Vielfalt managen? Mit Unterstützung durch Beratungsangebote gelingt es vielfach leichter!

Studieren und Arbeiten an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) erfreut sich ungebrochener Popularität. Ende 2017 waren 3’028 Mitarbeitende an der Hochschule beschäftigt und 12‘847 Studierende eingeschrieben. Jede und jeder dieser Hochschulangehörigen bringt eine eigene Lebensrealität mit, die bedingt, dass sie auf Beratung und Unterstützung angewiesen sein kann. Einen Einblick in die Arbeit der Beratungsdienste liefert das aktuelle Monitoring für das zurückliegende Jahr 2017.

Die ZHAW bietet eine Vielzahl an Beratungsangeboten. Dazu zählen unterschiedlichste Fragestellungen von der Studienfinanzierung, über psychologische Beratung und Coaching, der Beratung von Mitarbeitenden und Studierenden mit einer Behinderung oder chronischen Krankheit bis zur Beratung bei Verdacht auf Diskriminierung, Mobbing und sexueller Belästigung. Am stärksten nachgefragt wurde im vergangenen Jahr die psychologische Beratung, die 392 Personen nutzten. Der Bedarf nach Unterstützung war auch sehr stark bei Fragen rund um das Thema «Studieren und Arbeiten mit Behinderung und chronischer Krankheit». Diesbezüglich fragten 164 Personen um ein Gespräch an. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 725 Personen in einem Erstgespräch beraten. Im Vergleich zur Gesamtpopulation nutzten somit 4.3% der Studierenden und rund 4.6% der Mitarbeitenden ein oder mehrere Beratungsangebote. Die Nachfrage seitens der weiblichen Studierenden und Mitarbeitenden ist übrigens wesentlich grösser, die mit 63% fast zwei Drittel erreichen.

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Weltfrauentag 2018 – Ansporn und Inspiration für mehr Gleichstellung

Jedes Jahr erinnert der Weltfrauentag daran, wie viel es noch zu tun gibt, um die Gleichstellung der Geschlechter weltweit und in der Schweiz zu erreichen. Die Aufzählung ist lang. So haben Frauen öfter als Männer mit Altersarmut zu kämpfen. Die Lohngleichheit ist noch nicht erreicht und die Vereinbarkeit von Beruf- und Privatleben nicht in einem Masse sichergestellt, dass Mütter auf gleiche Weise erfolgreich sein können wie Väter. In der Schweiz herrscht heute das modernisierte Ernährermodell vor. Das bedeutet, dass die Väter in der grossen Mehrheit zu 100% berufstätig sind und die Mütter in kleinen bis mittleren Pensen arbeiten. Das ist schon ein Fortschritt im Vergleich zur vorangegangenen Generation, aber noch immer keine gleichberechtigte Aufteilung. Denn wer in kleineren und mittleren Pensen arbeitet, kann sich häufig karrieretechnisch nicht weiterentwickeln. Darunter leiden viele Frauen auch wenn sie diesen Weg gewählt haben und sie zahlen die Rechnung dafür, wenn Sie im Alter eine geringere Pension haben oder sich nicht ihrem Potential entsprechend beruflich entwickeln konnten. Auf der anderen Seite sind die Väter, die gerne mehr Zeit für ihre Kinder hätten und unter Druck geraten den Löwenanteil des Einkommens nach Hause zu bringen. Hier gibt es Potential etwas zu verändern, das sowohl für Mütter und Väter sowie die gesamte Gesellschaft von Vorteil wäre.

Aber wer kann uns inspirieren und als Ansporn dienen?

Viele Organisationen haben erkannt, dass die Förderung der Gleichstellung und der Diversität vorteilhaft ist. Das Engagement besonders in der Wirtschaft ist nicht immer selbstlos, aber trotzdem ganz im Sinne des Weltfrauentages und der Anliegen der Frauen. Hauptsache es tut sich etwas. Diese Organisationen haben erkannt, dass mehr Vielfalt die Innovationskraft einer Organisation fördert, dass diese hilft Konflikte zu reduzieren, dass Vielfalt die Reputation stärkt und obendrein die Rekrutierungschancen erhöht.

Es gibt viele gute Beispiele und Vorbilder, die uns inspirieren können. Hier für Sie zusammengestellt zwei Beiträge zur Gleichstellung anlässlich des heutigen Weltfrauentages 2018:

Eine beispielhafte Organisation

UN-Generalsekretär António Guterres erklärt anlässlich des Weltfrauentages 2018, wie die UN vorgeht, um in der eigenen Organisation voranzukommen (Gleichstellung durch paritätische Repräsentation)

Eine spannende Befragung

Das Newsportal Watson hat 13 prominente Schweizerinnen befragt und sie gebeten die Gleichstellung mit Noten von 1 bis 10 zu bewerten.

Geschrieben von: Leonie Renouil, wissenschaftliche Mitarbeiterin 
der Stabsstelle Diversity ZHAW

Haben Sie heute schon einmal Ihre Chefin gelobt und was hat das mit Gleichstellung zu tun?

Wir wollen alle gerne über gleiche Chancen verfügen. Das gilt sowohl für Frauen als auch für Männer. Wir wollen gleiche Bildungschancen, gleiche Chancen bei der Berufswahl, gleiche Aufstiegschancen und gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Auch als Kundin und Kunde erwarten wir von einem Unternehmen, dass es uns gleich gut behandelt. Ganz unabhängig von unserer Herkunft, ganz unabhängig davon, ob wir eine Frau oder ein Mann sind, ob wir eine dunkle Hautfarbe oder eine helle Hautfarbe haben, ob wir eine Behinderung haben oder nicht und so weiter. Wenn wir selbst ungleich behandelt werden, melden wir uns meistens sofort und weisen darauf hin. Das ist richtig so. Doch was tun wir selbst, wenn wir sehen, dass andere weniger «gleich» sind als wir? Was tun wir in unserem Alltag und was können wir als einzelne Person dazu beitragen, dass alle gleiche Chancen erhalten und gleich gut repräsentiert sind?

