten Angehörigen der ZHAW, Studierende und Mitarbeitende, zu einer Veranstaltung eingeladen. Der Einladung folgten etwa 30 Studierende und Mitarbeitende unterschiedlicher Departemente, um sich gemeinsam dieser Frage zu widmen. In den Statements einer Studentin, einer Mitarbeiterin und eines Mitglieds der Hochschulleitung wurde sichtbar, wie unterschiedlich die Arbeits- und Studiensituationen erlebt werden, dass es zwar kaum Probleme mit einem offenen Umgang mit einem lesbischen oder schwulen Selbstverständnis an der ZHAW gibt, dass allerdings in den Bereichen Lehre, Administration, Organisationskultur und Organisationspolitik mancher Handlungsbedarf festzustellen und zu monieren ist.

Brian McGowan, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stabsstelle Diversity an der ZHAW, betonte in seinem Referat, dass die möglichst freie Entfaltung der Fähigkeiten aller Angehöriger der ZHAW Rahmenbedingungen benötige, welche Diskriminierung und Benachteiligung aufgrund persönlicher Eigenschaften wie Geschlecht, sexuelle Orientierung, Alter, Behinderung, sozialer und religiöser Zugehörigkeit sowie nationaler und kultureller Herkunft verhindern. Die Hochschule beziehe Stellung, sensibilisiere und zeige Vorgehensweisen gegen Diskriminierung und Benachteiligung auf, um ihrer Verantwortung gegenüber Studierenden, Mitarbeitenden und der Gesellschaft gerecht zu werden. Weitere Massnahmen zur Förderung der Vielfalt an der ZHAW sind laut Brian McGowan Beratung, Nachwuchsförderung und die Gestaltung entsprechender struktureller Bedingungen für Studium und Arbeit. McGowan begrüsste die LGBTI-Peer-Initiative und verglich sie mit den von der Stabstelle Diversity unterstützten Peer-to-Peer Aktivitäten von ZHAW-Angehörigen mit Behinderungen. In drei Gruppen tauschten sich die Teilnehmenden anschliessend über ihre Motivation für den Besuch der LGBTIQ-Peer-Initiative, ihre Erwartungen an die ZHAW und ihr persönliches Engagement für die Belange der Peers aus. Unbestritten war offensichtlich für alle, dass sie diesen ersten Anlass als sehr wichtig einschätzten und einige zeigten sogar grosses Interesse an weiteren, inhaltlich offenen oder thematischen Peer-to-Peer Treffen.

Die gesellschaftliche Ambivalenz gegenüber der Vielfalt von Lebensentwürfen in Zusammenhang mit sexueller Orientierung wurde nach dem Austausch in Gruppen von der Soziologin Michaela Thönnes, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Soziologischen Institut der Universität Zürich, aufgezeigt. Sie machte deutlich, dass sich im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte zwar zunehmende Akzeptanz und Toleranz gegenüber nichtheteronormativen Lebensformen in unserer Gesellschaft zeigt, dass jedoch auch eine deutliche Tendenz verstärkter Abwertung und Ablehnung festzustellen ist, die u.a. mit religiöser und politischer Orientierung, kultureller Herkunft und einer generellen Menschenfeindlichkeit gegenüber arbeitslosen, behinderten und obdachlosen Menschen korreliert. Nach wie vor vermeiden sehr viele Menschen in unserer Gesellschaft einen offenen Umgang mit ihrer nichtheteronormativen Emotionalität und Lebensgestaltung. Nach wie vor ist die Suizidalität bei jungen homosexuell empfindenden Menschen vergleichsweise hoch und nach wie vor sind viele heterosexuell lebende Menschen der Meinung, unsere Gesellschaft sei tolerant genug und es bedürfe keiner spezifischen Aktivitäten.

Vor dem sehr kommunikativen Apéro, den die Teilnehmenden zur weiteren Begegnung nutzten, konnten wir festhalten, dass diese LGBTIQ-Peer-Initiative Bedürfnisse und Interessen zu Tage bringen konnte, die sich wie folgt zusammenfassen lassen: An der ZHAW besteht ein Bedarf und grosses Interesse an Peer-Aktivitäten im LGBTIQ-Personenkreis mit offener und inhaltlicher Ausrichtung. Lehre, Administration und Organisation an der ZHAW sollten auf heteronormative Engführung überprüft und entsprechend geöffnet werden. Die Sichtbarkeit und damit die Möglichkeit der Anerkennung von Vielfalt an der ZHAW wird einerseits von der Organisation und andererseits von jeder einzelnen Person verhindert oder ermöglicht. Wir werden mit weiteren Anlässen die Sichtbarkeit vielfältiger sexueller Orientierung und Lebensformen unterstützen.

 Geschrieben von: Eberhard Zartmann, Dozent am Departement Soziale Arbeit ZHAW 

Kontaktpersonen sind:

Andreas Gerber-Grote (gerd@zhaw.ch)
Silke Vlecken (vles@zhaw.ch)
Eberhard Zartmann (zart@zhaw.ch)

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