Begehen oder Befahren – Ein Dialog und Exkurs

Brian McGowan ist neuer Mitarbeiter der Stabsstelle Diversity, zuständig für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen an der ZHAW. Er ist Historiker, hat zuvor die Fachstelle Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen der Stadt Bern geleitet und benutzt einen Elektrorollstuhl. Soweit besteht Klarheit. Folgender Dialog zeigt auf, wo zuweilen noch Unklarheiten und Unsicherheiten bestehen. Und wie solche am einfachsten behoben werden.

A: „Brian kann um 10.00 Uhr nicht an die Begehung kommen“
B: „Bitte entschuldige den Ausdruck „Begehung“. Das war bestimmt nicht bewusst vom Sekretariat. Ich versuche am Departement auf solche sprachlichen Faktoren zu sensibilisieren, auch bei Studierenden finde ich das wichtig. Den meisten ist das gar nicht bewusst, aber Du weisst wie solche Ausdrücke aus Gewohnheit verwendet werden, ohne die genaue Bedeutung zu hinterfragen.“
C (Brian): „Eine „Begehung“ stellt für mich überhaupt kein Problem dar, da eine solche meines Erachtens auch mit dem Rollstuhl gemacht wird… Oder aber Du und [die anderen Teilnehmenden]… hätten mit mir eine „Befahrung“ durchgeführt… 😉 Viele klassische Tätigkeiten des Gehens mache ich in meinem Verständnis mit meinem Hilfsmittel Rollstuhl im Sinne der Fortbewegung – eine Gehhilfe wenn Du so willst… So zähle ich z.B. auch des Wanderns Lust zu meinen Freizeitvergnügen. Im Übrigen gehöre ich zu jenen Pragmatikern, die lieber 2 „Behindertenparkplätze“ als 1 „Parkplatz für mobilitätsbehinderte Menschen“ haben – oftmals werden, so glaube ich, terminologische Anpassungen als Ersatz- Massnahme für strukturelle Mängel (z.B. zu wenige Parkplätze) durchgeführt, um keine Änderungen, die „weh tun“, durchführen zu müssen… Nun gut, bei „Invalidenparkplätzen“ müssten es dann schon 5 Parkplätze sein… „

Brians Exkurs
Die empathische Leseart der ersten Aussage durch B erfreute mein soeben willkommen geheissenes Herz – und erheiterte dieses zugleich. Sie erfreute mich, weil Menschen ohne Behinderungen auch heute noch oftmals mehr oder weniger unreflektiert über die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen schreiben oder diese gar definieren – ohne die Lebensumstände zu kennen oder danach gefragt zu haben. Bei obiger Stellungnahme wurde über einen vermeintlich vorschnellen Sprachgebrauch in einer Weise reflektiert, wie er für Menschen mit Behinderungen ungewöhnlich und erfreulich ist.

Die Leseart erheiterte mich zugleich, weil sie für mich auch Ausdruck eines bislang geringen gesellschaftlichen Austausches zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen ist. Das führt zu gegenseitigen Unklarheiten hinsichtlich der individuellen Bedürfnisse und damit zu Unsicherheit im Umgang miteinander. Nur im direkten Kontakt können die gegenseitigen Bedürfnisse, Stärken und Schwächen, kennengelernt werden und potentiell vorhandene Vorurteile (die „Hindernisse in den Köpfen“) abgebaut werden. Dieser Austausch ist in unserer Gesellschaft bislang noch zu wenig selbstverständlich und ist zu fördern – in Schule, Arbeit, Freizeit, kurz in allen Lebensbereichen. Hierfür setzt sich die ZHAW ein, indem sie sich für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen im Bereich der Aus- und Weiterbildung engagiert.

Eine Lösung
Gleichstellung bedeutet, dass der Austausch von Menschen mit und ohne Behinderungen, das Zusammenleben in allen Lebensbereichen selbstverständlich wird. Austausch bedingt Sprache – gleichstellende Sprache. Ein Sprachgebrauch, welcher allen Menschen gerecht wird, berücksichtigt die Bedürfnisse aller Menschen – ob mit oder ohne Behinderungen, ob Frau oder Mann, ob mit oder ohne Migrationshintergrund. Deren Bedürfnisse nicht immer zu kennen ist völlig normal. Diese in Erfahrung zu bringen ist wunderbar einfach: Nachfragen!

Geschrieben von: Brian McGowan

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