Gleichstellung durch Repräsentation
Eine erste Möglichkeit ist eine ausgewogenere Repräsentation. Frauen in Führungspositionen sind bis heute in der Schweiz sowohl in der Wirtschaft als auch an Hochschulen unterrepräsentiert. Laut schillingreport 2017 betrug der Frauenanteil im Verwaltungsrat der 113 untersuchten Unternehmen 17% und bei den VR-Präsidien 4%. Auf Stufe CEO finden sich gerade einmal 4% Frauen. Dies liegt nicht daran, dass es nicht genug gut ausgebildete Frauen gibt. Der Report weist ausdrücklich darauf hin, dass es einen deutlichen und kontinuierlichen Rückgang des Frauenanteils von einer Hierachiestufe zu nächsthöheren gibt. Auch an den Hochschulen sieht es nicht viel besser aus. Bei den Professuren betrug der Frauenanteil an Universitären Hochschulen (UH) in der Schweiz nur 21,7%. An Fachhochschulen (FH) und pädagogischen Hochschulen (PH) sind 28,2% der Dozierenden mit Führungsverantwortung weiblich (Quelle: BFSI Factsheet Hochschulen).

Diese zahlenmässig geringe Repräsentation führt dazu, dass in einer Organisation die Anliegen von Mitarbeiterinnen weniger Gewicht als die der Mitarbeiter haben. Dies liegt daran, dass bei wichtigen Entscheidungen diese Anliegen von männlichen Führungskräften weniger gut vertreten werden können. Der Grund ist ganz einfach, männliche Führungskräfte kennen diese Anliegen nicht oder bestenfalls nur ansatzweise. Das hat nichts mit Diskriminierung zu tun, sondern ergibt sich einfach durch das, was jede Führungskraft aus eigener Erfahrung mit sich bringt und im eigenen Berufsalltag erlebt. Männer werden sich zum Beispiel weniger für die Möglichkeit einsetzen auch in Teilzeit Führungsaufgaben ausüben zu können und auf Vereinbarkeit zu achten. Es betrifft sie bis heute in geringerem Masse als weibliche Führungskräfte und deshalb bringen sie eine viel niedrigere intrinsische Motivation mit, daran etwas zu ändern.

Ambivalenz gegenüber Frauen in Führungspositionen
Ich möchte hier auf das bereits schon weithin bekannte Experiment mit Heidi und Howard eingehen. Studentinnen und Studenten bekommen eine Fallstudie vorgelegt über eine erfolgreiche Unternehmerin, die Heidi heisst und einen erfolgreichen Unternehmer mit Namen Howard. Beide sind im Silicon Valley tätig und haben ein Unternehmen gegründet. Nach Durchsicht der Fallstudie, sollen die Studierenden angeben, mit wem sie sich gerne treffen und zusammenarbeiten würden. Daraufhin geben sowohl Studenten als auch Studentinnen an, dass sie gerne mit Howard zusammenarbeiten wollen. Mit Heidi wollen sie aber nichts zu tun haben. Kurzgefasst: Sie erkennen den Erfolg von Heidi an, aber stehen ihr persönlich misstrauisch gegenüber. Heidi ist ihnen unsympathisch. Das liegt daran, dass Heidi, die noch heute gesellschaftlich vorherrschende Normvorstellung davon, wie eine Frau sein soll, verletzt. Dafür gibt es im Englischen den prägnanten Begriff «competence-likeability dilemma» (Quelle: What works von Iris Bohnet). Als Frau wird man also entweder als kompetent oder beliebt/liebenswürdig eingestuft. Beides zusammen geht nicht. Auch in der Schweiz begegnet Frauen in Führungspositionen diese ambivalente Grundhaltung. Wenn es jedoch mehr Frauen mit Entscheidungsbefugnissen gibt, schwächt sich dieser Effekt allmählich ab.

Ein erster Schritt zu einer ausgewogeneren Repräsentation von Frauen im Kader von Hochschulen, ist es deshalb, ihre Leistungen sichtbarer zu machen. Das Schöne ist – hierzu können alle beitragen und zwar auch wir an unserer Hochschule. Dazu braucht es keinen Massnahmenplan, keine Leitlinie und keine Policy. Dafür braucht es nur die Bereitschaft das eigene Verhalten zu hinterfragen, sich zu überlegen, ob man selbst wirklich gleiche Massstäbe für die Leistungen von Frauen und Männern anlegt oder doch sich nur traut Frauen zu loben, wenn sie etwas Ausserordentliches geleistet haben oder bereits eine ausgewiesene Führungsposition eingenommen haben. Aufgrund meiner bisherigen Berufserfahrung in der Industrie und an der Hochschule, wage ich zu behaupten, dass Frauen weniger öffentlich gelobt werden als Männer und auch schneller in die Kritik kommen. Dies hat zur Folge, dass sie weniger sichtbar sind und weniger gefördert werden. Deshalb sollten Sie sich in Zukunft ruhig öfter mal fragen, ob Sie heute schon einmal Ihre Chefin gelobt haben, dies bei Meetings vor anderen tun oder bei sonstigen Gelegenheiten. Sollten Sie keine Chefin haben, können Sie auch eine Kollegin loben, die gute Leistungen erbringt und die Sie schon länger ganz still bewundern. Es muss ja nicht gleich wegen etwas Ausserordentlichem sein.

