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Tag der offenen Tür am IUED Institut für Übersetzen und Dolmetschen – Eva Seiterle berichtet von ihren Eindrücken

Bereits vom Zug aus sehe ich die Ballone in weiss und blau. Día abierto – open day. Eine freundliche Auskunftsperson streckt mir am Eingang ein Programm entgegen. „Nein danke, hab schon eines“, lächle ich zurück. Ich bin ein bisschen spät dran, die Begrüssung hat schon begonnen. Ich renne einen Stock die Treppe hoch, schliesslich möchte ich nicht schon am Tag der offenen Tür einen schlechten Eindruck hinterlassen. Was ich von der Begrüssung mitnehme: In einem Sprachenstudium geht es nicht ausschliesslich um Sprachen, sondern diese sind immer in eine bestimmte Kultur eingebunden. Deswegen tragen chinesische Frauen bei ihrer Hochzeit auch nicht weiss, denn weiss gilt in China, anders als in europäischen Kulturen, als Farbe der Unberechenbarkeit, des Verrats. Nach der informativen Begrüssungsrede geht es in die Lektionen. Ich kann mich bei der riesigen Auswahl fast nicht entscheiden. Es geht um Technikkommunikation, um Sprachkompetenz in verschiedenen Sprachen, um Multicultural Britain, Stéréotypes et autres préjugés und Emmentaler Switzerland. Was man fürs Dolmetschen so alles drauf haben muss, faszinierte mich schon immer. Also entscheide ich mich für die Stunde über Verhandlungsdolmetschen. Die Begrüssung in der Lektion erfolgt auf Englisch, und wird – selbstverständlich – konsekutiv ins Deutsche übertragen. Was uns dabei aufgefallen sei? „I have never seen somebody taking notes like that“, gebe ich spontan zur Antwort. Hinter der Notiznahme während des Gesprächs steht eine spezielle Technik, ein individuelles Kürzelsystem. Die Dozentin erklärt, dass das Wissensspektrum von Dolmetscherinnen und Dolmetschern sehr breitgefächert sein sollte, denn schliesslich gehen die Themen von Kultur, über Politik, über Sport bis hin zu Babywindeln – es gebe nichts, was es nicht gebe. Schallendes Gelächter erfüllt den Raum. Ja – die Sprache kann einem Welten öffnen, von denen man zuvor keine Ahnung hatte. Sprache ist der Zugang zu den Menschen, und, wie Nelson Mandela so schön gesagt hat: “If you talk to a man in a language he understands, that goes to his head. If you talk to him in his language, that goes to his heart.” Und wenn man die kulturellen Gewohnheiten und Sitten der Menschen dazu noch versteht, kann in der Kommunikation nicht mehr viel schief gehen. Im Studium wird das Kulturverständnis also hoch gewertet.

Dass mir der Magen nach den vielen Eindrücken am Morgen knurrt, ist sicher verständlich. „Willkommen am Tag der offenen Tür IUED“ steht da geschrieben in Buchstaben aus Brötchen (auf dem Bild die Brötchen-Studentin am Buffet). Gebäckhäppchen, Kuchen und Kaffee versüssen das angeregte Mittagsgespräch mit bereits Studierenden am IUED. Allzu viel Zeit bleibt mir nicht zum Schmausen, es gibt noch viel mehr zu entdecken. Was Absolventinnen des Bachelor Angewandte Sprachen berichten, interessiert mich natürlich besonders brennend. Ob man Marketing- und Kommunikationsleiter wird, die Rezeption in einem Hotel führt oder doch Übersetzerin werden möchte? Man scheint nach dem Studium perfekt in eine mehrsprachige Arbeitswelt zu passen. Ob ich denn auch gut genug vorbereitet bin bis zur Aufnahmeprüfung, erfahre ich beim Sprachtest. Eine Frage lautet z.B., ob man bei der Mehrzahl von “die Beamte” oder “die Beamten” redet. Zum Glück bleibt mir noch ein wenig Zeit, mich besser vorzubereiten, denn vor lauter Überlegen und Wort-vor-mich-her-Sagen kommen mir bald schon beide Varianten seltsam vor. Unterstützung bekomme ich von netten Studentinnen, die gern meine Fragen beantworten. Ich bin beruhigt, der Test scheint niemandem leicht zu fallen, das Ganze sei Übungssache. Krönender Abschluss des Tages: Ich darf im Workshop als Simultandolmetscherin selbst ran. Mir erscheint dieses Hand- oder besser „Mundwerk“ doch schon ein wenig wie Hexerei. Sieben Prozesse, die man beim Simultandolmetschen für nur ein einziges Wort durchmacht? Das Wort aufnehmen, es auf seinen Sinn überprüfen, die Absicht des Redners durchschauen… Hmmm, was war da alles noch? Ach ja, genau, übersetzen muss er es natürlich noch – logisch. Und dann aussprechen. Oder erfolgen diese beiden Prozesse gleichzeitig? Nicht nötig, mir all diese Fragen zu stellen. Kabine acht bereit? Ich gebe das Handzeichen: Daumen hoch – ich kann Sie hören! Noch einmal tief durchatmen, einen Schluck Wasser trinken. Und auf einmal sprudelt es nur so aus mir heraus: „Und die Prinzessin hob die goldene Kugel, die der Frosch aus dem Brunnen geholt hat, auf, und stiess einen Freudenschrei aus …“ Innerlich stosse ich auch einen solchen aus, denn ich weiss: Das ist mein Ziel. Hier möchte ich ankommen, ich möchte Dolmetscherin werden. Und der Weg zum Ziel ist definitiv die ZHAW.

Der Besuchstag hat mir Vieles aufgezeigt. Es war ein sehr interessanter Tag. Weder das Auskunftspersonal noch ich haben an diesem Tag gemerkt, dass ich gar keine zukünftige Studentin, sondern als Journalistin unterwegs bin. Ich bin so eingetaucht, dass ich mich gefühlt habe, als wäre die Zeit um zwei Jahre zurückgedreht worden. Damals schon war es mein Traum, hier an der ZHAW zu studieren. Jetzt weiss ich, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe und mit viel Willen und einem klaren Ziel vor Augen vieles, wenn nicht alles erreichen kann. Denn jetzt studiere ich im 3. Semester Angewandte Sprachen und bin meinem Ziel ein grosses Stück näher gekommen.