«Blinde müssen doch keine Filme sehen, die können Radio hören.» Diesen Spruch hört man immer wieder, wenn man mit Audiodeskription zu tun hat. Auf Audiodeskription zu verzichten, würde aber bedeuten, Blinde und Sehbehinderte aus einem grossen Bereich des gesellschaftlichen Lebens auszuschliessen. Ein weiteres Vorurteil ist, dass es gar nichts bringe, einen Film zu hören, ohne die Bilder zu sehen. Sehende können sich oft gar nicht vorstellen, wozu es eine Beschreibung eines Filmes braucht, und den wenigsten ist bewusst, was Audiodeskription überhaupt ist.

Genau das thematisierte Martin Kappus am Alumni-Anlass des IUED am 20. September 2018. Er ist Dozent für Sprachtechnologie und Barrierefreie Kommunikation am IUED Institut für Übersetzen und Dolmetschen der ZHAW. In einem spannenden Vortrag erläuterte er, was eine Audiodeskription ist, was es bei ihrer Erstellung zu beachten gilt und was die Forschung zu diesem relativ jungen Bereich meint.

Bei der Audiodeskription wird zum Originalton eines Filmes eine weitere Tonspur besprochen. Darauf gibt es während Dialogpausen wichtige Informationen zur gerade gezeigten Szene oder zu Personen. Auch Ortswechsel spielen in Filmen eine grosse Rolle und sollten angegeben werden. Leider kann nicht jede Information, die über den visuellen Kanal geht, auch mündlich wiedergegeben werden. Dazu reicht schlicht und einfach die zur Verfügung stehende Zeit nicht aus. In dieser Situation spricht man vom Audiodeskriptionsdilemma.

Martin Kappus zeigt dazu ein Beispiel aus dem «Tatort». Den Versuch können Sie jedoch auch selbst durchführen: Hören Sie sich eine aktuelle Folge des Tatorts mit geschlossenen Augen an. Was fällt Ihnen auf? Genau, Sie wissen nicht, wo sich die Szene abspielt, und vieles ist nicht verständlich. Jetzt hören Sie sich den Film mit Audiodeskription an (eine aktuelle Folge des Tatorts mit Audiodeskription gibt es auf der Webseite von SRF): Sie können leichter folgen und stellen sich die Protagonisten differenzierter vor. Genau so geht es blinden und sehbehinderten Menschen. Sie können den Film mit dem gleichen Erlebnis schauen wie sehende Personen. Mit Hilfe einer Audiodeskription wird dies möglich.

Dass eine gute Beschreibung von Geschehnissen, Personen oder Örtlichkeiten in einem Film entsteht, ist eine Frage des Handwerks. Worauf bei der Erstellung einer Audiodeskription zu achten ist, lernen die Studierenden im Fach «Barrierefreie Kommunikation». So muss bestimmt werden, welche Informationen wichtig sind und an welchen Stellen im Film man diese wiedergibt – und die Worte müssen klug gewählt werden. Aber: Wie beschreibt man richtig – eher interpretierend oder rein sachlich? In der Branche spricht man von deskriptiver und interpretativer Audiodeskription. Was richtig oder falsch ist, darüber gehen die Meinungen auseinander: Ein Film, der rein deskriptiv beschrieben wird, kann träge wirken und die ZuschauerInnen ermüden. Eine rein interpretative Beschreibung hingegen kann die Gefahr bergen, dass Informationen im Film vorweggenommen werden und dass sich das Filmerlebnis verändert. Die Spannung eines Krimis beispielsweise wäre dahin, wenn wir in den ersten fünf Minuten wüssten, wer der Mörder ist. Es gilt also, ein gutes Mittelmass zu finden.

Natürlich werden nicht nur Spielfilme mittels Audiodeskription für Sehbehinderte zugänglich gemacht, sondern auch Dokumentarfilme, Sportbeiträge oder etwa die Tagesschau. Jedes Genre stellt dabei eigene Ansprüche an die Audiodeskription. Diese mussten am Alumni-Anlass aber ausgespart werden, schliesslich wartet nach der Denkarbeit ein Apéro mit Zeit zum Austauschen und Vernetzen auf die Alumni und Alumnae des Bachelor Angewandte Sprachen.

Das IUED lädt Absolventinnen und Absolventen des Bachelor Angewandte Sprachen in Kooperation mit den ALUMNI ZHAW Sprachen und Kommunikation regelmässig zu spannenden Themen ein.