Geschrieben von: Leonie Renouil, wissenschaftliche Mitarbeiterin 
der Stabsstelle Diversity ZHAW

Die Sichtbarkeit vielfältiger Lebensformen fördern: LGBTIQ-Peer-Initiative an der ZHAW

Die zunehmend ambivalente gesellschaftliche Situation zwischen Selbstverständlichkeit und Akzeptanz unterschiedlicher Lebensformen und zugleich Diskriminierung bis zur psychischen und physischen Gewalt gegenüber Menschen, deren Lebensgestaltung nicht heteronormativen Vorstellungen entspricht, führten uns zur Frage, ob es an der der ZHAW einen ungedeckten Bedarf an Peer-Unterstützung und Angeboten der Organisation gibt. Dr. Annette Kahlen, Leiterin der Stabsstelle Diversity an der ZHAW, Prof. Dr. Andreas Gerber-Grote, Direktor am Departement Gesundheit, Brian McGowan, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Stabsstelle Diversity der ZHAW und Eberhard Zartmann, Dozent am Departement Soziale Arbeit, haben am Donnerstag, 26. Oktober 2017 alle interessierten Angehörigen der ZHAW, Studierende und Mitarbeitende, zu einer Veranstaltung eingeladen. Der Einladung folgten etwa 30 Studierende und Mitarbeitende unterschiedlicher Departemente, um sich gemeinsam dieser Frage zu widmen. In den Statements einer Studentin, einer Mitarbeiterin und eines Mitglieds der Hochschulleitung wurde sichtbar, wie unterschiedlich die Arbeits- und Studiensituationen erlebt werden, dass es zwar kaum Probleme mit einem offenen Umgang mit einem lesbischen oder schwulen Selbstverständnis an der ZHAW gibt, dass allerdings in den Bereichen Lehre, Administration, Organisationskultur und Organisationspolitik mancher Handlungsbedarf festzustellen und zu monieren ist.

Brian McGowan, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stabsstelle Diversity an der ZHAW, betonte in seinem Referat, dass die möglichst freie Entfaltung der Fähigkeiten aller Angehöriger der ZHAW Rahmenbedingungen benötige, welche Diskriminierung und Benachteiligung aufgrund persönlicher Eigenschaften wie Geschlecht, sexuelle Orientierung, Alter, Behinderung, sozialer und religiöser Zugehörigkeit sowie nationaler und kultureller Herkunft verhindern. Die Hochschule beziehe Stellung, sensibilisiere und zeige Vorgehensweisen gegen Diskriminierung und Benachteiligung auf, um ihrer Verantwortung gegenüber Studierenden, Mitarbeitenden und der Gesellschaft gerecht zu werden. Weitere Massnahmen zur Förderung der Vielfalt an der ZHAW sind laut Brian McGowan Beratung, Nachwuchsförderung und die Gestaltung entsprechender struktureller Bedingungen für Studium und Arbeit. McGowan begrüsste die LGBTI-Peer-Initiative und verglich sie mit den von der Stabstelle Diversity unterstützten Peer-to-Peer Aktivitäten von ZHAW-Angehörigen mit Behinderungen. In drei Gruppen tauschten sich die Teilnehmenden anschliessend über ihre Motivation für den Besuch der LGBTIQ-Peer-Initiative, ihre Erwartungen an die ZHAW und ihr persönliches Engagement für die Belange der Peers aus. Unbestritten war offensichtlich für alle, dass sie diesen ersten Anlass als sehr wichtig einschätzten und einige zeigten sogar grosses Interesse an weiteren, inhaltlich offenen oder thematischen Peer-to-Peer Treffen.

Die gesellschaftliche Ambivalenz gegenüber der Vielfalt von Lebensentwürfen in Zusammenhang mit sexueller Orientierung wurde nach dem Austausch in Gruppen von der Soziologin Michaela Thönnes, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Soziologischen Institut der Universität Zürich, aufgezeigt. Sie machte deutlich, dass sich im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte zwar zunehmende Akzeptanz und Toleranz gegenüber nichtheteronormativen Lebensformen in unserer Gesellschaft zeigt, dass jedoch auch eine deutliche Tendenz verstärkter Abwertung und Ablehnung festzustellen ist, die u.a. mit religiöser und politischer Orientierung, kultureller Herkunft und einer generellen Menschenfeindlichkeit gegenüber arbeitslosen, behinderten und obdachlosen Menschen korreliert. Nach wie vor vermeiden sehr viele Menschen in unserer Gesellschaft einen offenen Umgang mit ihrer nichtheteronormativen Emotionalität und Lebensgestaltung. Nach wie vor ist die Suizidalität bei jungen homosexuell empfindenden Menschen vergleichsweise hoch und nach wie vor sind viele heterosexuell lebende Menschen der Meinung, unsere Gesellschaft sei tolerant genug und es bedürfe keiner spezifischen Aktivitäten.

Vor dem sehr kommunikativen Apéro, den die Teilnehmenden zur weiteren Begegnung nutzten, konnten wir festhalten, dass diese LGBTIQ-Peer-Initiative Bedürfnisse und Interessen zu Tage bringen konnte, die sich wie folgt zusammenfassen lassen: An der ZHAW besteht ein Bedarf und grosses Interesse an Peer-Aktivitäten im LGBTIQ-Personenkreis mit offener und inhaltlicher Ausrichtung. Lehre, Administration und Organisation an der ZHAW sollten auf heteronormative Engführung überprüft und entsprechend geöffnet werden. Die Sichtbarkeit und damit die Möglichkeit der Anerkennung von Vielfalt an der ZHAW wird einerseits von der Organisation und andererseits von jeder einzelnen Person verhindert oder ermöglicht. Wir werden mit weiteren Anlässen die Sichtbarkeit vielfältiger sexueller Orientierung und Lebensformen unterstützen.

