«Der Weltfrauentag ist ein willkommener Anlass, um daran zu erinnern, was es noch zu tun gibt»

Leonie Renouil-Ebert ist an der ZHAW Diversity-Beauftragte mit dem Schwerpunkt Gender Diversity. Zum Weltfrauentag haben wir ihr ein paar kurze Fragen gestellt.

Warum braucht es Ihrer Meinung nach einen Weltfrauentag?
Der Weltfrauentag ist ein willkommener Anlass, um auf die Ungleichheit zwischen Frauen und Männern hinzuweisen und die breite Öffentlichkeit daran zu erinnern, was es noch zu tun gibt. Dabei geht es weltweit vor allem um einen gleichberechtigten Zugang zur Bildung, zum Arbeitsmarkt und zur Gesundheitsversorgung sowie den Kampf gegenüber jeder Form von Gewalt gegen Frauen. Auch wenn es grosse Unterschiede zwischen den verschiedenen Weltregionen gibt, sind bis heute alle Nationen gefordert, die Gleichstellung der Geschlechter weiter zu verbessern. Das gilt auch für die Schweiz, die unter anderem noch mehr tun kann bei der Förderung weiblicher Führungskräfte, der besseren Vereinbarkeit von Beruf- und Privatleben und der Einführung einer Individualbesteuerung. National wie auch international hat sich gezeigt, dass die Förderung der Frauen und eine gleichberechtigte Teilhabe am Arbeitsmarkt zu einer höheren Produktivität und somit letztendlich auch zu einer Stärkung der Wirtschaft und zu mehr Wohlfahrt führen. Und davon profitieren alle – auch die Männer.

Wie steht es 2021 um die Gleichstellung von Frau und Mann im Hochschulumfeld?
An der Hochschule zeigen sich dieselben Effekte wie in der gesamten Gesellschaft. Auch im sehr kompetitiven Hochschulumfeld ist es für Frauen schwierig, ambitionierte Karriereziele zu verfolgen, die bis zur Spitze der Hochschulorganisationen führen. Das zeigt zum Beispiel der schweizweite Frauenanteil an Professuren an Universitären Hochschulen, der aktuell bei nur 24 Prozent liegt. Ähnlich wie in der Wirtschaft ist der Anteil weiblicher Führungskräfte auf den höchsten Führungsebenen der Hochschulen somit noch weit von einer paritätischen Repräsentation. Anders sieht dies bei den Studierenden aus. Der Frauenanteil unter den Studierenden an der ZHAW hat 2020 mit 50,3 Prozent erstmals die 50-Prozentmarke überschritten.

Welche Gründe führen zu dieser Situation bei den Professuren?
Dies lässt sich vor allem auf die noch tief verankerten Rollenmodelle und die damit verbundenen unbewussten stereotypen Vorstellungen (Unconscious Bias) zurückführen. Viele Eltern teilen sich auch heute noch die Arbeit nach dem «modernisierten Ernährermodell» auf. So arbeiteten 2018 die Mehrheit der Männer in Vollzeit (82,4 %) und die Mehrheit der Frauen in Teilzeit (59 %). Wer lange in Teilzeit gearbeitet hat, ist häufig weniger sichtbar und kommt weniger zum Zuge, wenn es um Karriere geht. Ausserdem erleben ehrgeizige und kompetente Frauen häufiger als Männer Ablehnung, da sie gegen Geschlechterstereotype verstossen. Hier handelt es sich um das «competence-likeability-dilemma». Aufgrund der unbewussten Geschlechterstereotype wird von den Frauen noch häufig erwartet, dass sie vor allem sympathisch und kooperativ sein sollen. Um es kurz zu fassen: Frauen müssen sowohl mehr äussere als auch innere Widerstände überwinden, um ambitionierte Karrierewege einzuschlagen.

Was gibt es Positives zu berichten?
Wir beobachten auch erfreuliche Entwicklungen, die langsam, aber beständig zu einem Fortschritt führen. So nimmt zum Beispiel der Anteil weiblicher Führungskräfte bei der ZHAW auf der mittleren Führungsebene kontinuierlich zu. Jetzt gilt es, diese Frauen so zu unterstützen, dass sie auf die nächste Führungsebene gelangen. Um dies gezielt anzupacken, hat die Hochschulleitung ein umfassendes Massnahmenpaket zur Förderung des Gender Equality Managements beschlossen und ich bin zuversichtlich, dass dieses in den kommenden Jahren unter anderem zu einer besseren Repräsentation der Mitarbeiterinnen auf allen Führungsebenen der ZHAW führen wird.

Was hat sich in Ihrer Erfahrung in den letzten Jahren am meisten bewährt, um die Förderung der Gender Equality voranzutreiben?
Ein gewisser politischer Druck ist sicher hilfreich. So hat der Frauenstreik 2019 gezeigt, wie geschlossen und wie stark diese Bewegung in der Schweiz ist. Auch die starke Zunahme des Frauenanteils im National- und Ständerat wird den Handlungsdruck in Bezug auf die Geschlechtergerechtigkeit in den kommenden Jahren erhöhen. Aber letztendlich geht es bei diesem Prozess immer darum, mit guten Argumenten zu überzeugen. Als besonders hilfreich sehe ich Anstrengungen gegen Unconsicous Bias. Wenn wir als Organisation verstehen, dass wir diesen ausgesetzt sind und wir auf Verhaltensweisen, Mechanismen und Strukturen setzen, die diese aushebeln oder zumindest abbauen helfen, haben wir schon sehr viel gewonnen.

Veranstaltungstipp
Mehr Interesse am Thema? Dann sei das teilweise kostenlose Veranstaltungsprogramm von Advance (Gender Equality in Business) empfohlen. So wird zum Beispiel ETH-Ratspräsident Michael Hengartner am 8. März 2021 um 14.50 Uhr auf folgendes Thema eingehen: «Akademische Einrichtungen: Führungspersönlichkeiten oder Nachzügler bei der Gleichstellung der Geschlechter?» Zur Anmeldung

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