Bild einer Strasse in Crotone

Nicht nur Dolce Vita: In ihrem Beitrag erzählt Katja Burgherr, Studentin im Bachelor Angewandte Sprachen, von ihrem Praktikumssemester im süditalienischen Crotone.

Kalabrien: Eine Gegend wie aus dem Bilderbuch. Wunderschöne Strandpromenaden, Gelato, gutgelaunte, herzliche Menschen. Aber dann, wenn sich der kalabrische Sommer dem Ende zu neigt, dann, wenn die Sonne hinter den dicken Wolken verschwindet und die Touristen nach Hause zurückkehren, ja dann spürt man sie: die allgegenwärtige Hoffnungslosigkeit. Crotone ist nicht nur Dolce Vita, nicht nur Siesta und Pizza. Crotone ist vor allem eine Stadt ohne Zukunft, eine Stadt, in der die Jugendarbeitslosigkeit bei 70 % liegt und in der alle das gleiche Ziel haben: so schnell wie möglich zu verschwinden. Die Hoffnung von einem Leben weit weg von diesem Flecken Erde manifestiert sich nicht nur in den Graffitis an den alten Steinmauern, sondern vor allem in der grossen Nachfrage nach Deutschkursen. Die Leute hier lernen die Sprache nicht in erster Linie aus Interesse. Und tatsächlich, fragt man die Schüler nach ihren Beweggründen, wird sehr schnell klar, wo das Paradies verortet wird: Es heisst nicht Eden, sondern Deutschland.

Meine Arbeit für Amici del Tedesco war sehr abwechslungsreich. Neben privaten Deutschkursen, die ich schon sehr schnell selbstständig leiten durfte, begleitete ich den Chef in die staatliche Mittelschule, wo er als Deutschlehrer arbeitete, und ich übersetzte Dokumente. Die Art der zu übersetzenden Texte reichte von Leitbildern über Krankenhausberichte bis hin zu Pasta-Etiketten.

Der Verein Amici del Tedesco setzt sich nicht nur für die deutsche Sprache, sondern auch für die Zukunft der Stadt am ionischen Meer ein. So widmeten sich zum Beispiel Projekte dem Tourismus, der Arbeitsplätze schaffen soll, oder der Sensibilisierung der Bevölkerung für verschiedene Themen wie Abfalltrennung und Meeresverschmutzung. Mülltrennung existiert hier nämlich nicht, und der Strand gleicht im Winter, dann wenn keine Touristen da sind, einer Müllhalde.

Der Deutschunterricht war am Anfang eine echte Herausforderung. Die Stellung des Verbes im Satz zum Beispiel. Wo man pures Zufallsprinzip vermutet, gibt es in Tat und Wahrheit klare Regeln, deren man sich als Muttersprachler erst einmal bewusst werden muss. Und da ist noch die Sache mit dem deutschen „β“: Um die Schüler optimal auf die Goethe-Prüfung vorzubereiten, musste ich zuerst mal selber hinter die Bücher.

Die Welt dreht sich langsamer, hier im Süden. Es gibt noch viel zu tun. Aber dann, wenn die Sonne in die engen Gassen der verwinkelten Altstadt blinzelt, dann, wenn man neben den Säulen der griechischen Vergangenheit auf das unendliche Meer blickt und der milde Herbstwind die Palmen zerzaust, dann sieht man sie: die melancholische, verwegene Schönheit dieses Ortes. Plötzlich versteht man, warum die Leute trotz allem hier bleiben wollen.

Studierende der Vertiefungen Mehrsprachige und Multimodale Kommunikation im Bachelor Angewandte Sprachen haben die Möglichkeit, ihr fünftes Studiensemester als Praktikumssemester zu absolvieren. Unter der Rubrik Praktikum werden regelmässig Beiträge zu den absolvierten Pratika veröffentlicht.