 Geschrieben von: Eberhard Zartmann, Dozent am Departement Soziale Arbeit ZHAW 

Kontaktpersonen sind:

Andreas Gerber-Grote (gerd@zhaw.ch)
Silke Vlecken (vles@zhaw.ch)
Eberhard Zartmann (zart@zhaw.ch)

Diversity als Erfahrungsraum erleben mit den Kulturtagen am Departement N

Piazza San Carlo

Die Kulturtage, an denen wir jeweils für drei Tage ins nahe Ausland reisen, haben eine lange Tradition am Departement N. In den vergangenen Jahren haben wir mit bis zu 350 Studierenden Städte wie Heidelberg, Strassburg, Florenz und Freiburg bereist. Im Frühjahr 2017 sind wir nach Turin gefahren. In Gruppen lernen die Studierenden die Stadt unter einem bestimmten Blickwinkel kennen. Gastronomie, Architektur, Naturwissenschaften und Sport sind Beispiele für Bereiche, mit denen sich die Teilnehmenden je nach Interesse beschäftigen. Gruppenthemen sind beispielsweise «Fremd», «Streetart», «Fussball und Religion», verschiedene kulinarische Themen und vieles andere mehr.

Einer der unzähligen Hinterhöfe in Turin

Neue Erfahrungsräume
Die Kulturtage sollen den Studierenden innerhalb ihrer naturwissenschaftlich-technisch-wirtschaftlich ausgerichteten Studiengänge einen komplementären Erlebnis- und Erfahrungsraum eröffnen, ihnen einen Perspektivenwechsel ermöglichen und ihr Interesse an kulturell-gesellschaftlichen Themen wecken. Es geht auch darum die intellektuelle und sinnliche Kreativität in einem ungewohnten Kontext anzuregen.Turin ist eine Stadt, die diesen ungewohnten Kontext in vielerlei Hinsicht bietet, denn Turin ist voller Gegensätze und bietet viel Raum für unerwartete Erlebnisse und überraschende Begegnungen. Selbst einmal Hauptstadt von Italien und geprägt durch die Savoyer Architektur und Kultur war die Stadt aber auch langjähriger Hauptsitz und Produktionsstätte von FIAT (Fabbrica Italiana Automobile Torino). So treffen Hochkultur auf Industrie, wohlhabende norditalienische Familien auf süditalienische «Gastarbeiter» sowie auf ihrem Weg nach Nordeuropa gestrandete Flüchtlinge.

Abtauchen in andere Realitäten
Auf unserem kurzen Besuch fällt vielen auf, dass, nur ein paar Kilometer von der Schweiz entfernt, eine ganz andere Realität herrscht. Die teils fast schon musealen Strassenbahnen sind übervoll mit hauptsächlich dunkelhäutigen Menschen aus fernen Ländern sowie alten Italienerinnen und Italienern. Der Umgang ist rau, es wird geschubst und gedrängelt und doch verwickelt einen ein Signore, der im bekannten ägyptischen Museum arbeitet und stolz seinen Ausweis mit Foto zeigt, in ein Gespräch und berichtet von der Geschichte eines Landes, das er selber nie besucht hat, aber seit Jahren tagtäglich den Touristinnen und Touristen zeigt, die «sein» Museum besuchen.

Begegnungen und Austausch

Die Kulturtage ermöglichen es, Diversity zu erfahren, zu reflektieren und zu diskutieren. Das gemeinsam Erlebte prägt die Studierenden über ihr Studium hinaus und wird von vielen als wichtiger Moment des Austauschs in Erinnerung behalten.

 Geschrieben von: Caroline Ulli, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Departement N der ZHAW 

Verankerung von Chancengleichheit an Hochschulen durch Aktionspläne

Die Förderung der Chancengleichheit wurde seit dem Jahr 2000 bis 2016 mit finanziellen Mitteln vom Bundesamt für Berufsbildung und Technologie (BBT) und später vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) aktiv unterstützt. Die Vorgaben hierfür basieren auf der Fachhochschulgesetzgebung. Von Beginn an wurde besonders kritisch die unausgewogene Verteilung der Geschlechter an Hochschulen begutachtet. Der Anteil von Frauen reichte beispielsweise im Jahr 2010 je nach Fachbereich von 7,3 Prozent in den Fachbereichen Technik und IT bis hin zu 86,2 Prozent in der Sozialen Arbeit und den Gesundheitsberufen (BFS 2010, Durchschnitt aller sieben FH ohne PH). Diese ausgeprägte Segregation zeigte sich nicht nur auf Stufe der Studierenden, sondern ist auch beim Fachhochschulpersonal über sämtliche Funktionen bis heute festzustellen.

Seit 2017 liegt die Leitung des für weitere vier Jahre laufenden Programms Chancengleichheit und Hochschulentwicklung im Rahmen der projektgebundenen Beiträge bei Swissuniversities. Das Programm verfolgt weiterhin das Ziel ausgewogener Geschlechterverhältnisse und befasst sich darüber hinaus mit weiteren Dimensionen von Diversität an Hochschulen. Es unterstützt die Verankerung von Chancengleichheit durch das bewährte Instrument «Aktionsplan» und ermöglicht hochschul- und hochschultypübergreifende Kooperationsprojekte mit sogenanntem «Leuchtturmcharakter». Auch die ZHAW hat im Rahmen der projektgebundenen Beiträge einen Aktionsplan erstellt und wird sich in den kommenden vier Jahren den nachfolgenden Handlungsfeldern widmen respektive plant die dafür ausgearbeiteten Wirkungsziele umzusetzen:

Chancengleichheit in der Nachwuchsförderung und in Laufbahnen
Die ZHAW engagiert sich für diversitygerechte Rekrutierungsverfahren. Sie sensibilisiert und schult Führungskräfte dahingehend, dass Chancenungleichheit bereits in Bewerbungsprozessen vermieden wird. Auch in den Arbeitsstrukturen werden Chancengleichheitsaspekte berücksichtigt, unter anderem bei der Möglichkeit zur Gestaltung flexibler Arbeitsverhältnisse wie auch bei der Optimierung von Angeboten zur Vereinbarkeit von Studium und Beruf mit Familien- und Careverpflichtungen. Um Diskriminierungen bei der Entlöhnung zu vermeiden, praktiziert die ZHAW Lohngleichstellung und kommuniziert Lohntransparenz. Für die Planung einer Hochschullaufbahn oder einer akademischen Karriere bietet die ZHAW Studierenden und Mitarbeitenden in der frühen Berufsphase unterstützende Massnahmen im Rahmen von Mentoring-Programmen an. Das neu konzipierte Projekt «Mentoring Pro Diversity» richtet sich darüber hinaus nicht nur an den wissenschaftlichen Nachwuchs, sondern hilft auch jenen Mitarbeitenden, welche eine Doppelbelastung zu vereinbaren haben und fördert die Selbstkompetenz älterer Mitarbeitender zum Schutz vor beruflicher Diskriminierung im Alter.

