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Nach ihrem Abschluss war Juliana Wessner nicht sogleich klar, dass Unterrichten etwas für sie sein könnte. Heute ist sie sich sicher: Lehrerin für Deutsch als Zweitsprache ist es. Lesen Sie hier, wie es dazu kam und warum die sympathische St. Gallerin deshalb permanent um die Welt reist.

Die Jobsuche musste bei ihr etwas reifen: Nach einer wenig ergiebigen, aber intensiven 3-monatigen Bewerbungsphase kam der Sinneswandel. „Es musste wohl so sein“, sagt Juliana, Absolventin in Mehrsprachiger Kommunikation. „Ich habe mich am Anfang vor allem auf Bürostellen beworben, weil ich eine kaufmännische Grundausbildung habe. Ich glaubte, in diesem Bereich am schnellsten etwas zu finden.“ Es folgte eine Absage nach der anderen. Hartnäckig verschickte sie weiter Bewerbung um Bewerbung. Bis sie innehielt und sich ganz aufrichtig fragte: „Will ich wirklich zurück ins Büro?“ Da dämmerte es ihr: Nein, zurück ins Büro wollte sie nicht. So gar nicht! Sie sondierte nochmals neu, ging alle Möglichkeiten durch, öffnete sich auch für das vermeintlich Unwahrscheinliche. Und plötzlich ging alles ganz schnell: Heute arbeitet die 27-Jährige als Lehrerin für Deutsch als Zweitsprache bei der Sprachschule Bénédict. Und hat damit gefunden, was sie gesucht hat.

Zwei Klassen werden von ihr betreut. Es handelt sich dabei um sogenannte Intensivkurse: Die Schülerinnen kommen entweder für den Morgen oder den Nachmittag. Je eine zusätzliche Konversationsstunde pro Woche steht auf dem Stundenplan. „Die SchülerInnen lernen wahnsinnig viel in soooo wenig Zeit“, berichtet Juliana. 32 Lektionen pro Woche unterrichtet sie. Ziemlich viel, mag man denken. Juliana bestätigt lachend: „Ich wusste nicht, worauf ich mich da einlasse.“ Aber es gefällt ihr. Und offenbar sind ihre Kapazitäten noch nicht ausgeschöpft: Nebenbei absolvierte sie das Certificate of Advanced Studies (CAS) als Lehrerin für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache am Departement Angewandte Linguistik der ZHAW.

Ihr Studium schloss sie 2012 ab. Als Grundsprache belegte sie Deutsch. Englisch, Französisch und Italienisch waren ihre Fremdsprachen. „Jede Sprache, die ihr könnt, ist ein Mehrwert“, erzählt Juliana. Kenntnisse der Struktur einer Sprache würden zum Beispiel helfen zu verstehen, warum etwas gerade nicht verstanden wird. „Interkulturelle Kompetenz ist essentiell“, sagt Juliana. Unglaublich flexibel müsse man sein und natürlich ganz viel Geduld haben.

Die Lernenden findet sie das Spannendste: „Es ist phantastisch! Ich bin permanent auf Weltreise, habe ich das Gefühl. Die SchülerInnen kommen von überall her, und ich meine von überall: Chile, Venezuela, Kolumbien, USA, dem Kongo, Senegal, Ägypten, China, Russland, Thailand. Es ist verrückt!“ Wenn Juliana von ihren SchülerInnen zu sprechen beginnt, wird ihre Begeisterung noch stärker spürbar. „Die Leute kommen alle mit einer Geschichte“, fährt sie fort. „Die meisten sind verheiratet – freiwillig oder unfreiwillig. Zum Teil haben sie einen komplett bildungsfernen Hintergrund oder bringen ganz andere Erfahrungen mit Unterricht mit.“ Es gebe auch traurige Geschichten. Leute seien traumatisiert, kämen aus Kriegsgebieten. Einige müssten zurück ins Heimatland. „Das darf man schon nicht vergessen. Auch wenn wir viel lachen und Spass zusammen haben, geht es für die Teilnehmenden um ihre Existenz, ihre Zukunft.“ Daher arbeiteten einige auch sehr verbissen und wollten um jeden Preis ganz schnell Deutsch lernen, fügt Juliana an.

„War Ihnen schon immer bewusst, dass Sie ganz nah am Menschen arbeiten wollen?“ fragt eine Stimme aus dem Publikum. Juliana zögert. Vielleicht sei sie bei den ersten Vorstellungsgesprächen nicht überzeugend gewesen, weil sie eigentlich in sich wusste, dass sie gar nicht am Computer sitzen wollte. Erst mit der Zeit habe sie dann „den Fächer geöffnet.“

Juliana ist eine von fünf AbsolventInnen, die im März 2014 in der Workshopreihe „Wege ins Berufsleben“ von Erfahrungen aus ihrem Berufsalltag berichteten. Die Reihe hat zum Ziel, Unterstützung beim Übergang in die Arbeitswelt zu bieten. Sie richtet sich an die Studierenden im zweiten und dritten Studienjahr und bietet unter anderem Einblick in die vielfältigen Berufsmöglichkeiten, die der Bachelor Angewandte Sprachen eröffnet. Herzlichen Dank, Juliana, für den spannenden Bericht!