Man sieht einen Wegweiser auf dem das Wort Diversity steht

Diversitygerechte Rekrutierungsverfahren und viele weitere Massnahmen führen zu mehr Chancengleichheit

Chancengleichheit in der Berufs- und Studienwahl sowie Abbau von Berufsstereotypien
Besonders jene Departemente, in denen die Verteilung der Studierenden unausgewogene Geschlechterverhältnisse aufweisen, sind sensibilisiert für mehr Diversity in der Studien- und Berufswahl. Sie verfolgen eine diversitygerechte Kommunikationsstrategie und arbeiten darauf hin, Bedürfnisse untervertretener Gruppen stärker in die Curricula zu integrieren. Im Rahmen einer interdisziplinären Ringvorlesung zu «Unconscious Bias» sollen unbewusste Vorurteile und ihre Überwindung thematisiert werden. Um Chancengleichheit zu ermöglichen, ist der Einbezug von Betroffenen unabdingbar. Entsprechend ist die Bildung eines Studierendenbeirats ‘Diversity’ in Planung. Auch werden weiterhin Peer-to-Peer-Veranstaltungen von Menschen mit Behinderungen durchgeführt, sowie neu ein Peer-to-Peer-Treffen von Hochschulangehörigen aus dem LGBT- Personenkreis initiiert, um etwaiger Stigmatisierung entgegenzuwirken.

Kompetenzerweiterung Chancengleichheit und Diversität an Hochschulen
Die ZHAW engagiert sich weiterhin stark für den Ausbau einer hindernisfreien Hochschule und für die Partizipation von Menschen mit Behinderungen im Bildungsbereich auch auf nationaler Ebene. Sie plant eine Erhebung zur Lebenssituation ihrer Studierenden mit Behinderungen, engagiert sich gleichbleibend stark in der Beratung und im Coaching von betroffenen Studierenden und erweitert kontinuierlich das Angebot für eine hindernisfreie Didaktik. Auf nationaler Ebene ist ein Kooperationsprojekt mit anderen Hochschulen anvisiert, welches die Professionalisierung des Netzwerks «Studium und Behinderung Schweiz» zum Ziel hat.

Geschrieben von: Dr. Annette Kahlen, 
Leiterin Stabsstelle Diversity ZHAW

P.S.: Weitere Informationen erhalten Sie bei der Autorin dieses Beitrags unter: annette.kahlen@zhaw.ch

Ein Gemisch aus Farben und Klängen

Winterthur‒Addis Abeba: Generalsekretär Matthias Elmer hat in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba die nationale Agentur für Hochschulakkreditierungen evaluiert.

Eindrücklich war für mich diese ungeheure Lebendigkeit in den Strassen von Addis Abeba. Die Menschen sind sehr farbenfroh gekleidet, und von jedem Stand an den Strassenmärkten wird man aus tragbaren CD-Spielern mit westlicher Musik beschallt – in der Summe ein wildes Gemisch an Klängen. Autos vorab chinesischer Hersteller und Busse teilen sich die Strassen mit Lasteseln, die an speziellen Stationen beladen werden, und manchmal auch mit Schafherden. Und morgens vor sieben Uhr, wenn die Luftverschmutzung noch nicht so hoch ist, trainieren die äthiopischen Marathonläufer.

Anfang September 2016 war ich während zweier Wochen für die deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Äthiopiens Hauptstadt. Die Gesellschaft unterstützt das Bildungsministerium bei Planung und Aufbau von Hochschulen und Universitäten. Ich habe zusammen mit Gutachtern aus den Niederlanden und aus Grossbritannien die äthiopische Agentur für Hochschulakkreditierungen evaluiert. Vor dieser Reise war ich schon mehrmals in Deutschland als Gutachter tätig. Das gibt mir auch wichtige Impulse für meine Aufgaben an der ZHAW.

Matthias Elmer vor dem Lokal Chez Lucy, inspiriert vom Urmenschen Lucy

Meine äthiopischen Kontaktpersonen waren sehr bemüht und sehr stolz auf das, was sie im Bildungswesen erreicht haben. Der Staat investiert viel in die Entwicklung der Bildung. Doch es mangelt an grundlegenden Dingen: Es gibt auf allen Stufen viel zu wenig Lehrkräfte, und Internetverbindungen an den Hochschulen funktionieren mehr oder weniger nach dem Zufallsprinzip, so scheint es. Selbst fliessendes Wasser in den Toiletten ist nur selten vorhanden. Die Hälfte der 90 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner sind Analphabeten, und nur rund 750 000 studieren.

Die meisten Menschen leben in bescheidenen Verhältnissen; doch ich habe nie jemanden klagen gehört. Und jeder hat immer irgendeine Idee bereit, wie noch etwas Geld dazuverdient werden könnte: beispielsweise indem man für die Autofahrer Parklücken organisiert. Als ich wieder in der Schweiz war, habe ich bei mir gedacht: Eigentlich haben wir hier gar keine Probleme, wir machen uns nur oft selbst welche.

 Aufgezeichnet von: Sibylle Veigl, freie Journalistin

Dieser Beitrag stammt aus dem Hochschulmagazin ZHAW-Impact 36 /2017.

Gender Studies Förderpreis – ein Rückblick

In feierlichem Rahmen wurden die zwei Gewinnerinnen, Larissa Holaschke und Eva Vitija, geehrt. Nach sechs erfolgreichen Durchführungen schwang dieses Mal auch etwas Schwermut mit, denn der Wettbewerb wurde zum vorerst letzten Mal ausgeschrieben. Vergeben wurde der Preis in einer entspannten Runde, begleitet von angeregten Gesprächen und einem feinen Apéro. Die Juy-Mitglieder Marion Strunk und Thomas Weilenmann hielten die Laudationen für die zwei Gewinnerinnen.

Larissa Holaschke, ZHdK, wurde für ihre Arbeit «Lipstick Tehran. Subversive Zeichen im Reich der Mullahs» geehrt. Ergebnis der Arbeit ist ein wunderschön gestaltetes Buch, welches sowohl inhaltlich als auch ästhetisch zu überzeugen vermag. Das Buch soll publiziert werden. Eva Vitija, ebenfalls ZHdK, wurde für ihren Kinodokumentarfilm «Das Leben drehen» prämiert. Der Film hat bereits mehrere Preise gewonnen und befasst sich auf eindrückliche Weise mit Familienbildern und Tochter-Vater-Beziehungen. Der Film kann erworben werden und wurde bereits in einigen Kinos gezeigt.

Warum sich das Glück nicht festhalten lässt

Ein eindrückliches Portrait einer Tochter-Vater-Beziehung

Der Wettbewerb – 10 Jahre Förderung von Gender Studies
Zum ersten Mal ausgeschrieben wurde der Förderpreis 2006. Als Projekt der Arbeitsgruppe Diversity ZFH wurde er von ihr und dem Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) gestiftet. Der Förderpreis diente der Förderung der Geschlechterforschung an der Zürcher Fachhochschule und ehrte herausragende studentische Arbeiten. Die Arbeiten konnten dabei eine theoretisch-wissenschaftliche, künstlerische, anwendungsorientierte oder praktische Ausrichtung haben.

Der Wettbewerb fand Anklang: Im Rahmen der sechs Ausschreibungen wurden insgesamt 200 Arbeiten eingereicht. Daraus gingen sieben Gewinner_innen des Förderpreises und vier Gewinner_innen des Anerkennungspreises hervor. Vertreten waren erfreulicherweise jeweils Studentinnen und Studenten aller Teilhochschulen der ZFH. Eine Jury, bestehend aus internen und externen Fachpersonen in Cultural und Gender Studies, befand über die eingereichten Arbeiten.

Quo vadis Gender Studies

In den vergangenen Jahren haben das SBFI und die ZFH den Wettbewerb im Rahmen des Bundesprogramms für Chancengleichheit an Fachhochschulen finanziert. Im Moment steht noch offen, ob der Wettbewerb auch im Rahmen der nächsten Programmperiode 2017 bis 2020 ausgeschrieben werden kann. Für alle Beteiligten steht jedoch fest: Gender Studies leisten einen wichtigen Beitrag zum Verständnis von gesellschaftlichen Machtbeziehungen und fördern das kritische Denken der Studentinnen und Studenten. Es muss im Interesse der ZFH liegen, Gender Studies in ihren Studiengängen zu implementieren.

 Geschrieben von Sheila Karvounakis, Departement Soziale Arbeit ZHAW 

Europa – was fangen wir damit an?

Wer zum Vortrag von Adolf Muschg möchte, muss über eine Kunstinstallation steigen. Vor dem Hörsaal liegt eine aus Gips nachgebildete Landkarte Europas. Auf den Ländern stapeln sich leere Schubladen, die aus einer Apotheke stammen. Sie tragen die Aufschrift „Salbe“. Das passt gut, denn heute Abend geht es um einen kranken Patienten. Der Patient heisst Europa.

Eigentlich trete ich nicht gerne auf Europa, denn dieses Konstrukt liegt mir am Herzen. So gehe ich behutsam über den Gips und hoffe, dass die vielen Länder, die mir lieb sind, keinen Schaden nehmen. Ich bin gekommen, da sich mir in letzter Zeit immer mehr Fragen stellen und ich mir Sorgen mache. Ich habe einen deutschen Vater. Meine Mutter war Griechin und mein Mann ist Franzose. Ich bin auf Zypern geboren, in Deutschland in den Kindergarten, in Frankreich zur Primarschule und in Griechenland aufs Gymnasium gegangen. Ich lebe seit zehn Jahren in der Schweiz, einem Land, das viele verschiedene Kulturen in sich trägt. Eigentlich ein „kleines Europa“, das so manches Mal besser funktioniert als das Grosse.

Gegen Schubladendenken: Die Künstlerinnen (v.l.n.r.) Katrin Odermatt, Daniella Tuzzi und Karin Mairitsch.

Streifzug durch die Geschichte
Auf die vielen Fragen liefert der Schriftsteller und Germanist Adolf Muschg zahlreiche und tiefgründige Antworten. In einem historischen Streifzug führt er uns zurück zu den Anfängen Europas. Der Redner lässt gekonnt und mit unglaublichem Tempo die verschiedenen Epochen vom antiken Griechenland mit dem Raub der phönizischen Königstochter Europa und ihrer Entführung nach Kreta über die Zeit der Aufklärung bis heute vor unserem inneren Auge auferstehen. Wie ein gewiefter Kulissenschieber zieht er die einzelnen Szenenbilder der prägnantesten Zeitalter hervor, um mit ein paar schnellen Pinselstrichen die wichtigsten Charakteristika hervorzuheben und dessen Bedeutung auf uns einwirken zu lassen. Wir sollen uns auf das besinnen, was uns eint. Es geht so schnell, dass dieser Beitrag keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann. Doch zumindest einen Versuch will ich wagen, um das Wesentliche herauszuschälen.

Am besten lässt sich der Abend in drei Themenblöcke zusammenfassen: unsere gemeinsame kulturgeschichtliche Entwicklung in Europa und die daraus gewachsenen Werte, der Umgang mit Fremden und ein Lösungsansatz für jeden Einzelnen in unserem Alltag.

Besinnung auf unsere gemeinsamen Werte
Jede Gesellschaft brauche dreierlei, um zu funktionieren, sagt Muschg und bezieht sich dabei auf Jacob Burckhardt. Das sind eine gute Ordnung (Staat), ein guter Sinn (Religion) und die Freiheit (Kultur). Das seien die drei wesentlichen Potenzen, die im Gleichgewicht bleiben müssen, um Auswüchse zu vermeiden. Adolf Muschg stellt ein Ungleichgewicht fest. Aus seiner Sicht hat sich der heutige Markt, der aus der Freiheit erwachsen ist, fast zu einer totalitären Macht entwickelt. Alle Menschen müssten sich verkaufen und seien der Macht des Marktes unterworfen: „Wenn der Markt überall ist, dann hat das, was sich nicht verkaufen kann, eine geringe Chance“. Unter die Räder kommt dabei die Menschlichkeit.

Deshalb empfiehlt er den Zuhörerinnen und Zuhörern sich auf das Konzept des Individuums aus der Zeit der Aufklärung zu besinnen. Dieses Konzept beinhalte: „die Fähigkeit den anderen zu sehen“. Die Individualität sei die Schlüsselsubstanz jeder Kultur, die diesen Namen verdiene. Ihre geniale Eigenschaft sei die produktive Vereinigung von Widersprüchen. Er meint damit, dass die Individualität uns helfe als Menschen Ambivalenzen, Widersprüche und vieles mehr auszuhalten und uns trotzdem zivilisiert zu verhalten. Deshalb kann er nicht verstehen, warum wir uns heute immer mehr der Macht der Zahlen (Big Data) unterwerfen, die das Einzelne aufheben. Mit der digitalen Re-Konstruktion des Gehirns habe die Menschheit seiner Meinung nach bereits den Weg zur Barbarei beschritten.

Der Umgang mit Fremden
Auch für den Umgang mit Fremden greift der Historiker auf dieses Konzept zurück. Wir könnten nur das Einzelne wertschätzen somit auch den Fremden nur als einzelnes Individuum. Denn der Mensch könne nur wenigen Menschen gegenüber reale Nähe empfinden. Man habe herausgefunden, dass jeder Einzelne zu maximal 138 anderen Menschen reale Nähe empfinden könne. Das erkläre, warum wir nur wirklich an denen Anteil nehmen, die zu dieser kleinen Gruppe gehören würden. Deshalb sei die Arbeit an der eigenen Individualität umso wichtiger. Bei seinem Streifzug durch die Geschichte geht er darauf ein, wie man zu verschiedenen Zeiten mit den Fremden umgegangen ist und dass hochentwickelte Kulturen in der Vergangenheit immer Platz für das „Fremde“ hatten. Denn man habe schon damals im Fremden die Spiegelung des eigenen Selbst zu sehen gewusst.

Als Hilfsmittel für die Überwindung schwieriger Zeiten gibt uns Muschg noch den Humor mit auf den Weg. Er sei der Kern der Humanität. Es sei wichtig, dass wir über unsere Werte noch lachen könnten, denn das schärfe unser Bewusstsein für die Relativität. Der Andere brauche unsere Werte nicht zu teilen und wir müssten trotzdem in der Lage sein, ihn gelten zu lassen. Er erinnert an das Zitat von Lessing: „Liebet einander und wenn es durchaus nicht geht, dann lasst euch mindestens gelten“.

Ein grosser Dank für diesen wunderbaren Abend geht natürlich an den Redner, aber auch an Elena Wilhelm und das Team der Hochschulentwicklung der ZHAW, die ihn konzipierten und ermöglichten. Es war die Auftaktveranstaltung zum Ringseminar ZHAW europäisch: Europa verstehen – Europa mitgestalten.

 Geschrieben von: Leonie Renouil, Stabsstelle Diversity ZHAW 

Peer-to-Peer an der ZHAW – Studierende und Mitarbeitende mit Behinderungen bilden eine Stimme

Es beginnt bereits einzudunkeln, als die Eintreffenden etwas schüchtern sich vergewissern, ob dies das Kartenzimmer im Technikum-Gebäude sei und ob sie hier richtig wären beim Peer-to-Peer Treffen (im Folgenden P2P genannt). Ein langer Tisch steht bereit, Gläser und ein Buffet mit Apéro-Häppchen. Einige Stühle an der einen Längsseite des Tisches fehlen, noch ist unklar, ob auch Hochschulangehörige im Rollstuhl anrollen werden. Vorsichtig stellen sich die Angekommenen gegenseitig vor, die ersten Gespräche setzen ein. Es sollte ein lebendiger, diskussionsfreudiger Abend werden mit zahlreichen authentischen, kritischen und solidarischen Wortmeldungen.
Ein Abend, der gleichbedeutend war mit dem bereits zweiten Netzwerktreffen von Studierenden und Mitarbeitenden mit Behinderungen an der ZHAW. Diese Netzwerktreffen, die sich dem sogenannten Peer-to-Peer-Ansatz verpflichten, finden ein- bis zweimal jährlich statt und werden von der Stabsstelle Diversity des Rektorats der ZHAW organisiert. Sie bieten allen Hochschulangehörigen mit einer Behinderung eine Plattform, um sich gemeinsam zu behinderungs- und gleichstellungsrelevanten Themen auszutauschen und sich sowohl beruflich als auch privat kennenzulernen und zu vernetzen.

Was ist Peer-to-Peer?
Peer-to-Peer, auch Peer-Beratung genannt, leitet sich vom englischen Begriff peer im Sinne von „Gleichgestellter“ oder „Ebenbürtiger“ ab und bezeichnet die Kommunikation unter Gleichen. Gemeint ist damit eine emanzipatorische Kommunikationsform, welche die gegenseitige Beratung von Personen gleichen Interesses oder gleicher Erfahrungen ermöglicht. So zum Beispiel bei Menschen mit Behinderungen, älteren Personengruppen oder bei Angehörigen von LGBT (Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender). Alle P2P-Gruppen eint die Überzeugung, dass ihre Mitglieder Expertinnen und Experten in eigener Sache sind und die bestmögliche Beratung und Unterstützung deshalb immer nur von jemandem stammen kann, der die gleichen Erfahrungen und Lebensvoraussetzungen teilt.

Die Einrichtung von P2P-Angeboten, die eine Beratung für Menschen mit Behinderungen auf Augenhöhe ermöglichen, wird von der UN-Behindertenrechtskonvention, die 2014 von der Schweiz ratifiziert wurde, explizit verlangt. In Artikel 26 wird „peer support“ als geeignete Massnahme definiert, um „…umfassende körperliche, geistige, soziale und berufliche Fähigkeiten…zu erreichen und zu bewahren“ (Vgl. UN-BRK, Art.26).

Weshalb fördert die ZHAW P2P?
Gemäss Leitbild und Hochschulstrategie setzt sich die ZHAW für Chancengleichheit und eine Politik der sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Nachhaltigkeit (Vgl. Qualitätsstrategie ZHAW, S.11-14) ein. Geeignete Massnahmen und Rahmenbedingungen ermöglichen es unseren Mitarbeitenden und Studierenden, ihre Fähigkeiten, Potenziale und persönlichen Bedürfnisse im Hochschulalltag frei zu entwickeln und einzubringen. Die Schaffung von P2P-Angeboten trägt zum Erreichen dieser Zielsetzungen bei, indem die bestmögliche, gegenseitige Beratung von Hochschulangehörigen gefördert, ihre Selbstbestimmung gestärkt und die Entwicklung von umfassenden beruflichen Fähigkeiten ermöglicht wird.

Eine geeinte Stimme bilden
Seitens der Hochschulangehörigen wurden sowohl beim ersten wie beim zweiten P2P-Abend übereinstimmend die folgenden Ziele benannt und diskutiert: Trotz breiter Zufriedenheit mit den Unterstützungsangeboten der ZHAW, bekräftigten die meisten Anwesenden, dass sie zur nachhaltigen Verbesserung der Situation aller Hochschulangehörigen an der ZHAW beitragen wollen. Zudem wurde mehrfach der Wunsch geäussert, eine geeinte Stimme zu bilden, um hochschulintern die Bedürfnisse der Studierenden und Mitarbeitenden mit Behinderungen in die Weiterentwicklung unserer Hochschule einbringen zu können. Dieses Engagement der P2P-Teilnehmenden fördert eine Entwicklung der ZHAW, durch welche nachhaltige Strukturen der Chancengleichheit geschaffen werden. Aus diesem Grund sind regelmässigen Treffen sowohl für die Hochschule als auch für die Peers von grossem Wert.

Ein Abend des Engagements und der Begegnungen
Der Abend begann nach einigen informellen Gesprächen mit einem offiziellen Diskussionsthema: Jenem der baulichen Hindernisfreiheit der ZHAW-Gebäude. Nach der Vorstellung der Resultate einer von der Stabsstelle Diversity durchgeführten Erhebung setzte ein lebhafte Diskussion ein, was diese Resultate für die Hochschulangehören bedeuten, was gut sei und was verbessert werden könnte. Mehrmals meldeten sich Teilnehmende mit Tipps und Hinweisen, wie sie dieses oder jenes Hindernis umschifft hatten und was allenfalls eine geeignete Strategie sein könnte. Für einige der benannten Hindernisse konnte die Stabsstelle eine Lösung anbieten. Andere Hindernisse wurden der Stabsstelle erst aufgezeigt und erklärt, welche dieser trotz breiter Erhebungsanalyse bis dahin verborgen geblieben waren. Es war ein gegenseitiger, lehrreicher Austausch, der mit viel Engagement gepflegt wurde.

Spätestens nach den offiziellen Diskussionsthemen war jede Schüchternheit abgelegt. Man diskutierte offen über die eigene Beeinträchtigung und wie diese zuweilen im Studien- und Berufsalltag zu Behinderungen werden. Längst war man beim Buffet und bei Ideen zur weiteren Verbesserung der Hochschulsituation jenseits der baulichen Fragen angelangt – zwei dieser mitunter tollen und kreativen Ideen hat die Stabsstelle mittlerweile aufgegriffen und in konkrete Projektideen umgewandelt.

Es war ein Abend mit Begegnungen auf Augenhöhe. Das gegenseitige Verständnis im Wissen um gemeinsame Erfahrungen von Behinderungen im Alltag und von zahlreichen ideen- wie humorreichen Lösungsstrategien schuf eine Atmosphäre, welche anregende Gespräche und solidarische Begegnungen ermöglichte. Einer der Teilnehmenden zeigte sich trotz aller konstruktiven und nötigen Kritik erstaunt darüber, wieviel die ZHAW hinter den Kulissen bereits für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen unternehme und stellte fest, dass es ihn stolz mache, an dieser Hochschule zu studieren. Dieses Gefühl würde er gerne an andere Studierende weitergeben und bot seine Dienste im Sinne des P2P bei zukünftigen Projekten an. Beschwingt beschlossen wir den Abend und das Kartenzimmer entliess uns in die mittlerweile kühl gewordene Herbstnacht.

Geschrieben von: Brian McGowan, Stabsstelle Diversity ZHAW

PS: Wer am nächsten P2P-Treffen teilnehmen oder Kritik und Anregungen einbringen möchte – meldet sich bitte unter brian.mcgowan@zhaw.ch